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Markurg, Mittwoch, 7. Juni 1882

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Olichchschc Brituuj

Gisela.

Novelle von A. H o r st.

(Fortsetzung)

„DaS wird ein fürchterliches Loos für uns werden, Curt! Unbekannt mit Land und Leuten, unbekannt mit Sitten und Bräuchen, zunächst also auch unfähig, dort sich einem neuen Berufe mit irgend welcher Aussicht auf Erfolg zu widmen! WaS kann da erst aus uns werden! Denke an Deine Mutter, an Deine Schwester, Curt 1 Ich komme daher zu dem Schluffe, daß wir im Vater laude bleiben und uns in einer möglichst annehmbaren Form eine andere Existenz bereiten. Der Staat, in dessen Heere wir jahre­lang treu gedient haben, wird uuö seine Hülfe durch An­stellung im Civildicnst nicht ganz versagen, ferner haben wir doch auch noch einflußreiche Freunde und Verwandte und dann läuft die Liquidation unseres Vermögens vielleicht auch nicht so schlimm ab. Wir haben einen sehr schönen Besitz an Grund und Boden, es werden sich mehr Liebhaber dafür finden und füglich dürfte die Kaufsumme unsere Schulden um ein anständiges Sümmchen übersteigen. Freilich ist es hart, das Erbe seiner Väter um diesen Preis und unter diesen Umständen verlieren zu müssen, aber in das Unabänderliche müssen wir uns dennoch fügen," schloß der Baron Andreas, indem eine Thräne in seinen Augen erglänzte.

Baron Cilrt dachte in tiefem Sinnen über die Worte ieineS Vaters nach und sein längeres Schweigen ließ er­sten, daß er dem väterlichen Rate zustimmte. RegungS- v? saßen die beiden Männer eine Zeit lang noch in dem Znnmer und suchten sich in die Situation der verhängnis- »ollen Zukunft zurecht zu finden. Dabei geschah es, daß

Deutsches Reich.

Lerliu, 5. Juni. Zu den Tauffeierlichkeiten werden oU£ß der König von Sachfen, sowie der Prinz und die Prinzessin Christian von Schleswig - Holstein nebst ihren Kindern erwartet. Nach h ute mittags cingelangten Nach­richten über das Befinden des Prinzen Karl ließen die Schmerzen nach; nach Anlage des Verbandes ist Fieber bisher nicht cingetccten; Appetit ist vorhanden. — Die Mall- und Krankenkassen-Kommission diskutierte die §§ 5, 6 7, 8, 9, 10. Zahlreiche Anträge liegen vor. Zu 8 5 beantragt Gutfleisch, die verpflichtete Gemeinde bei, mehr Betrieben desselben Arbeitgebers näher zu präzisieren. Paasche will die Gemeinde zur Erhebung der Kcankenver- sicherungs-Beilräge unter allen Umständen verpflichten und beantragt zu § 6, daß die Krankenunterstützungen sofort bezahlt werden. Dr. Buhl und Müller wollen die Unter­stützung nach 4 Tagen zahlen lassen, verlangen aber Nach­zahlung, wenn die Krankheit länger dauert. Außerdem beantragt Dr. Buhl, daß die Unterstützung mindestens in der Hälfte des ortsüblichen Tagelohns bestehen soll, sowie zu § 7, daß statt Vs die Hälfte des festgesetzten Kranken­geldes für die Familie des Erkrankten bezahlt werde. Zu § 8 verlangen Entfleisch und Eberth, daß die Gemeinde den Durchschnitt des TagelohnS feststelle. Zu 8 9 bean­tragen Buhl und Petersen, daß die Gemeindeverwaltungen die Krankenkassen ohne Entschädigung führen. Von anderer Seite wird beantragt, daß die Gemeinde ihre Vorschüsse nur aus den Ueberschüssen der Krankenkassen zurückbezahlt erhalten. Zu 8 10 beantragen Gutfleisch und Paasche, das 2 pCt. des Einkommens als Maximum des Kassen- bcitrags fixiert werden. Von anderer Seite wird beantragt, daß bei Ueberschüssen die Beiträge auf IVa PCt. zurück­geführt und weitere Ueberfchüsse zur Erhöhung der Kranken­gelder verwendet werden. Nach 8 10 beantragt Buhl einen 8 10 a, der die Bestimmungen der 88 23 und 24 auf die Gemeinde-Krankenkassen auSdehnt, solange die Ar­beiter ihren Aufenthalt nicht wechseln, das heißt, daß den Arbeitern daS Recht gegeben wird, durch weitere Zahlung des Beitrags, auch nachdem sie ihre Beschäitigung verloren, Mitglieder der Kasse zu bleiben und für den Fall der Erwerbslosigkeit noch höchstens für 6 Wochen bei Erkran­kung Anspruch an die Kasse zu behalten. — Die Kom­mission zur Vorberatung des Gesetzentwurfs, betreffend das Tabaksmonopol, hielt heute wiederum eine Sitzung, in welcher der vom Abg. Dr. Barth erstattete Bericht für daS Plennm zur Verlesung gelangte. — Die Gewerbeordnungs- kommission trat heute Vormittag in die Beratung des Art. 5 des Gesetzes, tetr, die Abänderung der Gewerbeordnung, welcher an Stelle dcö 8 42 der Gewerbeordnung drei neue Paragraphen (42, 42a und 42b) setzen wolle. Der neue von der Regierungsvorlage in Vorschlag gebrachte 8 42

