Marburg, Sonnabend, 27. Mai 1882
xvii Jahrgang
Nr 123
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Die Expedition der Oberheff. Ztg.
An diesem Monopol mutz der Wille des Kanzlers sich brechen.'
Unter dieser Ueberschrift bringt die „Prov.-Corresp." folgenden Artikel:
Dieser Sah war der Höhepunkt der fortschrittlichen Rede am 13. Mai, am zweiten Tage der ersten Beratung der Monopolvorlage. In der Verurteilung dieser Vorlage glaubt also die Fortschrittspartei das lang ersehnte, unüber« windbare Hindernis gefunden zu haben, daS sie dem Kanzler in den Weg werfen kann. Freilich ist es nicht daS erste Mal, daß man dieses unüberstetgliche Hindernis gefunden zu haben glaubt. Man glaubte eS schon 1862 an der künstlich angefachten Unpopularität der Heeresform zu besitzen. Man glaubte es 1864 bei dem Zug nach den Elbherzogtümern an der Unpopularität der Verträge zu besitzen, von deren Aufrechthaltung die preußische Politik zunächst ausging. Man glaubte es 1866 zu besitzen, indem man dem preußischen Volke vom Frevel des Bruderkrieges sprach. Man glaubte es 1868 zu besitzen, indem man sagte, der Bundeskanzler ist mit seinen Kräften fertig und wagt nicht die deutsche Einheit zu vollenden, deren sich der Liberalismus annehmen muß. Sollen wir auS der jüngsten Vergangenheit den Kampf gegen die Zollreform, gegen den Anschluß Hamburgs und noch vieles Andere anführen?
Der fortschrittliche Redner hätte gut gethan, sich auS- zulasien, inwiefern daS neue unübersteigliche Hindernis stärker ist als die früheren Hindernisse, welche der Kanzler überwunden hat. Denn eS giebt Leute, die sich erinnern, daß im Jahre 1862 und in de» nächstfolgenden Jahren der Widerspruch gegen die vom Kanzler verfochtenen Maßregeln weit allgemeiner war als heute. Auch standen in der damaligen Opposition unbestreitbare Talente und überhaupt die Mehrzahl der Gebildeten und selbständig Denkenden, weil man die Pläne deS Kanzlers nicht übersah oder an ihre Ausführbarkeit nicht denken wollte. Heute verhält es sich so, daß gerade die selbständig Denkenden in allen Kreisen der Nation zahlreich auf seiten deS Kanzlers stehen.
Indem der fortschrittliche Redner dem Widerstand gegen das Tabakömonopol besondere Nachhaltigkeit zutraute, be
tonte er die Notwendigkeit dieses Widerstandes folgendermaßen: „Wir entscheiden in dieser Vorlage über viel mehr als über das Monopol selbst. Das deutsche Volk muß erfahren, daß es noch einen Willen gegen den Kanzler giebt." DaS deutsche Volk hat aber diese Erfahrung bereits gemacht, eS gab schon oft einen Willen gegen den Kanzler, der anfangs auch oft die Majorität zu haben schien. Nur hat das Volk in allen diesen Fällen auch die weitere Erfahrung gemacht, daß der Sieg des Kanzlers über den ihm entgegenstehenden Willen dem Volke stets zum Segen gereicht hat. Will der fortschrittliche Redner etwa versuchen, die Kette der Erfolge, welche der Kanzler über die Opposition davongetragen, rückgängig zu machen?
Wenn es aber wirklich nötig ist, den Willen des Kanzler« zu berichtigen und selbst in andere Bahnen zu lenken, so giebt es dafür ein Mittel. Dieses Mittel ist eine ernste, redliche, vorurteilsfreie, den ganzen Inhalt der Aufgaben berücksichtigende Erörterung der Vorlagen und eine Ersetzung mangelhafter Vorschläge durch zweckentsprechendere.
Ist nun in der fortschrittlichen Rede und allen Reden ähnlichen Inhalts etwas von diesen Dingen zu finden?
Der fortschrittliche Redner erklärte für den interessantesten seiner Vorredner den Vertreter der Sozialdemokratie, weil dessen Ausführung die sozialistische Natur des Tabaksmonopols vollkommen einleuchtend gemacht habe. Nämlich die sozialistische Natur des jetzigen deutschen Monopolvorschlages; an sich seien die Monopole ja nur das Mittel, um eine hohe Steuer einzuziehen. In dieser Anschauung liege kein Sozialismus, aber in den Gründen der deutschen Regierung, denn sie sage: „die Herstellung im ganzen und großen, wie sie der Staat unternehmen könne, sei billiger"; daS sei genau, was die Sozialisten sagen, und wenn es überhaupt richtig sei, sei es nicht blos für den Tabak richtig.
