xvn Jahrgang
•HlatGutg, Sonnabend, 10. Juni 1882
WrWschk jcitmio
0.
L Juli
1011
1011
los geworden sind.
(Fortsetzung folgt.)
131
1011
1001
Baron Curt eingezogen war und er gemäß seiner ritterlichen Gesinnung, den Drang in sich bemerkte, das Unrecht wieder gut zu machen, sah er sich in einer ganz erbärmlichen, hülflosen Lage, denn eine undurchdringbar erscheinende Wand, die Erklärung seiner Gemahlin, daß sie ihn selbst hasse und verachte und von ihm getrennt sein wolle, stand zwischen seiner Gemahlin und seinem guten Willen, sein Unrecht wieder gut zu machen und außerdem gähnte vor ihm noch der Abgrund, den der Bankier Nepo- muck durch die angekündigte Entziehung seiner Gelder und seines Credits für die Familie Swoboda eröffnet hatte. Baron Curt mußte auf der einen Seite einschen, daß das bittende Wort allein keine Bedeutung haben konnte, um daS gegen die tiefgebeugte Gisela begangene Unrecht wieder gut zu machen, damit konnte nur einer AnstandSformalität genügt werden, nein, es bedurfte der Thaten, die ihn in den Augen der geschmähten Gemahlin wieder achtungswert erscheinen ließen, wenn der Versuch, sein Unrecht zu sühnen, nur irgend welche Aussicht auf Erfolg haben sollte. Und während Baron Curt sich dessen immer mehr bewußt wurde, erschloß sich ihm eine neue Erkenntnis. Er fand, daß Gisela, nachdem sie die Worte der Verachtung von ihm zuerst und ohne jegliche Herausforderung hatte hören müssen, vollständig korrekt handelte, indem auch sie mit Verachtung und Haß antwortete. Doch bei der Richtigstellung dieser Angelegenheit blieb cs im Herzen dcS Baron Curt nicht, er dachte weiter in dieser Richtung nach und fand daß ihm die Haltung Giselas Hochachtung einflößte. So hatte denn Baron Curt in seiner ganzen Gesinnung einen weiten Weg von links nach rechts durchlaufen und war richtig dahin gekommen, wo er schon am Tage seiner
'bürg,,
[11
’e.
Die Kraukeuversicheniug der Arbeiter.
Die Staatsaufsicht und der Versicherungszwang.
Fn der „Politischen Wochenschrift", einem seit kurzem hauptsächlich für die Fragen der Sozialreform übrigens auf liberaler Grundlage in das Leben gerufenen Organ, ver- öffentlicht am 3. Juni der als juristische Autorität geschätzte, vor kurzem noch als Reichsgerichtsrat thätige O. Bähr einen Artikel über die Unfallversicherung. Hier heißt es am Eingang: „Der neue Entwurf eines Gesetzes über Unfallversicherung, in Verbindung mit dem gleichzeitig vor- aeleaten Entwurf eines Gesetzes über Krankenversicherung — eineVerbindung, die wir nur als einen durchaus glücklichen Gedanken bezeichnen können — ist an Arbeit ein Riesenwerk. Es ist darin eine Fülle des Stoffes bewältigt, wie kaum in einem anderen Gesetz; und diese Arbeit war um so schwieriger, als man völlig neu aufzubauen hatte." Dagegen schrieb kurz vorher, am 28. Mai, das Organ der liberalen Vereinigung (Z ezessionisten) aus Anlaß der Frage, ob für die jetzt von der Reichsregierung vorgelegten sozial- politifchen Enlwürfe eine oder mehrere über den Sefsions- schluß hinaus arbeitende Kommissionen, sogenannte Zwischen- kommissionen, einzusctzcn seien, folgende Worte: „Es liegt doch eine Verkehrung aller Verhältnisse darin, wenn die Reichstagsmitglieder dafür büßen sollen, daß ihnen Vorlagen zugehen, die auf völlig unzulänglichen Vorarbeiten beruhen". x
Durch diese beiden Aeußerungen charakterisiert sich sprechend das Urteil des gewissenhaften, übrigens bei langer Mitgliedschaft in den Parlamenten dem Parteikampf nicht fern stehenden Fachmanns einerseits, und das Urteil einer die Pflicht der Gerechtigkeit nicht achtenden Tendenz andererseits. Auch O. Bähr übt an den vorgelcgten Entwürfen eine eingehende Kritik und verhehlt Nicht, daß sie ihn noch nicht befriedigen, weil ihm das aufgeführte Gebäude, namentlich des Entwurfs der Unfallversicherung, noch zu künstlich ist. Aber das Gewissen eines Mannes, der auS ernstlichem Studium über Vorlagen urteilt, die mit gesetzgeberischem Mut und umfassender Gründlichkeit eine ebenso schwierige als heilsame Aufgabe zu lösen haben, verfällt nicht in die Befangenheit des Parteigeistes.
