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JHatfiurg, Donnerstag, 15. Juni 1882

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Rechtsanwalt und Seyfried bot daher an Stelle ihres VaterS der Baroneß Gisela seinen Arm an. Langsam verließen die vier Personen das Gerichtsgebäude. Seyfried war viel zu taktvoll, um Gisela direkt avzureden, mußte er sich doch sagen, daß die schwergeprüfte junge Frau vielleicht neue Demütigungen hatte erdulden müssen. Gisela selbst redete auch kein Wort, sie war still in sich versunken, und beschäftigte sich nur mit sich selbst.

Draußen vor dem Eingänge des Gerichtsgebäudes hielt der Wagen Nepomucks, in welchem zunächst Seyfried, der Gisela stützte, dann diese und zuletzt Nepomuck Platz nahmen. Der Rechtsanwalt drückte noch allen Dreien zum Abschiede die Hand und bestieg darauf auch die seiner harrende Lohnkutsche. Auf der obersten Stufe des Ein­gangs zum GcrichlSgebäude erschien jetzt der Baron Curt und machte sich mit seiner hohen, majestätischen Gestalt weithin sichtbar. Unwillkürlich richteten die Insassen deS Wagens ihre Blicke nach ihm. Baron Curt wandte sein bleiches vergrämtes Antlitz, welches indessen noch vollständig die Würde seines Standes und Charakters zeigte, um, und seine Augen trafen den Wagen RepomuckS, der sich eben in Bewegung fetzte. Gisela konnte nicht mehr verhindern, vaß die Blicke des Baron Curt den ihrigen begegneten. Sie sah ihm nur zufällig und flüchtig ins Auge, es war ihr aber nicht entgangen, daß der Baron einen langen, schmerzvollen Blick auf sie geheftet hatte, worüber sie leicht zusammenschrak. Dem Bankier Nepomuck war weder vor­her noch jetzt daS sorgenvolle Haupt des Baron Curt ent­gangen, aber für sympathische Empfindungen dem Baron Curt gegenüber hatte Nepomuck jetzt in seinem Herzen keinen Raum mehr und in seiner derb sarkastischen Weise äußerte er;

einem Parlamente fertig zu werden. Der Landtag hätte übrigens gar nicht gestrikt, sondern das Verwendungsgesetz durchberaten, bis die Regierung es selbst zurückgezogen habe. Der Reichskanzler drohe mit fortgesetzter Auflösung des Landtags, bis er das Verwendungsgesetz annehme, und habe der preußischen Volksvertretung gegenüber einen Ton angeschlagen, wie das niemals seitens des Monarchen ge­schehen sei. Warum löse man den Reichstag nicht auf! Die Fraktionen seien in den Augen des Reichskanzlers nicht immer so schlau gewesen, wie er sie gestern geschildert. Jetzt sei sein Ideal eines Volksvertreters Herr v. Ludwig, als „Wilder", der keiner Partei angehöre. Nicht sowohl die Fraktionen des Hauses, als vielmehr das Volk selbst bilde den Ring, welcher sich dem Kanzler entgegensetze. Der Reichskanzler sage, er bleibe im Amte nur mit Rück­sicht auf den Allerhöchsten Willen, aber die Volksvertreter glaubten auch dem Könige zu dienen, indem sie die Rechte des Volkes verteidigen. Die Sprache deS Reichskanzlers sei dieselbe absolutistische, die er 1847 geführt. Die Dyna- stieen seien nichts ohne das Volk, alles durch das Vock. Der Reichstag aber begehe eine nationale That, indem er daS dem deutschen Volke durchaus verhaßte Monopol ab­lehne! (Lebhaftes Bravo links, Zischen rechts.)

