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Marburg, Mittwoch, 5. Juli 1882
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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annonccn-Bureaux D Th- Dietrich u. Co. in Dassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a-M-; Haasenstein u. Vogler in Frankfurt a. M., Berlin, Leipzig. Köln rc.; Rudolf Moste in Berlin, Frank- furl a. St. rc.
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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte-, sowie d.Annoncen-Bureaux von G L. Daube u. C». in Frankfurt a. M.; Jügersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung daselbst; Invaliden'-ai kin Berlin; SB. Thiene- in Elberfeld- C- Schlotte in Bremen.
Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllustrirteS SouutagSblatt" durch die Expedition (# o ch'sche Buchdruckerei) bezogen 3*/t Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (excl- Bestellzebllhr.) — JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.
Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Pfg. berechnet.
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Zu dem mit dem 1. Juli begonnenen Abonnement auf daS HL Quartal der
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Illustriertes Gonntagsblatt nehmen alle Postanstalten (auf dem Lande auch die Postboten) Bestellungen entgegen.
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Die Expedition der Oberhess. Ztg.
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Die wirtschaftliche« Zustände in deu vereiuigteu Staaten.
Die Nordamerikaner scheinen sich sehr verrechnet zu haben. Mit allen Mitteln, welche ihnen zu Gebote stehen, haben sie die Auswanderung von Europa nach Nordamerika protegiert. Eisenbahn-, DampfschifffahrtS- und Landgesellschaften haben sich vereinigt und große Summen für Agitationen zur Förderung der Auswanderung in Europa aufgebracht. Ein Netz von Agenten ist über Europa auS- gebreitet und sucht bis in dem letzten Dorf Gimpel für Nordamerika zu fangen, indem den Leuten glänzende Bilder vorgefpiegelt werden. So ist denn die Einwanderung in die Bereinigten Staaten in einem Jahre bis auf die kolossale Höhe von 800 000 Menschen gestiegen, eine Höhe, wie sie noch niemals stattgefunden hat.
Aber die Folgen dieser übermäßigen Einwanderung in Nordamerika sind keineswegs günstige. Der bei weitem größte Teil der Einwanderer gehört dem Arbeiterstande an und bringt keine erheblichen Kapitalien mit, er kann daher auch nur zum kleinen Teile Ackerbau treiben, denn dazu gehört in Nordamerika mindestens ein Kapital von 5 bis 6000 Mark. Es bleibt diesen Einwanderern nichts weiter übrig, als auch in Nordamerika Arbeit in Fabriken oder auf dem Felde zu suchen. Da weit über die Hälfte, beinahe zwei Dritteile der Einwanderer erwachsene Männer sind, so bieten sich dort also in einem Jahre circa 600 000 Arbeiter mehr zur Arbeit an, als in dem voraufgegangenen Jahre. Die Folge davon ist ein ganz enormes Herab- gehcn der Löhne und ein Steigen aller Preise. ES kommt dazu, daß im vorigen Jahre nur eine mäßige Ernte war und infolge deffen der Export bedeutend zurückging. Die transatlantischen Schiffe haben nur so viel Getreide bekommen können, wie sie als Ballast gebrauchten, aber keine Fracht dafür erhallen.
Die Zufuhren von Provisionen und lebendem Vieh sind bedeutend zurückgegangen und die Preise für Nahrungsmittel, namentlich für Fleisch, beträchtlich erhöht. Ucber- haupt sind alle Artikel teurer geworden, so daß man mit einem Dollar bei weitem nicht so weit reicht, als vor einiger Zeit. Auch sind die Mieten bedeutend in die Höhe gegangen. Infolge dessen kann man sich nicht wundern, daß die arbeitenden Klassen klagen, daß sie nicht mehr mit den ohnedies herabgedrückten Löhnen auskommen können und sich eine große Unzufriedenheit derselben bemächtigt.
