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Juatßurg, Donnerstag, 25. Mai 1882
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Die Expedition der Oberhess. Ztg.
Die Gotthardt-Festlichkeiten.
An die Fahrt über den Vierwaldstätter See und tie per Bahn ausgeführte Tour von Brunnen über Arth und den Rigi nach Vitzenau und zurück nach Luzern, schloß sich abends 7 Uhr das große, von den Schweizer Behörden veranstaltete Banket im Hotel Schweizerhof an.
lieber den Verlauf desselben meldet der „Telegraph" Folgendes:
An dem am Montag Abend stattgefundenen Bankett im Hotel Schweizerhof zu Luzern nahmen circa 800 Personen teil. Zur Rechten des Bundespräsidenten faß der Minister v. Bötticher, zur Linken desselben der 86 Jahre alte Präsident des italienischen Senats, Tecchio. Ihnen gegenüber halten die Delegierten der einzelnen deutschen Staaten, die Minister, Diplomaten und Bundesräte Platz genommen. Präsident Bavier eröffnete die Reihe der Toaste mit einer Rede, in welcher derselbe aller Derer gedenkt, welche das große Werk geschaffen, der Arbeiter, welche dabei ihr Leben verloren, der Erbauer, der Staaten, welche ihre Unterstützung liehen und sich jetzt durch friedliche Arbeit, durch die Vermittelung der Gotthardtbahn, näher getreten seien. Der Präsident begrüßte sodann Alle, welche zum Feste gekommen, die Deutschen, Italiener und Schweizer und sagt: „Wir feiern ein Friedensfest, einen Triumph der Arbeit und der Wissenschaft, ein Verbrü- derungssest. Ich trinke auf das Wohl des Deutschen Kaisers und des Königs von Italien und aus den Frieden zwischen Germanen und Romanen." Der Direktor des Gotthardtunternehmens Zingg gedenkt der Männer, welche an dem Unternehmen mitgewirkt haben, insbesondere der Bundesräte Welti und Escher, der Ingenieure und der Tausende von Arbeitern, und sagt, der allgemeine Drang geht nach dem Süden, wir wollen die Herzen der Italiener erobern, aber keine Länder. Derselbe trinkt auf die Zukunft eines großen FriedenSvecbandeS. Der deutsche Gesandte, General v. Röder, brachte ein Hoch auf die Schweiz und ihre Thatkraft auS. Der italienische Minister Baccarint wieö in seinem Trinkspruch darauf hin, wie Deutschland, die Schweiz und Italien sich nunmehr näher gebracht seien. Der Präsident des deutschen Reichstages, v. Levetzow, er«
Gisela.
Novelle von A. H o r st.
(Fortsetzung)
Zur Zeit war der Baron Andrea« von Swoboda mit mehreren seiner Angehörigen auf seinem Landsitze anwesend und schien eben ein Familienrat in einem Eckzimmer des herrschaftlichen Wohnhauses stattzufinden, denn in demselben war der Baron Andreas, seine Gemahlin und fein ältester Sohn, der Baron Curt, vereinigt und aus ihren ernsten Mienen und lebhaften Geberden ließ sich auf wichtige Verhandlungen schließen.
„Ihr macht mir hier ganz unverdiente und vor allen Dingen auch sehr ungehörige Vorwürfe," gab jetzt der würdig aussehcnde Baron Andrea« seiner Gemahlin und seinem Sohne zur Antwort. „Erst al« ich nach vielen und vergeblichen Versuchen keinen Ausweg au« unseren Verlegenheiten finden konnte, habe ich dem Wunsche Ncpomuck« willfahrtet und wahrhaftig manche schlaflose Nacht hindurch wegcn des Opfers gelitten, welche« ich Dir, meinem erstgeborenen Sohne, auferlegte. Wohl hätte ich die Vermählung Curt« mit einer Dame, welche unserem Stande ebenbürtig ist, tausendmal lieber gesehen, als diese Verbindung mit der Gisela Ncpomuck. Aber hätte nicht schon
dem Zustandekommen dieser standesgemäßen Vermählung unser Ruin eine offenkundige Thatsache werden müssen? Und wenn dies auch wirklich nicht der Fall gc< Men wäre, so hätte un« eine vollzogene standesgemäße Verbindung Curts vor dem späteren Ruin nicht retten 'vnnen. Die Lebensweise der jungen Gemahlin von Gemüt und die adeligen ErbschaftSverhältnisie hätten Curt jemals oder doch nicht rechtzeitig solche Summen jugt« 'khrt, um unsere Güter, unseren Rang und Stand be
hob sich sodann und sagte: Der Deutsche Kaiser erklärte am 18. Februar 1871, „Meine Nachkommen werden Mehrer deS Reiches sein für Wohlfahrt, Freiheit und Gesittung. Der Kaiser und das Deutsche Reich erfreuen sich an der Vollendung des Riesenwerkes." v. Levetzow bringt schließlich ein Hoch auf die Arbeiter und die Gotthardtbahn aus. Nach dem Bankett wurde ein Feuerwerk am See abgebrannt und die Spitzen der umliegenden Berge erleuchtet.
