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Marburg, Dienstag, 20. Juni 1882

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Novelle von A. H o r st. (Fortsetzung)

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Deutsches Reich.

Berlin, 17. Juni. Der Kaiser konferierte gestern Nachmittag mit dem Reichskanzler und verblieb abends in seinem Arbeitszimmer. Abends ll1/« Uhr gedenkt Aller- Mstderselbe über Kassel nach Ems abzureisen, wo wie alljährlich wieder ein mehrwöchiger Aufenthalt genommen werden soll. Der Kur in Ems wird dann wieder ein etwa 14tägiger Aufenthalt in Wildbad Gastein folgen. — Der „Reichsanzeiger" publiziert das Gesetz, betreffend die Einsetzung von Bezirkseisenbahnräten und eines LandeS- eisenbahnrates. — Laut der im Reichsschatzamt zusammen­gestellten Nachweisung der zur Anschreibung gelangten Ein­nahmen (samt den kreditierten Beträgen) an Zöllen und gemeinsamen Verbrauchssteuern, sowie anderer Einnahmen im Reiche betrugen diese im vorigen Etatsjahre 387 391634 Mark oder 48 734 730 mehr als vorvoriges EtatSjahr. Alle Posten hatten Mehreinnahmen, die Mindereinnahme von 247 M. bei der Branntwein - Uebergangsabgabe fällt nicht inS Gewicht. Die Zölle brachten rein 196976244 oder nahezu 15 Millionen mehr. Die Tabaksteuer hatte ein Mehr von über 4 Millionen, die Rübenzuckersteuer von nahe 28 Millionen, die Salzsteuer von 239975, die Branntweinsteuer von 1280 304, die Brausteucr von 36 051, die Bier-Uebergangsabgabe von 170 076 M. Dazu treten: Spielkartenstempel mit 1058495 oder 45132 weniger, Wechselstempcl 6721072 oder 256607 mehr, Stempel­abgabe für Wertpapiere, Lose, Noten, Rechnungen 6 203 439, Post und Telegraphie 136 647194 oder 9 213 549 mehr, Reichs-Bahnverwaltung 43539254 oder 3436362 mehr. Die Ist - Einnahmen der zuerst erwähnten Zöllen und Steuern betrugen dagegen 346 310321 oder 65942078 M. mehr als voriges EtatSjahr. — Der Minister deS Innern wird sich, wie man hört, im nächsten Monat nach Schles- wig-Holstein behufs amtlicher Inspektion begeben. — Auf Antrag des Ministers der öffentlichen Arbeiten hat der Kaiser genehmigt, daß den unbemittelten Teilnehmern, kleinerer Zusammenkünfte erwachsener Taubstummen an Taubstummen-Anstalten, sowie solchen Taubstummen, welche behufs ihrer kirchlichen Versorgung einzeln die betreffenden Anstalten besuchen wollen, auf den Staats- und unter Staatsverwaltung stehenden Eisenbahnen auf gründ eines vom Landrat ausgefertigten Ausweises eine Preisermäßigung dadurch gewährt werde, daß bei Benutzung der dritten Wagenklaffe der Militärfahrpreis erhoben werde. — Die Reichstags-Kommission zur Vorberatung der beiden sozial­politischen Entwürfe und der Gewerbeordnung« - Novelle beschloß gestern Abend, am 30. Nov. resp. 1. Dez. ihre Beratungen wieder auszunehmen. Die Anschauung des Abg.

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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux von G. L. Daube u. C». in Frankfurt a. M.; Jtigersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung ♦ daselbst; Jnvalidendoi kin

Berlin; W. Thienes in

Elberfeld: C. Schlotte in

Bremen.

..„eigen nimmt entgegen: K p-dition d. Blattes. ? «ied Annoncen-Bureaux l°®7h Dietrich u. Co. in ’ und Hannover; Th. Wch m Frankfurt a.M.; Knftein u. Vogler in a. M., Berlin, gig, Köln ic.; Rudolf Le in Berlin, Frank- ilDn furt a. M. ic.

