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Marburg, Mittwoch, 17. Mai 1882.
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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. BlatteS, sowie d.Annoncen-Bureaux von G- L. Daube u. C«. in Frankfurt a. M.; Jägersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung daselbst; Jnvalidendani in Berlin; W. ThieneS in Elberfeld; 6. Schlotte in Bremen.
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»rfebeint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllustrirteS TouutagSblatt" durch die Expedition (Ä o ch'sche Buchdruckerei) bezogen 21/. Vtark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Marl 50 Pfg. (excl- Bestellgebühr.) — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.
Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Pfg. berechnet-
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Berlin, den 15. Mai.
3n der heutigen halb 2 Uhr eröffneten (10.) Plenar« jifeunß des RetchStagS trat derselbe in die Beratung der Gesetzentwürfe betreffend die Unfallversicherung und die Krankenversickeiung der Arbeiter ein. Staatssekretär deS Putern v. Bötticher sprach das Bedauern au-, daß der Gesundheitszustand deS Herrn Reichskanzlers demselben Inder auch heute nicht gestatte, persönlich dem Hause die Gründe für die gegenwärtige Gestaltung des Unfallver« sicherungs Entwurfs darzulegen, und ging dann zunächst auf den Gesetzentwurf, betreffend die Krankenversicherung, ein. Leider habe da« Gesetz vom 7. April 1876 über die eingeschriebenen Hülfskassen die erhoffte Wirkung richt gehabt. Die Verhältnisse nötigen dazu, den Zwang in der Krankenversicherung einzuführen. Was den Unfallver- sicherungSentwurf betreffe, so hätten die verbündeten Regierungen sich zwar entschlossen, die Reichszentralanstalt fallen zu lasten wegen der bureoukratischen Schwerfälligkeit der Institution, aber sie hätten doch auch daS Prinzip des von den liberalen Parteien eingebrachten Entwurfs, Ausdehnung der Haftpflicht, nicht acceptieren können, weil damit den Arbeitern nicht die genügende Sicherheit geboten werbe. Die verbündeten Regierungen hätten vielmehr das Genostenschaftsprinzip für das geeignete halten muffen. Tie statistischen Erhebungen, die für die Monate August bis November 1881 vorgenommen seien, hätten die gegenwärtige Vorlage wesentlich sicherer fundiert, als die vorjährige. Wesen und Prinzipien, auf denen die Krankenversicherung unb bie Unfallversicherung beruhen, seien durchaus verschieden, die Organisation jener müßten sich daher auf möglichst enge Kreise, die Organisation dieser dagegen sich auf möglichst gute Verbände stützen. DaS Umlage- Prinzip (statt de« Versicherung-Prinzips) empfehle sich aus vielerlei Gründen. Au« politischen und wirtschaftlichen Rücksichten halte die Vorlage an dem ReichSzuschufse fest. Sollte die Erfahrung lehren, daß die Industrie denselben entbehren könne, dann werde man ihn jederzeit fallen lassen können. Jedenfalls sei mit Vorsicht in dieser Beziehung vvrzugehen. Der Einwand, daß nach den Vorlagen 95 Prozent der Unterstützungen auf die Krankenkasse und nur 5 Prozent auf die Unfallversicherung fallen werden, sei nicht stichhaltig, da nicht die Zahl der Fälle, sondern die .höhe der Belastung tn betracht kommen müsse. Im übrigen werde die Negierung in der Kommission alle wünschenswerten Mitteilungen machen und bitte er daS Haus dringend, diese wichtige Vorlage in dieser Session zu erledigen.
Abg. Dr. Hirsch erkennt den Ernst der Aufgabe an und lobt auch bie sachlichen Ausführungen deS Ministers, wie die Tendenz der Vorlage, weniger aber ihren Wert und Inhalt. Er verteidigt den Liberalismus gegen den
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Novelle von A. Horst.
(Fortsetzung)
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x. [15 reizenden kleineren Salon zusammen.
