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Marburg, Freitag, 9. Juni 1882

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Gisela.

Novelle von A. H 0 r st. (Fortsetzung)

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Reichstag.

Berlin, den 7. Juni.

-r» der heutigen (13.) Plenarsitzung des Reichstags (M zunächst der Antrag des Abg. Dr. Barth auf Be- eitigung des Eingangszolls für Schmalz von Schweinen und Gänsen zur Verhandlung.

Der Antragsteller begründete feinen Antrag heute namentlich mit dem Hinweise darauf, daß das Verbot der Einfuhr amerikanischen Schweineschmalzes zur Zeit weder -u Frankreich noch in Oesterreich bestehe, und bestritt zu­gleich, daß das amerikanische Schmalz gesundheitsschädlich irjrken könne.

Bundesbevcllmächtigter Direktor im Reichsschatzaait Burchard kann das Letztere nicht zugeben, betont aber, daß wie er früher des Näheren ausgeführt, die Haupt­gründe für den Schmalzzoll auf anderem Gebiete liegen.

Abg. v. Ludwig stellt zunächst allgemeine Betrach- iungeu über die Gründe an, weshalb die Liberalen jetzt bereits den Versuch wagen können, die vor 3 Jahren ge­troffenen Maßnahmen zum Schutze der nationalen Arbeit zu beseitigen, und fordert die Konservativen auf, diesem Versuche energisch entgegenzutreten. Demnächst geht er auf die Berechtigung deö Schmalzzolles selbst des Näheren ein. (Die Ausführungen des Redners, der eine dichte Corona um die Rednerbühne versammelt hat, werden vielfach von Ausbrüchen der Heiterkeit auf der Linken unterbrochen.) Der Redner bittet schließlich, den Antrag Barth abzulehnen, und beantragt zugleich, um „seine Pappenheimer kennen zu lernen", über den Antrag namentlich abzustimmen.

Abg. Schröter (Ober-Barnim) bestreitet die Richtig­keit der von dem Vorredner aufgestellten Berechnung be­züglich der durch den Schmalzzoll herbeigeführten Be­lastung; es seien eben nur die ärmeren Volksklassen, welche von diesem Zolle betroffen würden. Im übrigen stehe der Schmalzzoll mit der neuen Wirtschaftspolitik, wenn über­haupt, nur in sehr losem Zusammenhänge; um so weniger sollten die Freunde derselben der Aushebung dieses Zolles widerstreben.

Abg. v. Schalscha spricht gegen den Antrag und bestreitet, daß der im Interesse der Landwirtschaft unent­behrliche Schmalzzoll den armen Mann übermäßig drücke. — Abg. No hl and ist für den Antrag, dessen Annahme der Landwirtschaft nicht schaden, aber manchen Jntereffenten außerordentlich angenehm sein werde. — Abg. v. Kar- dorff bittet, durch Annahme deö Antrages nicht das System des Schutzes der Landwirtschaft zu durchbrechen. — Nachdem Bundcökommissar Burchard einzelne Angaben der Abgg. Schröter und Rohland richtiggcstcllt, bestreitet Abg. Ahl­horn den Nutzen der landwirtschaftlichen Zölle überhaupt und stellt den Schutzzoll speziell als durchaus überflüssig hin. — Abg. Fr ege spricht gegen den Antrag im In­teresse der deutschen Landwirtschaft. Die Debatte wird ge­

schlossen. Der Antrag wird bei namentlicher Abstimmung mit 129 gegen 120 Stimmen abgelehnt. Die Wahl des Abg. Papellier für Hof in Bayern wird für gültig erklärt. Die Wahl des Abg. Rickert in Ulm wird an­nulliert. — Nummer fünf wird von der Tagesordnung abgesetzt, die Nummer sechs und sieben werden der Bud- gctkommission überwiesen. Die Sitzung wird auf Freitag vertagt. Zur Verhandlung sind angesetzt: Die Zolltarif- Novelle, das Reliktengesetz, eine Interpellation des Abg. v. Kardorsf. Schluß der heutigen Sitzung 5 Uhr.