Lasker, daß auch während der Vertagung die Kommissionen ar­beiten können, fand in der Kommission keine Zustimmung. — In einem Artikel über die konservative Wahlagitation schreibt die „Nordd. Allg. Ztg.": „Was hilft es der kon­servativen Agitation, was hilft den Rednern in konserva­tiven oder allgemeinen Versammlungen, die Regierungs- Politik mit Unbefangenheit zu beleuchten, um den eigenen Absichten ein redliches Zeugnis auszustellen und überall der Wahrheit die Ehre zu geben in der Ueberzeugung, daß die Sonne der Wahrheit die Wolken durchbrechen werde? Was hilft das alles einer Stimmung gegenüber, welche aus einer methodisch herbeigeführten Verwirrung der Geister künstlich erzeugt worden ist. Dagegen hilft nur eines! Man muß den Feind bei den Hörnern fassen oder, un­verblümt gesprochen, man muß die fortschrittlichen Flug­blätter, wo sie und sobald sie auftauchen, zum Gegenstand neuer Vorträge machen, und in denselben Satz für Satz die Ungereimtheiten, Widersprüche und Lügen nachweisen, mit deren Hülfe sie die Menschen zu verwirren, ihnen den Kopf zu verkeilen suchen, wie der Volksausdruck lautet. Auch der Dümmste aber wird in Harnisch geraten, wenn man ihm klar macht, für wie dumm ihn die Fortschritts­leute halten, und wenn dem armen Manne vor Schrecken die Pfeife auögeht bei der Versicherung, daß ihm das Pfund Tabak nach Einführung deS Monopols auf 4 M. mindestens zu stehen kommen werde, hätte doch sicherlich Mancher bei verständiger Kommentierung des Flugblattes ausgerufen: das ist doch zu starker Tabak! und dumm machen lassen wir uns auch nicht." — Die Jury tritt heute Abend zu einer Sitzung zur Entgegennahme der ringegangenen Konkurrenzen für das neue ReichstagSge- bäude zusammen. Der Kaiser besichtigte heute die Ent­würfe zum Reichstagsbau im provisorischen Kunstaus­stellungs-Gebäude. — Den Morgenzeitungen zufolge legte der Staatsanwalt Revision gegen die Freisprechung Momm­sens ein. — Einer Mitteilung der „Nordd. Allg. Ztg." aus Triest zufolge schickte die Direktion des österreichischen Lloyd gestern einen ihrer größten Dampfer, „Ettore", mit voller Kraft nach Alexandrien, um nötigenfalls den Euro­päern Schutz zu gewähren. Auf die heutige Nachricht, daß 1800 Flüchtlinge zur Abreise bereit seien und auf eine Schiffsgelegenheit warteten, schickte die genannte Ge­sellschaft noch zwei große Dampfer, die Dampfer „Achillc" und „Minerva", ebendahin ab. Diese Maßregel wird auch den deutschen Staatsbürgern in Egypten Beruhigung bringen.

Berlin, 17. Juni. Der Abg. Bamberger hat in seiner am 12. Juni gehaltenen Rede die Ausführungen deS können. Und nun der letzte Punkt, welcher auf das Gc- mütsleben der Baroneß Gisela von großem Einfluß war.

Dieser betraf die Baroneß Gertrud v. Swoboda, augen­scheinlich ein reizendes, junges Mädchen, ausgestattet mit den besten Gaben des Herzens und Geistes, welches als eine Flehende vor, der Baroneß Gisela, ihrer Schwägerin, stand und bei dieser Schutz suchte gegen ein rauhes Geschick, welches wohl Niemand ändern konnte als der Vater Gise­las, der durch seine Millionen allmächtige Bankier Nepomuck.

