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Marburg, Freitag, 26. Mai 1882

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(Fortsetzung folgt.)

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Der Festzug der Gotthardtbahn traf 8 V» Uhr in Mai­land ein. Die Vertreter der Schweiz und der deutschen Staaten, sowie die italienischen Minister wurden von den Behörden am Bahnhofe empfangen und seitens des über­aus zahlreichen Publikums mit lebhaften Zurufen begrüßt.

Bei dem Empfange der offiziellen Fahrgäste am Bahn­höfe sagte der Minister des Aeußern, Mancini, in seiner Begrüßungsansprache, er schätze sich glücklich, Alle im Na­men des Königs und der italienischen Nation willkommen zu heißen. Das große Ereigniß der Eröffnung der Gott­hardtbahn sei bestimmt, die Bande der Freundschaft und Gemeinsamkeit der Interessen der drei Nationen, welche diesen glänzenden Tribut der Zivilisation entrichten, noch enger zu knüpfen und unauflöslich zu machen. Darauf erfolgte feierlicher Empfang der Gäste durch den Bürger­meister und den Munizipalrat im Stadthaus?. Die Musik spielte die Nationalhymne der drei Länder.

Mittwoch Vormittag findet zu Ehren der Festteil­nehmer ein Dejeuner bei dem Herzog von Aosta und abends ein Bankett statt.

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Gisela.

Novelle von A. H o r st. (Fortsetzung)

Im Südwesten des Abendhimmels war ein schweres Gewitter aufgezogen, der Himmel war in jener Richtung von fernen Blitzstrahlen unheimlich erleuchtet und dumpf rollte schon der Donner herüber bis in die Gegend, wo die Swoboda'schen Besitzungen lagen. Ein schärferes Donnern und Rasseln ließ sich jetzt vernehmen, welches den Baron Andreas aus der Starrheit seiner Gedanken riß. Er blickte instinktiv hinunter nach dem weiten Guts­hofe und bemerkte, daß das scharfe Raffeln nicht von dem Gewitter, sondern von einem mit wuchtiger Schnelligkeit in den Gutöhos hereinfahrenden Wagen herrührte. DaS noch scharfe Auge deS Barons suchte in dem Wagen ein sich vor dem Gewitter rettendes Gefährt feines Hofes zu entdecken, aber er bemerkte bald, daß er sich getäuscht hatte, denn da unten auf dem GutShofe hielt kein landwirtschaft­liches Gefährt, sondern ein eleganter Reisewagen, aus wel­chem eine Person stieg, die in der Dunkelheit nicht genau zu charakterisieren war. Der Baron war noch zu sehr in seiner schwermütigen Stimmung befangen, daß er eS unter­ließ, seine Gemahlin und seinen Sohn, die im Hintergründe des Zimmers saßen und offenbar die vorhin gepflogenen Auseinandersetzungen noch von ihrem Standpunkte aus fortsetzten, auf die Ankunft eines Gastes oder einer außer­gewöhnlichen Person aufmerksam zu machen. ES wäre dies auch ziemlich überflüssig gewesen, denn alsbald trat ein Diener in das Zimmer, wo die drei ersten Personen des HauseS zusammensaßen, . stellte einen prächtigen Arm­leuchter auf den in der Mitte deS Zimmers stehenden Tisch und meldete in höflichen Worten, daß soeben der Herr Bankier Ncpomuck auS Wien angekommen sei und sich den gnädigen Herrschaftm anmelden laffe.

Zur Gotthardtbahn-Feier.

Dienstag Nachmittag 2 Uhr trafen die Festteilnehmer in vier Zügen in Lugano, der ersten italienischen Stadt, ein. Tie Fahrt dorthin verlief äußerst glänzend; auf allen Stationen fand festlicher Empfang statt. Bei dem Bankett in der offenen Halle am See hielten der Nationalrat Battaglini und der frühere italienische Minister Criöpi Reden, in welchen sie die Verbrüderung durch die Gott­hardtbahn feierten. Minister v. Bötticher brachte in einer enthusiastisch aufgenommenen Rede der Schweiz sein Hoch als Abschied beim Eintrilt in Italien. Gegen Abend er­reichte der Festzug der Gotthardtbahn dann Mailand. Die Vertreter der Schweiz und der deutschen Staaten, so­wie der italienischen Minister wurden von den Behörden am Bahnhofe empfangen und seitens des überaus zahl­reichen Publikums mit lebhaften Zurufen begrüßt.