Die Regierung hat aber nicht gesagt, daß die Herstellung im ganzen und großen für jedes Produktionsgebiet vorzuziehen sei; sie hat eS im gegenwärtigen Falle nur für den Tabak behauptet. Was für einzelne Zweige der Produktion richtig sein kann, braucht aber darum noch nicht richtig zu sein für alle Zweige. Wenn der Satz auch in seiner Einschränkung sozialistisch sein soll, so muß der fortschrittliche Redner, wie er allerdings von sreihänd- lerischer Seite zuweilen schon geschehen ist, auch die staatliche Verwaltung der Post, des Bergbaues, der Eisenbahnen, der Wege, der Regulierung der Flüsse, des öffentlichen Schulwesens, der allgemeinen Sicherheit und viele andere Funktionen dcö Staats als 'ozialisttsch angreifen.
Von dem sozialdemokratischen Vorredner eignete sich der Vertreter de« Fortschritts auch die Frage an, warum die Beschlagnahme deS Eigentums nicht bei dem Großgrundbesitz anfangen wolle. Der Redner weiß also wohl nicht, ein wie großer Teil des gesamten Grund und Bodens in
kleinen und kleinsten Besitzungen verteilt ist? Wenn er dies aber weiß, was soll dann die Frage bedeuten, warum der große Grundbesitz nicht in Beschlag genommen werde? Denn wenn der Staat nur einen Teil des gesamten Grundbesitzes an sich nehmen soll, so wird die einheitliche Leitung der Produktion — die Herstellung im ganzen, wie der Redner sich ausdrückte — nicht erreicht. Im übrigen wird niemand die Verarbeitung eines einzelnen, größtenteils aus der Fremde eingeführten Rohproduktes, wie das Tabakblatt ist, auf eine Linie stellen mit der Kultur des ganzen einheimischen Bodens. Niemand wird die geringe Beschränkung der Privatthätigkeit im ersten Falle auch nur in Vergleich ziehen mit den umwälzenden Folgen einer Entziehung im zweiten Falle. Man weiß ja freilich, daß solchen Argumenten kein Ernst beiwohnt; daher sollte sich niemand wundern, oaß die Staatsregierung außer stände ist, einer Verurteilung ihrer Vorschläge, die auf solche Gründe hin erfolgt, Gewicht beizulegcit.
Die Frage, ob denn das Reich nicht neue Einnahmequellen bedarf, um wachsenden Bedürfnissen zu genügen und drückenden Steuern zu entsagen, wurde einfach verneint.
Auch eine Aeußerung der „Provinzial -Korrespondenz" wußte der fortschrittliche Redner zu verwerten, indem er auS dem Satz, daß der Kanzler mit seinen Plänen eine gewisse Eile habe, den Schluß zog: diese Pläne würden, wenn nur jetzt aufgehalten, für immer beseitigt sein. Ob aber mit diesen Plänen, wenn sie für immer beseitigt wären, nicht die Existenz des deutschen Volkes in Frage gestellt wäre, untersuchte der Redner nicht. Uebrigens beeilt man nicht blos Dinge, deren Aufschub gerade dadurch schädlich wird, daß ihre Ausführung unvermeidlich bleibt.
Endlich behauptete der Redner, der eigentliche „Pflegevater des Sozialismus" in Deutschland sei der Reichskanzler. Versteht man unter Sozialismus ein System von Mitteln, um den Stand der Lohnarbeiter, den die bisher vorherrschende Lehre nach freihändlerischem Eingeständnis dm Gesetzen des Marktes wie eine Ware überlassen wollte, vor der Ueberrnacht des Zufalls zu schützen, welcher so viele Arbeiter in die Arme der Not treibt — so wird der „Pflegevater des Sozialismus" einst ein Ehrentitel des Kanzlers werden. Versteht man dagegen unter Sozialismus die ausschweifenden Zukunftsträume der Sozialdemokratie, fo wird man den Urheber des Sozialistengesetzes von 1878 wohl schwerlich den Pflegevater eines solchen Sozialismus nennen. Der fortschrittliche Redner meinte freilich, die Grundsätze der Sozialreform förderten die Macht des Sozialismus mehr, als das Sozialistengesetz diese Macht vermindere. Aber eine nicht ferne Zukunft wird erfahren, daß der falsche Sozialismus durch das Sozialistengesetz zurückgedrängt, durch die Sozialreform überwunden ist.
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Gisela.
Novelle von A. H o r st.
(Fortsetzung)
„Wenn auch nicht vollständig," entgegnete der Baron, »so billige ich doch in vielen Beziehungen Ihre Wünsche, Herr Nepomuck, leider stoße ich jedoch mit meinen Wünschen auf einen unbesiegbaren Widerstand bei meinem Sohne selbst."
„Ist es möglich?" rief Nepomuck erstaunt au«. „Der Beleidiger zürnt der tief Beleidigten? Diese Haltung meines Schwiegersohnes ist mir ein Rätsel. Wo ist Baron Curt? Ich muß ihn unbedingt sofort selbst sprechen. Mir läßt bas gefährdete Wohl meines Kindes keine Ruhe."
