Marburg, Mittwoch, 24. Mai 1882
&VII Jahrgang
m 120
WcheWsk jfitiniij
Eine neue Niederlage Gladstones.
als Gegengabe, Unterstützung des
hat und daß der Preis auf der und eine irische Pachtrückstands-
Staatsmann Englands, im Kerker unterhandelt einen Seite Freilassung
Die Einweihung der Gotthardlbahn.
Eins der riesenhaftesten Werke unseres Iah,Hunderts hat gestern seinen feierlichen Abschluß erhalten; die Gotthardtbahn von Luzern bis Mailand ist nun dem vollen Verkehr übergeben. Jeder, der aus dem westlichen oder mittleren Deutschland einmal die Reise nach Italien auf dem weiten Umwege durch den Mont Cenis oder über den Brenner oder gar mit der Post über den St. Gotthardt hat ausführen müssen, wird aus eigenem Urteil die Bedeutung dieses Ereignisses würdigen. Aber nicht nur um die kleinen Interessen einzelner handelt cs sich; für daß Verkehrsleben dreier Nationen, der Deutschen, Schweizer, Italiener, hat mit dem gestrigen Tage eine ganz neue Epoche begonnen, und sicherlich nicht nur in wirtschaft-
damit alles ohne besonderes Aufsehen arrangiert werden könnte. Oben in einem Zimmer des Bankier« angelangt, bat dieser sofort Seyfried, noch an diesem Tage nach Neu degg abzureisen, um Gisela zu trösten. Seyfried war darüber erstaunt und bemerkte, daß Gisela wohl ihren Vater erwarten werde. Doch Nepomuck, der sich inzwischen auch durch ein GlaS Wein und moussierendes Wasier gestärkt hatte, bestand auf seiner Bitte, indem er hervorhob, daß er den vorwurfsvollen Anblick seiner Tochter nicht ertragen könne, so lange er nicht die von ihm veranstaltete Ehe mit dem Baron zu einer glücklicheren Fortsetzung, als der Anfang gewesen war, gebracht hätte. Seyfried weigerte sich nicht mehr. In wcnigen Minuten gingen eine Anzahl Depeschen ab; Seyfried machte sich unter den Segens- Wünschen Nepomuckö auf die Reise nach Neudegg, während Nepomuck einen festen Plan faßte, wie er den widerspenstigen Schwiegersohn auf die Bahn seiner Pflichten zurückbringen und die ganze Affaire in Güte schlichten könne.
Hart an der ungarischen Grenze, einige Meilen nordwestlich von Preßburg, wo die March durch fruchtbare Gefilde fließt, befanden sich die weitläufigen Besitzungen deö BaronS Andreas von Swoboda. Der Besitzer derselben konnte wohl für reich gelten, denn die ausgedehnten Landgüter und Waldungen deuteten auf einen ziemlich hohen Wert hin. Derjenige jedoch, welcher einen heimlichen Blick in da« Wirtschaftsbuch des BaronS von Swobada hätte thun können, würde erfahren haben, daß es mit den Vermögensverhältnissen deS BaronS nicht glänzend stand. Drei gewaltige Hypotheken lasteten auf den Gütern und man konnte sehr leicht zu dem Schlufie kommen, daß der Baron
dem liberalen Kabinett zu schaden. Gelingt es dann Herrn Gladstone nicht, die Fäden, die sich immer dichter um sein Haupt ziehen, zu zerreißen, und sich von der Beschuldigung, Mord, Raub und Boycotting in Irland mit Freilassung und Schuldentilgung belohnt zu haben, zu rechtfertigen, so erscheint sein Sturz unvermeidlich. Daß ihm dieser Recht- fertiguugSbcwciS gelingen sollte, ist schwerlich zu glauben, denn die so plötzlich erfolgte Freilassung der irischen Gefangenen, noch mehr aber die Einbringung der Vorlage über die Beseitigung der Pachtrückstände in Irland, der eigentliche Preis des Vertrags von Kilmainham, im Unter- Hause sprechen zu sehr gegen Gladstone, als daß man seinen voraussichtlichen Verteidigungsversuchen einen nennenswerten Erfolg Vorhersagen könnte. — DaS Zutagekommen der Verhandlungen zwischen den Führern der irischen Bewegung