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Marburg, Freitag, 30. Juni 1882

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Anzeigen nimmt entgegen: bk Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux v. Th- Dietrich u. Co. in jtaffel und Hannover; Th. Diettich in Frankfurt a-M.; Haasenstein u. Vogler in Frankfurt a. M., Berlin, Leipzig, Köln rc.; Rudolf Moffe in Berlin, Frank­furt a. UL rc-

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SW Im Feuilleton des nächsten Quartale- kommt die höchst spannende Erzählung:

Der Erbe des Blute-, von Emma Händen, zum Abdruck.

Die Expedition der Oberhess. Ztg.

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Unsere Wirtschaftspolitik.

I.

Eine der ersten Grundbedingungen für den Bestand und die Dauerhaftigkeit eines großen Staatswesens, welches auf allen Gebieten des geistigen und politischen Lebens seinen geschichtlichen Beruf erfüllen will, ist die Förderung und Sicherstellung seiner wirtschaftlichen Kräfte. Deshalb haben auch die großen Staatsmänner Frankreichs und Englands ihre Fürsorge vornehmlich der Entwickelung und dem Schutz der Industrie, der Landwirtschaft und des Handels zugewandt und gerade hierdurch den Wohlstand ihres Vaterlandes zu begründen gewußt. Wenn der Name Frankreichs und Englands auf allen Gebieten der materiellen Kultur auch heute noch mit Achtung, ja mit Bewunderung genannt wird, so verdanken sie diesen Ruhm vornehmlich der Grundlage, welche ihrem Volkswohlstände durch die auf den Schutz der heimischen Gewerbe gerichtete Politik ihrer Könige und Staatsmänner im 16. und 17. Jahr­hundert (Richelieu, Colbert, König Heinrich VIII, Königin Elisabeth, Cromwell) gegeben wurde.

Daß die wirtschaftliche Entwickelung Deutschlands hinter derjenigen jener beiden großen Staaten so lange zurück­geblieben, hatte allein seinen Grund in der politischen Schwäche und Zersplitterung unseres Volkes. Erst mit der Gründung des deutschen Reichs, welche durch den Zollverein wirtschaftlich vorbereitet wurde, ist die Vor­bedingung und die Möglichkeit für eine einheitliche und energische Förderung der wirtschaftlichen Kräfte unserer Nation gegeben worden. Fürst Bismarck hat denn auch, hierin das Mittel für die Erhaltung und Unabhängigkeit unseres großen Staatswesens erkennend, alsbald sein Haupt-

AuS -er Borzeit.

Kirchliche Prozessionen und geistliche Spiele in Marburg.

(Fortsetzung)

Im Jahre 1467 wird ein EhebündniS zwischen Gabriel Breitruck, lern Sohne deS Sibode Breitruck, und der Tochter des Ludwig Im Hobe geschlossen. Da die Väter beider im Rate waren, so erhielt daS junge Ehepaar zu seinem hoch­zeitlichen Ehrentag zweimal 6 Viertel Elsäffer auf Rech­nung der Stadtkassc verehrt. Dieses Ehepaar kann da- Tabernakel nicht gestiftet haben, weil die Architektur des­selben einer früheren Zeit angehört (cfr. die Baudenkmäler im Regierungsbezirk Kaffel 1874 S. 158.) Es hat dem­nach schon einmal eine Breitruck-Jm Hob'sche Eheverbindung bestanden, von der die Stiftung de- Tabernakel- herrührt, und wie ich glaube annehmen zu dürfen, zwischen dem vor« erwähnten Sibode Breitruck und einer Schwester de- Schöffen Peter Im Hobe; beide nämlich Sibode und Peter, kommen wiederholt in Urkunden neben einander vor, wa- auf verwandtschaftliche Beziehungen schließen läßt. Da- Breitruck-Jm Hob'sche EhebündniS vom Jahre 1467 war jedoch kein kirchlich ungesetzliches; die Väter de- Ludwig uno Peter Im Hobe, Johann und Rückel, waren nicht Brüder sondern Geschwisterkinder. — Vor dem Tabernakel brannten Lampen und Ampeln, zu deren Unterhaltung der hiesige Bürger Paulus Schütze am Sonntag Judica 1401 neun Morgen Land zu Goßfelden testierte.

