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JHarfiurg, Donnerstag, 29. Juni 1882
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(Fortsetzung folgt.)
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beten, sobald man erst über die Wälle und Thron, Altar und Sitte fortgeschritten war. Damit übrigens die Notstände nicht aufhören — denn der Hunger ist der beste Agitator — sorgen die Leiter der Bewegung für fortwährende StrikeS (Greves). Augenblicklich finden in Paris nicht weniger als 15 folcher Arbeitseinstellungen statt, unter ihnen diejenige der Straßenpflasterer, einer Zunft, welche unter dem Namen „les paveurs de Montemartre" schon mehr als einmal eine traurige Berühmtheit erlangt hat. — Daß die Polizei für ihr energisches Einschreiten bei den Studentenunruhen im lateinischen Viertel im Munizipalrat von Paris, in der Kammer und in der Presse Unrecht bekommen hat, kommt nun den Kommunards zu gute. Die Stadtsergeanten werden sich hüten, bei neuen Unruhen mit zu viel Energie vorzugehen; in den Klubs wird täglich versichert, daß beim ersten Erwachen des Volks der Munizipalrat sich permanent und souverän erklären werde, und seine erste Amtshandlung werde sein, Herrn Camescatte, den Polizeipräfekten, dem er jetzt ein Mißtrauensvotum erteilt, außer Gesetz zu erklären. Ueber die Stimmung der Soldaten werden ebenfalls fehr ausschweifende Mitteilungen verbreitet, die nur in sofern eine thatsächliche Unterlage zu haben scheinen, als sich in einzelnen Truppenteilen zvei Parteien gebildet haben, von denen sich die einen Versailler, die anderen Pariser nennen.
In dieser „gehobenen" Stimmung schickt sich nun Paris an, das Nationalfest des Bastillesturmes zu feiern. Die Negierung und der herrschende Stand, die fortgeschrittene Bourgeosie, werden wieder daö Prinzip der Revolution in allen Tonarten verherrlichen. Den Tenor dieser Tiraden kennt die Welt nun gerade schon zum Ueberdruß auswendig. Das Recht des Volkes, zu jeder Zeit im blutigen Kampf die Zwingburgen der Obrigkeit zu zerstören und sein Schicksal nach eigenem Wohlgefallen, oder demjenigen seiner Klubredner zu gestalten, wird von neuem proklamiert werden. Die ewige Wiederholung die'er Phrase, welche der prinzipiellen Geschichtslüge des Liberalismus ihren Ursprung verdankt, hat denn auch ein recht angenehmes Echo in der Arbeiterwelt erweckt. Wir finden hier den merkwürdigen Widerspruch bestätigt, den wir überall in der Geschichte der Revolutionen erkennen. Die Regierung als Vertreter der Autorität bekennt sich zu einem Prinzip, welches jede Autorität überhaupt, also auch ihre eigene bekämpft. Sie spricht sich damit selbst die Berechtigung ihrer Existenz ab. Eine Regierung von VolkeSgnaden fällt auch mit Volkes- gnaden; die Abstimmung eines Tages kann sie stürzen; daS Chaos herrscht wieder, aus dem die Revolution einen neuen Machthaber emporschnellt, den dann das bethörte Volk für den Erwählten feines Willens hält, so lange bis sein Nimbus nicht im Straßenkot der Erneute oder deS Fraktionsmarasmus untergegangcn ist.
Der größere Teil der Pariser will heute von der Farce
Fahnen, Kerzen und Emblemen in folgender Ordnung: Leinweber, Lohgerber, Schuhmacher, Bender, Zimmerleute, Sattler, Schmiede und Metzger, darnach die bürgerlichen Kerzen, dann die Weingärtner, Weinzäpfer, Krämer, Schneider, Steinmetzen und Bäcker, darnach die Schüler, die Barfüßer, Dominikaner und Kugelherrn und den Schluß machten die Frauen. An den großen Prozessionstagen waren die Häuser Marburgs menschenleer. Wer nicht notwendig zu Hause bleiben mußte, ging zur Pfarrkirche und beteiligte sich nachher an der Prozefsion. Zu» Sicherheit der Stadt und um sie vor unverhofften Ueberfällen feindlich gesinnter Nachbarn zu schützen, ließ der Rat wie in Walpurgis heiligen Tagen (1. bis 13. Mai), so auch am Sonntag nach Fronleichnam, wo ohnedies der Zudrang von außen ein bedeutender gewesen sein mag — der Grund wird später angegeben werden — die Pforten der Stadt, den Pfarrkirchhof und den Dammelsberg mit Wächtern aus der Bürgerschaft von früh morgens bis spät abends besetzen, denen auf Rechnung der Stadtkasse Bier, Brot, Käse und Lichter verabreicht wurde.
