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Marburg, Dienstag, 23. Mai 1882
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Erscheint täglich außer an den Werttagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Berlage „JllustrirteS ToimtagSblatt durch dre Ekpedrtwn (K o ch sche Buchdruckerei) bezogen 8*/t Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr.) — Jnserttoi^gebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg- Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.
an die Thüre heran, klopfte deutlich an, öffnete darauf und trat ein. Was sich nun da den Augen Seyfrieds darbot, legte in haarsträubender Weise davon Zeugnis ab, daß der Comptoirdiener Anton die Wahrheit gesprochen hatte.
Tische, Stühle und andere Zimmermöbel lagen umgestoßen umher und waren von ihrer Stelle gerückt, Papier und sonstige Schreibutensilien befanden sich auf dem Boden zerstreut, und der Bankier Ncpomuck lag auSgcstreckt wie ein Sterbender auf einem fast den ganzen Fußboden bedeckenden kostbaren Teppich. Er atmete schwer *unb seufzte tief, streckte aber jetzt die Arme wie in Verzweiflung aus und rief mit der wehmütigsten Stimme von der Welt:
„Ach, meine arme Tochter! Meine arme Gisela! Tot! Unglücklich !"
Seyfried erzitterte im tiefsten Innern bei diesen Klagetönen, hielt es aber nicht für passend, die draußen an der Thür Stehenden um Hilfe zu rufen, sondern eilte mit beflügelten Schritten auf den am Boden liegenden Bankier Nepomuck los, faßte diesen mit starken Armen am Oberkörper, richtete ihn auf und hatte ihn rasch auf einen Sesiel, halb getragen, halb geschoben, niedergesetzt und richtete nun die teilnehmendsten Worte an Ncpomuck. Dieser blickte darauf noch einige Sekunden, schwere Seufzer auSstoßcnd, starr und scheu um sich, sammelte aber dann seine Geistes und Seelenkräste, sah Seyfried mit dem Ausdrucke des tiefsten Schmerzes an und jammerte mit unter Thränen erstickter Stimme:
„Ich habe meine Tochter, meine einzige Tochter verloren und ich ärmster, unglückseligster aller Väter trage Schuld, schwere ungeahnte Schuld an ihrem Unglücke. Mein Gewissen hat sich hoch aufgcbäumt, mein Herz hat sich empört, die Sinne sind mir vergangen und von den Rachefurien verfolgt, bin ich rasend geworden, und, wie es scheint, schließlich ohnmächtig niedergesunken."
Während und nach diesen Worten quollen dicke Thränen
Ha«ttwer!ertage.
Den nachfolgenden Artikel entnehmen wir dem „ReichSb." und empfehlen denselben der besonderen Beachtung unserer M auS dem Handwerkerstande.
Von Jahr zu Jahr schwindet die Anzahl der wirklich Abständigen, nicht von Magazin-Inhabern oder Fabrikanten abhängigen Handwerker. Diese Thatsache erkennen alle Handwerker und stemmen sich nach Kräften gegen ihr Ber- berben. Leider hat ein großer Teil Kraft und Mut zum Widerstande bereits verloren und ist sich der andere Teil aiit wenigen Ausnahmen über die Art der Hilfe nicht klar. Die moderne Handwerkerbewegung, um deren Förderung sich besonders die Deutsch-Konservativen, Christlich-Sozialen and katholische Handwerker-Verbände verdient gemacht haben, lidt auf „obligatorische Innungen". Der Streit um diese Ui Worte scheidet die Geister, was im Interesse der Klä- mg der Handwcrkerfrage als ein Glück zu betrachten, ist. Der von Berlin aus geleitete Verband der selbständigen Handwerker und Gewerbetreibenden Deutschlands ist in der Mehrzahl seiner Mitglieder gegen die obligatorischen Innungen. Auf Anregung de» Vorstandes dieses Verbandes findet Ende Mai in Magdeburg ein allgemeiner Hand-- werkertag statt, der, wie wir erfahren, stark besucht werden soll.