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„Nun, willst Du mir noch immer keine Antwort geben, Curt?" fuhr die junge Baroneß fort. „Nenne mir da« verbrechen, was Deine Frau an Dir begangen hat, ich will cs wissen und will dieses Weib mit hassen und ver­achten, wie sie es verdient. Curt, Du sprichst noch immer nicht, Du behandelst mich wie ein albernes Kind, wozu Du kein Recht hast. Wenn ich auch noch nicht die Erfahrungen der großen Welt besitze, so habe ich doch ein mitfühlende« Herz, welches mir meine Verhaltungsmaßregeln vorschrcibt. Ich will cs nun endlich wiffen, dtefes Vergehen, dieses Verbrechen, was uns mit der Familie Ncpomuck und Dich mit Deiner Frau entzweit hat. Wenn man erst dazu sich Entschlossen hat, mit einer Familie ein derartiges Freund­schafts- und Verwandtschaftsband anzuknüpfcn, so kann man dasselbe unmöglich ohne die zwingendsten Gründe wieder lvstn wollen, denn das Schicksal schneidet tief in das LebenS- glück sich trennender Ehegatten ein, das weiß ich auch, das begreife ich vollständig. Die Dir angetraute Frau muß Mer ein schweres Verbrechen begangen haben, wenn Du Dich von derselben trennen willst.......— ®u

Artest mir noch immer nicht, Curt I DieS ist kein Trost sur mich, sondern Du weckst auf diese Weise nur Zweife

Mißtrauen gegen Deine eigene Sache. Oder bereuest Du Deine Handlungsweise gegen Deine Frau?I — Lieber Jj^t, gestehe es mir, gestehe eS T einer Schwester ein, wenn L'U es unseren Eltern nicht sagen magst! Ich will der vdredcnsbote sein, ich werde forteilen und Deine Gemahlin

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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux von G. L. Daube u. C». in Frankfurt a. M.; Jägersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung ♦ daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. Thienes in Elberfeld; C- Schlotte in Bremen.

, nimmt entgegen: ’nÄition d. Blattes, k«.ed«nn°nc-n.Bur--ux ^ Dietrich u. Co. m »• „nd Hannover; Th. Eck in Frankfurt a.M.;

c «Nein u. Vogler in s8° ffurt a. M., Berlin, tig, Köln 2C-; Rudolf Sein Berlin, Frank- 5,0,1 fUrt a. M- -c.

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Deutsches Reich.

Berlin, 7. Juni. Die „Provinzial - Korrespondenz" bemerkt zu dem Unfall Sr. königlichen Hoheit: Unser Kaiser und das ganze Königshaus ist durch die Nachricht von dem Unglücksfalle auf das Schmerzlichste ergriffen worden. Jede Stunde gehen Nachrichten über das Befinden des hohen Kranken an den Kaiser wie an die Kaiserin ein. Das preußische Volk nimmt, wie bei allen frohen und trüben Ereignissen, welche das Königshaus betreffen, auch an diesem Unglücksfall innigen Anteil, hofft aber mit Zu­versicht, daß die starke Hohcnzollernnatur des Prinzen mit Gotteö Hilfe die Schwierigkeiten, welche das hohe Lebens­alter der Genesung entgegenstellt, überwinden werde. — Die „Provinzial - Korrespondenz" schreibt an der Spitze ihrer dieSwöchentlichen Nummer über das kirchenpolitische Gesetz folgendes: Das Gesetz, betreffend Abänderungen der kirchenpolitischen Gesetze, ist unter dem 31. v. Mts. von Sr. Majestät dem Kaiser und König vollzogen worden. Damit entfallen die befremdlichen Vermutungen, welche in einzelnen Organen teils der katholischen, teils der liberalen Presse an den Umstand geknüpft worden waren, daß der Vollzug nicht alsbald nach dem Schluß des Landtages er­folgen konnte. Eine Andeutung, daß in dem geregelten Gang der Kaiserlichen Arbeiten jeder Teil nach der Ord­nung seine Stelle erhält, welche nur aus Gründen von besonderem Gewicht vertauscht werden kann, wurde ungläubig ausgenommen; und doch war diese Erklärung so begreiflich und natürlich. Man hat hinter der Einbringung dieses Gesetzentwurfs und dann wieder hinter der nur durch äußere Gründe veranlaßten kurzen Verzögerung des Aller­höchsten Vollzugs Absichten suchen wollen, von welchen die Staatsregierung bei diesem Gesetz ganz und gar nicht ge­leitet worden ist. Der einzige Beweggrund der Staats­regierung ist gewesen, innerhalb der zulässigen Grenzen aus eigener Initiative dasjenige zu thun, waö zur Befriedigung und Beruhigung der katholischen Bevölkerung dienen kann. Eine vollkommene Beilegung der Streitpunkte zwischen dem Staat und der katholischen Kirche hängt nicht von dem Staate allein ab. Aber auf das gegenwärtige Gesetz hat dieser Gesichtspunkt keinen Einfluß geübt; eö hat allein