—Nach einigem Schweigen begann die Baroneß in teil'
Kaum eine halbe Stunde nach der Ankunft deS jungen . Nab» Paares auf Neudegg fand sich dasselbe beim Thee in einem
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nehmendem Tone:
„Du scheinst recht ermüdet, Eurt? Die mehrstündige Fahrt auf der Landstraße bist Du nicht gewöhnt und der ganze steife Zwang des heutigen Tages mag Dich abgespannt haben. Mir ergeht es in ähnlicher Weise."
Der Baron von Swoboda saß regungslos und stumm ba, blickte aber jetzt mit einem halbversteckten, verächtlichen Lächeln auf seine junge Gemahlin hinüber. Nach einer weiteren Pause begann er jedoch.
„Ich muß jede Einleitung zu einem ehelichen Zusammenleben mit Dir zurückweisen, — denn und seine Stimme zitterte vor innerer Erregung — Dein Vater hat Dir Deinen Gemahl erzwungen, ja mit schnödem Gelde erkauft."
Ein gellender Auischrei ließ sich jetzt vom Munde Gi« sela's hören und wie ohnmächtig und in innerem Schmerze ^zuckend sank sie auf da« schwellende Kiffen einer in unurittelbarer Nähe stehenden Causeuse.
Der Baron sprang wie von einer Ratter getroffen em« p">r, denn eine derartige Wirkung hatte er von seinen Ävrten doch wohl nicht erwartet und nach einigem Zögern Uswegte er bie Arme, um seiner ohnmächtigen Gemahlin Beistand zu leisten Aber ehe dies nötig wurde, richtete uch Gisela mit einem elastischen Rucke wieder auf und stand, ihre zierliche Gestalt in ganzer Höhe zeigend, mit
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Vorwurf, Im Gegensätze zu der daS Genossenschaftsprinzip protegierenden Regierung ein Freund der Aktiengesellschaften zu sein, wie eS die Motive ihm nahelegen. Die Genossenschaften, wie sie die Vorlage schaffen wolle, seien keine wahren Genossenschaften und außerdem seien sie undurchführbar. Redner bemängelt die eine Karenzzeit von 13 Wochen betreffenden Bestimmungen, worin eine ungerechte Benachteiligung der Arbeiter liege. Für daS Zustandekommen des Unfallgesetzes bittet Redner in allem Ernste thätig zu sein.
Abg. Sonnemann sieht in dem Entwürfe die Hand SchäffleS und viele wesentliche Verbesserungen gegen den Entwurf deS Vorjahres. Den Reichszuschuß aber lehne et ab in jeder Form und in jedem Betrage. Die korporativen Verbände der Vorlage acceptiert Redner. Die Schulzeschen Genossenschaften seien hier nicht anwendbar und eignen sich nur für den sogenannten Mittelstand. Redner beantragt, die Vorlage an eine Kommission von 28 Mitgliedern zu verweisen.
Abg. Kräcker (Soc.-Dem.) betont die Dringlichkeit der Gesetze und hofft, es werde gelingen, schon in dieser Session zum Abschlüsse derselben zu gelangen.
Staatssekretär v. Bötticher konstatiert einer Bemerkung SonnemannS gegenüber, daß die ReichSregierung auf schnelle Beratung der Vorlagen Wert lege und daß die Idee einer permanenten, auch den Sommer über tagenden Kommission der Regierung noch nicht nahegelegt worden sei, er auch nicht wisse, welche Aufnahme eine solche Anregung dort finden werde. Nächste Sitzung morgen 12 Uhr.
Der kircheupolitische Friede«.
Eine der besten Errungenschaften, welche die abgelaufene Landtagssesston dem deutschen Volke gebracht, ist das von beiden Häusern deS Landtags genehmigte Gesetz, welches unter Milderung der härtesten Vorschriften der Maigesetze bestimmt ist, den konfessionellen Frieden im Lande anzubahnen und der Gewissensnot unsrer katholischen Mitbürger ein Ende zu machen. Schwer war die Aufgabe, der rastlosen Bemühung der konservativen Partei und der maßvollen Haltung de« Zentrums ist es gelungen, dem Gesetze im Abgeordnetenhause eine Majorität von 100 Stimmen zu gewinnen — selbst der Fortschritt konnte eö nicht über sich gewinnen, für den Fortbestand der Zwangsmaßregeln gegen die katholische Kirche zu stimmen, mögen dabei auch politische Erwägungen mitgewirkt haben. Nur die nationalliberale Partei blieb auf dem kirchenfeindlichen Standpunkte de« Kulturkampfs, von dem sie ihr Leben seither gefristet hat.
