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Jliarfiurg, Sonntag, 18. Juni 1882
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Wenn Fürst Bismarck im Reichstage spricht, dann gilt das für ein Ereignis ersten Ranges. Die Abgeordneten stiid vollzählig auf ihrem Platze, das Publikum drängt sich in Massen auf die Zuhörertribünen, dicht gedrängt stehen die Leute in atemloser Stille, um seinen Worten zu lauschen. Am nächsten Tage will jeder, der sich sonst nie um Parla- mentsberichte kümmert, seine Rede lesen: jeder wird zum Politiker und fühlt an sich die gewaltige Macht, die daö Ansehen des Kanzler« ausübt.
Wir finden diese Anziehungskraft und Wirkung einer Usmarckschen Rede nur zu natürlich. Aber um so schmerzlicher muß man es empfinden, wenn die alte Gleichgültigkeit, nachdem die Neugierde oder das augenblickliche Interesse befriedigt worden, wieder Platz greift, und wenn die Parteien, nachdem sie aus dem großen Ereignis neuen Stoff -nr Befriedigung ihrer Interessen gewonnen, nun wieder den Kanzler „als Mann auf einsamer Höhe", der „losgelöst vom Volke" ist und „seinen Willen demjenigen der Nation" entgegenstellt, behandeln.
Es ist mit der deutschen Nation weit gekommen, daß sie ihren Kanzler nur als eine Art „Weltwunder" betrachtet und daß die Parteien in ihm das beste Angriffsobjekt erblicken. Wahrlich, man erlebt es wieder: ein Prophet gilt nichts in seinem Vaterlande. Auch die deutsche Nation kennt in vielen ihrer Glieder keine Dankbarkeit.
Es wäre unserem Volke gut, wenn e« einmal wirklich in den Spiegel hineinschauen wollte, den ihm der Kanzler dorgehalten. Fürst Bismarck hat mit seiner Rede keine
schon zum Sprichwort gewordenen „Willen" dem Volke auszudrängen, er hat nur Zeugnis abgelegt vor der Mit- und Nachwelt für das, was er erstrebt und wa« die Erreichung seiner Ziele hindert, was Deutschland auf Abwege zu führen droht! Und diese« Zeugnis, dächten wir, müßte für jeden guten Deutschen einen besonderen Wert haben.
Fürst Bismarck legte die Ziele seiner Steuerreform- Politik, die so häufig von seinen Gegnern verdunkelt werden, noch einmal klar dar: Aufhebung der drückenden Last d er Klassensteuer mit ihren Millionen Exekutionen, Entlastung der Gemeinden; Aufhebung deS Schulgeldes. Das Tabaksmonopol hat zur Erreichung dieser Ziele dienen sollen, eS war nur das Mittel, keineswegs der Zweck.
Alle Parteien — mit Ausnahme der Fortschrittspartei — wissen eS dem Kanzler Dank, daß er die Wirtschafte-- und Steuerreform auf seine Fahne geschrieben; man erkennt die Richtigkeit und Notwendigkeit einer Steuerreform ebenso wie die der Zollreform an, und doch hat die Mehrzahl der Parteien noch nicht« zur Verwirklichung der ersteren gethan. Man tadelt des Kanzler« Methode, man tadelt diese« von ihm zur Befriedigung der Neformbedürfniffe vorgeschlagene
ländliche Einsamkeit hier in Neudegg heilt mein Herz und ich habe zunächst keinen anderen Wunsch, als recht lange so weiter zu leben. Nur eine Freundin, eine mitfühlende Gefährtin wünsche ich mir, ein weibliches Wesen, was mit mir das Glück der Einsamkeit teilt, mehr al« eS eine dienende Person thun kann."