„„..inen nimmt entgegen: ?%rpebition d. Blattes. < mieb Annoncen-Bureaur

rb Di-trich u. Co. in Lffel unb Hannover; Th. Kch in Frankfurt °.M.; ^.fenl'tein u. Vogler in Gurt °- M-, Berlin, Kig, Köln ic.; Rudolf Sein Berlin, Frank- - S™ furt a. M. ic._______

lautet: „Wer zum selbständigen Betriebe eines stehenden Gewerbes befugt ist, darf dasselbe innerhalb und unbeschadet der Bestimmung:» des dritten Titels auch außerhalb des Gemeindebezirks seiner gewerblichen Niederlassung auö- üben. — Eine gewerbliche Niederlassung gilt nicht als vorhanden, wenn der Gewerbetreibende im Jnlande ein zu dauerndem Gebrauche eingerichtetes, beständig oder doch in regelmäßiger Wiederkehr von ihm benutztes Geschästslokal nicht besitzt. — Hierzu liegen eine größere Anzahl von Abänderungsanträzen vor, die jedoch von der Kom­mission sämtlich abgelehnt wurden. Der Absatz 1 wurde schließlich unverändert in der Fassung der Regierungs­vorlage mit 16 gegen 4 Stimmen, der Absatz 2 dagegen mit einer unwesentlichen redaktionellen Aende- rung mit 11 gegen 9 Stimmen angenommen. — Sämtliche Mitglieder des Reichstags haben jetzt von der Direktion der Gotthardtbahn eine Karte zur einmaligen freien Hin- und Rückfahrt der Strecke Luzern-Rotkreuz- Airolo, bis zum Ende des Jahres 1882 zu benutzen, er­halten. Der schweizerische Geschäftsträger, Alfred de Claparöde, hat an den Präsidenten des Reichstags folgen­des Schreiben gerichtet: „Die Direktion der Gotlhardtbahn wünscht den Herren Mitgliedern des hohen Deutschen Reichstages, welche der Eröffnungsfeierlichkeit der gedachten Eisenbahn nicht beigewohnt haben, Eisenbahnkarten zur einmaligen Hin- und Rückfahrt auf der Gotthardtbahn zur Verfügung zu stellen. Infolge dessen beehre ich mich im Auftrage der genannten Eisenbahndirektion die sehr ge­neigte Vermittlung Ew. Hochwohlgeboren mit dem erge­bensten Ersuchen in anspruch zu nehmen, die anbei folgenden Eisenbahnkarten an ihre Bestimmung gelangen lassen zu wollen." — Der Abg. Freiherr v. Ow (Landshut), Prä­sident der zweiten bairischen Kammer, hat wegen seiner Beförderung im bäurischen Staatsdienst sein Mandat zum Reichstage niedergelegt. — Wie die „Voss. Ztg." mitteilt, hat die Nachricht, daß Prinz Heinrich auf der Korvette „Olga" eine einjährige Seereise antreten werde, jetzt ihre definitive Bestätigung gefunden. Die „Olga" wird unter dem Kommando des Korvettenkapitäns, Frhrn. v. Secken­dorfs, am 1. Oktober in See gehen und Westindien und die amerikanischen Häfen besuchen. — Durch eine Ver­fügung deö ReichSpostamteS vom 30. Mai wird bestimmt, daß, nachdem sechs Monate hindurch ausschließlich die seit dem 1. Dezember v. I. eingeführten neuen Wechselstem­pelmarken vertrieben worden, nunmehr vom 1. Juni ab wieder die älteren Wechselstempelmarken, und zwar bis die vorhandenen Vorräte verausgabt sein werden, nur die älteren Marken, an das Publikum zu verkaufen sind. — DaS Leiden, woran der Staatöminister a. D. Delbrück erkrankt ist, wird der „National-Zeilung" als ein schlei­chendes gastrisches Fieber bezeichnet. Das Hebet sei nicht gefährlich, voraussichtlich aber ziemlich langwierig.