Es ist wirklich ein Jammer, daß sich die Handwerker und selbst ihre besten Führer zum größten Teile selbst über das ABC der Handwerkerfrage nicht klar sind. So ist eine beliebte Redensart aus Handwerkermunde: man dürfe sich an die Rockschöße keiner Partei hängen, sondern müsse eine selbständige Partei bilden. Man sollte eS kaum für möglich halten, daß solche Thorheiten öffentlich ausgesprochen und noch mit Beifall bedacht werden. Stellen die Handwerker al» Handwerkerpartei eigene Kandidaten auf, versuchen sie die Ueberzahl der bestehenden Parteien noch durch eine neue zu bereichern, so bringen sie eben teilten Kandidaten durch und verletzen durch dieses Mißtrauen ihre Freunde. Bei der heutigen Indolenz, Unklarheit, Zerfahrenheit und dem Mangel an tüchtigen Führern müssen die Handwerker nur klar und entschieden aussprechen: wir stehen zu den politischen Parteien, die uns stärken und erhalten wollen, d. h. zu den Deutschkonservativen und dem Zentrum! Weshalb kann denn auch nicht derselbe Mann Im Parlamente die Interessen der Handwerker, der Bauern, der Kirche, deö Staates vertreten? Soll der betreffende Abgeordnete der Handwerkerpartei etwa nur sich mit Handwerkerangelegenheiten im Parlamente beschäftigen dürfen?
Ebenso unrichtig — um nicht zu sagen unsinnig — ist die Behauptung: die Politik müsse ganz von der Handwerkerbewegung ausgeschlossen bleiben. Wir leben doch in
Gisela.
Novelle von A. Horst.
(Fortsetzung)
„Ach, mit diesen Beteuerungen und Redensarten bringen wir nicht die geringste Klarheit in die Sache," flüsterte lebhaft Hellberg. „Anton, Sie müssen jetzt auf der Stelle hineingehen zu Herrn Nepomuck und sich noch einmal von dem Gewißheit verschaffen, wa« sie vorhin gesehen haben wollen. Wir beide werden unS indeffen nach dem vorderen Teile deö CorrirorS zurückziehen und Sie können uns sofort Mitteilung von dem machen, wa« sie weiter sahen."
„Entschuldigen Sie gütigst, Herr Hellberg, daß ich dieser Aufforderung nicht nachkommen kann, antwortete darauf urplötzlich Anton und nahm dabei eine Jammergestalt an, rieb auch rott Neuem die Beule an feinem Kopfe. „Ich fürchte noch Schlimmeres, al« mir schon passiert ist und Sie werden doch nicht von einem Familienvater verlangen, daß . . ."
„Nun dann muß schon von un« beiden einer hinein- ßehen, wenn auch auf die Gefahr hin, angestaunt und au«- gelacht zu werden."
Der Kassierer Seyfried war während besten beherzt bis an die Zimmerthür herangegangen, hatte das Ohr an die Ocffnungen des ThürfchlosteS gelegt und winkte Hell- bcrg und dem Comptoirdiener Stillschweigen zu. Nachdem rr auf diese Weise kaum einige Sekunden gelauscht hatte, trat er wieder mehrere Schritte zurück und flüsterte den beiden Anderen zu:
„Ich habe im Zimmer de- Herrn Nepomuck leise Seufzer und Stöhnen vernommen und werde sofort in das Zimmer gehen. Wenn ich Hülfe bedarf werde ich rufen. Geschieht die« nicht, so brauchen Sie nicht hier zu warten Und ich werde Ihnen bei meiner Rückkehr den Fall aus- klären."
Nach diesen Worten trat Seyfried ausS Neue mutig
einer konstitutionellen Monarchie, wo das Handwerk fein Wahlrecht auSübt wie die anderen Staatsbürger. Soll er auf Stimmrecht und auf das „Politiktreiben" verzichten? Wie soll Abhilfe auf gesetzlichem Wege in anderer Weise geschaffen werden, als durch Unterstützung der Wahl von Männern für die Parlamente, welche Herz und Jntereste für da« Handwerk haben?
