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Nr ISS.

Marburg, Sonntag, 2. Juli 1882

xvn Jahrgang

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Burcaux d. Th- Dietrich u. Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Haasenstein u. Vogler in Frankfurt a. M., Berlin, Leipzig, Köln rc.; Rudolf Mosie in Berlin, Frank­furt a. Ä. :c.

OberhrMche Mm-

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte-, sowie d.Annoncen-Bureaux von G L. Daube u. C». in Frankfurt a. M.; Jägerschr Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung daselbst; Jnvalidendarkin Berlin; W. Thiene- in Elberfeld; 6. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageJllustrirteS EountagSblatt" durch die Expedition lK o ch'sche Buchdruckerei) bezogen 2*/4 Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (excl- Bestellgebühr.) JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.

Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.

Zu dem mit dem 1. Juli begonnenen Abonnement auf daS III. Quartal der

MerheMchen Zeitung

und deren Gratisbeilage

Illustriertes GouutagSblatt nehmen alle Postanstalten (auf dem Lande auch die Post­boten) Bestellungen entgegen.

EHE* In denjenigen Ortschaften, wo Postagenturen bestehen, kann die Zeitung auf den betreffenden BureauS abgeholt werden und kostet dann nur M. 2,50.

Bestellungen in hiesiger Stadt werden von unseren Zeitungsträgern und der Unterzeichneten angenommen.

Dir Im Feuilleton dieses Quartale« kommt die höchst spannende Erzählung:

Der Erbe des Blutes,

von Emma Händen, zum Abdruck.

Die Expedition der Oberhess. Ztg.

Uufere Wirtschaftspolitik.

III.

Eine gemeinsame und bessere Vertretung der Interessen der Landwirtschaft, der Industrie uud deS Handels entspricht vollkommen der Bedeutung, welche das wirtschaftliche Gebiet gegenwärtig errungen hat. Weder die Regierung kann alle die Wünsche und Bedürfnisse kennen, welche aus der prak­tischen Beschäftigung hervorgehen, noch kann die vorwiegend nach politischen Gesichtspunkten gewählte Volksvertretung als daS Mundstück der gewerblichen Interessen der Nation betrachtet werden. Außerdem aber giebt eS hierbei viele Dinge, welche sich der Gesetzgebung entziehen und lediglich die Verwaltung angkhen, die in vielen Fällen deS RatS und der Mitwirkung der gewerblichen Kreise bedarf.

Die Aufgaben, welche gegenwärtig an den Staat heran­getreten sind, erfordern, neue Formen zu schaffen, welche den neuen Bedürfnissen Genüge leisten. Für daS wirt­schaftliche Leben würde eS jedenfalls von großem Nutzen sein, wenn eine Vertretung der drei großen ErwerbSzweige geschaffen würde, welche sich an lokal abgegrcnzte Bezirke anlehnt. Für jeden Regierungsbezirk müßte aus Vertretern der Landwirtschaft, der Industrie und des Handels eine Körperschaft sich bilden, welche für alle wirtschaftlichen Fragen fowohl für die Vorbereitung wie Ausführung von Gesetzen, die Rolle eine« Beirats der Bezirks­regierung übernimmt. Die lokale Organisation, in welcher die Interessen der drei großen Produktionszweige ihren Ausdruck und ihre Ausgleichung finden, würde am besten die Ermittelung der gemeinsamen Interessen und Bedürfnisse ermöglichen und zugleich auch einen wesentlichen Anhalt-

und Stützpunkt für die allgemeine Erörterung wirtschaftlicher Fragen in der Bevölkerung der betreffenden Bezirke bilden.