sie die Zeit übersahen, wo sich die Familie in dem Speise­saale versammelte, um daS Diner einzunehmen. Ganz leise öffnete sich da die Thüre, und ein reizender Mädchen- kopf, den eine Fülle dunkler Locken zierte, lugte in das Zimmer. Schelmisch und kindlich glücklich flogen die Blicke des Mädchens über die beiden Männergestalten, die es offenbar suchte, hin, aber eine Sekunde später ver­düsterten sich die Blicke des holden Mädchens, denn eö hatte offenbar die Situation erkannt, in welcher sich die beiden Männer befanden und unbemerkt zog es sich wieder zurück.

Die Umschau deö jungen Mädchens war aber offenbar nicht ohne Wirkung geblieben, denn wenige Minuten später trat die Baroneß von Swoboda in das Zimmer und ließ ihre majestätischen Augen prüfend über ihren Gemahl und ihren Sohn gleiten. Beide Männer blickten instinktiv em­por und zeigten eine gewisse Verlegenheit beim Anblick der Dame des Hauses. Eben wollte ihr Gemahl Baron An­dreas eine wahrscheinlich beruhigende Mitteilung machen, als die Baroneß sich bereits selbst einen Weg zur Erkennt­nis bahnte und mit halb neugieriger, halb besorgter Stimme die Conversation begann.

„Was ist hier vorgegangen? Ihr seht Beide so ver­stört aus!“ redete sie ihren Gemahl und ihren Sohn an.

„Ach," entgegnete Baron Curt, „der Scheidungsprozeß zwischen mir und ter Gisela Nepomuck hat manches Unan­genehme im Gefolge und es exgiebt sich daraus manche Verlegenheit für mich."

„Tu wirst dies alles mamhaft und wie ein echter Edelmann ertragen, Curt. ES muß sein, es ist eine zwingende Notwendigkeit, diese unrühmliche Verbindung wieder zu lösen," entgegnete gebieterisch die Baroneß von

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition b. BlatteS, sowie d.Annoncen-Bureaux von G L. Daube u C«. in Frankfurt a. 1”.; Jägersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung ♦ daselbst; Jnvalidendank in

Berlin; W. Thienes in Elberfeld; C. Schlotte in

Bremen.