Schrecklich ist die Unklarheit über das Wesen der Gewerbefreiheit und der obligatorischen Innungen. Man meint wirklich, alles Schreiben und Reden Über diese Frage sei vergebens, die Handwerker könnten oder wollten in ihrer Mehrzahl die einfachsten Dinge nicht begreifen, nicht nachdenken. Die unsinnigsten Expektorationen „packen" die Massen leider immer am leichtesten. Die Gewerbefreiheit wird von den Berliner Führern des Verbandes für ein unverletzliches Palladium gehalten. Was „Gewerbefreiheit" bedeutet, fcheint die Mehrzahl dieser Herren aber nicht zu wisten. Herr Brandes z. B. vertritt jetzt den Grundsatz: nur wer ein Handwerk wirklich versteht, soll das Recht haben, Lehrlinge auszubilden. — Gewiß eine sehr verständige, bescheidene und richtige Forderung. Dieselbe ist aber ganz unvereinbar mit dem Prinzipe der Gewerbefreiheit, ja sie wirft dieselbe über den Haufen 1 Hier ist der Punkt, welcher die Schwierigkeiten und den Stillstand der Lösung der Handwerkerfrage erklärt. Viele Handwerker erheben lange Klagelieder Über die Wirkung der Gewerbeordnung von 1869 d. h. der schrankenlosen Gewerbefreiheit, wollen aber diese „Freiheit" nicht aufgebcn. Die Mehrzahl dieser Herren versteht das Wort „Gewerbefreiheit" nicht, kennt den „Segen" derselben nur aus den Lobeserhebungen „liberaler" Zeitungen.
Der erste Schritt zu praktischer Selbsthilfe für das Handwerk ist: sie müssen offen dem Prinzip der schrankenlosen Gewerbefreiheil als einem falschen, den ehrbaren Handwerkerstand einfach für vogelfrei erklärenden, in allen Versammlungen entgegentreten. Wer dies nicht thut, dem müssen die Handwerker den Rücken znkehren!
Viel Zeit wird auch auf Handwerkertagen mit Flick- wrrk an einzelnen Paragraphen der Gewerbe-Ordnung vergeudet. Da entdeckt ein ehrbarer Meister diesen und ein anderer jenen Paragraphen, der, wäre er geändert oder gestrichen, allein zur Rettung des Handwerks genügte. Natürlich ist das pure Illusion. Die ganze Gewerbe- Ordnung muß gründlichst revidiert, eine neue geschaffen werden. Gesprochen wird sehr viel über die Gewerbe- Ordnung, aber studiert ist sie wenig worden. Werfen wir nur einen Blick auf § 1, derselbe lautet: „Der Betrieb eines Gewerbes ist jedermann gestattet, s weit nicht durch
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux von ®. 8. Daube u. C«. in Frankfurt a. M.; Jägersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung daselbst; Jnvalidendanl in Berlin; W. Thienes in Elberfeld: C. Schlotte in Bremen.
,.,,iaen nimmt entgegen: ^Expedition d. Blattes, i med-Annoncen-Bureaux Tb- Dietrich u. Co. in Lft,[ und Hannover; Th. LichinZr°nkfurta.M.., Lenstem u. Vogler tn Lkfutt a- M., Berlin, CL Köln k.; Rudolf Me in Berlin, Frank- furt a. M. re.
dieses Gesetz Ausnahmen oder Beschränkungen vorgeschrieben oder zugelassen find." Dieser Satz erscheint sehr unschuldig, ist aber faktisch von der ungeheuersten Tragweite! Die „Ausnahmen" beziehen sich auf Aerzte, Steuerleute rc., die Beschränkungen auf den Handel und die Fabrikation mit giftigen und feuergefährlichen Substanzen. Der Betrieb des eigentlichen Handwerks ist ganz frei und ist der wahre Sinn dieses Paragraphen: Wer Geld hat, kann jedes Handwerk und Geschäft selbständig, d. h. mit Hilfskräften, betreiben. Und dieses Prinzip ist der Keim der Gewerbefreiheit! Schon dieser § 1 opfert das Können und Wissen der Handwerker dem Handelsmann, liefert sie an das Messer der sog. „freien" Konkurrenz!