Die im Auszug schon mitgeteilte Rede, welche der Reichstagsprästdent v. Levetzow beim Bankett in Luzern hielt, lautete nach einem telegraphischen Bericht desB. B.-C." vollständig:Meine Herren I Als der deutsche Kaiser Wilhelm am 18. Januar 1871 in einer Prokla­mation an das deutsche Volk erklärte, daß er die deutsche Kaiserkrone angenommen habe, gab er der Hoffnung aus­druck, daß es ihm und seinen Nachfolgern allen beschieden sein möge, allezeit Mehrer des Reiches nicht im kriegerischen Sinne, nicht an blutigen Lorbeeren, sondern an Gütern der Freiheit, der nationalen Wohlfahrt und der Gesittung 1 Innerhalb des Rahmens dieses Programmes und gewisser­maßen eine Ausführung desselben ist daS Werk, dessen Vollendung wir heute feiern. Dieses Werk durchbricht die Scheidewand, welche die Völker der deutschen und romani­schen Zunge von einander trennt und bringt die Völker- schasten diesseilS und jenseits der Alpen in immer nähere und freundschaftlichere Beziehungen. Der ungetrübte Him­mel, welcher am heutigen Tage auf unS herabsah, als wir die reizvollen Vorzüge dieser Gegend betrachteten wir wollen ihn als eine gute Vorbedeutung dafür nehmen, daß der allmächtige Gott mit Wohlgefallen auf daS Werk herabsehe, daS nun vollendet ist. Der berechtigte Stolz,

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sich dann wohl schon finden."

noch heute Abend, was die eine Partei anbelrifft, wieder beilegen können."

Unter dieser Hoffnungsäußerung waren der Baron und Nepomuck in ein Zimmer getreten und letzterer hatte sich, der Bitte des ersteren folgend, in einen Sessel niederge­lassen. Eine dargcbotene Erfrischung lehnte Ncpomuck mit dem Bemerken ab, daß er erst vor einer halben Stunde in einem in der Nähe liegenden Städtchen Speise und Trank eingenommen habe; eine an Nepomuck wahrnehmbare Un­ruhe und Erregung verriet indessen, daß er Wichtigeres als Essen und Trinken zu erledigen gedachte.

Nun, mein lieber Baron," begann Ncpomuck mit herzlicher Stimme,haben Sie die Güte und lassen Sie sich hier neben mir nieder. Als den Vätern des jungen Ehepaares geziemt es uns, daß wir den Streit unserer Kinder bald beilegen helfen. Ich war zwar im Anfänge über das Davonlaufen meines Herrn Schwiegersohnes sehr aufgebracht, glaubte aber alöbald die Sache von einem anderen Standpunkte auffassen zu müssen. Ihr Sohn hat meiner Tochter Vorwürse gemacht, die meine Tochter tief, tief beleidigen mußten und ich mag diese Worte hier im Interesse der Schlichtung des Streites nicht wiederholen, verschweige aber nicht, daß meine Tochter über den Vor­fall auf das Höchste empört ist, und daß meine ganze An­gelegenheit einem Akt der Verzweiflung nahe ist. Leider konnte ich meine Gisela nicht vor meiner Reise zu Ihnen besuchen, renn ich hielt eine Rücksprache mit Ihnen und Ihrem Sohne für das zunächst Notwendigste. Ich muß daher aber auch ohne Verzug von Baron Curt verlangen, daß er an Gisela als seine Gemahlin schreibt, sein Unrecht be­kennt und sie um Verzeihung bittet. Das Weiter«, das junge Eh, paar wieder einander näher zu bringen, dürfte

Deutsches Reich.

Berlin, 24. Mai. DerProvinzialkorrespondenz" zu­folge reist der Kaiser nach Ems zwischen dem 12. und 18. Juni. Nach dreiwöchentlichem Kurgebrauche ist ein mehrtägiger Aufenthalt in Mainau beabsichtigt, so daß, wenn die gleichfalls auf drei Wochen gerechnete Kur in Gastein beendigt ist, die Rückkehr nach Berlin in der ersten Hälfte des Monats August erfolgt. DieProvinzial- korrcspondenz" sagt bezüglich der Behauptung des Abgeord­neten Richter, der Pflegevater des Sozialismus in Deutsch­land sei der Reichskanzler: Verstehe man unter Sozialismus ein System von Mitteln, die Lohnarbeiter vor der Ueber- macht des viele Arbeiter in die Arme der Not treibenden Zufalls zu schützen, so werde die Bezeichnung als Pflege­vater des Sozialismus einst ein Ehrentitel des Kanzlers werden; verstehe man darunter aber die ausschweifenden Zukunftsträumc der Sozialdemokratie, so werde man den Urheber des Sozialistengesetzes schwerlich den Pflegevater eines solchen Sozialismus nennen können. Eine unferne Zukunft werde erfahren, daß der falsche Sozialismus durch daS Sozialistengesetz zuiückgedrängt und durch die Sozial­reform überwunden worden fei. Ein Artikel, den die Provinzial-Korrespondenz" der Eröffnung der O»tthardt- bahn widmet, lautet nach einigen einleitenden Worten fol­gendermaßen: Die Bedeutung der Eisenstraße durch den Gotthardt ist zunächst, daß sie das Deutsche Reich, die Schweiz und Italien enger mit einander verknüpft, indem sie das gewaltige Verkehrshindernis, die Alpen, den Mitteln

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mit welchem alle Beteiligten auf den Riesenbau der Gott­hardtbahn blicken, hat nichts gemein mit jenem übermütigen nnd frevelhaften Stolze, der den Turmbau zu Babel be­gleitete und deshalb Gottes Zorn erregte. Ist doch vor allem das nun vollendete Werk ein Werk des Friedens, berechnet, die Völkerfrciheit und die Völkergestttung zu fördern. Meine Herren, ich lade Sie ein, mit mir anzustoßen und mit mir zu trinken auf das Wohl der Männer, welche mit Mut und Geschick und Ausdauer an der Spitze ge­standen haben, als es galt, alle Einzelheiten und alle großen Züge des Baues festzustellen und durchzuführen. Die Direktion der Gotthardtbahn lebe hoch, hoch hoch!