Ferner wird gemeldet:
G o e s ch e n e n, 23. Mai. Die Teilnehmer an den Festlichkeiten zur Eröffnung der Gotthardtbahn sind in Goeschenen angekommen; ein prächtiger Empfang hatstattgefunden. Morgen kommt Prinz Amadeus nach Mailand, alsdann findet ein Dejeneur für die Gäste auf dem Schlöffe statt.
Lugano, 23. Mai. Die Festfahrt hierher gestaltete sich zu einem förmlichen Triumphzuge. Das Wetter ist günstig, kurze Zeit fiel Regen. Die Festfahrt von Luzern aus in drei Extrazügen und das Festdiner hier waren geradezu großartig.
Lugano, 23. Mai. Um 2 Uhr trafen die Festteilnehmer in vier Zügen hier ein. Die Fahrt hierher verlief äußerst glänzend, auf allen Stationen fand festlicher Empfang statt. Bei dem Bankett in der offenen Halle am See hielten der Nationalrat Battaglini und der frühere italienische Minister Crispi Reden, in welchen sie die Verbrüderung durch die Gotthardtbahn feierten. Minister von Bötticher brachte in einer enthusiastisch aufgenommenen Rede der Schweiz sein Hoch al« Abschied beim Eintritt in Italien.
Die Gotthardtbahn-Direktion macht bekannt: „Von einem warmen Freunde der Gotthardtbahu, der zur Zeit nicht genannt sein will, sind dem Präsidenten Zingg zu Händen der Direktion 10000 Francs in fünfprozentigen Obligationen der Gotthardtbahn mit dem Versprechen übergeben worden, von 1883—1890 jährlich weitere 5000 Francs pro Anno zuzuschießen, bis das Kapital auf 50000 Francs angewachsen sein wird. 4 Prozent der jeweiligen ganzen Jahreserträge sollen, resp. können jährlich verwendet werden: zu Belohnungen für solche beim Betriebsdienste der Gotthardtbahn Angestellte (.resp. deren Hinterlassene), welche sich unter besonders schwierigen Vcr- hältniffen aufopfernd, mutig, besonnen oder überhaupt dienstfertig gezeigt und dadurch Passagiere oder andere zur Bahn in Beziehung tretende Personen gerettet oder vor Gefahren behütet ober dies zu thun wenigstens versucht haben, lieber das Vorhandensein eines solchen Falles und übet das Maß bet Gratifikation hat bie Direktion zu entscheiden. Bei einet seht rühmlichen Thal kann die Belohnung sofort zugcsprochen werben. Wenn in einem Jahre keine hervorragenden Leistungen des Personals votliegen, so soll
Haupte» zu können. Fügt Euch daher den harten Bedingungen der Vernunft und wir wollen mit gemeinsamen Kräften daS Mißverständniö beseitigen, welches die Ehe CurtS mit Gisela Ncpomuck gefährdet hat, als diese Ehe kaum begonnen I
„Nie und nimmermehr!" rief die Baroneß, deren angeborenen Stolz man auf ihrer Stirne lesen konnte, mit schneidender Stimme. „Mein Sohn ist von einer ihm Unwürdigen wie ein Ehrloser behandelt worden und ehe ich diese erneute Demütigung ertrage, so will ich mit meinen Söhnen und meiner Tochter lieber dem härtesten Mißgeschick zum Opfer fallen. Es giebt Grenzen, auch für die VernunftSgründe und KlugheitStegeln, Andreas, an diesen Grenzen sind wir angekommcn.
„Ich pflichte der Mutter vollkommen bei," erwiderte Baron Curt energisch, „und keine Macht dieser Welt wird mich wieder an die Seite der mir vorgestern angetrauten Gemahlin zurückbringen und Niemand wird mir dies verdenken können, denn besser ist eö, ich arbeite, wenn es sein muß, als TagcSschreiber bei irgend einer kaiserlichen Behörde, als daß ich ein verachtetes Dasein an der Seite einer reichen Gemahlin dahinschleppe."
Diese entschiedenen Aeußerungen seiner Gemahlin und seine« SvhncS machten indeffen den Baron Andreas in seinen Versuchen, die G:finnungcn seiner Gegenpartei zu ändern, noch nicht wankend und er suchte jetzt die Affaire von einem anderen Standpunkte aus zu beleuchten.
„Ich rerstche Eure innere Entrüstung vollständig," sprach er, sich sanft an die Baroneß und den Baron Curt wendend, „aber ich kann nicht umhin, der Sache eine andere Deutung beizulegen, als Ihr es thut. Zunächst hat offenbar Curt durch seine eigene Haltung seine Gemahlin, bei der ich niemals die geringsten Spuren von empörendem
der ganze Zins auf neue Rechnung borgetragen werden. Der Fonds soll unter dem Namen „Fonds für hervorragende Leistungen im Betriebödienste" selbständig verwaltet und in Gotthardt-Obligationen angelegt werden. Der Name des Geschenkgebers soll verschwiegen bleiben, so lange seine Beträge nicht 50000 Francs an Kapital erreicht haben.