Diese Lage der arbeitenden Klassen wird durch den enormen Zuzug der immer noch stattfindenden Einwanderung noch verstärkt. Die Einwanderer, die, was den Lohn anbetrifft, nicht gerade verwöhnt find, acceptieren jeden Lohn und drücken daher die Lvhnpreise bedeutend. Schon jetzt kommen Klagen aus verschiedenen Gegenden der Vereinigten Staaten, daß viele Arbeiter keine Beschäftigung bekommen können und infolge dessen feiern müssen.
Auch stellt eS sich schon jetzt heraus, daß die Fabriken überproduziert haben und ihre Fabrikate schwer absetzen können. Die Folge davon ist, daß viele Fabriken den Stand ihrer Arbeiter einschränken, daß sie die Löhne zu verringern suchen und die Produktion lieber reduzieren, als neue Verpflichtungen eingehen, sodann aber zu der billigen Arbeitskraft der Einwanderer greifen und den alten Stamm entlassen.
Es ist begreiflich, daß diese Zustände bei den amerikanischen Arbeitern großen Mißmut erzeugen. Bereits haben sehr bedeutende Strikes stattgefunden. So haben namentlich sämtliche Eisen- und Kohlenarbeiter in Pittsburg die Arbeit niedergelegt, denen sich die im Ohio-Thal angeschlossen haben. Dort haben allein 40000 Arbeiter die Arbeit niedergelegt. Auch in Chicago, Cleveland und St. Louis drohen ähnliche Strikes. Die Vereiniaung der Amalgamated Association of Iron and Steel Workers behauptet Fonds zu besitzen, um die Strikenden drei Monate lang unterstützen zu können.
Dieser Gesellschaft gehören aber 700000 Arbeiter an. ES würde rin so kolossaler Strike große wirtschaftliche Gefahren nach sich ziehen und zahlreiche Bankerotte in seinem Gefolge haben; man befürchtet selbst Unruhen und Ausstände der Arbeiter, da diese die Einwanderer mit eifersüchtigen Augen betrachten und ihnen die Schuld für ihre gegenwärtige schlechte Lage in die Schuhe schieben.
Alle Geschäfte liegen darnieder, die Börsen sind beinahe ohne jedes Leben; alles fürchtet eine große Krisis. Dazu kommt, daß Europa in diesem Jahre eine vorzügliche Ernte zu erwarten hat, so daß der Bedarf an amerikanischem Getreide sich bedeutend herabmäßigen wird. Auch die geringeren Erträge der Eisenbahnen und ein Sinken aller
amerikanischen Fonds verschlimmert die Lage, so daß dir Aussichten in den Vereinigten Staaten sehr schlecht sind.
So schreibt das in auswärtigen Dingen gut unterrichtete „Kleine Journal" — mögen Auswanderungslustige diese Worte ernstlich in Erwägung ziehen, bevor sie sich einer höchst unsicheren Zukunft anvertrauen.
Deutsches Reich.