Freilich muß bemerkt werden, daß das schöne Fest, bei dem die offiziellen Redner ausnahmslos die Verbrüderung der drei Nationen hervorhebcn, nicht ohne peinliche Zwischen­fälle verläuft, an denen zumeist die schweizerischen Leiter deS Festes die Schuld tragen. Schon das hatte die Italiener sehr verdrossen, daß die Schweiz nach Italien dreimal weniger Einladungskarten gesandt hatte, als sie von dort empfangen. In ganz ungefchickter Weise verursachte dann bei jenem Bankett ein Festordner eine empfindliche Störung. Nach dem Präsidenten Levetzow erhob sich der italienische Minister der öffentlichen Arbeiten, Baccarini, und hielt eine treffliche Rede, in der er die ganze Geschichte der Gotthardtbahn entwickelte; als er nahe am Ende seiner Rede war, erhob sich ein Festordner und ermahnte die Redner im allgemeinen, kurz zu sein. Hier entstand ein kleiner Tumult; ein etwas heißblütiger Italiener sprang auf und rief:Herr Minister, Sie vertreten Italien, den Staat, der am meisten zur Gotthardtbahn beigetragen, fahren Sie fort." Rufe:Ja, ja, fahren Sie fort!" Der Minister brach jedoch kurz ab. Eine peinliche Stille trat ein. Der Festordner entschuldigte sich, er habe geglaubt, der Minister hätte bereits geendet, und nur die nächsten Redner gemeint.

Von anderer Seite dagegen wird über das anspruchs­volle Benehmen der italienischen Festgäste geklagt, wie z.B. bei der Abfahrt von Luzern den ersten der vier Züge für sich forderten, in Lugano sämtliche Ehrenplätze der Tafel fofort in beschlag nahmen. Auch ber Unterbrecher des Ministers soll ein Italiener gewef u sein, dem die Rede zu lange dauerte; ebenso hätten die Italiener bei der Rede Levetzows einen höchst ungebührlichen Lärm v'rübt.

Ueber den Schluß der am Dienstag stattgefundenen Festfahrt von Luzern nach Mailand, auf welcher an allen Punkten, die hervorragende und besonders schenswerthe Eisenbahnbauten zeigten, Halt gemacht um nach einer län­geren Rast in Göschenen, am Eingang dcS Tunnels, die Weiterfahrt angetreten wurde, worauf ein Diner zu Lu­gano folgte, meldet der Telegraph:

Wie ein elektrischer Funke durchzuckte diese Nachricht den Baron, seine Gemahlin und seinen Sohn, doch nur einen Moment hatte der Baron vergessen, was die Schick­lichkeit und der feine Takt von ihm forderten. Er richtete seine Schritte nach der Thür und wandte dabei einen bittenden Blick nach seiner Gemahlin und seinem Sohne, verschwand aber dann rasch hinter der sich schließenden Thüre. Eine furchtbare Erregung hatte sich offenbar der drei Personen, die vor wenigen Minuten eine schwer­wiegende Angelegenheit erörtert hatten, bemächtigt, denn sie ahnten und fühlten sicher, daß wegen eben dieser Ange­legenheit N'pomuck, der Vater Giselas, soeben angckommen sei, und während die Baroneß und Baron Curt wie ange­bannt auf ihren Stühlen saßen, war der Vater des Letz­teren hinabgeeilt, um Nepomuck zu begrüßen.

Noch ehe der Baron Andreas die unterste Treppenstufe erreicht hatte, kam ihm Nepomuck entgegen. Die Zunge des Barons löste sich schwer, als er dem Bankier die Hand schüttelte, preßte er die Worte heraus:

Seien Sie willkommen in meiner Behausung, Herr Nepomuck 1"

Dieser dankte freundlich, fragte dann aber mit sicht­barer Unruhe:

Ist Baron Curt im Hause anwesend?"

Der Baron Andreas konnte nicht umhin, diese Frage zu bejahen, hielt es aber für geraten, der Bejahung nicht die geringste anderweitige Bemerkung zuzufügen. Nepomuck schien von dieser Gewißheit auch schon sehr angenehm be­rührt zu sein, denn er rief in fast jovialem Tone:

Nun, Herr Baron, dann wissen Sie auch, in welcher Absicht ich bei ihnen so urplötzlich zugereist komme. Sie kennen da gewiß schon die dumme Geschichte, welche drüben in Neudegg passiert ist und ich hoffe, wir werden dieselbe

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