sein, wenn ich dies für Euch beide thun könnte, denn siehe, Curt, eS ist so hold, so lieb, sich versöhnt zu haben und einig zu sein, das jagt allen Kummer von Deiner Stirn und macht uns Alle glücklich."

Hatten die vorhergehenden Worte der Schwester schon eine große Wirkung auf das Gemüt des Baron Curt aus­geübt, so thaten es die letzteren noch mehr, denn so treu­herzig, so natürlich hatte noch niemand zu ihm gesprochen, und er erkannte zum erstenmale, daß er den über ihn und seine Familie hereingebiochenen Verhältnissen eine falsche Anschauung entgegen getragen hatte, ja er sah ein, daß er trotz aller persönlichen Ehrliebe, sich nicht so gegen Gisela Nepomuck betragen hatte, wie es das rein menschliche, er­habene Empfinden vorschrieb, denn groß geworden in den Kreisen des guten Tons und der prunkenden Ehrenhaftigkeit, wie solche die große Welt will, hatte er auch sein ganze« Verhältnis zu Gisela und deren Vater, dem Bankier Ne­pomuck, auf diese Waagschale gelegt, und mit diesem Maße gemessen und hier kamen doch ganz andere Beweggründe in Betracht, Umstände und Beweggründe, die ihre Ursache in der geheiligten Institution der Ehe hatten, welche alle Bedenken, die er gegen die Absichten der Familie Nepomuck haben konnte, beseitigen mußte. Der Geist des Baron Curt arbeitete stcb, veranlaßt durch die natürlichen Ergüsse eine« unschuldigen MädchenherzenS, durch ein Labyrinth von Vorurteilen und unbegründeten Voraussetzungen durch, dieser stolze Geist, der krystallisiert war unter dem aristo­kratischen Klima, sah ein, daß gar so erhaben und gar so siolz, unnatürlich machen mußte und auch zu Ungerechtig­keiten führen mußte, dieser stolze Geist des Baron Curt war durch die herzigen Worte seiner Schwester bewogen wordrn, herabzusteigen von seiner unnahbaren Warte und