Nach jeder der drei regelmäßig im Jahre wiederkehrenden Prozessionen fand mit Unterbrechungen bis zum Ausgang des 15. Jahrhunderts im Pfarrhofe auf Rechnung der Pfarrei Marburg eine Mahlzeit statt, zu welcher die Stadt

augenmerk auf die Wirtschaftspolitik gelenkt, um so Deutsch­land auch in wirtschaftlicher Beziehung zu einer Großmacht ersten Ranges zu machen und jenen Nationalstaaten auch auf diesem Gebiete ebenbürtig anzurcihen.

Man schmälert daS Verdienst unseres Reichskanzler- nicht, wenn man sagt, daß die Beschäftigung mit den wirtschaftlichen Interessen, die allmähliche Hinneigung zu den wirtschaftlichen Fragen eine geschichtliche Notwendigkeit war, welche die natürliche Folge der früheren Zersplitterung und jetzigen politischen Einigung ist. Er hätte diese Ent­wickelung nicht aushalten können, wenn er es auch gewollt hätte. Wohl aber ist es sein Verdienst, daS nicht hoch genug anzuschlagen und nicht dankbar genug anzuerkcnnen ist, daß er als der erste seiner Nation, den Bedürfnissen Rechnung tragend und den Stimmen deS wirtschaftlichen Lebens Gehör gebend, au- dem bisher mehr oder weniger idealen Gebiet der Politik den Weg fand und vorzcichnete, welchen die Nation betreten mußte, um au- der wirtschaft­lichen Gedrücktheit und Abhängigkeit herau-zukommen und ihre natürlichen Kräfte zur Entfaltung zu bringen.

Wie kurzsichtig sind doch diejenigen Leute, welche in den Kämpfen der Gegenwart allein eine Erfindung deS Fürsten Bismarck und in der entschlossenen energischen Verteidigung der von ihm befolgten Grundsätze eine politische Rechthaberei sehen möchten I Seine Wirtschaftspolitik, welche sich in gleicher Weise auf Finanz- und Zollfragen, wie auf steuer- und sozialpolitische Fragen erstreckt, ist die Stimme der gesunden Vernunft unserer Nation; sie ist die Fürsprecherin der bisher vernachlässigten wirtschaftlichen Interessen und hiermit der Lebensbedingung unseres Volkes und unseres Staatswesen-, sie ist das ganz natürliche Ergebnis der Vergangenheit und ein Ausdruck von der richtigen Auf­fassung unserer Aufgaben für die Zukunft, welche mit der Begründung des Reichs andere und größere geworden find.

Die Mittel, das Reich zu erhalten und zu kräftigen, müssen andere sein, als die, mit denen man seine Begrün­dung vorbereitete und einlettete. DaS ist eS, was die Gegner der BiSmarckscheu Politik immer übersehen, und hieran- allein ist zu erklären, daß sie allen seinen Reform- plänen Widerstand und Hindernisse entgegensetzen. Aber auch sie werden die geschichtliche Entwicklung nicht aushalten können: die Zukunst gehört nicht denen, welche für ihre FraktionSfahne und die daraus geschriebene Lehrmeinung kämpfen, nicht denen, welche sich in vollständiger Verkennung der neuen Aufgaben des Reichs in den alten engen Geleisen fortbewegen und der Resormpolitik kleinliche Bedenken ent­gegensetzen!

Deutsches Reich.