und der Negierung hat allerdings auch Parnell und seinen Genossen geschadet, indem dieselben hierdurch in den Augen der Fenier sowohl als auch bei dcn fortgeschrittenen Land- liguisten, die auf politischem Gebiet zu den Unversöhnlichen gehören, unmöglich aeworden sind. Es verlautet sogar, daß Parnell und Davitt wegen ihres „unpatriotischen Verhaltens" von der geheimen irischen Vehme zum Tode verurteilt worden seien und daß man sie von diesem Todesurteil bereits in Kenntnis gesetzt habe. Wie es heißt, hätten deshalb die Genannten um den Schutz der englischen Regierung nachgesucht, was jedenfalls nicht dazu beitragen würbe, daS eigentümliche Verhältnis zwischen Gladstone und den Häuptern der irischen Landliga in einem besiern Lichte erscheinen zu lasten. Auf alle Fälle aber haben die UnterhauSdebatten über den Vertrag von Kilmainham daS Echuldbuch Gladstones wieder um eine Seite vermehrt: Seinen nichts weniger als glänzenden Erfolgen in der äußeren Politik stehen die Mißerfolge in der inneren Politik, wie sie sich speziell in bezug auf Irland dokumentieren, zur Seite und die Annahme, daß die Tage des jetzigen liberalen Regiments in England gezählt seien, wird darum mehr und mehr verstärkt.
Andreas jedes Jahr noch neue Anleihen nehmen müsse, um seine Ausgaben zu decken, zumal wenn eine größere Familie er standesgemäß zu versorgen hakte. DieS war denn auch thatsächlich der Fall, denn der Baron von Swoboda besaß mit seiner Gemahlin drei Söhne und eine Tochter, und und während die Frau Baroneß infolge ihres angeborenen Stolzes vorwiegeno auf standesgemäßes Auftreten innerhalb der Familie hielt, ebensowenig konnte auch der Baron sich mit Rücksicht auf die Zukunft feiner Söhne ungewohnten Einschränkungen auSsetzen. Die Söhne sollten, da dies nun einmal das begründete Vorrecht der Adelsfamilien aller Länder ist, ihr Glück im Heeresdienste machen und alle drei trugen daher die Uniform österreichischer Offiziere. Der ältere, Baron Curt, war allerdings vor einigen Monaten aus dem aktiven Heeresdienste ausgetreten, und gehörte nur noch als Landwehr-Offizier der österreichischen Armee an, die beiden jüngeren Brüder desselben waren jedoch zwei flotte, lebenslustige Offiziere im stehenden Heere und verursachten ihrem Vater, dem Baron Andreas von Swoboda, jedenfalls ununterbrochene größere Geldausgaben in Form von beträchtlichen Zuschüssen zu der O'fiziersgagc, mit welcher bekanntlich die Subaltern- Osfiziere niemals und die höheren Offiziere höchst selten bei ihrer standesgemäßen Lebensweise auskommen können. Der Baron von Swoboda mußte jedoch, wie erwähnt, schon aus Rücksichten auf seine persönliche Stellung, alle Opfer bringen, um seinen jüngeren Söhnen die Osfiziersearrisre zu erhalten, denn er selbst hatte nahezu dreißig Jahre der Armee angehört, und hatte erst vor ungefähr zehn Jahren mit dem Range eines Obersten seinen Abschied genommen.
(Fortsetzung folgt.)
wieweit hierbei das Kabinett auf die Intentionen der irischen Führer eingegangen ist, ist zwar noch nicht authentisch festgestellt, aber schon der Umstand, daß sich Gladstone soweit herabwürdigen konnte, sich auf derartige Verhandlungen überhaupt einzulassen, ist geeignet, ihn und seine Ministerkollegen in der Meinung deö Landes herabzusetzen und cö ist vorläufig zu bezweifeln, ob eS dem Kabinett gelingen wird, durch die Politik energischer Unterdrückung der agrarischen Verbrechen, zu welcher e» sich, veranlaßt durch den Dubliner Doppelmord, neuerdings, entschlossen hat, sich in den Augen deS Landes zu rehabilitieren.