Deutsches Reich.
Berlin, 23. Mai. Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" bespricht die Beratungen des Tabaksmonopols in der Kommission und meint, die Folge dieser unsachmäßigen, oberflächlichen Behandlung werde notwendigerweise darin bestehen, daß bas Tabaksmonopol noch nicht von der Tagesordnung verschwinden könne. Für die Fortdauer der dadurch hervorgerufenen Unruhe in der öffentlichen Meinung und den interessierten Kreisen seien demnach diejenigen verantwortlich, die eine gründliche und ausschlaggebende Beratung des Gegenstandes vereitelt hätten. — Zur Ablegung der militär-ärztlichen Prüfung sind eine größere Anzahl von Stabsärzten hierher kommandiert worden und einge« troffen. — Der Justizministet hat auf Veranlaffung eines von dem StaatSsekretair des Reichs-Justizamts ihm ausgesprochenen Ersuchens, nach der „Voss. Ztg.", unterm 13. d. M. bestimmt, daß künftighin in den Tenor der Urteile in bürgerlichen Rechtsstreitigkeiten auch die Name» der Prozeßbevollmächtigten ter Parteien, Rechtsanwälte und dergl. ausgenommen werden sollen. Das genannte Blatt bemerkt dazu: Obwohl § 284 Nr. 1 der Reichs-Zivil- prozeß-Ordnung nur vorschreibt, daß bas Urteil die Bezeichnung der Parteien und ihrer gesetzlichen Vertreter (b. h. Vormünder, Direktoren von Aktiengesellschaften und dergl.) zu enthalten hat unb in der Reichs-Justizkommission ein Antrag Reichcnsperger's auf Hinzufügung der Bevollmächtigten abgelchnt worden, eö also zweifelhaft ist, ob das Ersuchen des Staatssekretairs unb die darauf ruhende Verfügung den Jntensivnen des Gesetzgebers entspricht, so ist dieselbe doch freudig zu begrüßen, da sie einem in der Praxis gefühlten wesentlichen Mangel abhilst. Wenn es nämlich zur Zwangsvollstreckung kommt, muß der Richter ober bet Gerichtsvollzieher, der die Vollstreckungshandlung vorzunehmen hat, prüfen, ob das Urteil, welches allein ihm in vollstreckbarer Ausfertigung vorliegt, den Prozeßbevoll- mächtigten des zu Exequictenbeu zugestellt worden ist. Hierzu war er bisher aber gar nicht im stände, denn wenn auch dem Urteil die ZustellungSurkunbe angehestet war, so konnte aus derselben nicht ersehen werden, ob der, an welchen zugestellt war, auch der in Rede stehende Prozeßbevollmächtigte war. Hierzu bedurfte es einer Auskunft aus den Prozeßakten, wodurch aber eine unter Umständen kostbare Zeit verloren gehen konnte. Solchen Uebelständen
Hochmut entdecken konnte, zu den allerdings kaum zu entschuldigenden Aeußerungen gereizt, aber die Sache könnte doch durch eine gegenseitig zu gebende Genugthnung, wenn auch nicht gleich ausgeglichen, so doch ihrer Schroffheiten benommen werden. Curt braucht ja deshalb nicht nach Neudegg zurückzukehren, im Gegenteil, Ncpomuck dürfte sich herbeilassen, in einiger Zeit uns mit seiner Tochter hier auf unseren Besitzungen zu besuchen und dann findet sich eine vollständige Aussöhnung von selbst."
„Vater", erwiderte Curt jetzt fast trotzig, „Du malst Dir Zukunftsbilder aus, die sich niemals verwirklichen können. Mich hat schon der Gang nach dem Altar an der Seile der Gisela die Aufbietung meiner ganzen Seelen- kräfte gekostet unb zu einer Entschuldigung, ja Unterwerfung der mir angetrauten Dame gegenüber läßt sich meine Seele nicht noch foltern. Ich bleibe bei meinem Entschlüsse unb verlange unbedingt die Trennung der Ehe mit einer Person, die mich verachtet und. schmählich beleidigt hat."
Der Baron Andreas erbleichte bei diesen bedingungslosen Worten seines Sohnes und warf nur einen flüchtigen Blick hinüber in das Antlitz seiner ihm gegenübersttzendcn Gemahlin, doch das Gesicht derselben zeigte nnr eisigen, unnahbaren Stolz unb schonungslose Entschlossenheit. Der Baron gelangte nunmehr zur vollständigen Einsicht, daß die Entschlüsse seines Sohnes und seiner Gemahlin nicht wankend zu machen waren. Der kluge und versöhnungsvolle Mann seufzte tief und sank wie erschöpft in eine Fensterverticfung, in welcher er lehnen blieb und mit trostlosen Blicken hinaus in die dämmernde Abendlandschaft mehr bewußtlos als bewußt schaute.
(Fortsetzung folgt.)