Die Reichsregierung hat nur aus einer deutlichen Erkenntnis der Notwendigkeit den Mut fchöpfcn können, zur praktischen Lösung der sozialen Disharmonien den Anfang zu machen. Sie hat diese Initiative in dem vollen Bewußtsein ergriffen, einerseits nur reiflich erwogene, auf gründliche Erforfchung der Thalfachen gebaute Vorschläge machen zu dürfen, andererfeits aber nichtsdestoweniger die uneigennützige, selbst die politischen Gegensätze zurückstellende Mithülse derjenigen in anspruch nehmen zu muffen, welche die nationale und humane Bedeutung des Gegenstandes aufrichtig zu würdigen im Stande sind. Denn
hier handelt es sich um ein neu schaffendes, neu ordnendes Vordringen auf einem mannigfaltigen Gebiet der Erfahrung. Einer solchen Aufgabe kann ein Verein felbst ausgezeichneter Kräfte sogleich nicht genügen; hier muß ein Zusammenwirken aller von dem Wert der Sache aufrichtig Durchdrungenen sich mehr und mehr ergeben. Wenn solchen auf gründlichster Arbeit, auf besonnendsten Nachdenken beruhenden, und doch vielleicht noch nicht allseitig genügenden Vorlagen entgegengetreten werden soll mit schablonenhaften Regeln eines Parteiregiments, fo ist allerdings nicht weiter zu kommen. Wenn man sagen will: die Regierung muß Vorlagen einbringen, welche einer politisch-homogenen Majorität — die freilich gar nicht vorhanden ist — von vornherein annehmbar sind, vielleicht mehr aus partei-politischen als aus sachlichen Gründen — so ist offenbar eine Aufgabe, wie diejenige, welche die Reichsregierung sich gegenwärtig aus Pflichtgefühl hat stellen müssen, niemals in angriff zu nehmen, geschweige denn zu lösen.
ES soll mit einigen sich ergänzenden Ausführungen der Versuch gemacht werden, hier die Gesichtspunkte zu verdeutlichen, von welchen die Reichsregierung bei den vorgelegten sozial-politischen Entwürfen ausgegangen ist. Dabei sollen auch die Einwände berücksichtigt werden, welche bis jetzt erhoben worden sind.
Mit dem Gesetzentwurf über die Krankenversicherung der Arbeiter als dem am meisten an daS Bestehende an- knüpfenden wird zu beginnen fein.
Die Krankenkassen der Gehülfen auf den verschiedenen Gebieten der Arbeit sind eine alte Einrichtung, welche, aus der Blütezeit der Innungen überkommen, wohl in Verfall geraten, aber niemals ganz untergegangen ist. Nachdem die Lebenskraft der Innungen erloschen und andererseits die Zweige der G-Hülfenarbeit sich so bedeutend vervielfältigt hatten, trug die preußische Gesetzgebung noch gegen die Mitte unseres Jahrhunderts Sorge für die Pflege des KrankenkaffenwefenS, indem sie teils den Ortsgemeinden, aber auch, was weiter wirksamer war, den höheren Verwaltungsbehörden die Befugnis beilegte, die Errichtung von Krankenkassen nach lokalem Bedürfnis und innerhalb lokaler Grenzen zwangsweise aufzulegen. Diese Befugnis ist für die staatlichen Verwaltungsbehörden durch die neueste Gesetzgebung, insbesondere durch die Reichögewerbcordnung und daS die betreffenden Paragraphen derselben neu fassende Gesetz vom 8. April 1876, aufgehoben worden und nur den Gemeinden verblieben. Damit ist aber auch die Entwickelung des Krankenkassenwesens nahezu In Stillstand geraten.
