Marburg, Donnerstag, I I. Mai 1882
xvii Jahrgang
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Gisela.
Novelle von A. H o r st.
Im Mai deS Jahres 1874 gab eS Bürgerkreisen der an der blauen Donau stadt Wien viel neidische MLdchenherzen,
Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für daS Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllustrirtkS Sonntagsblatt" durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 8*/t Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 8 Mark 50 Psg. (excl. Bestellgebühr.) — Insertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.
Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 85 Pfg. berechnet-
in den höheren gelegenen Kaiser- denn diese zarten
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vom Reichstag.
Berlin, den 9. Mai.
In der heutigen (6 ) Plenarsitzung bei Reichstags pachte der Präsident v. Levetzow zunLchst Mitteilung, ta6 Se. Majestät der Kaiser und König kurz vor der Sitzung das Präsidium des Reichstages empfangen habe, welches in Erledigung seines gestrigen Auftrage» die ehrfurchtsvollen Glückwünsche des Hause» darzubringen die Ehre g-habt habe. Se. Majestät habe da» Präsidium beauftragt, dem Reichstage den aufrichtigsten und herzlichsten Dank auszusprechen!
Beim Reichstage sind an Vorlagen weiter eingegangen : 1. die Urbersicht der Entschließungen de» BundeSrat» auf die Beschlüsse des Hause» in früheren Sessionen; 2. der Gesetzentwurf, betreffend die Unfallversicherung.
Auf der Tagesordnung steht die erste Beratung de» Gesetzentwurfs, betreffend die Abänderung deS Zolltarifgesetzes vom 15. Juli 1879, in Verbindung mit den au» dem Hause eingebrachten Anträgen.
Zunächst begründete Abg. Schmidt (Elberfeld) seinen Antrag auf Aenderung der Nr. 41 c 2 de» Tarifs, welcher eine gewisse Herabsetzung der Garnzölle bezweckt und formell in der Aufnahme deS WeftgarnS seinen Ausdruck findet. Der Redner betont, daß fein Antrag durchaus nicht» andere» wolle, als was die bundeSrätliche Tarifkommisston 1879 ursprünglich selbst vorgeschlagen hätte. Zur Motivierung seines Antrages macht er namentlich die Gründe, welche die Regierung selbst für die Herabsetzung de» Zolles für Perlmutterstücke in der Vorlage vorführe, für sich geltend.
Abg. Dr. Barth beleuchtet die ganze Vorlage, welche er zum Teil prinzipiell zwar bedenklich, aber annehmbar hält, weil man zur Zeit den Getreidezoll doch nicht beseitigen könne (Aufgeben de» JdentitätSprinzipS beim Müllerei- gkwerbe). Zu einem anderen Teile aber sei die Vornahme absolut verwerflich, daS gelte besonder» von der Erhöhung des Honig- und Schieferzolles. Inzwischen laffe daS Einbringen der Vorlage doch erkennen, daß die Regierung bestehende Mißstände des Zolltarif» beseitigen wolle, und von diesem Gedanken gehe auch sein Antrag au», den Zoll auf Schmalz von Gänsen und Schweinen zu beseitigen. Das ausländische Schmalz mache seiner Natur nach dem inländischen Schmalz gar keine Konkurrenz; dieser Zoll gestalte sich vielmehr lediglich al» ein Finanzzoll, der von den untersten Stufen der Bevölkerung getragen werden müsse. Der finanzielle Ausfall von etwa drei Millionen Mark dürfe mit Rücksicht auf die sozialpolitische Bedeutung der Aufgabe diese» Zolles daher nicht von der Annahme seines Antrages abschrecken; event. wären seine Freunde auch damit einverstanden, daß die Aushebung erst mit dem 1. Oktober in kraft trete.
Bundesbevollmächtigter Direktor im Reichsschatzamt B u r ch a r d betonte, daß die Vorlage das Prinzip de»
Wesen, welche sonst immer nur Anmut und Liebe zu atmen schienen, waren an einer gar empfindlichen Stelle ihrer Herzen gekränkt worden. In den Wiener Tageblättern hatte eines TageS die Anzeige gestanden: „Die Verlobung seiner Tochter Gisela mit dem Herrn Baron Curt, Ritter v. Swoboda, beehrt sich anzuzeigen Earl Nepomuck, Bankier", eine Nachricht, die allgemein mit großer Sensation in der Wiener Welt ausgenommen wurde. Die Damen der Aristokratie bespöttelten zwar vorwiegend diese Verlobung, wenn es wohl auch manchem adligen Fräulein nicht ganz einerlei war, daß der schöne, junge und sich mit edler Distinktion in den besten Wiener Zirkeln bewegende Baron v. Swoboda sich ein Mädchen aus dem Bürgerstande zur Gattin auserkoren hatte, aber geradezu zornig von gekränkter Eitelkeit waren die schönen und reichen Damen der Wiener Bürgrr- uvblesse, die dem Baron von Swoboda nicht verzeihen konnten, daß er der kleinen, unansehnlichen Gisela Nepomuck den Vorzug vor so vielen schönen, reizenden und geistreichen Geschöpfen ihres Geschlechts und Stande- gegeben hatte.