Der Baron Andreas hätte gern da« Gegenüberstehen Nepomucks und seines Sohnes zu dieser Zeit vermieden, aber den ungestümen Bitten Nepomuck« gegenüber sand er Bitten anderen Ausweg, als Baron Curt herbeirufen zu kästen, was auch alsbald durch einen Diener geschah. Nach wenigen Minuten trat auch Baron Curt und zwar In Begleitung seiner Mutter ein. Mit der höfligsten Miene von der Welt näherte sich Nepomuck den Eintretenden, doch .Plötzlich prallte er wieder vor ihnen zurück, denn feindliche, derächtliche Blicke trafen ihn.
„Nun, womit habe ich denn diesen Zorn de« Herrn Baron Curt und der gnädigen Frau Mutter verdient? drgann Nepomuck gefaßt.
„Daß Sie in Ihrer Tochter eine unwürdige Gemahlin seinem Sohne aufgedrängt haben," ries verteidigend die Barvneh mit hochaufgehobener Stimme. „UnS hat da« Auck feit Jahren nicht mehr gelächelt, aber doppelt un- A"ckkch ^d wir durch diese Heirat meine« Sohne« mit
Ihrer Tochter geworden. Sie hat meinem Sohne, einem Edelmanne ans der besten Familie des Landes, Ehrlosigkeit vorgeworfen und das hat Diejenige gethan, für welche der Vater bei uns um unseren Sohn geworben hat.
Nepomuck kämpfte bei diesen Worten nach Fastung und sand endlich in seiner Wut seine Stimme wieder und brachte vor Zorn keuchend hervor:
„Und Derjenige, gnädige Frau, dem ich das Glück meiner Tochter anvertraute, um sie beide glücklich zu machen, hat derselbe, hier dieser Baron Curt, der vor uns steht, nicht meine Tochter und mich auf das Schwerste zuerst bei der Ehre angegriffen? Gisela, die Tochter eines Millionärs, braucht sich keinen Mann zu erkaufen. Millionen adeln auch, ja stellten uns auf eine dem Adel ebenbürtige Stufe und wir haben eine geartetere Stellung als viele Reichsbarone. Ich verlange daher auch, daß Baron Curt sich in feinem Stolze wiederfindet und meiner Tochter die schuldige Genugthuung gewährt und sie um Verzeihung bittet. Sie ist seine angetraute Gemahlin und vor ihr demütiget er sich nicht, hier macht er nur Unrecht gut."
„Die unwürdige Rolle, zu welcher ich als verachteter Gemahl Ihrer Tochter verdammt fein würde, spiele ich auf keinen Fall weiter," war darauf die kühne und entschlossene Antwort des Baron Curt. „Sparen Sie alle Ihre ferneren Worte, Herr Nepomuck! Ich verlange die förmliche Scheidung von Ihrer Tochter und werde so bald als möglich Schritte thun, um diese schmachvolle Ehe aufzuheben."
„O, ich elender Thor!" rief In wilder Verzweiflung Nepomuck au«. „Vom Ehrgeiz in meinen Sinnen um« nachtet, habe ich Wohlthatcn gesäet, um Dankbarkeit und Siebe zu ernten, nun sehe ich jedoch, daß der adelige Stolz die einzige Leidenschaft dieser Familie ist, und nur am
Rande beS Abgrunbes trat der Baron zögernd einen Schritt zurück und führte meine Tochter zum Altäre, um noch am fclbigen Abend dieselbe zu verstoßen. Mein unglückliches Kind schreit nach Rache, die ganze Welt zeigt mit Fingern auf sie. Rache, Herr Baron I Rache, gnädige Frau I Rache, Herr Schwiegersohn 1 Wir werden ja sehen, ob der Geldadel den Geburtsadel besiegt 1" tief Nepomuck mit gellender, dämonischer Stimme und verließ mit diesen Worten taB Zimmer und eilte die Treppenstufen hinab. Das Gewitter stand noch immer am Himmel und war sogar näher gerückt. ES donnerte und blitzte auch häufiger, aber nichts vermochte den Bankier Nepomuck unter dem Dache des Baron von Swoboda zurückzuhalten. Kutscher und Diener erhielten den Befehl, ungesäumt den Wagen zu bespannen, und bald eilte derselbe mit Nepomuck in der Richtung nach der Stadt Wien wieder davon.
In dem reizenden Landsitz Neudegg, wo der Bankier Nepomuck für seine Tochter und seinen Schwiegersohn, den Baron Curt von Swoboda, ein freundliches Heim hergerichtet zu haben glaubte, sah es recht traurig ans. Die hochstehende Junisonne sandte zwar ihre Glutküffe auf die gesegneten Gefilde, die duftenden Gärten, ja selbst durch die Fenster hinein in die Wohnungen, darinnen war es jedoch, als wenn nur freudelose Wesen umherhuschten. Kein auf seinen Sitz stolzer Gutsherr ließ sich irgmdwo blicken und in den Gärten, auf den Balkons und in den prächtigen Empfangszimmern suchte man vergeblich nach der anmutigen Herrin.
(Fortsetzung folgt.)