Seyfried fühlte sich vurch diese Worte Giselas mit seinen Plänen vollständig in die Enge getrieben. Er wagte sich ihr mit seinen Empfindungen nicht zu nähern und sah ein, daß es nur Freundschaft war, reine edle Freundschaft, aber keine Liebe, welche die verlaffene Baroneß Gisela ihm, dem langjährigen Günstling des Bankier Nepomuck, zollte. Diese Erkenntnis ernüchterte Seyfrieds Herz und brachte seinen ganzen Gedankenkreis auf den früheren Standpunkt zurück, wo er sich noch mit der Meinung trug, daß et da« Herz der Baroneß Gisela gewinnen könnte. Seyfried erhielt von Baroneß Gisela noch einige Aufträge an deren Vater, den Bankier Nepomuck und schied dann mit der Versicherung des Danke« und der Freundschaft seitens seiner verehrten Gastgeberin von Neudegg.
Baroneß Gisela hatte, wie schon vorher erwähnt wurde, den Wunsch, eine ihr in geistiger Beziehung verwandte Dame al« Gesellschafterin in Neudegg zu besitzen und sie hatte deshalb eine solche junge Dame von bester Familie, vorzüglicher Herzen«- und Geistesbildung, die Waise oder sonst eine vom Schicksal geschlagene ehrenhafte Person sein konnte, in einer viel verbreiteten Zeitung gesucht. Zwei Tage nach der Abreise Seyfried« kamen eine Anzahl der betreffenden Offertbriefe in Neudegg cm. Mit begreifliger Emsigkeit und Wißbegier machte sich Baroneß Gisela bald an daS Durchlesen und Prüfen der Offerten. ES lagen Briefe von mehreren distinguierten Damen vor, die lange
Reichstag.
Berlin, den 16. Juni.
In der heutigen (20.) Plenarsitzung des Reichstags wurde zunächst der Antrag de« Bundesrats zu den Beschlüssen de« Reichstags über den Gesetzentwurf, die Abänderung des Zolltarifgesetzes nach kurzen Bemerkungen der Abgg. Richter (Hagen), Windthorst und Frhr. b. Sinniger ob eingenommen. ES handelt sich wesentlich um die redaktionelle Richtigstellung der materiell indirekten Beschlüsse des Reichstags.
Darauf wurde der Antrag wegen Vertagung des Reichstags von dem Staatssekretär deS Innern v. Bötticher begründet. Die verbündeten Regierungen hätten allerdings sehr gern gesehen, wenn außer dem TabakSmonopol wenigstens noch ein Teil der wichtigen Vorlagen erledigt worden wäre, zumal es durchaus notwendig sei, an die
Mittel und jenen von ihm empfohlenen Weg. Kurz er kommt nicht weiter, weil sich die Opposition immer an Einzelheiten hängt.
Und hieran ist nach dem Zeugnis des Fürsten Bismarck wesentlich das Fraktionsunwesen schuld. In der That sind e« meist Fraklions- und Parteiinteressen, die sich hinter dem volltönenden Nrmen des „Willens der Nation" verbergen, welche ein ersprießliches Schaffen im Parlament bei dem Gegensatz dieser Interessen verhindern. So lange die Fraktionen nicht ihre Interessen derjenigen ihrer Auftraggeber rückhaltlos unterordnen, so lange werden die wahren Bedürfniffe des Volkes nicht diejenige Berücksichtigung finden, welche sie erfordern.
Fürst Bismarck beutete auf die Gefahren, welche mit dieser Fraktionskrankheit verbunden sind. Sie verfinstert den nationalen Gedanken und macht da« Parlament lediglich zum Schauplatz von Streitigkeiten, welche dem Ansehen Deutschlands im Auslande leicht einen Stoß geben können. Seid einig! war die Mahnung, welche er den Parteien an« Herz legte.
Wer wollte dieser Mahnung nicht freudig und dankbar zustimmen l Und dieser Hinweis auf den nationalen Gedanken fand — charakteristisch genug — bei der Fortschrittspartei Widerspruch, indem sie ihn mit Zischen beantwortete.