Die Beratung des Gesetzes im Herrenhause ergab eine überwältigende Majorität und die Verhandlungen endigten mit einer eklatanten Niederlage der liberalen Professoren Dove und Beselcr, welche sich in den abgenutzten Phrasen
gerötetem Gesicht und blitzenden Augen, von einer aufs Höchste gereizten Gemütsstimmung erfaßt, vor dem Baron, welcher, wenn auch nicht aus Furcht, so doch aus Betroffenheit einen Schritt zurückwich und offenbar sehr gespannt war, waS seine Gemahlin, die er eben noch mit verächtlichem Blicke gemessen hatte, ihm erwidern würde. Mit erhobener, aber mehr schneidender als lauter Stimme warf ihm jetzt Gisela die Worte entgegen:
„Du, der stolze Baron von Swoboda, hast jetzt meine vollständige Verachtung und ich verabscheue Deine Rolle, die Du vor und während unserer Hochzeit gespielt hast, aus dem tiefsten Grunde meine« Herzens. Ich habe Dich allerdings bei unserer Verlobung nicht gefragt, ob Du eine tiefe Verehrung für mich fühltest; ich hatte damals auch keine Ursache, Dich zu hassen und zu verachten, wie es jetzt der Fall ist, ich ehrte In Dir den Edelmann und gehorchte bei unserer Vermählung nur dem unbeugsamen Willen meines Vater« und hoffte dem Cavalier, der mir seine Hand anbot, Achtung und vielleicht Liebe für mich einzuflößen, aber Vorwürfe, die ich vorhin von Dir zu hören hatte, glaubte ich nicht im entferntesten hören zu müssen. Ich habe Dich nicht zu einer Vermählung mit mir gezwungen, verstehe überhaupt Deine Worte nicht, aber ich erhebe die furchtbare Anklage gegen Dich, das Du, ein freier, stolzer Mann, Dich wider Deinen Willen hast an mich fetten lassen. Ich fessele Dich indessen nicht an meine Person und Gegenwart, Du bist frei, nach meinem Willen frei, ich hasse sogar jetzt Deine Anwesenheiti"....
Bel dem zornigen Ausfälle der Entrüstung von selten seiner jungen Gemahlin war indessen auch der Baron in große Erregung geraten und erwiderte alsbald In bitteren Worten:
„Du bist meinem Wunsche in jeder Beziehung entgegen-
des Kulturkampfes bewegten. Bei der Schlußberatung im Abgeordnetenhause ergriff der Abg. Götting (Hannover) noch einmal das Wort, um eine Kapuzinade gegen die katholische Kirche loszulassen, welche allerdings an die besten Leistungen der Zeit des Religionskrieges erinnerte, aber nur die Heiterkeit des HanseS zu erregen vermochte. — Groß war der Zorn der liberalen Presse, sie schäumte übet von Schmähungen gegen die konservativ«klerikale Mehrheit, es war das Bewußtsein einer schweren Niederlage. Die liberale Aera hat ihre Macht zur Unterdrückung der evangelischen Kirche nicht minder wie bet katholischen mißbraucht — unser Volk hat daS schwer empfunden, es hat die traurigen Folgen in der Verwilderung der Jugend, in der Ausbreitung der Sozialdemokratie gefühlt, dasselbe verlangt, daß daS Christentum in seinen Institutionen geschützt werde.