Die Debatten über diese seltsame Angelegenheit werden wahrscheinlich im Unterhause noch ein Nachspiel erleben, denn noch sind alle Einzelheiten des dem Kabinett zur Last gelegten politischen Schachers nicht klargelegt. Dieselben zu erfahren, hat aber daS englische Volk unbestritten ein Recht und cs ist deshalb anzunehmen, daß die Konservativen den Vertrag von Kilmainham nicht auf sich beruhen lassen werden, welcher ihnen eine günstige Gelegenheit giebt,
licher, sondern nicht minder, dessen sind wir gewiß, auch in politischer und geistiger Beziehung.
Die Einweihungs-Feierlichkeiten in der Schweiz (Luzern) und Italien (Mailand) werden dem großen weltgeschichtlichen Ereignisse entsprechend großartige sein. Die drei an der Bahn beteiligten Staaten — Deutschland, Italien und Schweiz — sind durch zahlreiche Vertreter bei der Eröffnungsfeier beteiligt. Von Deutschland sind außer dem Gesamtvorstand des Reichstags, tie Minister Bitter, v. Bötticher, Graf Hatzfeld, Staatssekretär Dr. Stephan zu den Feierlichkeiten gereist. — Ueber die Feierlichkeiten selbst liegen bis jetzt folgende Nachrichten vor:
Basel, 21. Mai. Heute Nachmittag nach 4 Uhr fand am Zentralbahnhofe der Empfang der deutschen Festgäste durch einen Bundeskommissar statt. Auf die Begrüßungsansprache desselben erwiderte der Finanzminister Bitter namens der deutschen Delegierten und dankte für den herzlichen Emp'ang. Nach kurzem Aufenthalte erfolgte die Weiterfahrt mittelst Extrazuges nach Luzern, wo die Ankunft abends 8V- Uhr stattfand. Sympathische Zurufe begrüßten die deutschen Festgäste, die Musik spielte die Wacht am Rhein.
Luzern, 21. Mai. Um halb 8 Uhr abends langte der erste italienische Festzug aus Mailand an, welcher aus zwei mit Guirlanden geschmückten Lokomotiven und 20 Wagers bestand. In demselben befanden sich der Präsident des Senats, Teechio, der Vizepräsident der Kammer, Vars, die Minister Baccarini und Acton und eine große Zahl von Deputierten und Geladenen. Bei der Ankunft des Zuges wurden Kanonenschüsse gelöst, die städtische Kapelle spielte den Garibaldimarsch, da« Publiknm empfing die italienischen Gäste mit sympathischen Kundgebungen. Ein unbedeutender Zwischenfall ereignete sich in Brunnen, indem eine Wagenkoppcl zersprang. Daö Wetter ist schwankend. — Am nächsten Dienstag wird bei schönem Wetter der offizielle Empfang durch den Bundesrat voraussichtlich erst nach Eröffnung des Banketts stattfinden, dagegen eine Fahrt auf dem See und nach dem Rigi veranstaltet werden. Das Programm für die Festlichkeiten in Mailand ist folgendermaßen festgestellt: am Dienstag Abend gesellige Zusammenkunft, veranstaltet durch die Behörden der Stadt, am Mittwoch Besichtigung der Stadt, nachmittags Vereinigung im Grand jardin und abends Bankett, Beleuchtung des Doms, Konzert im Scala- Theater.
Rom, 22. Mai. Der Minister des Aeußcren, Man- cini, reist heute zur Teilnahme an der St. Gotthardt-Feier nach Mailand.
Luzern, 22. Mai. Das Wetter ist jetzt prachtvoll. Um 10 Uhr wird die Fahrt auf den Rigi angetreten. Von hervorragenden Persönlichkeiten aus Deutschland sind u. a. hierselbst anwesend Staatsminister Bitter, v. Böt-
Gisela.
Novelle von 81. Horst.