Der Schutz der heimischen Gewerbe, die Förderung des nationalen Wohlstandes und die Aufklärung über die Auf­gaben der Nation können nicht ausschließlich durch den Apparat des Parlaments und der Gesetzgebung erreicht werden; auch kann nicht der Reichskanzler allein die ganze SisyphnS-Arbeit der Bekämpfung entgegenstehender Ansichten und der Durchführung der von ihm zum besten der Nation gedachten Maßnahmen übernehmen. DaS Volk muß mit­wirken, Landwirtschaft, Industrie und Handel müssen ge­meinsam thätig sein, um für ihre Interessen im Volke den Boden zu bereiten und dasselbe von dem Einfluß politischer Schlagwörter zu befreien.

Mit einem Wort: das Volk muß praktisch und wirt­schaftlich werden, eS muß dem praktischen und wirtschaftlichen Leben mehr Geschmack abgewinnen, anstatt sich nur immer mit leeren politischen Begriffen zu beschäftigen, eine Eigen­tümlichkeit, die ihm noch auS der Zeit des Strebens nach Einheit und Freiheit anklebt, obwohl es nun schon lange im Besitze dieser Güter ist und obwohl eS von keiner Seite in diesem Besitz gestört oder auch nur zu stören versucht wird.

Möge sich aber auch daS Volk durch keinerlei Schreck­gespenster von der ferneren und immer nachhaltigeren Be­schäftigung mit den wirtschaftlichen Fragen abbringen lassen. Die Macht und Größe unseres Vaterlandes, daS doch einem jeden am Herzen liegt, hängt in erster Linie von der Ent­wickelung und Entfaltung seiner wirtschaftlichen Kräfte ab, und hieran mitzuwirken, muß jedem als patriotische Pflicht erscheinen.

Deutsche» Reich.

Berlin, 30. Juni. Einem Artikel derD. Volksw. Korresp." überKosmopolitismus und Welthandel" ent­nehmen wir folgende Ausführungen von allgemeinem In­teresse: ES ist ohne Zweifel berechtigt, das wir die Bahnen kosmopolitischer Anschauung verlassen haben und uns auf einen gesunden nationalen Egoismus einzurichten beginnen. So schön eine weltbürgerliche Gesinnung in gewissem Sinne sein mag, so entbehrt sie dennoch nicht nur des rechten inneren Halts, sondern sogar des sittlichen Wertes, so lange sie etwas Anderes ist als die höchste Blüte eines unbe­fangenen Urteils, wie solches sich schließlich nur auf der Unterlage eines fest begründeten nationalen Wesens zu bilden vermag; ganz besonders hier findet das Wort volle Anwendung, daß derjenige, welcher wohl eine wltbürger- liche aber keine nationale Gesinnung besitzt, einem Menschen gleicht, welcher wohl einen schönen Rock, aber kein sauberes Hemd anhat. Wenn wir also bestrebt sind, unS einmal zunächst in unserer ganzen Anschauungsweise aus unsere eigenen Füße zu stellen und nach allen Seiten hin unsere