dazu dienen sollen, die Wirksamkeit der kirchlichen Organe innerhalb ihres natürlichen Berufes zu erleichtern, welcher die Befriedigung der religiösen Bedürfnisse der katholischen Bevölkerung ist. Indem es diesen Zweck erreicht, wird es hoffentlich dazu beitragen, der katholischen Bevölkerung die wahren Absichten der Staatsregierrmg zu zeigen. — Der Kultusminister hat sich in einer Verfügung an die Pro­vinzial - Schulkollegien vom 25. Mai damit einverstanden erklärt, daß Lehramtsbewerbern, welche weder zu den Semi­nar - Abiturienten gehören, noch in einem Lehramte kom­missarisch beschäftigt sind, die Zulassung zur Prüfung für Volköschullehrer versagt werde, wenn sie bereits dreimal den Versuch, diese Prüfung abzulegen, ohne Erfolg gemacht haben. — Auch in der gestrigen (Dienstag-) Sitzung ist die Kommission sür die Tabakömonopol-Vorlage nicht zur endgültigen Festsetzung des Berichts gelangt, indem ver­schiedene Ausstellungen, welche durch die Vertreter der ver­bündeten Negierungen gegen die Darstellung des Verlaufs der Kommissionsarbeiten im Bericht erhoben wurden, zu sehr erregten Verhandlungen führten. So erklärten unter anderem die Vertreter der verbündeten Regierungen auf Bemerkungen des Berichterstatters Dr. Barth, daß sie den Verhandlungen nicht länger anzuwohnen vermöchten, wenn derselbe seine Angriffe gegen sie im gleichen Tone fortsetzte und auch der Vorsitzende Herr v. Benda forderte aufö dringendste zu einer sachlichen Behandlung der Fragen auf, indem er im entgegengesetzten Falle den Vorsitz abzu­geben gezwungen sei. Die Schärfe der Verhandlungen wurde wesentlich durch die Haltung des Berichts hervor­gerufen, welcher, weit entfernt davon, eine sachliche Dar­stellung der Kommissionsarbeiten zu geben, den Charakter einer Partcischrift an sich trägt. Gerade die Gegner des Mono­pols, deren Zahl ja nicht klein ist, müssen eine derartige Berichterstattung tief beklagen, weil sie im Volke nicht den Eindruck zu geben vermag, daß die Kommission nach sach­licher Abwägung der Gründe und der Gegengründe zur Ver­werfung der Vorlage gelangt sei, sondern daß dabei der Jnteresseiistandpunkt den Ausschlag gegeben habe. Gewiß wäre es im Interesse der Kommission, die durch ihre rasche Abfertigung der Vorlage die Well in Erstaunen versetzte, gelegen gewesen, durch einen gründlichen Bericht den mög­lichen Vorwurf flüchtiger und einseitiger Arbeit von sich abzuwälzen. Erst in heutiger Sitzung gelang es, den Be­richt abzuschließen, so daß die Verlesung und Festsetzung desselben genau so viel Sitzungen in Anspruch nahm, wie die Beratung der Vorlage. Vor Schluß der Kommissions­verhandlungen erklärte Frhr. v. Göler, daß er mit der im Bericht enthaltenen Begründung der Verwerfung der Vor­lage nicht einverstanden sei und ebenfowenig mit der ange­nommenen Lingeusschen Resolution. Dr. Perger wendete sich gleichfalls gegen den Bericht im ganzen und glaubt, daß die Kommission weder durch die Art ihrer Beratung

einzukehren in das eigene Herz, um hier wieder in Einklang mit dem ganzen Menschen gebracht zu werden.

Der Baron Curt fand nun auch endlich die rechte Antwort für die wohlmeinenden Fragen und Wünsche feiner Schwester. Er schloß dieselbe stürmisch in seine Arme und erklärte der verwundert und freudig lächelnd dreinschauenden Schwester, daß sie sein guter Engel sei und daß sie ihn auf gute Gedanken gebracht habe. Es wäre indessen nicht möglich, ihr schon jetzt sein Herz auszuschütten, da die Wandlung in demselben eine so ungeahnte, plötzliche und über alle Maßen vollständige und bedeutsame sei, daß er entsprechende Ausklärungen erst genügend sammeln und sichten müßte.

Das gute Herz der Baroneß Gertrud war bei diesem Erfolge ihrer Beredsamkeit vorläufig schon vollständig be­friedigt und sie erklärte mit lächelnder Miene, daß er seine Antwort und Erklärung bald bereit halten sollte, denn sie werde in einer Stunde kommen und sich dieselbe holen.

Ehe Baron Curt nur irgend etwas auf diese Mitteilung antworten konnte, hatte sich Baroneß Gertrud hurtig von ihm losgerissen und aus der Laube entfernt, denn eine so große Wirkung ihrer Worte auf das Herz ihres Bruders hatte Baroneß Gertrud nicht erwartet und sie wollte, als sic davoneilte, offenbar nur einer kleinen Verlegenheit, die ihr etwaige Aufklärungen und Geständnisfe ihres BruderS bereiten konnten, entgehen. Das eigenartige und seltene Naturell dieses Mädchenherzens zeigte sich auch in dieser Weise: Baroneß Gertrud schämte sich ihres Erfolges bei ihrem Bruder, sie wollte wohl auf den Sinn desselben ein« wirken, aber sie wollte nicht als dessen Bekehrerin eiten, ein Zartgefühl des weiblichen Herzens, welches als der edelste Takt bezeichnet werden kann. (Fortsetzung folgt.)

ßrftbeint täglich außer an den Werktagen nach Sonn» und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „Jllustrirtes EonntagSblatt" durch die Expedition (Ä o ch'sche Buchdruckerei) bezogen 2*/t Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr.) — JnsertionSgedühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.

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