Mit feierlichem Glockengeläute wurde die Prozession in der St. Elisabethkirche empfangen. Sie trat durch die geöffneten Thüren des Westportals in dieselbe ein und bewegte sich bis vor den Lettner, die steinerne Wand, welche Schiff und Chor trennt. Hier auf dem auf beiden Seiten mit kostbaren Vorhängen und mit brennenden Kerzen umgebenen heiligen Kreuzaltar fand die Monstranz Aufhellung. Dann trat eine Pause ein. Am Fronleichnamstage war es von dem Landkomtur, den Teilnehmern an der Prozession gestattet, während dieser Zeit ihre mitgebrachten Speisen auf dem Platze vor der Firmanei o)er im Kellerhause zu verzehren, wobei ein jeder, dessen VermögenSverhältnisse eS
erlaubten, sich des von den deutschen Herren in der Firmanei frequentierten WeinschankeS bedienen konnte. War die Pause vorüber, dann riefen die Glocken von den Türmen der Elisabethkirche die Festgenoffen zur Teilnahme an dem feierlichen Hochamte, welches an Fest- und Feiertagen der Prior dlS Ordens, mit päpstlicher Eilaubnis bekleidet mit den Insignien eines Bischofs und unter Assistenz zweier Diakonen und anderer Priester zu halten pflegte. Die bischöflichen Insignien als Mitra und Jnful lagen für den Prior auf dem Kreuzaltar bereit, während alles übrige zu einem Pontifikat - Amte erforderliche auf den beiden steineinen noch vorhandenen Credenzlifchen in den beiden Seitenschiffen dem Kreuzaltar gegenüber lag oder stand. So oft die Monstranz während des Hochamtes gezeigt wurde ertönte die Meßglocke und die Sakramentsfahnen- träger, welche zu beiden Seiten des AltarS standen, neigten die Fahnen. Nach beendigter Hochmeffe trat die Prozefsion ihren Rückweg an. In den Klosterkirchen und in der Pfarrkrche wurde sie ebenfalls mit Glockengeläute empfangen und nach dem letzten sakramentalischen Segen in der Pfarrkirche entlasten, worauf tie Monstranz wieder in dem Tabernakel Ausstellung fand.
Das noch gegenwärtig im Chor der Pfarrkirche sich vorfindcnde 9 Fuß hohe, aus feinem Sandstein gearbeitete, zierlich gothische, mit Weiuumrebung und Zinnenkrönung verzierte Wandtabcrnakel hat weder Inschrift noch Jahrzahl. ES befinden sich aber an demselben zwei Wappen, welche auf die Stifter deSfelben fchließen lasten. DaS Wappen rechts unten, ein Herz mit drei Dolchen, ist das der Breitrucke und daS links unten, ein Löwe und ein
Das erste Rolle» des Douuers.
(Korresp. aus Paris des „R.-B.".)
Die Habituös der Vorstädte wollen feit einiger Zeit verdächtige Symptome in der Physiognomie der dortigen Arbeiterwelt entdeckt haben. Sie meinen, eö müsse etwas in der politischen Luft schweben, wie ein Gewitter; der aufmerksame Beobachter höre schon in der Ferne das erste Rollen des Donners. — Die aufrührerischen Drandartikel in den Communardenblättern haben durch ihre ewigen Wiederholungen allerdings den Reiz der Neuheit verloren und erfreuen sich kaum noch der Beachtung der republikanischen Presse; im Innern aber, d. h. in der Arbeiterbevölkerung, wo sie ununterbrochen ihre Minierarbeit fortsetzen, scheinen sie doch immer mehr und mehr ihr Werk gethan zu haben. Die Volksversammlungen, welche öffentlich unter den Augen der Polizei, welche sie ebenso wenig wie die Regierung stört, abgehalten werden; die Agitation, die Organisierung der Erneute, alles das muß einmal ein unglückliches Ende nehmen. Es ist nicht einmal nötig, daß ein besonderer Notstand oder eine äußere Veranlassung hinzutritt. Dieses wüste Treiben, das immer größere Dimensionen annimmt, drängt zu einem blutigen Ausbruche hin. — Anstatt diesen Erscheinungen Beachtung zu widmen, liegt sich die die republikanische Presse gegenseitig in den Haaren. Wie von den konservativen Blättern, so wird die Regierung von den Blättern der Gambettisten, der radikalen Linken und Intransigenten auf jede Weise schlecht gemacht und heruntergesetzt, und die souveränen Erwählten deS Volkes werden systematisch und ziemlich gleichmäßig von allen Parteien mit Hohn und Spott überschüttet. So ist das herrschende 9l6glme sein eigener Totengräber. ES untergräbt die letzten Reste von Autorität, die bisher noch Regierung und Parlament geschützt hatten. Die Folgen werden sich auf den Barrikaden zeigen, welche doch immer den Schlußstein des permanenten Fortschritts bil-