eigenen Verhältnisse zum Maßstab nehmen, so ist dies ganz in der Ordnung, und braucht unserer Eigenschaft, auch alles Fremde unbefangen zu würdigen, durchaus keinen Eintrag thun, giebt derselben im Gegenteil erst einen gesunden Kern, der ihr sonst fehlte. Vor Allem aber unsere Teilnahme am Weltverkehr braucht durchaus nicht darunter zu leiden, daß wir überall zunächst an unS und unsere Interessen denken, sondern gerade hier ist eS in hervorragendem Maße richtig, daß wir im Weltverkehr eine um so größere und gediegenere Rolle zu spielen ver­mögen, je tüchtiger und eigenartiger wir uns daheim ent­faltet haben. Wenn es für diese, an und für sich so über­aus naheliegende Wahrheit noch eines Beweises bedürfte, so würde unS England denselben liefern, welches gewiß den nationalen Egoismus und das zäheste Festhalten an der nationalen Eigenart stets bis zur äußersten Grenze getrieben hat, und welches, unseres Erachtens, nicht trotz­dem, sondern gerade darum die erste Stelle im Welthandel an sich reißen konnte. Es ist in der That in keiner Weise abzusehen, warum die sorgfältige Pflege unserer einheimischen Produktion und Gewerbethätigkeit derart, daß denselben bei der Verschließung fast aller fremden Märkte durch hohe Schutzzölle doch wenigstens ein Markt leidlich gesichert fei, die Folge haben soll, unsere Teilnahme am Weltverkehr zu schädigen. Ganz abgesehen davon, daß es sich ja für unsere Landwirtschaft und für verschiedene wichtige In­dustriezweige einfach um eine Existenzfrage handelte und daß eine nicht mehr existierende Produktion doch auch schwerlich auf dem Weltmärkte zu konkurrieren vermag, kann eS doch sicherlich jedem Zweige eines vorhandenen oder zu ermöglichenden Exports nur dienlich sein, auf eine feste Basiö gestellt zu werden und die Möglichkeit kräftiger Entwickelung zu erhalten. Oft schon ist darauf hingewiesen worden, daß der deutsche Exporthandel eben infolge der krankhaften, schwächlichen Beschaffenheit der betr. Produktionszweige daS Geschäft nicht im Großen zu machen und sich darum auch keinen großartigen Blick anzuge« gewöhnen vermochte, sondern vielmehr froh fein müsse, allerhand Nebengelegenheiten zu erschnappen und in gerade sich darbietende Lücken einzuspringen; wie sehr und wie verderblich dieser Umstand dann wieder auf den ganzen Charakter unserer Industrie zurückgewirkt hat, ist bekannt genug. Wenn wir also nach dieser Seite hin mit dem alten System die denkbar schlechtesten Erfahrungen gemacht haben, so ist die Voraussetzung sicherlich keine ungerecht­fertigte, daß daS jetzige System, wie eS unsere Produktion als solche kräftigt, auch die Folge haben werde, unsere Be­teiligung am Welthandel zu einer würdigeren und groß­artigeren zu machen. Auch scheint die Erfahrung diese Voraussetzung bisher zu bestätigen, denn nicht nur sind die Zahlen unseres Exports in offenbar starker Zunahme begriffen, sondern auch der ganze Charakter unseres Ex-

AuS der Borzeit.

Kirchliche Prozessionen und geistliche Spiele in Marburg.

(Schluß.)

Am 3. Juni 1526 wurde die letzte Prozession in Mar­burg und das letzte Passtonsspiel in der Pfankirche da­selbst gehalten. Die Stadtrechnung j. I. berichtet darüber folgendermassen:

Ausgabe für Zehrung in Marburg.

Item auf Sonntag nach corporis Christi mit dem heili­gen Sakrament und der Prozession um den Hain zum deutschen Hause gegangen, darnach haben Schreiber und Knechte mit dem Bürgermeister ge- zehrt, thut 8 Schilling.

Item dem Pferner und seinen Kapelanen geschenkt 1 Viertel Wein, die Halbe 9 Denare, thut 3 Schilling.

Item den Vieren vom Tuche über dem heiligen Sakrament zu tragen gegeben 1 Viertel Wein, dir Halbe 9 Denare, thut 3 Schilling.

Item den Wächtern von des Rats Kerzen zu tragen ge- geben, jedem 16 Denare, thut 2V, Schilling 2 Denare.

Item auf den Spielsonntag denjenigen so im Harnisch auf dem Dambsberg und vor die Pforten gegangen, ihnen zu vertrinken gegeben 4 Viertel Bier, thut 2*/2 Schilling 2 Denare.

Noch vor Ablauf des JahreS 1526 listen sich die kirchlichen Laienbruderschaften auf. Ihre Güter und Ge­fälle wurden teils zu weltlichen Zwecken verwandt, teils dem neugegründeten Armenkasten überwiesen. Die letztm Brudermeister der ProzesstonSbruderschaft waren die hiesigen

Bürger VirgiliuS Schwan, Johann Maler und TonguS Holhscher.