In der Presse und in den für die Behandlung volkswirtschaftlicher und sozialpolitifcher Gegenstände bestehenden öffentlichen Vereinen ist eine Zeitlang die Frage unter der folgenden Formel erörtert worden: Zwangskasse, bloß Kasfenzwang, oder bloß freie Kassen mit unbedingt freiem
Gisela.
Novelle von A. H o r st.
(Fortsetzung)
Baron Curt saß In glücklicher und gehobener Stimmung noch in der Laube, welche er vor einer Stunde mit be- kümmertem Herzen ausgesucht hatte. Die Umkehr in seinem Geistesleben, in seinem Sinnen und Denken äußerte sich sehr wohlthätig auf feine Gemütsstimmung. ES war ihm, als wenn er ein ganz anderer Menfch geworden wäre, fein Fühlen und Begreifen, fein geistiges Wahrnehmen und Beurteilen war ein anderes geworden., Er hing mit all feinen Gedanken an seiner Vermählung mit Gisela und durchforschte alle die Nebenumstände, welche die Vermählung herbeigeführt hatten. Er sah das Hochzeitsfest an seinem Geiste vorüberziehen, sah, wie der Bankier Ne- pomuck ein glückstrahlendes Gesicht und dessen Tochter Gisela ein bleiches, ernstes, aber würdevolles Antlitz gezeigt hatte, als wenn sie gewußt hätte, daß ihr aus dieser Ehe eine ernste Aufgabe oder gar ein herbes Mißgeschick erwachsen werde. Dann strahlte vor seinen Augen der lachende Landsitz Nendegg und nun kam der schwarze Punkt, der Zwist mit seiner ihm kaum angetrauten Gattin und dre unmittelbar darauf erfolgte Trennung von ihr.
Baron Curt fieberte und phantasierte förmlich bei diesem geistigen Rückblick und als er geendet, als er sert g geworden war mit der Prüfung der Angelegenheit tm ge- läiiterten Herzen, da stand alö unwiderlegbares Resultat vor ihm in flamm über Schrift: „Du hast Unrecht gethan, Baron Curt!"
Doch während nun dieses Gesühl in das Herz des
»I
rburg, 44.
ck-nntni Rann i lebhs
rten.
kni:
Nr. 1! |ll
Beitritt. Man stellte also eine dreifache Möglichkeit auf: 1) die Verpflichtung aller Beteiligten, einem staatlich organisierten Kassensystem durch Anschluß an einen lokalen Kassenverband beizutreten, mit Uebertragbarkeit der Mitgliedschaft an einen anderen entsprechenden Verband bei Aufenthaltswechsel (ZwaugSkaffensystem); 2) Verpflichtung der Beteiligten, irgend einer durch freie Vereinigung der Teilnehmer gebildeten Kasse nach Auswahl beizutreten (Kassenzwang); 3) Freiheit jedes Beteiligten, einer freien Kasse beizutreten oder auch auf jede Krankenversicherung zu verzichten. Eine Zeitlang schien cS, alö solle das letztere System in der öffentlichen Meinung den Sieg gewinnen. Die Veiteidiger desselben setzen voraus, daö eigene Interesse werde die Arbeiter zur allgemeinen Teilnahme an frei- gebildeten Kassen bewegen. Diese Voraussetzung hat sich nicht bewahrheitet und konnte sieh nicht bewahrheiten. Es bedarf zu ihrer Ablehnung keineswegs einer pessimistischen Anschauung der Menschennatur und ihrer natürlichen Energie. Aber diese Energie kann niemals ausreichen, das, was nur mittelst einer großen Organisation erlangt werden kann, durch Einzelgebilde ins Leben zu rufen. Der Geist des Menschen hat den Beruf empfangest, für daö Ganze auch aus der Idee des Ganzen heraus zu schaffen. , Heber« dies läßt schon die moderne Beweglichkeit des Arbeiters in Verbindung mit der großen Mannigfaltigkeit der lokalen Zustände den Gedanken nicht zu, die Aufgabe auf dem Wege freier Lokalkassen zu lösen; Lokalkasse muß nämlich die Krankenkasse sein wegen der Schnelligkeit der Hilfsbereitschaft und wegen der Prüfung der Hilfsbcdür tigkeit. Damit ist auch die Unzulänglichkeit des mittleren Systems gegeben, dem Arbeiter nut im allgemeinen den Beitritt zu irgend einer freien Kasse aufzulegen. Wer verbürgt dem so Gezwungenen, daß er eine Kasse findet, die seinen gerechten Ansprüchen genügt? Wer beugt der Gefahr vor, daß auf diese Weise nut Scheinznttitte und Kaffen mit Scheinleistungen entstehen? So hat denn die Reichsregierung den Entschluß gefaßt, den Beteiligten den Beitritt zu einem System staatlich beaufsichtigter Kassen durchgängig aufzulegen. Es kann allein auf diese Weise erreicht werden: einmal die Leistungsfähigkeit der Kassen, zweitens die allgemeine Teilnahme an der VersicherungSwohlthat und drittens der unentbehrliche Vorteil, daß dem Arbeiter bei der Veränderung seines Aufenthaltes und feiner Stellung die Ansprüche nicht rerloren gehen, die er durch seine bisherigen Beiträge erworben hat, und daß für ihn nicht jedesmal ein Zustand der VersicherungSlostgkcit eintritt, bis er feine Stellung zu einer neuen Lokalkaffe geregelt hat und berechtigt ist, die Leistungen derselben in Anspruch zu nehmen. __________________________ (Prov.-Corr.)