Staatssekretär im Reichsschatzamt Scholz entgegnet, die gestrige Rede des Herrn Reichskanzlers sei allerdings im gewissen Sinne eine Wiederholung früherer Reden gewesen, da es sich eben um die Steuerreform handle, zu der naturgemäß bereits Gesagtes vorgetragen werden mußte. Uebrigens gebühre gerade der heutigen Rede des Vorred­ners mehr die Qualität der zweiten Auflage einer bereits gehaltenen Rede, da derselbe eben durchaus nichts neues vorgebracht habe. (Zustimmung rechts.) Abg. Richter würde ja auch seine heutige Rede gar nicht gehalten haben, wenn der Herr Reichskanzler eben gestern nicht ins schwarze getroffen hätte. — Wie ein roter Faden ziehe sich durch die Reden der Opposition trotz Darlegungen des Gegenteils die unbegründete Behauptung, der Reichskanzler habe Ver­sprechungen gemacht, ohne sie zu erfüllen. Seit Jahren würde thatsächlich an der Realisation der Versprechungen gearbeitet; das beweisen u. A. die Steuererlasse, die lieber« Weisungen von ReichSeinnahmen an die Einzelstaaten. Der Vorredner habe sich über den gestrigen Ton des Reichs­kanzler beklagt, aber sei es denn ein angemessener Ton, wenn bei pielsweise dem obersten Reichsbeamten vorge­worfen worden, er kenne nicht einmal die während seiner Amtsthätigkeit erlassenen Steuergesetze. Eine ganz unge­heuerliche Uebertreibung sei eS, wenn der Abg. Richter be­haupte, zur Einlösung der Versprechungen des Kanzlers seien die Erträge von 5 Monopolen erforderlich. WaS die Resolution Lingens betreffe, so werde angemessene Spar­samkeit bereits von der Regierung geübt, sie brauche daran nicht gemahnt zu werden. Der Ausdruck: „Macht geht

vor Recht" habe der Reichskanzler nicht, wie der Vorredner behauptet, „abgeleugnet", derselbe habe vielmehr konstatiert, daß man ihm jenes Wort mit Unrecht untergeschoben habe. Die gestrigen Ausführungen deS Reichskanzlers über daS Fraktionswesen ständen mit früheren Aeußerungen desselben keineswegs im Widerspruch; sie ergänzten sich vielmehr, (Beifall rechts.)

Abg. Frhr. v Minnigerode wendet sich im An­schluß an die Rede des Herrn Schatzsekretärs zunächst mit Nachdruck gegen verschiedene Ausführungen resp. Angriffe deS Abg. Richter. Die Ablehnung des Monopols würde den Herrn Reichskanzler nicht abhalten können, dem Reichs­tage andere Vorschläge zu machen. Sehr betrübend sei es gewesen, daß, als gestern der Reichskanzler, der gewiß ein Recht dazu habe, dazu gemahnt habe, den nationalen Ge­danken hoch zu halten, der Beifall auf der Rechten, vom Zischen auf der Linken begleitet gewesen sei. Während der Abg. Richter sich gegen das Monopol ausbäume, erkläre der Abg. Bamberger ganz offen, daß er gar kein fanatischer Gegner fei, vielmehr unter Umständen mit sich handeln lasse. Die Steuerreform dürfe nicht ins Stocken geraten, und bei dem nachgewiesenen Bedürfniffe von Mehrein­nahmen wäre eine größere Heranziehung deS Tabaks un­abweisbar, und deshalb sei ein Teil seiner Freunde aus sachlich-finanziellen Gründen für das Monopol. Eine scharfe Kritik übt der Redner schließlich an dem Bericht, dessen Ton und QÄMvität bemängelnd.

Abg. W rudthol st betont einleitend, daß er von dem, waS er in der ersten Lesung ausgeführt, nichts zurückzu­nehmen habe. ES sei eine ganz ungerechtfertigte Insinuation, daß er die Entscheidung über die Monopolvorlage habe hinausschieben wollen. Weder die Kommissionsberatungen, noch der Bericht seien genügend. Aus der Hast, mit wel­cher diese Dinge erledigt, würde man das beste Argument für die Wiedereinbringung der Monopolvorlage herleiten. Herr Bamberger habe in der gestrigen Rede des Reichs­kanzlers einen Verzicht auf das Monopol erblicken wollen. Er seinerseits habe die Rede deS Herrn Reichskanzlers natürlich auch aufmerksam verfolgt und sie heute Vormittag in der „Nordd. Allg. Ztg.", weil er gewußt, daß er sie dort genau finden werde, noch einmal gelesen. Aber er habe einen solchen Verzicht nicht gefunden. Wenn man sich der englischen Gesetzgebung erinnere, werde man auch das heutige Votum für das letzte In dieser Frage nicht halten können. Allerdings wäre eS dringend wünschens­wert, wenn die Reichsregierung nach dem gegenwärtigen ablehnenden Votum die bestimmte Erklärung abgeben möchte, daß sie mit Rücksicht auf dasselbe den Monopol­gedanken für immer aufgebe. Der Redner geht beiläufig zur Beleuchtung der Parteistellung auf das Schicksal der Zollnovelle ein und legt dar, wie dem Siege der Liberalen eine so große Bedeutung nicht beizumessen sei. Honig-

Reichstag.