Berlin, 5. Juni. In der unter dem Vorsitze deö Staatsministers v. Bötticher am 3. Juni abgehaltenen Plenarsitzung des Bundesrats wurden mehrere Vorlagen betreffend die Kosten für die Erhebung und Kontrollierung der Salzstcuer in den Salzwerken, die Ausführung des Neichsstempelabgabengesetzes vom 1. Juli 1881, und die allgemeine Rechnung über den ReichShaushalt für 1878/79, sowie auch eine auf die Anwendung des Reichsstempel­abgabengesetzes vom 1. Juli 1881 bezügliche Privateingabe den zuständigen Ausschüssen zur Vorberatung überwiesen. Den Anträgen der Ausschüsse wegen Zustimmung zu dem Entwürfe eines Gesetzes, betreffend die Feststellung eines Nachtrags zum Ncichshaushalt-Etat für das Etatsjahr 1882/83, wegen Aenderung der Regulative über die fort­laufenden Konten vom 13. Juli 1868 und in Lübeck wegen des Vorschlages zur Wiederbefetzung einer erle­digten Stelle beim Reichsgericht und endlich wegen geeig­neter Berücksichtigung einer die Anmelduttgsformulare zur Abstempelung ausländischer Wertpapiere. betreffenden Pri- vateingade trat die Versammlung bei. Eine Privateingabe, betreffend die Stempelpflicht von Prioritätsobligationen der hessischen LudwigSbahn - Gesellschaft, wurde znrückge- wiesen. Schließlich wählte die Versammlung mehrere Kommissarien für die Beratung von Vorlagen im Reichs­tage. — Der Kaiser hat sich von dem Direktor des Ge­sundheitsamts, Dr. Struck, und dem Mitgliede desselben Amtes, Reg.-Rat Dr. Koch einen demonstrativen Vortrag über Bakterien halten lassen. — Bau- und Ministerial- Rat Pavel aus Straßburg, welcher gestern von dem Kaiser in Audienz empfangen wurde, hatte die Ehre, die dem­selben vorliegenden Pläne eines in Straßburg zu erbauen­den Kaiser-PalasteS erklären zu dürfen. — Die Jury für das neue Parlaments-Gebäude wird am 7. Juni zu- fammentreten, um die Geschäftsordnung über die Konkur- renzenlwürfe zu beraten. Da die Auslegung der Ent­würfe voraussichtlich bis zum 16. Juni beendet fein wird, fo ist die Jury zur ersten Sitzung auf den 17. Juni im Reichsamt des Innern eingeladen worden.

Düsseldorf, 3. Juni. Am 29. Mai er. traf die von der englischen Regierung eingesetzte Königl. Komrnffsion für das technische Unterrichtswesen, bestehend aus den Herren B. Samuelson M. P., Vorsitzender, Swire Smith, W. Woodall M P., PH. Magnus und Redgrave, im hiesigen Bezirke ein, um die technischen Schulen zu be­sichtigen und bei dieser Gelegenheit auch einige industrielle Etablissements zu besuchen. Die Kommission hatte den Generalsekretär des Vereins zur Wahrung der gemein­samen wirtschaftlichen Jntereffen in Rheinland und West­falen, Herrn Bucck, gebeten, die erforderlichen Vorberei­tungen zu treffen, und besuchte unter dessen Führung im Saufe der Woche Dortmund, Lennep, Remscheid, Barmen, Elberfeld, M.-Gladbach, Rheydt, Krefclo; auch hatten sich

Swoboda. „Doch laßt mich auch die eingegangenen Briefe lesen, mich interessiert diese Angelegenheit in erster Linie und ich muß wissen, wie und wann man endlich die makontonte Schwiegertochter los wird."

Bei diesen Worten griff die Baroneß nach den auf dem Tifche liegenden Briefen, der Baron Curt machte eine Bewegung mit der Hand, als wollte er ihr es wehren, aber einfehend, daß dies vergeblich sein würde, überließ er die Vri.se den Blicken seiner Mutter. Diese laö zunächst den Brief des Rechtsanwaltes, daß der bekannte Scheidungs­prozeß im Gange fei und gute Aussicht auf ein rasches Ende habe.

„Das ist recht erfreulich!" bemerkte die Baroneß und hob sich den Brief des Bankier Nepomuck vor die Augen. Mit sichtbarer Angst folgten ihren Gestchtszügen der Ge­mahl und Sohn. DaS Gesicht der Baroneß rötete sich, als sie den Brief zu lesen begann und als sie geendigt hatte, war sie einer Ohnmacht nahe und erklärte die Hände ringend:

„Das ist zuviel, das ist niederträchtig von diesem Menschen! Er hat es auf nuferen Ruin abgesehen und er, der früher seine Tochter mit Entzücken Baroneß Swo­boda nennen hörte, wirft uns die erkaufte Verwandtschaft, die wir ihm streitig machen wollen, selbst vor die Füße. Das ist kein Mensch mehr, dieser Bankier Nepomuck, er ist ein Teufel, ein Vampyr!"

„Wir müssen dies mit Geduld unb Ergebung ertragen, meine Liebe I“ entgegnete der Baron Andreas.

„Ertragen? Mit Geduld und Ergebung?" rief mit gellender Stimme die Baroneß, in welcher der Nachegeift aufgelodert war.

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