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Marburg, Dienstag, 27. Juni 1882
xvii Jahrgang
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Die Expedition der Oberhess. Ztg.
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Der französische Ministerpräsident war auffallend übel berichtet, wenn er am Donnerstag in der Kammer erklärte, jedenfalls in derselben Stunde, wo er spreche, halte die Konferenz ihre erste Sitzung. In der Thal hat die Eröffnung am 22. nicht stattgefunden; als Grund wird durch ein Telegramm aus Konstantinopel angegeben: wegen mangelnder Instruktionen einzelner Vertreter, insbesondere des Vertreters Oesterreichs. Ein weiteres Telegramm von dort meldet unterm 23.: Die Pforte setzt in allen Aeuße- mngen ihre Bemühungen fort, die Mächte zu überzeugen, daß die Misston Derwisch Paschas zum erwünschten Ziel geführt habe, indem gegenwärtig Beruhigung in Egypten herrsche; cs scheine ein Zustand geschaffen, der auch den fremden Interessen genügen und besondere Konferenzberatungen übeislüsstg machen dürfte. Man fürchtet angesichts dieser starren Haltung der Pforte in türkenfreundlichen Kreisen vielfach, daß der Sultan, der seine Figuren bis jetzt meisterhaft gesetzt hat, das Spiel zu wett auf die Spitze treibt, und daß Frcycinet gegen seinen ursprüng- liehen Willen zu einer chauvinistischen Politik fortgerissen werden könnte. Es ist sehr bemerkt worden, daß er in seiner Kammerrede eine weit energischere Sprache führte und die Würde Frankreichs mit großem Nachdruck hervor- hvb, so daß er sich bcn ungeteilten Beifall aller, sogar ein zustimmendes Kopfnicken Gambettas erwarb. Auch die plötzliche Anordnung, das egyptische Geschwader so bedeutend zu verstärken, hat allerwärtö Aufsehen gemacht.
Der sehr durchsichtige Plan des Sultans, Arabi Pascha in seine Hand zu bekommen, ist mißglückt. Arabi erklärte sich in seiner Antwort auf die Depesche des Sultans bereit, bet an ihn ergangenen Aufforderung, nach Konstantinopel zu kommen, Folge zu leisten, wies gleichzeitig aber auch g- i ■■■ n------ j ............... i i । । SB ■
darauf hin, daß ihm die Armee nicht gestatten würde, daö Land zu verlassen.
Mit jedem weiteren Tage seiner Diktatur vergrößert sich die Macht und der Einfluß Arabis, selbst über Egypten hinaus, bis nach^ Arabien; daß der Sultan allmählich um seinen eigenen Thron zu sorgen, die Proklamierung eines anderen Kalifen zu fürchten anfängt, ist schon öfter hervorgehoben. Der „Standards-Korrespondent in Alexandrien schreibt Arabi ganz ungeheuerliche Pläne zu. Falls die Westmächte aktiv intervenieren, wolle er den Suezkanal mit längst bereitem Dynamit und Torpedos sprengen, die Eisenbahn nach Kairo demolieren, der Landung europäischer Truppen Widerstand leisten und, wenn besiegt, nach der Wüste sich zurückziehen, wo 30000 Beduinen als Parteigänger Halims ihn unterstützen würden. Es verlaute, das Ministerium werde diesen Plan aus patriotischen Gründen sanktionieren.
Der Khedive weigert sich noch immer, nach Kairo zu gehen. Er zieht es vor, in seinem Palast am Strande in Alexandrien zu bleiben, dessen Zugänge durch die Kanonen der europäischen Flotte bestrichen werden könne. An seiner Seite hält sich auch Derwisch Pascha. Wessen sich da die Europäer zu versehen haben, welche Stimmung gegen sie in den maßgebenden Kreisen herrscht, das läßt sich aus dem Bericht des „Times"-Korrespondenten in Alexandrien erkennen.
Der Korrespondent schreibt über einen Empfang beim Khedive, bei dem sich zugleich noch mehrere andere Europäer und Eingeborenen, unter den letzteren Daoud Pascha, eingefunden hatten. Als davon die Neve war, daß zwei syrische Christen, als sie einen Fluchtversuch machten, ertränkt worden wären, bemerkte Daoud Pascha: „Um so besser, sie sind in die Hölle gefahren." Der Vizekönig schien sehr ärgerlich über diese Aeußerung und fragte: „Haben sie nicht Seelen wie wir?" worauf der Pascha entgegnete: „Nein, sie sind verwünschte Ungläubige; mögen sie alle denselben Weg nehmen." Da der Khedive sah, daß Daoud Pascha erregt war, suchte er ihn zu beruhigen und bemerkte: „Wenn alle Europäer das Land verlassen haben, wie wird dann das arme Egypten für sein Brot sorgen?" Hierauf erfolgte wiederum die Antwort: „Wir können durch unS selbst leben; wir brauchen keine Ungläubigen." Der Vizekönig gab demnächst dem Gespräche eine andere Wendung, verweigerte aber dem Pascha, als derselbe sich dann verabschiedete, die Erlaubnis, ihm die Hand zu küssen.