Berlin, 3. Juli. Der „Reichsanzeiger" publiziert Verfügungen des Kultusministers vom 29. Juni, wonach in Ausführung des Kirchengesetzes vom 31. Mai 1882 geistliche Lehranstaltskandtdaten von der vorgeschriebenen wissenschaftlichen Staatsprüfung befreit und statt dessen Zeugnisse von den Universitäts - Lehrern auszustellen sind. Diese Zeugnisse sind von dem Dekan der philosophischen Fakultät zu beglaubigen oder von letzterem auf gründ einer Bescheinigung von den Universitätslehrern selbst auSzu- fertigen, sodann dem zuständigen Oberpräsidenten (für Hohenzollern dem RegierungSprästventen) einzureichen. Zuständig ist der Oberprästdent der Provinz, worin der betreffende Kandidat seine Anstellung als Geistlicher wünscht, oder die zuletzt besuchte Universität oder daS entsprechende Seminar gelegen ist. Hinsichtlich der kirchlichen Seminare bleibt das Weitere der Regierung Vorbehalten. Besucher außerhalb Preußens gelegener deutscher Universitäten können den Nachweis auch durch andere urkundliche Beläge führen. — Der „Reichsanzeiger" publiziert die Verleihung des Noten Adlerordens 1. Klasse mit Eichenlaub an den zurückgetretenen Minister Bitter, sowie die nachgesuchte Entlassung desselben unter Belassung des Titels und Ranges eines Staatsministers und die Ernennung des ReichS- schatzsekretärs Scholz zum preußischen Finanzminister. — Staatsminister Bitter verabschiedete sich heute vormittags von den Räten des Finanzministeriums. — Der Architektenverein in Berlin hat die deutschen Architekten zu einer Besichtigung der Konkurrenzentwürfe zum Reichstagsgebäude nach Berlin eingeladcn. Dieselbe soll dem nunmehr veröffentlichten Programm gemäß in den Tagen vom nächsten Freitag bis einschließlich Sonntag stattfinden, nachdem die Festteilnchmer am Abend des vorhergehenden Donnerstags, am 6. Juli, im Architektenhause vom Verein empfangen und begrüßt worden sind. Vom Minister der öffentlichen Arbeiten ist den Teilnehmern eine Fahrvergünstigung auf den Staats- und unter Staatsverwaltung stehenden Bahnen in der Weise gewährt worden, daß die am 5., 6. und 7. Juli nach Berlin oder in der Richtung auf Berlin zu lösenden Retourbilletts zur Rückfahrt bis zum 12. Juli gültig find. Die Verlängerung der Gültigkeitsdauer wird seitens des Vereins in Berlin bewirkt. Der Berliner Architektenverein hat übrigens alle Ursache, auf das Er-
fRachdruck verboten, j
Der Erbe des Blutes.
Erzählung von Emma Händen.
In friedlicher Ruhe lag der Kirchhof von Steinhaufen, jenes Dorfes, in dem unsere Erzählung spielt, in einem kleinen Fürstentum MitteldeutschlanvS. Die altersgraue Kirche ragte ehrwürdig empor und blickte hernieder auf die Gräberreihen, die sich um sie herum erhoben, in ihrer Gruft barg sie die Leichen der gräflichen Familie, die seit lange Schloß und Dorf Steinhaufen besessen und sich nach ihrem Besitztum genannt hatten. Als der letzte Sarg, der in der Gruft Platz hatte, hinabgelassen worden, war sie zugemauert und somit für immer geschloffen, damit die Ruhe der Toten nicht wieder gestört werde. Damals war aber die Familie noch nicht ausgestorben, eine neue Zeit war hereingebrochen, die daS Begraben in der Kirche nicht mehr gestattete, der Anfang unseres Jahrhunderts, und die Grafen von Steinhaufen hatten sich an der Seitenfront der kleinen Kirche einen Raum zur Begräbnisstätte für sich und ihre Familie reserviert, der mit einem eisernen Gitter abgegrenzt ward.