Alle viese Umstände ließen im Herzen der Baroneß Gisela den Wunsch reifen, das schmerzliche Geschick, welches der Familie Swoboda drohte, zu verhindern, doch erschien dies selbst für die edle Gisela, die Tochter eines Millionärs, als eine unlösbare Aufgabe. Sie konnte nicht hineilen zu dem Baron Curt von Swoboda und sich ihm als Ge­mahlin aufdrängen. Ihr weiblicher Stolz ließ daö un­möglich zu und dann hätte dieser Schritt auch. die Miß­billigung ihre« Vaters, der darin eine neue Demütigung seiner Tochter erblicken mußte, gefunden. Etwas thun wollte Gisela doch zu gunsten der Familie Swoboda, nur war es ihr noch recht unklar, was sie eigentlich thun sollte, denn erstens sollte eö ohne die Mithilfe ihres VaterS sein und zweitens sollte es heimlich geschehen, Niemand und die FamUie Swoboda am allerwenigsten sollten eine Ahnung haben, daß Gisela irgendwo die Hand im Spiele hätte. Sie brauchte zu diesem Zwecke aber offenbar eine Ver- trauenSperson, die sich indessen auch recht schwer finden ließ. Gisela dachte wohl an Seyfried. Dieser war aber der Vertraute ihres VaterS und deshalb faßte sie in dieser Angelegenheit, won der ihr Vater nichts w ssen sollte, kein rechtes Verträum zu Seyfried. In Neudegg war Baroneß Gisela auch von allen außergewöhnlichen HülsSmitteln ab- geschnitten und fie kam daher nach einigem Ueberlegen zu dem Entschluß nach Wien zu reisen und dort ihren Plan reifen zu lassen und zur Ausführung zu bringen. Am anderen Morgen, nachdem sie noch am Abend vorher einen

Erscheint täglich außer an den Werltagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für daS Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllustrlrteS EormtagSblatt" durch die Expedition lK o ch'sche Buchdruckerei) bezogen 2l/t Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr.) — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.

Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.

Es konnte nicht ausbleiben, daß der Brief der Baroneß Gertrud von Swoboda auf das edele und hochherzige Ge­müt der Baroneß Gisela einen tiefen Eindruck machen mußte, sah doch die Baroneß Gisela auS diesem Briefe, daß die Familie und zumal der Mann, der sie von sich ge­stoßen hatte unglücklich geworden waren und zwar unglück­lich durch eine That, durch welche die stolze Familie der Swobodas sich von einer drückenden Fessel hatte befreien wollen, eine Fessel, die nichts mehr und nichts weniger be­deutete, als die Ehe deS Barons Curt von Swoboda mit Gisela, der Tochter des Bankier Nepomuck. Dann waren in dem Briese aber noch zwei andere wichtige Punkte ent­halten. Der Baron Curt wünschte die Verzeihung seiner beleidigten Gemahlin zu erlangen und dieser Wunsch war ein köstlicher Balsam sür da« tiefgekränkte, schwerverwundete Frauenherz der Baroneß Gisela. „Er muß doch nicht einen solchen schlimmen Charakter haben," sagte sich Gisela und das stets zur Verzeihung geneigte Herz der edlen Dame begann dem Manne zu verzeihen, der sie einst !v schnöde verlassen hatte, ja, der Baron Curt v. Swoboda, dem Gisela früher nie mit leidenschaftlicher Liebe zugethan war, erschien ihr jetzt wie ein Vollender Kavalier, der einen stäuterungsprozeß durchgemacht hatte. Das versöhnte und hoffnungsvolle Herz der Baroneß ging noch weiter, sie hielt es sogar für möglich, nunmehr mit dem Baron Curt Uvch ein glückliches Eheleben führen zu können. Diese Wandlung im Herzen Giselas war sowohl durch die statt- flehabten letzten Vorgänge, als auch durch ihr echt weib- "ches Gemüt bewirkt, welches die Ehe als ein unlösliches, v°n der Religion geschätztes Bild zwischen zwei Gatten be­trachtete und somit erfreut war, im entscheidenden Momente ___- vielleicht die Trennung dieses Bandes noch verhindern zu