Berlin, den 13. Juni.

In der heutigen (17.) Plenarsitzung des Reichstags nhielt bei Fortsetzung der zweiten Beratung des Gesetz- kntwurfs, betreffend daS ReichS-Tabaksmonopol, das Wort

Abg. Richter (Hagen). Seine Ausführungen richten ach vorweg gegen die gestrige Rede deö Fürsten Reichs­kanzlers und das von diesem befürwortete indirette Steuer- Mem. Der Reichskanzler habe gestern dieselbe Rede wie vor 3 Jahren gehalten, welche allerdings am 7. Mai 1879 noch zur Bewilligung neuer Steuern hätte führen können. Die Fortschrittspartei hätte sich freilich auch damals durch jene Versprechungen nicht zur Bewilligung bestimmen lassen; heute aber hätten die Verhältnisse sich bereits überhaupt anders gestaltet; denn auch die anderen Parteien hätten inzwischen eine andere Stellung eingenommen. In der Angabe der Verwendungszwecke wäre fortdauernd Wand­lung eingetreten. Für alle die Zwecke, welche der Reichs­kanzler gestern aufgeführt, würden keine 5 Monopole hin- reichen, denn dazu gehören mindestens 4—500 Millionen Mark. Der Redner beleuchtet die einzelnen Verwendungs­zwecke, natürlich nur, um sie zu verwerfen. Er meint, der Reichskanzler habe gestern eine Wahlrede gehalten, die indes weder dem Kanzler, noch den Konservativen nützen werde, wie das mit den Wahlreden für den Reichstag der Fall gewesen sei. Einzelne Pläne deS Reichskanzlers, be- lreffend die Steuererleichterung, weise die Fortschrittspartei gar nicht ab; aber dieselben müßten mit den bisher be­willigten Mitteln, ohne Eröffnung neuer Einnahmequellen, zur Ausführung gelangen. Die naturgemäße Hebung der wirtschaftlichen Verhältniffe werde das auch sehr leicht er­möglichen; eine gute Ernte, wie sie in Aussicht stehe, sei mehr wert, als eine ganze Reihe steuerpolitischer Gesetze. — Die Resolution Lingenö entspreche im wesentlichen dem An­träge Ausfeld; deshalb hätten auch seine politischen Freunde zu gunsten derselben den letzteren zurückziehen können. An dem Ausdruck: „bei angemessener Sparsamkeit" könnte doch füglich niemand Anstoß nehmen. Die altpreußische Spar­samkeit sei leider mit dem Milliardensegen verloren ge­gangen. Inzwischen sei ja eine Resolution kein philoso­phischer Lehrsatz, der für alle Zeiten gelte, sondern stütze sich auf die gegenwärtigen praktischen Verhältniffe; allerdings lehne sie aber in klarer Weise eine Steuerreform ab, welche zu gunsten der Reichen die ärmeren Klassen belegte. Eine dilatorische Behandlung der Frage, wie sie die Mittelparteten und vielleicht auch daS Zentrum beabsichtige, sei sowohl dem Reichskanzler gegenüber, als um der Sache willen vorn Hebel. Sie würde eine Quelle fortdauernder Beunruhigung bilden. Sehr seltsam sei eS, daß der Reichskanzler seinen Tadel über das so konservativ zusammengesetzte Abgeord- uetenhauL in so derber Weise ausgesprochen habe; dem Reichskanzler werde es immer schwerer, überhaupt mit

„Der Herr Baron und hochmütige Schwiegersohn steht gar nicht mehr so stolz und erhaben aus, in seinem er­lauchten Gehirn scheint es doch aufzudämmern, daß man einen faux pas, zu deutsch, eine fürchterliche Dummheit begangen hat, als man Wohlthaten mit unverschämtem Stolze und impertinenter Verachtung lohnte. Er sieht in­fam angegriffen ans, der Herr Baron, ich kann ihm aber weder helfen, noch ihn bedauern, denn er hat diesen Aus­gang der Sache selbst hervorgerufen, wenn er auch vorerst nicht daran gedacht hat, daß die Ehekündigung auch die Kündigung der auf seines Vaters Gütern lastenden Hypo­theken zur Folge haben würde. Jetzt kann er nach Hause fahren und seiner adelsstolzen Mama, etwas vonveinen, wenn sein ritterliches Herz nicht mit männlichem Gleichmut in die „unbegüterte" Zukunst schauen kann."