(Fortsetzung)
„Mut! Mut!" unterbrach jetzt Seyfried den sich wieder der Verzweiflung nähernden Bankier Nepomuck. „Wer sagt Ihnen denn, daß Gisela sich schon ein Leid zugefügt hat und wer hält e5 nicht für möglich, daß die ganze schlimme Sache nicht noch zu einem guten Ende geführt werden kann? Telegraphieren Sie schleunigst an ihre Tochter, daß Trost und Hilfe in ihrem Unglück nahe sei! Telegraphieren Sie an den Administrator in Neudegg, daß er auf die Schritte ihrer Tochter genau Acht haben, daß et nicht von ihrer Seite gehen soll, bis jemand von ihrer Familie ankommt! Schreiben Sie, telegraphieren Sie auch an den Vater deö Barons, denn dieser muß in erster Linie hier mit Rat und Hilfe schaffen, und außerdem wollen wir sehen, was sich sonst noch thun läßt!"
Diese aufmunternden Worte Seyfried« hatten dem vorher verzweifelten Bankier Nepomuck wieder Mut eingeflößt, er erhob sich, wie von einer elastischen Kraft emporgeschnellt, fiel seinem Kassierer um den Hals und rief mit klangvoller, sicherer Stimme:
„Sie haben recht, Herr Seyfried! Der unerhörte Deelenschmerz hatte mich in eine ganz falsche Position gebracht, denn ich hätte alle» in der Welt, nur diese» Unglück weinet Tochter nicht sür möglich gehalten. Handeln wir, Reifen wir schleunigst die von Ihnen vorgeschlagenen Maßregeln und hoffen wir im übrigen auf da» Beste."
Beide Männer verließen nun eilig da« Zimmer und Seyfried schlug vor, sich sofort nach den in der ersten eta8t des Hauses gelegenen WohnungSräumen zu begeben,
Vorlage, auf der andern, als Gegengabe, Unterstützung de« englischen Ministeriums durch die Landliga sein solle — vermochte Gladstone nicht abzuleugnen und deshalb hat ihm und seiner Partei die Enthüllung über den Vertrag von Kilmainham im Lande außerordentlich geschadet. Jn-
Fm englischen Unterhause haben Anfang voriger Woche böchst erregte Debatten über den sogenannten Vertrag von Kilmainham — wie die politischen Gegner Gladstones die von letzterem mit den Führern der irischen Landliga gepflogenen geheimen Verhandlungen, nach dem Orte, wo jene gefangen saßen, bezeichnen — stattgesunden, welche zu einer schweren Niederlage deS jetzigen englischen Kabinetts geführt haben. Die Debatten ergaben zur Evidenz, daß -wischen Gladstone und den Koryphäen der nationalen Partei in Irland geheime Unterhandlungen stattgefunden haben, zu denen allerdings die Initiative von Parnell und Genossen ausgegangen ist und in welchen die Führer der Landliga dem englischen Premier ihre Bereitwilligkeit auS- sprachen, zur Beruhigung Irland« mit der Negierung zusammenzuwirken, wenn dieselbe der Liga gewiffe Konzessionen macbc, unter denen in erster Reihe sich die Entlassung der w.gen politischer Vergehen verhafteter Iren und der Erlaß der Pachtrückstände befinden. Der zur Verlesung gelenzte Brief Parnells an den irischen Deputierten O'Shea, welcher dcn Zwischenträger zwischen den Spitzen der Liga und dem Ministerium machte, bestätigte vollkommen die Existenz dieses ungeschriebenen „Paktes von Kilmainham" und mochte Gladstone auch noch so heftig gegen die ihm gemachten Vorwürfe protestieren —die Thatsache, daß er, der leitende mit anerkannten Aufruhrsstiftern
tidifioen nimmt entgegen: Spedition d.Blatte», fotsie b.'.’lnnoncen«® ureoui Htt. Dietrich u. Go. tn
und Hannover: Th.
Mw
^Lfenftein u- Vogler tn iraiilfurt a. M-, Berlin.
G, Köln tc.; Rudolf
®offe in Berlin, Frank- furt a. M. tc._______
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux von G 8. Daube u. Go. in Frankfurt a. M.; Jägersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. Thienes in Elberfeld: G. Schlotte in Bremen-
Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn» und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllustrirteS EonutagSblatt" durch die Expedition (Koch'sche 1 Buchdruckerei) bezogen 2‘/t Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 8 Mark 50 Pfg. (excl- Bestellgebühr.) — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.
Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.