Herrn Reichskanzlers über die mit dem gegenwärtigen direkten Steuersystem verbundenen massenhaften Exekutionen und das durch dieselben verursachte Elend dadurch zu ent­kräften gesucht, daß er die Behauptung aufstellte, ähnliche im preußischen Abgeordnetenhause schon früher vorgebrachte Klagen hätten daselbst triftige Widerlegung gefunden. Seinem Bestreben, die vom Herrn Reichskanzler geschil­derten Uebelstände als nicht vorhanden hinzustellen, wußte Herr Bamberger keine andere Stütze zu geben, als daß er sich auf zwei konservative Mitglieder des Abgeordneten­hauses, auf Herrn Nasse und Herrn v. Meyer-Arnswalde, berief, die angeblich „alle die Behauptungen, die heute hier exponiert worden, reichlich widerlegt und so widerlegt" hätten, „daß man nicht zu erwarten brauchte, sie würden heute hier wiederholt werden". Mit diesen mit großem Aplomb vorgetragenen Sätzen waren für Herrn Bamberger alle Schwierigkeiten und Uebelstände der heutigen Klassen­steuer abgethan — er sprach kein Wort weiter darüber und wandte seinen beweiSkrätigen Redestrom anderen Gegenständen zu. Untersucht man nun an der Hand der stenographischen Berichte genauer, welche Reminiszenzen Herrn Bamberger vorgeklungen haben mögen, als er die auf amtlichen Erhebungen beruhenden Angaben des Herrn Reichskanzlers über daS Elend der Exekutionen anzusechten unternahm, so findet man, daß im Januar 1877 im preu­ßischen Ageordnetenhause allerdings bei Gelegenheit der Debatte über die Resultate der Veranlagung zur Klassen­steuer für das Jahr 1876 die große Zahl der Exeku­tionen zur Sprache gebracht worden ist. Die hierauf be­züglichen Aeußerungen deS Professors Nasse beschränkten sich indessen darauf, die Einschätzungskommisstonen und -Beamten gegen den Vorwurf der Willkürlichkeit zu ver­teidigen. Was aber die untersten Stufen der Klassensteuer anbetrifft, so sagte Herr Nasse damals: ,.Es ist, glaube ich, ganz richtig, daß in den unteren Stufen der Klassen­steuer, sowohl was die Einschätzung, sowie was die Erhe­bung angeht, bei uns große Mißstände bestehen. Es ist einmal nicht zu verkennen, daß eine Personalsteuer, die so weit heruntergeht--eine außerordentlich harte, eine

lästige ist, und daß die Eintreibung mit vielen ver­hältnismäßig großen Beschwerden verbunden ist." Nasse entwickelt hierauf, daS eS durchaus notwendig sei, die Untergrenze der direkten Besteuerung viel höher al« bei 460 Mk. beginnen zu lassen, und schlägt als Minimal­grenze ein Einkommen von 1200—1500 Mk. vor. „Ein großer Staat", sagte Herr Professor Nasse, „mit großer Beweglichkeit der Bevölkerung, mit entwickelten industriellen und städtischen Verhältnissen, hat noch niemals die untersten

Ißrkf an ihren Vater bezüglich ihrer Ankunft in Wien ge- fchrieben hatte, fuhr Baroneß Gisela in einem eleganten Reisewagen von Neudegg nach der österreichischen Haupt­stadt ab. __________

Der verhängnisvolle Dienstag, an welchem die Swo- boda'schen Besitzungen an den Meistbietenden verkauft werden sollten, war herbeigekommen. Eine buntscheckige Gesellschaft hatte sich zu diesem Zwecke teils schon am Tage vorher, teils am frühen Morgen des VerkaufStageS im herrschaftlichen Wohnhause des BaronS Andreas ange- meldet. ES waren Kauflustige, deren kaufverständige Freunde und Kaufvermittler. Ferner waren anwesend die Vertreter des Hauptgläubigers der Swoboda'schen Güter, Herr Seyfried aus dem Hause Karl Nepomuck und der Rechtsanwalt NepomuckS. Außerdem fehlten auch die Ver­treter des Gerichts, die den Verkauf der Swoboda'schen Güter zu überwachen hatten, nicht.

In zwei Zimmern des herrschaftlichen Gebäudes waren zwei Tafeln gedeckt, auf welchen die Kaufliebhaber und Nebenpersonen ein Frühstück einnehmen sollten. Die Distin­guierten unter diesen, einige adelige Herren und bekannte Großgrundbesitzer wurden an die eine Tafel geladen und Baron Andreas von Swoboda war taktvoll genug, um die Vertreter seines Hauptgläubigers auch mit an dieser Tafel Platz nehmen zu taffen, denn der Bankier Nepomuck hatte sich ja auch gleichzeitig als bevorzugter Kaufliebhaber mit angemeldet. Die übrigen Personen, die sich beim Verkauf der Swoboda'schen Güter eingefunden hatten, früh­stückten an der zweiten Tafel im anderen Zimmer. Auf diesen Frühstückstafeln lagen auch in mehrfachen Abschriften die Verkaufsbedingungen mit der Beschreibung der zu ver­kaufenden Güter, deS Areals, der Gebäude, deS lebendm und toten Inventars ausgelegt und jeder Anwesende konnte sich über die Verkaussobjekle genügend orientieren.

(Fortsetzung folgt.)