Die „Neue Freie Presse" erhält den Wortlaut der letzten Zirkulardepesche der Pforte, womit sie den von den Ostmächten unterstützten Vorschlag Englands und Frankreichs, zur Lösung der cgyptischen Krise eine Konferenz in
Konstantinopel abzuhalten, abgelehnt hat. Diese von dem türkischen Minister des Aeußern, Said Pascha, gezeichnete und an die Vertreter der Pforte bei den Großmächten gerichtete Depesche lautet wie folgt:
Konstantinopel, 20. Juni.
In den letztabgelaufenen Tagen sind die Vertreter Oesterreich-Ungarns, Deutschlands, Italiens und Rußlands bai mir erschienen, um mir mitzuteilen, daß sie von ihren respektiven Regierungen beauftragt seien, der kaiserlichen Regierung den Rat zu erteilen, sie möge dem von den Regierungen Ihrer britischen Majestät und der französischen Republik bereits gemachten Vorschläge beistimmen, daß eine Konferenz in Konstantinopel zusammentrete mit der Aufgabe, die Mission des Marschalls Derwisch Pascha zu erleichtern; zum Schluffe fügten dieselben hinzu, daß die erwähnte Konferenz sich ausschließlich nur mit den egyptischen Angelegenheiten zu beschäftigen haben werde, wie dies die zwei proponierten Mächte schon ihrerseits der Hohen Pforte erklärt hätten. Meine succesiven Antworten an die Herren Vertreter der sechs Mächte hatten zur Grundlage jene Argumente, die meine Zirkulardepeschen Ihnen bereits zur Kenntnis gebracht und welche, wie wir hoffen wollen, die Unnötigfeit der Konferenz dargethan haben, die, wie wir neuestens erfahren, nächsten Donnerstag den 22. d. M. ihre Thätigkeit in Konstantinopel beginnen soll.
Die letzten Nachrichten, welche uns aus Egypten zukommen bestätigen den Fortschritt, welchen die Beruhigung in dieser Provinz macht, und die weisen und praktischen, zu diesem Zwecke zwischen der kaiserlichen Mission und Sr. Hoheit dem Khedive vereinbarten Maßregeln, sowie die Bildung des neuen egyptischen Ministeriums lassen unS die rasche und vollständige Wiederherstellung der öffentlichen Ruhe und Ordnung hoffen.
Angesichts dieser Situation halten wir uns überzeugt, daß die Mächte in ihren Gesinnungen der Unparteilichkeit, der Billigkeit und in ihrer der unseren gleichkommenden eifrigen Sorgfalt für die Wiederkehr des normalen Standes der Dinge in Egypten zuzugeben geneigt sein werden, daß die Bemühungen Derwisch Paschas dem allgemeinen Wunsche nach Ruhe und Frieden entsprechen und daß sohin der Zusammentritt einer Konferenz nur die doppelte Ausführung eines und desselben Planes wäre und sehr leicht Unzukömmlichkeiten nach sich ziehen würde, welche geeignet wären, die Bestrebungen des Marschalls zur-Erreichung des Zieles, das man sich vollbewußt gesteckt, zu vereiteln.
Wir schätzen uns — wie ich dies den Herren Vertretern der Mächte schon bemerkt habe — sehr glücklich, in einen Austausch der Ansichten mit ihnen einzutreten, in-
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Aus der Borzeit.
Kirchliche Prozessionen und geistliche Spiele in Marburg.
(Fortsetzung)
Papst Johannes XXII. suchte im Jahre 1316 die Feier deS FrohnleichnarnsfesteS noch dadurch zu erhöhen, baß er dem Feste eine Oktave gab und das heilige Sakrament in feierlicher Prozession umherzutragen gebot. Infolge dieser päpstlichen Anordnung mußte für die geweihte Hostie ein neues Gefäß konstruiert werden, welches sich sowohl zum Umhertragen der Hostie bei Prozessionen als auch zum Zeigen derselben im Gottesdienste eignete. Dieses Gefäß, Monstranz genannt, erhielt Aufstellung im Tabernakel, d. i. in einem an ober in der Wand rechts neben dem Hiupialtar in der Kirche angebrachten, mit Einer eisernen Gitterthür versehenen Schränkchen.
Feierliche Umzüge oder Prozessionen waren schon zur Zeit des Kirchenvaters Johannes Chrysostornus (f 407) im kirchlichen Gebrauche und aus der morgenländischen In die abendländische Kirche übergegangen. Sie wurden um derschiebener Ursachen willen angeordnet: um Regen oder um gutes Wetter, oder um Abwendung von Unglück, als Krieg, Hunger, Teuerung, Pestilenz u. a. von Gott zu "flehen.