Seyfried lächelte stumm zu diesen Aeußerungen ffeineS Chefs, Gisela wehrte indessen leise die Auslassungen ihres Vaters ab und sagte: „Wenn der Baron, wie eS scheint, jetzt recht unglücklich geworden ist, so wollen wir ihn nicht noch verspotten, das wäre nicht schön von unS."

„Gisela," rief Nepomuck, „Du hast heute Deinen senti­mentalen Tag, weil Dn daS stolze Antlitz des BaronS nun auch einmal bleich und niedergeschlagen gesehen hast. Haben denn etwa der gnädige Herr Baron und seine Mama aus unsere Blamage Rücksicht genommen, als sich alle bösen Zungen Wiens über uns lustig machten? Glaubst Du denn, eS war ein Vergnügen für mich, als der Baron davongelaufen war, alle die spöttischen Fragen auszuhalten, welche die hämischen Freunde an mich richteten? Ich habe genug gelitten und Du auch und nun soll auch der Herr Baron mit seiner Gemahlin nicht nur in den sauren Apfel beißen, nein, sie sollen ihn auch bis auf den letzten Bissen

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„„„iaennimmt entgegen: Petition d. Blattes. ?*LiTb ilnnoncen.®ureaut Dietrich u. So. «n

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Gisela.

Novelle von A. H o r st.

(Fortsetzung)

Der Richter wollte nun zur Aufstellung des Protokolls schreiten, doch die Advokaten beider Parteien plaidierten zuvor nochmals für eine endgültige und vollständige Ehe­scheidung und wiesen im Namen ihrer Klienten das Urteil auf einfache Trennung der Ehegatten zurück, da eine solche der ganzen Sachlage nicht entspräche. Baron Curt und Baroneß Gisela von Swoboda wären allerdings nach Recht und Gesetz in ein Ehebündnis getreten, dasselbe habe aber m Wirklichkeit gar nicht bestanden, da noch am Tage der Hochzeit eine Trennung der Ehegatten erfolgt sei, mithin alle Bedenken, welche in anderen Ehescheidungsklagen den Richter zur größten Vorsicht mahnten, hier gar nicht vor­handen wären. Auch behieltcn sich die beiden Advokaten "vr, in dieser Richtung die Notwendigkeit der Ehescheidung noch besonders zu begründen und protestierten im Voraus «e8fn das mutmaßliche richterliche Erkenntnis auf einfache Trennung der Ehegatten. Diese Argumente wurden mit ? das Protokoll ausgenommen und dasselbe dann von den "lefligten Personen unterzeichnet.

Gisela verließ, begleitet von ihrem Vater und besten Rechtsanwalt, zuerst den Saal. Draußen wartete der M Mann, der sie vorher höflich begleitet hatte. Es war Mfried, der Kassierer und Freund Nepomucks, welcher

™ wieder höflich verneigte und scharfe Blicke »!'®Hela und deren Begleiter richtete, offenbar in der vncht, um daS Resultat der soeben stattgehabten GerichtS- ^rhandlung auf ihren Gesichtern zu lesen. Der Bankier unterhielt sich lebhaft und eingehend mit dem

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. BlatteS, sowie d.Annoncen-Bureaux von G 8. Daube u Co. in Frankfurt a. M.; Jägersche Buchhandlung daselbst; Hermans«Ye Buchhandlung ♦ daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. ThieneS in Elberfeld: C. Schlotte in Bremen.

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Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für daS Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllustrirteS SountaaSblatt" durch die Expedition (R o ch'fche Buchdruckerei) bezogen 2*/t Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (excl- Bestellgebühr.) — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.

Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreflen werden 25 Pfg. berechnet.

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