Nachdem die Handwerker sich Über die hier angedeuteten Präliminarien klar geworden und die Angst vor den Worten „Reaktion" und „obligatorische Innung" überwunden haben, müssen sie sich an die Ausarbeitung einer neuen Gewerbe-Ordnung machen. Hier liegt die Hauptaufgabe, an die man aber auf den meisten Handwerkertagen gar nicht denkt! Und doch kann die wirkliche Lösung der Handwerkerfrage erst energisch in die Hand genommen werden, wenn eine neue Gewerbe-Ordnung vorliegt, der die Mehrzahl der Innungen und sonstigen Handwerker- Vereinigungen zustimmt. Daß die heutige Gewerbe-Ordnung fehlerhaft sei, geben die Handwerker sämtlich zu. Wir haben noch keinen wirklichen Handwerker gefunden, der mit derselben zufrieden wäre. Also nun auch, frisch Hand angelegt, eine neue, gute Ordnung geschaffen. Für diese können und werden dann Deutsch Konservative und Zentrum eintreten u»d die Regierung zu energischen Reformen veranlassen. Denn daß die Regierung in den gewerblichen Fragen noch nicht mit dem „Liberalismus" gebrochen hat, die Gewerbefreiheit als unantastbar betrachtet, ist leider eine Thatsache, die man beim Studium der neuesten „Verbesserungsversuche" der Gewerbeordnung klar erkennt, wenn auch die Gewerbefreiheit durch diefe Vorlage hier und da durchlöchert wird.
Viel wird geredet über die Notwendigkeit der Einigkeit der Handwerker zur Wahrung ihrer Interessen. Zu dieser Vereinigung gehört aber vor allem erst eine Basis, auf der man sich einigt und dann zur Schaffung einer Gewerbe-Ordnung geht! Diese Basis ist zu unserer großen Freude in neuester Zeit auf den Handwerkertagen in Münster (29. August 1881), Breslau (12. Juli 1881) und Essen (10. bis 12. April 1882) gefunden worden. Diese Basis ist: wesentliche Beschränkung der Gewerbefreiheit, obligatorische Innungen und obligatorische Meister- und Gesellenprüfungen. Hoffen wir, daß auch der Magde- aus den Augen Nepomucks und sein Kopf sank auf die Brust herunter. Mit zitternder Stimme entgegnete endlich Seyfried:
„Aber wie ist doch so ein plötzlicher Verlust möglich?!? Ist keine Hilfe mehr vorhanden? Vor noch nicht zwei Tagen hat Baroneß Gisela das Vaterhaus an der Seite ihres jungen Gemahles gesund und fröhlich verlassen und schon soll das Unglück sie im höchsten Maße betroffen haben. Verzagen Sie nicht, verzweifeln Sie nicht, Herr Nepomuck! Gewiß wird noch Hilfe möglich fein! Wir wollen möglichst rasche Schritte thun I Soll ich einen der ersten Wiener Aerzte nach Neudegg senden?"
„Das Leid, was meine Tochter erdrückt hat, kann kein Arzt lindern," stöhnte Nepomuck. „Ihnen darf ich mein Herz ausschütten, Seyfried, ich habe Sie schon lange als ein Mitglied meiner Familie betrachtet und Sie stehen meinem Herzen näher, als Sie glauben. — Der Baron hat meiner bemitleidenswerten Gisela, dem armen, un chul- digen Kinde, gleich nach ihrer Ankunft in Neudegg zum Vorwürfe gemacht, daß er, der Baron, ihr als Gemahl erkauft und erzwungen worden sei. Es hat jedenfalls einen furchtbaren Auftritt gegeben. Der Baron ist noch in selber Nacht verschwunden, meine Tochter auf da« Tödlichste beleidigt, ist in Verzweiflung geraten und fchreibt mir, daß sie mich niemals wiedersehen werde, wenn diese Schmach nicht in kürzester Frist von ihr genommen würde. Wa« soll ich unglückseligster aller Väter unter diesen Umständen thun! — Mein Kind ist unterdessen verzweifelt und hat sich, — o schreckliche Wahrscheinlichkeit — selbst den Tod gegeben, um die unerhörte Schmach nicht mehr zu tragen. Was soll ich alter, verrückter Narr noch auf dieser Welt! Meinen Schwiegersohn anklagen, daß er meine Tochter getötet oder mich selbst anklagen, daß ich diese unglückselige Heirat veranlaßt habe?"
(Fortsetzung folgt.)