Regelmäßig wiederkehrende und außerordentliche Pro- Wonen mit und ohne Sakrament kamen bis zur Einführung der Reformation alle Jahre in Marburg vor.
den außerordentlichen Prozessionen waren zeitweise doch sogenannte Stationen verbunden, d. h., in der beissenden Kirche, nach der hin die Prozession sich bewegte, °der in der sie sich sammelte, wurden Messen gelesen und dm ausgestellten Bildern aus der Leidensgeschichte deö §*rrn, an denen die Prozession sich vorüber bewegte, stille
gestanden, bei welchen bann ein Geistlicher Gebete rezitierte, welche auf die Veranlassung der Prozession Bezug nahmen. Diejenigen, welche mit reuigem und bußfertigem Herzen sich hieran beteiligten, erhielten Nachlaß zeitlicher Strafen.
Prozessionen und Stationen wurden in Marburg angeordnet :
1) Um zeitlichen Gewitters willen, d. h. um Erstehung guten Wetters für das Gedeihen der Feld- unb Gartenfrüchte und des Weines.
2) Um besondern und allgemeinen Friedens willen. Um ersteren, wenn die landgräflichen Brüder, wie einst Ludwig II. von Niederhessen (f 1472) und Heinrich III. von Oberhessen (f 1483) in Unfriede lebten und sich bekriegten, ober, wenn man nach dem Tode eines Landgrafen sich um die Regentschaft ober Vormundschaft stritt, wie dies geschah nach Landgraf Wilhelms II. Tobe (f 1509). Damals wurden sowohl seitens der verwitweten Landgräfin Anna von Mecklenburg als auch des Landhofmeisters Ludwig von Boyneburg und der andern Regenten des Hessenlandes Prozessionen und Betfahrten zur Kirche der heiligen Elisabeth angeordnet. Um allgemeinen Friedens willen wurden Prozessionen und Stationen angeordnet, wenn der Landgraf mit seinen Völkern in den Krieg gezogen war. Zu einem jeden Kriege hatte die Stadt Marburg ihr Kontingent aus der Bürgerschaft unter einem „sturken Hauptmann" zu stellen und mit dem erforderlichen Proviant zu versehen. War der Sieg seitens der Hessen erfochten und ein Bote brachte ans dem Lager ein Schreiben an Bürgermeister und Rat, das diese Nachricht enthielt, dann wurde sofort eine Prozession unter Vorhertragung des Sanktissimum veranstaltet. Als im Jahre 1460 Landgraf Ludwig II den Erzbischof Diether von Mainz besiegt hatte und oie Kunde davon hierher gelangte, wurde insonderheit aus Geheiß des Landgrafen Heinrich III., der an diesem
Kriege sich nicht beteiligt hatte, „eine gemeine Station und Prozession mit den Orden der Barfüßer und Dominikaner Gott zu Danke, zu Lobe und zu Ehren um der Ueber- windung willen gehalten."
3) Um Abwendung der Pestilenz. Als diese schreckliche Krankheit im Jahre 1452 wütete und so viele Menschenopfer forderte, wurden Montags, Dienstags, Mittwochs und Donnerstags nach dem Feste der Himmelfahrt Mariä j. I. Messen und Stationen in der hiesigen Pfarrkirche, zu St. Elisabeth und bei den Franziskanern und Dominikanern gehalten.
4) Gegen den Erbfeind der Christenheit. Als im Jahre 1453 die Türken in Europa eingefallen waren und Konstantinopel erobert hatten, kam vor Ablauf des Jahres 1456 ein päpstliches Schreiben dahier an, des Inhalts, „etliche gemeine Prozessionen und Gebete wider die Ungnade der Türken zu halten." Am NeujahrStage 1457 versammelte sich der Rat auf dem Rathause und ging dann von da in das Pfarrhaus, um sich mit dem Pfarrer Herrn Johann Leybenit über die Ausführung deS Mandates zu besprechen, bei welcher Gelegenheit auf Rechnung der Stadtkaffe etliche Viertel Wein getrunken wurden.
5) Zur Kundgebung freudiger Ereigniffe. Als am 15. Mai deS Jahres 1475 die Nachricht von der Wahl deS Landgrafen Hermann zum Erzbischof von Köln hierher gelangte, ließ sein Bruder Landgraf Heinrich IIL unter Glockengeläute das Tedeum laudamus absingen und darauf eine Prozession halten. Nach derselben veranstaltete der junge Landgraf Ludwig, Heinrichs III. Sohn, dem Rate, den Notabeln aus der Bürgerschaft und den Beamten in Henne MartorsS Hause in der Barsüßerstraße ein Gelage, welches mit 3Vs Pfund Geld aus der Stadtkaffe bezahlt wurde. (Fortsetzung folgt.)