Viele Preßetzeugnisse werden bekanntlich von Berlin aus an kleinere Zeitungen versandt und — wir können, so wenig uns darum zu thun ist, diese Sache mit Stillschweigen nicht übergehen — auch das „Marburger Tageblatt" gestattet sich, die Mitteilung solcher Schilderungen der Verhandlungen, die in Parteihaß und verdrehter Darstellung ihres Gleichen suchen. Die Herten Kulturkämpfer werden verherrlicht, die Männer des Friedens mit Spott und Hohn überschüttet. Was aber über den A n st a n d hinausgeht, das ist die Art, wie der Kultusminister von Goßler, dessen feste und entschiedene Haltung von allen Seiten die höchste Anerkennung gefunden, in diesen Ergüssen behandelt wird. Das „Marburger Tageblatt" versteigt sich zu dem Ausrufe: „Unb nun bet unglückliche Kultusminister von Goßler!" Ist bas nicht eine direkte Beschimpfung des höchsten Staatsbeamten, bem bie Universität Marburg so vieles zu banken hat? Ist bas zulässig in einem Blatte, welches sich rühmt, ben leitenben Universitätskreisen besonders nahe zu stehen? Und wenn das Blatt am Schluffe seines Artikels wieder die abgedroschene Redensart braucht: „Fürst Bismarck und der Preußische Staat steht wenn auch vor den Thoren, doch noch nicht im Schloßhofe von Kanossa — so müssen wir doch sagen, daß die, welche heute solche Redensarten gebrauchen allerdings nicht fern von „den Thoren" sind.
Deutsches Reich.
** Berlin, 15. Mai. Am Dienstag, 16. Mai, hält der Bundesrat wieder eine Sitzung, auf deren Tagesordnung vorzugsweise folgende Gegenstände stehen: Die Vorlagen in betreff der neuen Ausgabe der pharmacopoea germanica unb über die Anfertigung von Zünvhölzern unter Verwendung von weißem Phosphor, der Antrag Preußens in bezug auf die Statistik übet die Erwerbung und den Verlust der Reichs- und Staatsangehörigkeit,
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gekommen, Du vertreibst mich selbst von der Schwelle dieses mir verhaßten Hauses. Haß unb Verachtung schleuderst Du mir jetzt erst entgegen, es sind dieS Gefühle, die ich schon seit unserer Verlobung gegen Dich und Deinen Vater hegte. Auf ihn kommt all die Schuld, Dich und mich in« Verderben gestoßen zu haben; doch daS Baud deS gemeinschaftlichen Unglücks übt in Dlefem Falle keine Anziehung auf mich, gegenseitig empfunbene Verachtung, Schmach und Schande hat die Kluft noch erweitert, die ohnehin uns trennte."
Mit diesen zuletzt in großer Heftigkeit ausgesprochenen Worten verließ der Baron von Swoboda in großer Erregung ben Salon.
„Schlechte, erbärmliche, charakterlose Menschen, diese Ritter von Swoboda!" rief Gisela mit thränenerstickter Stimme au« und sank dann auf einen Sessel zurück, um ihr unerhörtes Unglück nach Ftauenatt zu beweinen. In ben Thtäneu fanb sie jedoch nicht nur Beruhigung, sondern es schien auch neuen Mut. Denn nach kaum einigen Minuten raffte sie sich auf und verließ mit erhobenem Haupte ben Salon, um sich nach ihren Gemächern, offenbar zu entscheibenben Thaten entschlossen, zu begeben.
Die Nacht war hereingebrochen und tiefe Ruhe herrschte in ber Umgegend von Neudegg. Oben in einem traulichen Gemache saß ein totbleiches weibliches Wesen unb schrieb mit fieberhafter Ungeduld zwei umfangreiche Briefe und — unten auf dem Gutshofe führte ein Stallknecht ein gesatteltes Pferd vor, welches eine in einen Mantel gehüllte Männergestalt bestieg und in rasendem Galopp in bie Nacht hinaus« sprengte. Mit seltsamem Kopfschütteln blickte der Stallknecht bem Reiter nach, denn der Davoneilende war ber neuvermählte Baron von Swoboda. (Fortsetzung folgt.)