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der Nationalfeier nichts mehr wisten. Aber die Mode ist allmächtig und die Bourgeoisie, der ideale tiers-etat von 1789 mit der Signatur deS Jahrhunderts, dem Privilegium des Kapitals, ist jetzt in der Mode, ja seitdem Gambetta mit dem Prinzen von Wales im Pavillon Armanville im Boulogner Holz diniert hat, sogar hoffähig geworden. Denn Gambetta ist noch immer der Typus des herrschenden Systems und der eigentliche Urheber deS Nationalfestes. Aber auch ihn scheint sein eigenes Werk vernichten zu wollen. Die Communarden haben sein Programm vom Rechte der Revolution logisch und konsequent weiter entwickelt. So schreibt Louise Michel: „Der Bastille- sturm war zwar eine nationale Thal; aber er ist vor langer Zeit geschehen und seitdem ist das Volk immer wieder auf seinen Lorbeeren eingeschlafen. So hat eS trotz seiner vielen Kämpfe nicht gesehen, wie sich an stelle der einen Bastille des Ancienne Rsgime viele hundert Bastillen überall erhoben haben, in denen sich die Bourgeoisie von der Arbeit der Nation mästet. Wir können den Gedenktag nur durch einen neuen Sturm dieser modernen Bastillen feiern." Die Sprache ist deutlich, aber nur zu erklärlich. Die Mode, die allgemeine, öffentliche Meinung erkennt das Recht der Revolution an; nun ist man aber mit der politischen Revolution in Frankreich an der Grenze des menschlichen Witzes angckommen, also kommt die nächste Phase an die Reihe: die soziale Revolution.
Nur der ganze Bruch mit der Revolution kann andere Völker vor einem ähnlichen EntwickelungSgange zurückhalten.
In völliger Uebereinstimmung mit dieser Schilderung unseres Berichterstatters wird der „Kölner Zig." aus Paris folgendes Bild entrollt:
Wenn auch die Regierenden in Frankreich bis jetzt wenig Voraussicht gezeigt haben, so beginnen sie doch zu merken, daß in den untersten Schichten der französischen Gesellschaft eine revolutionäre Bewegung grollend droht. Ich weiß aus guter Quelle, daß infolge von verschiedenen Berichten des Polizeipräfekten an den Minister des Innern dieser eine lange Beratung mit dem Präsidenten der Ministeriums gehalten hat über die im französischen Proletariat herrschende Stimmung. Die täglichen Aufreizungen der roten Presse, die revolutionären Reden in den öffentlichen Versammlungen und bei den Zusammenkünften der Kol- lektivisten, Anarchisten und anderer ähnlicher Tendenz beginnen ihre Früchte zu tragen. Die Arbeitseinstellungen mehren sich und nehmen einen immer schlimmeren Charakter an; die Feindschaft zwischen Arbeitern und Arbeitgebern, zwischen Proletariern und Bourgeois jwird immer stärker, der Haß immer tiefer. Die Kennzeichen davon zeigen sich überall. Da ist z. B. die Subskription zur Anschaffung eines Ehrengeschenkes, eines Revolvers, für den Mörder Fournier, der zwar verurteilt worden ist, aber den die
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Aus -er Borzett.
Kirchliche Prozessionen und geistliche Spiele in Marburg.
(Fortsetzung)
Nach vorausgegangener Messe in der Pfarrkirche entnahm der Stadtpfarrer, oder wenn gerade ein Bischof an einem solchen Tage in Marburg anwesend war, dieser dem Tabernakel die Monstranz und trug sie in der Prozession umher. Letzteres war am Fronleichnamstage des Jahres 1473 der Fall. An diesem Tage trug der anwesende Bischof von Samland, ein Deutschordens-Priesterbruder, „auf Bitten und Begehren derer von Marburg das heilige Sakrament in der Prozefsion um die Stadt." Zu diesem Zwecke ließ ihm der Rat auf Rechnung der Stadtkaffe Hosen und Sandalen, letztere von weißem Taffet mit Gold- schiencn verziert und mit Seide bestochen, vom Schneider Henne Dietz anfertigen; außerdem machte der Rat genanntem Herrn noch ein Weinprasent mit 5 Vierteln Elsässer — 20 Maß. „ .
Unter Glockengeläut- verließ die Versammlung die Psarrkirche und nahm auf dem Pfarrkirchhofe Aufstellung zur Prozefsion. Den Zug eröffneten die Musiker, dann kamen die Stadtknechte oder die Wächter mit den Stadtkerzen und die Ministranten mit den Weihrauchfaffern, diesen folgte der Geistliche mit der Monstranz unter einem von vieren an Stangen getragenen „Damaskateppich , umgeben von Priestern, welche brennende Kerzen und andere, welche die SakramentLfahncn trugen; hierauf folgten die fürstlichen Personen, die Gemeindevertretung, die Burgmannen, Beamten und Notabeln der Stadt und diejenigen, welche Kreuze trugen; diesen folgten die Zünfte mit ihren
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