Berit«, 28. Juni. Die „National-Zeitung" erfährt, Finanzminister Bitter habe gestern seine Entlassung erhalten. DaS Finanzministerium werde vorerst Fürst Bismarck jedesmal ein bedeutende- Weinquantum stellte. Einladungen hierzu gingen an Bürgermeister und Rat, an die Burg­mannen , Wcltgeistltchen, Beamten, Notabeln aus der Bürgerschaft u. A. Daß die nicht eingeladenen Prozession-« teilnehmer diese Tage vorübergehen ließen/ ohne sich gleich denen in den Pfarrhof geladenen, einen fröhlichen Nach­mittag entweder in ihren Häusern oder auf den Zunft« stuben oder in den Bursen und Schenken der Stadt ge­macht zu haben, findet sich zwar nirgend- angezeigt, ist aber mehr als wahrscheinlich. In ein jede- der Klöster sandte der Rat an demselben Tage noch je zwei Viertel Wein.

Im 15. Jahrhundert war der Gebrauch aufgekommen, in den Pfarr-, Stifts« und Klosterkirchen jeden Donnerstag eine Messe zu feiern, wie sie für den FronleichnamStag mit seinem von Thoma- von Aquin entworfenen Offizium vorgeschr eben war. Diese Meffe hieß lateinisch missa de corpore Christi, deutsch SakramentSmesse. Die mit der Sakramentsmeffe verbundene Prozession unter Vorhertragung der Monstranz, jedoch ohne Baldachin, bewegte sich entweder im Innern der Kirche, oder außerhalb um die Kirche.

Im Jahre 1459 wird der SakramentSmesse in Mar­burg zuerst urkundlich gedacht. Am Tage der Himmelfahrt Mariä j. I. nämlich schenkte der Pastor Johann QuinkuS zu Laubach — e- ist derselbe, bei dem unsere Stadt einige Jahre vorher zum Wiederaufbau ihres ausgebrannten Rat­hauses ein Kapital von 300 Gulden verzinslich aufnahm — dtu hiesigen Dominikanern 100 Gulden, welche sie in den Nutzen ihres Kloster- verwandten und wofür sie versprachen, an einem jeden Donnerstage am hohen Altar ihrer Kirche eine Singmesse de corpore Christi mit Orgeln und der