Wir kennen die Uebel, an denen unser politisches Leben krankt, wir kennen die Gefahren, die damit verbunden. Möge diese Kenntnis auch zur Erkenntnis werden und zur Einsicht dessen führen, wa« uns not thut. Möge nicht nur im Parlament, sondern auch im Volke der nationale Gedanke wieder neue Kraft erhalten und verhindern, daß da« mittelmäßige und oberflächliche Treiben derer fortwuchert, welche sich als die wahren Ratgeber der Nation auögeben und dem Volke schmeicheln. Ihr seid gewarnt, — lernet I
Gisela.
Novelle von A. H o r st.
(Fortsetzung)
Seyfried suchte nun wieder nach einem Anknüpfungspunkte, um nach Erledigung seiner Sendung nach den Swoboda'schen Besitzungen seiner eigenen Herzensangelegenheit Audienz zu gewähren und er begann in elegischem tone:
„Die Geschicke der Menschheit hängen an geheimnis- dollen Fäden. Wo man deS Glückes Gipfel erreicht sieht, kommt das ungeahnte Unglück über Nacht, das bescheidene Glück ist da immer noch daö sicherste, denn Niemand rührt dasselbe leicht an und wenn e« GotteS Wille ist, so kann man auch ein solches Glück bis an das Ende seiner Tage Seuießen."
„Ich glaube diese« bescheidene Glück mir hier in der Einsamkeit de« Landlebens erwerben zu können," erwiderte keilnehmend Baroneß Gisela. „Hier auf Neudegg will ich leben, so lange eS mir vergönnt ist und der Vater soll auch herauskommen und die letzte Hälfte seines Leben« bei Wnem Kinde verbringen."
_ »Wie, Baroneß Gisela, Sie wollen niemals in da« «eben der großen Gesellschaft, nach Wien, in die schöne ^vnaustadt zurückkchren?" fragte Seyfried erstaunt.
»Glauben Sie, mein lieber Herr Seyfried, daß ein suhlendes Frauenherz sich über die Enttäuschungen, wie ich ne in den letzten Monaten erfahren habe, so rasch Hinwegen kann? DaS Geräusch und der Glanz der vornehmen ■®tft würde all mein Unglück mir ins Gedächnis, rufen J}b mich so unglücklich machen, wie ich war, al« mich am «wnb meines Hochzeitstage« mein Gemahl verließ. Die
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Lader, Partei angegriffen, er war weit davon entfernt, seinen
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praktische Lösung der sozialpolitischen Aufgaben zu gehen. Gegenwärtig scheine aber eine ununterbrochene Fortsetzung der Beratungen keinen Erfolg zu versprechen. Die Regierung beantrage deshalb mit Genehmigung des Kaiser«, die Session bis zu einem Zeitpunkte zu vertagen, wo auf eine Beschlußfählgung sicher zu rechnen sei. Der Schluß de« Reichstages erfolge deshalb nicht, um die Arbeiten der Kommissionen nicht wertlos zu machen' «
Abg. Dr. Bamberger ist mit dem Anträge au8e den vorgetragenen Gründen im ganzen und großen etnver-, standen, betont aber das Exzeptionelle de« Verfahrens unh- daß in diesem Falle nicht etwa, wie bei den Justizgesetzena der Reichstag gewissermaßen verpflichtet erscheinen könneq die Kommisstonsarbelten en bloc anzunehmen.
Staatsminister deS Innern v. Bötticher entgegnet, daß die Regierung die Inangriffnahme der Arbeiten der Kommissionen in der Zwischenzeit ganz dem Vorsitzenden anheimgebe. Eine Vertagung des Reichstages auf so lange Zeit sei allerdings thatsächlich noch nicht eingetreten; aber exzeptionell fei sie nicht; sondern in der Verfaffung ausdrücklich vorgesehen. UebrigenS habe die Regierung lediglich geglaubt, mit dem vorgelegten Anträge den Wünschen de« Reichstages zu entsprechen; treffe diese Annahme nicht zu, so liege die Sache anders; regierungsseitig sei man bereit, die Arbeiten fortzusetzen.