Drei Gräber zeigte dieser reservierte Platz bei Beginn unserer Erzählung: Graf Otho vcn Steinhaufen mit seiner Gemahlin Ottilie und feinem ältesten Sohne Eugen. Der Platz neben dem jungen Grafen war leer, in Steinhaufen lebte keine gräfliche Witwe, also mußte er wohl inS Grab gesunken sein, noch ehe er einer Gattin am Altäre die Hand gereicht hatte. — Viele Thränen waren einst geweint, als der Hügel sich über diesem Sarge geschlossen hatte, denn Graf Eugen war ein herzensguter, sanfter Mann gewesen, auf den die Untergebenen hoffend geblickt und die Zeit herbeigesehnt hatten, da er die Herrschaft in Stein
hausen antreten würde. Dal sollte aber leider nie geschehen. Er war zu entfernten Verwandten gereist, nach Münster in Westfalen, und da vor Erfindung der Eisenbahnen das Reisen mit vielen Mühen und Beschwerden verknüpft war, so hatte selbst eine zweijährige Abwesenheit die Seinen noch nicht beunruhigt. Nur einmal war ein Brief von ihm gekommen, der seinen «rlten Vater in die höchste Aufregung versetzt und den derselbe sofort beantwortet hatte. Einige Zeit darauf traf die Trauerbotschaft in Steinhaufen ein, der junge Graf sei in einer entfernten Stadt an einem hitzigen Ncrvenfieber gestorben. Er war krank in derselben angekommen und hatte in den Delirien des Fiebers geendet, ohne auch nur einen Moment das Bewußtsein zurückbekommen zu haben. Erst seine Papiere, die man nach seinem Tode geöffnet, hatten seine Identität festgestellt, und man hatte die Seinen benachrichtigt, die seine Leiche nach Steinhausen geholt, um sie neben seiner Mutter beizusetzen, die zweite gräfliche Leiche außerhalb der Kirche. Die Thränen, die die Dienerschaft an feinem Sarge weinte, waren aufrichtig und wahr, denn mit tiescm Schmerze sah dieselbe nun die Zeit herannahen, da Graf Kunibert, der zweite Sohn, das Regiment führen würde, dcr fast noch wilder und herrischer als der Vater, das Gegenteil seines toten Bruders war.
Nahezu vier Jahre waren seit Graf Eugens Tode verflossen, auch Gras Otho war bereits gestorben, da erschien eine» Tages eine fremde Frau mit einem 4jährigen Knaben in dem Dorfe Steinhaufen, wo sie dasselbe Schicksal traf, daö den Grasen im fernen Lande ereilt hatte; sie kam fieberkrank und starb wenige Tage darauf in den Fantafleen deS Fiebers, ohne sagen zu können, wer sie sei, was sie her- führe, ob Steinhausen das Ziel ihrer Reise sei, oder wohin sie sonst gewollt. Man fand in ihrem Nachlaß nichts,
was über ihre Person hätte Auskunft geben können, als ihren Taufschein, der auf den Namen „Emilie Leithner" lautete und von dem ArchidiakonuS Seiler in Münster in Westfalen ausgestellt war. Keiner hielt eS indessen der Mühe wert, ihren Tod daselbst anzuzeigen, um so mehr, als man glaubte, der Knabe sei ein Kind der Liebe, denn weder ein Trauschein, noch ein Taufschein ward vorgefunden. DaS Kind nannte sich Reginald und sprach immer davon, cö wolle den Papa suchen, der in einem großen Schloß wohne. Eine Tagelöhnerfamilie deS Dorfes nahm den elternlosen Knaben an Kindesstatt an, da sich eine gerade nicht unbeträchtliche Summe Geld im Nachlaß seiner Mutter fand, und so blieb er deshalb in Steinhausen. —
In der Kapelle des Steinhausener Schlosses lag in stlberbeschlageuem Sarge die Leiche einer jugendlich schönen Frau; Selma, die Gattin Graf Kuniberts, hatte ihr kurzes, freudloses Dasein vollendet. Die Konvenienz hatte sie ohne Liebe an den Gatten gefesselt. Graf Otho wünschte seinen zweiten Sohn durch eine reiche Heirat für den Verlust des Vermögens zu entschädigen, das, laut Familiengesrtz in der Hand des ältesten Sohnes blieb. Er hatte daher mit Selma's Vater die Parthie verabredet und beide Teile gehorchten dem Vaterwort, wie eS in altadligen Familien stets Gesetz war. Selma v. Sänger zog als Gattin Graf Kuniberts in das Schloß oer Steinhaufen, zu ihrem Unglück, denn der Graf hatte eine Andere, wenn auch nicht geliebt, denn für dies Gefühl war sein Herz nicht edel genug geschaffen, aber sich zur Gattin erkoren, und Vaterwille hatte ihn an eine Andere gekettet. Nun machte er sie, die Schuldlose, dafür verantwortlicl', der er, um deS Zwanges willen, der ihn zu ihr geführt, fast mit Haß entgcgentrat.
(Fortsetzung folgt.)