selbst übernehmen. Unterstaatssekretär Scholz, der augen­blicklich in Varzin sei, werde dasselbe in Stellvertretung des Fürsten Bismarck leiten. — Der Meldung derselben Zeitung gegenüber, wonach Fürst Bismarck das Finanz­ministerium übernehme und in dieser Stellung von Staats« sekretär Scholz vertreten würde, nehmen au*8 beste unter­richtete Kreise an, daß Scholz nicht Bismarck im Finanz­ministerium vertrete, sondern selbst Finanzminister werde. Anstatt des Staatssekretärs Scholz werde Burchardt Reichs­schatzsekretär. Scholz weilt nicht in Varzin, sondern hier. — Der „Kreuzzeitung" zufolge richtete der Kaiser ein huld­volles Schreiben an den Finanzminister Bitter, worin er das Entlassungsgesuch desselben genehmigt und Bitter den Roten Adlerorden erster Klasse, sowie Rang und Titel eines Staatsministers verleiht. — Die „Prov.-Korresp." knüpft an die Uebersicht der Hauptbestimmungen des mit dem 1. Juli in kraft tretenden Gesetzes, betreffend die Fürsorge für Witwen und Waisen der unmittelbaren Staatsbeamten folgende Bemerkung: «Durch dieses Gesetz ist für die Hinterbliebenen der unmittelbaren Staatsbeamten in einem den Leistungen der Beamten und zugleich der sozialen Stellung der Familie thunlichst entsprechendem Maße Fürsorge getragen worden. Sicherlich wird daS Gesetz die Freudigkeit der Beamten in der pflichttreuen Er­füllung ihres Berufes wesentlich heben, da sie jetzt die Ge­wißheit haben, daß der Unterhalt der Ihrigen durch einen Rechtsanspruch auf Pension auch nach ihrem Tote gesichert ift" — In Handelsberichten aus Newyork werden von Zeit zu Zeit Winke für den deutschen Exporteur mitge­teilt, die es wert sind, von der TageSpreffe in weitere Kreise getragen zu werden. In einem solchen Berichte wird an die Beobachtungen angeknüpst, zu welchem der Weihnachtsmarkt des vorigen JahreS in Newyork Gelegen­heit geboten und u. A. Folgendes ausgeführt: Hat auch die nordamerikanische Industrie einen großen Aufschwung genommen, so bleibt für Deutschland vorläufig noch immer daS Gebiet übrig, auf welchem wohlfeile Handarbeit durch ausschließlichen Maschinenbetrieb nicht ersetzt werden kann, sowie dasjenige, auf dem eine Kette geschulter Kräfte, eine erprobte Technik, ein speziell geeignetes Material oder eine mühsame Erfahrung der Produktion zur Grundlage dienen. Aber eS fehlt für viele Artikel, die Deutschland produziert, noch die Kenntnis. Vor Allem muffen mit dem Westen Nord- AmerikaS, dort, wo die deutsche Bevölkerung in so geschloffenen Gruppen auftritt, wo der deutsche Handwerker, der deutsche Landwirt in seiner Muttersprache und 'einer gewohnten Lebens­weise weniger angefochten wird, direkte Verbindungen ange- knüpft werden. Dem Pfade bet Emigration folgend, müssen Wanderausstellungen organisiert werden, und die Ersah- rung wird lehren, daß die Erinnerung an das alte Vater­land mächtig genug bleibt, um der heimatlichen Produk­tion tteuc Anhänger zu erhalten. In sicherem psychologi-

Sequenz Lauda Sion salvatorem oder einigen Versen daraus als Ecce panis angelorum etc. zu halten.

Die Sakramentsmeffe in der hiesigen Pfarrkirche wurde von dem Landgrafen Wilhelm III. von Oberhessen und der hiesigen Gemeindevertretung gestiftet. Die Stiftung des Landgrafen vom Jahre 1499 umfaßte den Zeitraum vom Mai bi< Oktober und die der Gemeindevertretung vom Jahre 1502 den vom November bis April. Wer an die­sem Amte mit reuigem und bußfertigen Herzen teilnahm, Gebete zum Herrn sandte und zur Erhaltung und Meh­rung desselben hilfreiche Hand bot, erhielt Nachlaß der von der Kirche ihm auferlegten Strafen, lauft eines von dem Kardinal Raimund ausgestellten Ablaßbriefes vom Jahre 1502. Dieser Ablaßbrief, welcher sich in Justis Vorzeit Jahrgang 1838 S. 356 abgedruckl findet, spornte manchen an, dessen VermögeiiSverhSltnisse es gestatteten, durch eine Stiftung für die Erhaltung und Mehrung ter Sakraments­meffe in der Pfarrkirche beizutragen. Der hiesige Bürger Henchen Stepps und die Witwe des Paulus Venu« gaben hierzu testamentarisch am Freitage nach Misericordias Domini deS Jahres 1505 ein Gut zu Homberg an der Ohm.

Bevor Landgraf Philipp der Großmütige sich der refor­matorischen Bewegung anschloß, war er gleich seinen Vor­fahren und Anverwandten ein eifriger Anhänger und För­derer der SakramentSmesse. DaS bewies der Landgraf, al« er am 6. Juli 1523 eine neue RatSordnung für Marburg erließ, in der er regelmäßige Ratssitzungen mit der aus­drücklichen Bestimmung dem Rate vorschrieb, daß diese jeden Donnerstag, wenn er kein Festtag sei, nach vorher« gegangener DonnerStagSmeffe gehalten werden sollte».

(Fortsetzung folgt.)