Abg. v. Kardorff erklärt sich vollständig mit dem Anträge der Regierung einverstanden. ES sei überhaupt wohl angezeigt, die Kommissionsarbeiten einer Session für die folgende nutzbar zu machen.
Abg. Richter (Hagen) hält die Vertagung nicht genügend begründet. Er halte es für Pflicht, bei dem ersten derartigen Falle Widerspruch zu erheben, damit nicht ein Präzedenzfall geschaffen werde. Daß die Kommissionen in der Zwischenzeit arbeiten, hält er gar nicht für zulässig. Materiell blieben ja auch bei Schluß der Session die Arbeiten der Kommission unverloren.
Abg. Dr. Wlndthorst stimmt dem Anträge der Regierung gern zu mit Rücksicht auf die Wichtigkeit der in frage stehenden Vorlagen.
Auch Abg. Dr. Lasker ist mit dem Anträge einverstanden ; man müsse nur nicht zu große Erwartungen an diese« Vorgehen knüpfen und auf sicheres Zustandekommen der qu. Gesetze rechnen. DaS Recht der Fortwirkung der Kommissionen während der Vertagung hält er zweifellos, wie überhaupt alle Immunitäten des Reichstag« während der Vertagung fortbestehen blieben. Die weiteren Ausführungen dieses Redner« veranlaßten den
Staatssekretär v. Bötticher, die vorgestrigen Ausführungen de« Abg. Bamberger, wonach sich der Reichskanzler mit einer Korona umgeben haben solle, die ihm die Wahrheit vorcnthalte, mit Nachdruck als durchaus unzutreffend zurückzuweisen.
Leidensgeschichten zu erzählen hatten, der für die Baroneß Gisela interessanteste Brief unter den Offerten war jedoch derjenige mit nachstehendem Inhalte:
Hochgeschätzte Dame!
Die Wünsche und Worte, mit denen Sie ein weibliches Wesen zu Ihrer beneidenswerten Gesellschafterin suchen, haben mir ein so große« Vertrauen zu Jhnm eingeflößt, daß ich mir erlaube, Sie zu bitten, mich vielleicht al« ihre Gesellschafterin bei sich ausnehmen zu wollen. Ich bin von hochachtbarer adeliger Familie, habe dem entsprechend meine Erziehung erhalten und glaube Herz und Verstand genug zu besitzen, um einer Dame von Stand eine angenehme Gesellschafterin zu fein, ja, ich schmeichle mir sogar, Ihr Herz gewinnen zu können, denn ich habe im Kreise meiner Bekannten und Freunde noch niemals einen Feind gehabt, denn e« ist mir immer so vorgekommen, al« wenn mich Alle wohl leiden könnten. Sie werden nun nach der äußeren Ursache, welche mich bewegt, Ihnen eine Offerte zu machen, fragen. Ich will Ihnen zu diesem Zwecke eine kurze Leidensgeschichte meiner Familie erzählen. Mein Vater ist ein Gioßgrundbesitzer; doch well sowohl mein Vater al« auch meine Brüder Offiziere in der Armee waren und die jüngeren Brüder auch noch sind, so wurden unsere prächtigen Besitzungen infolge de« Aufwande«, den meine Familie machen mußte, nach und nach mit vielen Schulden belastet. Mein ältester Bruder hatte sich nun in diesem Sommer mit einer sehr reichen bürgerlichen Dame vermählt und war mein Bruder bei dieser Vermählung wohl dem Drange unserer Vermögens- Verhältnisse gefolgt und besaß infolge dessen nicht die Liebe und Hochachtung für seine Gemahlin, wie e« hätte
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