Die Synode zu Homberg hatte neben Einführung der Reformation in Hessen auch zugleich die Errichtung einer Universität in Marburg beschlossen. Der StiftungStag derselben ist der 31. Mai deS Jahres 1527. Einige Jahre nachher fingen Studenten, Bürger und Bürgerssöhne an, Tragödien und Komödien auf dem Rathause, auf dem Marktplätze und auf dem Plan vor dem BibliothekSgebäude aufzusühren, welche sich durch da« ganze 16. Jahrhundert mit Unterbrechungen hinziehen. Mit den Aufführungen dieser Spiele waren jederzeit Kosten für die Stadtkasse verknüpft. In den Stadtrechnungen find die Namen der zur Aufführung gekommenen Spiele nur zum Teil ver­zeichnet, sie beginnen mit dem Jahre 1545 und schließen mit 1598. Zacharias, 1553, die Enthauptung Johannes de« Täufers 1554, Acolastus 1562. Der Verfasser dieses von den Studenten aufgeführten Dramas ist nach güt ger Mitteilung de« Herrn Professors CreceliuS in Elberfeld der aus den Niederlanden gebürtige und 1568 verstorbene Wilhelm GnapheuS. DaS Spiel des Acolasti erschien zu­erst 1534 in Basel und später in Köln und an anderen Orten. Hiob, Adam und Eva 1568, die Horatios von den Studenten ausgesührt 1579. Ehster und Judith 1581, Salomo 1591, Absalom 1598. Als Leiter der Spiele werden bezeichnet die Professoren Magister Petrus NigidiuS, Dr. VictorimlS Schönfeld und Dr. EgidiuS HunniuS. Tie Spieler erhielten teils Geld- teils Weinpräsente seitens der Stadt; die Leiter der Spiele und die anderen Pro­fessoren, sowie Prädikanten, Schultheiß und Rentmeister wurden nach veenbignng der Aufführungen vom Bürger­meister und Rat aus das Rathaus geladen und mit Essen

und Wein traktiert. Als am 12. August 1581 das Spiel Judith auf dem Plan aufgeführt worden war, schenkte Bürgermeister und Rat den Stadtschützen für ihre Mit­wirkung dabei und auf ihr Begehren 2 Pfund G.lv und dem Professor EgidiuS HunniuS verehrten die Herren des Rates als besondere Auszeichnung für daS am 26. Juli j. I. auf dem Marktplätze geleitete Spiel 9 Viertel 36 Maß Wein.

Im 17. Jahrhundert führten die Schüler ves hiesigen Pädagogiums ein Spiel im deutschen Hause auf. Umher­ziehende Komödianten machten diesen Vorstellungen bald nach dem 30jährigen Kriege ein Ende. ______________________________W. Bücking.

Litterarisches.

Illustrierte Geschichte der fremden Littera- turen in volkstümlicher Darstellung. Die Litteratur der altorientalischen und antiken sowie der modernen Völkergruppen. Von Dr. Otto von Leixner. In zwei Bänden oder in Lieferungen (zu je 45 Bogen) L 50 Pf. (Auch in Abteilungen a 3 M. zu beziehen.) Mit über 400 Text-Abbildungen, Bunt- und Tonbildern rc. (Leipzig und Berlin, Verlag von Otto Spamer.)

Noch weit inhaltreicher und fesselnder als daS erste Drittel derIllustrierten Geschichte der fremden Litteraturen" erweisen sich die neu vorliegenden Lieferungen 12 bis 17 (Bg. 51 bis 57 des L, und Bg. 1 bis 17 des IL Bandes), in welchen nicht nur der Abschluß der französischen, sondern auch die gesamte italienische und spanische, ferner die portugiesische Litteratur, nebst einem Anhang über rumänische und ladinische Dichtung, endlich der Anfang der englischen Litteratur abgehandelt werden.