Deutsches Reich.
Berlin, 8. Juni. Großfürst Wladimir ist heute Morgen von Petersburg hier eingetroffen. Er wurde vom
Verlobung mit Gisela Nepomuck hätte stehen müssen, wenn die gesellschaftlichen Vorurteile und die persönliche Eigenliebe seinen Blick nicht getrübt und die Gefühle seines Herzens nicht in eine verfehlte Richtung gestoßen hätten. Nun war er endlich angckommeu auf der lichten Zinne der Erkenntnis, aber unter ibm gähnte jetzt der Abgrund, beim die von ihm am Hochzeitstage verschmähte Gemahlin begehrte seiner selbst nicht mehr und sein Schwiegervater, bet Bankier Nepomuck, bet ben Baron erst mit stolzer Freube als Schwiegersohn an sein: Brust gedrückt hatte, grollte in furchtbarer Weise dem Schwiegersöhne und deffen Familie, ja, er ließ bereits die Macht des alles beherrschenden Geldes gegen die Familie Swoboda spielen und hatte, wie es sicher schien, fest im Sinne, sich eine gehörige Rache an bet Familie zu bereiten.
„Zu spätl Zn spät!" seufzte Baron Curt. „Man wirb mich auslachen, ja noch mehr, verachten, wenn ich jetzt als reuiger Sünder zurückkehren und um Verzeihung bitten wollte. Sie sind zu arg enttäuscht worden, um so ohne Weiteres die in meinem Herzen vorgegangene Wandlung begreifen zu können. Die Erkenntnis und Reue einer Stunde kann das nicht ansgleichen, was die Verstocktheit und Blindheit des Herzens während vieler Wochen verschuldet hat. Ich muß den Kelch austrinken, den ich mir selbst mit Bitternissen gefüllt habe und ach, die Meinen, die Brüder und vor allem die unschuldige Schwester Gertrud werden es schwer mit empfinden, mit erdulden müssen, wenn wir durch Nepomucks Willen besitz-
tanufad der 31 tis, fi- rg fitfi n die I
[1 vertr« cht bitt! ilfe. , 50 p°
a„.,iaen nimmt entgegen: JÄbition d.Blattes, tawied Annoncen-Bureaux ’’Ib. Dietrich u. Co. m «.dpi und Hannover; Th. Lttich m Frankfurt °.M.; Raafenftein u. Vogler in a. M., Berlin, feg- Köln re.; Rudolf S i« 8™'- furl a. llt. re.
75,i »4, 1031 100 $
29. ; 75*
69», 302 ’
99
226 * ;A>
101.1
MI
»-scheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn< und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllustrlrteS Eonntagsblatt" durch die Expedition (K o ch'sche uchdruckerei) bezogen 8'/» Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pf«. (exel. Bestellgebühr.) - JnserkionSgebuhr für die gespaltene Zeile 10 Pf«.
Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 85 Pf«, berechnet.
hack
di
«,Si
r, 331
8t«, »i (Win iichaeli
[11 issioNM
Lohnh« Zamilii vermiß । Estoi
der SBu Menst
■ (1
< i 101 101 1021
651 '
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux von G L. Daube u. C». in Frankfurt a. M.; Jägersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung ♦ daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. Thienes in Elberfeld; C- Schlotte in Bremen.
1 Und , ken J iefleette es E*na n erths Blätter