„Er mag sie halt des Geldes wegen zur Frau nehmen wollen," lispelte daS spitze Zünglein einer noch immer in den Baron verliebten junonischen Schönheit. „O dieser Vermaledeite Gel: sack .... tote», elende» Geld gilt mehr als Schönheit unv Bildung," fuhr die Dame in ihrem Gespräche mit einer Freundin fort und preßte dabei da» Ma
rburg, 44.
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«„»einen nimmt entgegen: ^ Expedition d. Blattes. -.Mied-Annoncen-Bureaux lon£[.. Dietrich u. Co. in s'„ffel und Hannover; Th. Mch in Frankfurt °.M.; fiäafenftein u. Vogler tn iantfurt a. M., Berlin.
En----Rudolf Möge tn Berlin, Frank- furt a. M. k.
basterhändchen auf den Teil ihrer Brust, wo Aerzte und Laien gewöhnlich das Herz vermuten.
„Gräme Dich nicht all zu sehr, Irmgard," erwiderte tröstend die fast eben so schöne Freundin. „Du kannst immer noch Baronesse oder doch gnädige Frau werden, denn für viele adlige Brautwerber bist Du sicher reich genug."
„Ja, Hundert Tausend Gulden hätte mir auch mein Vater gegeben, wenn, ja wenn.....wenn....."
stotterte jetzt in weinerlichem Tone die schöne Irmgard und vollendete ihre Rede, deren Inhalt die Freundin nur zu leicht erraten konnte, nicht
„Ihr galtet freilich schon halb und halb verlobt", erwiderte diese nun wieder, „und der Ritter von Swoboda wurde schon häufig in Eurem Hause gesehen. Nun ist freilich alles aus und ein reizender Mädchentraum zerrissen! Mir kommt indessen die Verlobung deS Barons Gisela mit Nepomuck recht rätselhaft in ihren Ursachen vor. Sind denn die Nepomucks wirklich so reich, daß sie ihrem künftigen Schwiegerfohn immer einen vollen Beutel bieten können? Der alte Nepcmuck ist Bankier, ja das ist er, und das war fein Vater und sein Großvater auch, wie mir meine Mutter erzählte, aber in der vorjährigen Börsen- krist» hat mancher Bankier mehr Geld verkracht, al» zehn Großväter zusammengescharrt haben und es wäre doch wohl ein Wunder zu nennen, wenn der Börsensturm gerade an dem Geldkasten Nepomuck» gnädig vorüberaezogen wäre."
Die am Herzen krankende Irmgard haue bei dem geschwätzigen Zünglein ihrer Freundin jetzt auch wieder mehr Mut gefaßt und tn einem Gemisch von Zorn und bitterm Humor rief sie mit ihrer klangvollen Stimme auS:
„Ja, der Vater hat eS auch gesagt, daß der Nepomuck
jetzt preisgegeben. Der Grundsatz der „ehrlichen Probe" könne nicht dazu führen, bei jedem einzelnen Artikel mit einer nötigen Zolländerung so lange zu warten, bis etwa der betreffende Industriezweig ruiniert sei. Den Schmalzzoll betrachtet auch er wesentlich als Finanzzoll; er würde dem Anträge auf Beseitigung desselben überhaupt nicht zugestimmt haben, wenn er ihn für einen Teil der agrarischen Zölle hielte. Daß die Regierung grundsätzlich an dem JdentitätSprinzipe festhalten und nur zu gunsten der Mühlenindustrie eine Ausnahme machen wolle, sei nur zu billigen. Inzwischen hätte die Mühlenindustrie bereits großen Schaden gelitten, den es schwer sein werde, wieder gut zu machen. Die Erklärung deS Regierungsvertreters bezüglich des Antrages Schmidt acceptiere er als eine entgegenkommende. Bezüglich der geschäftlichen Behandlung modifiziert er den Antrag des Abg. v. Wedell-Malchow dahin, daß die Nr. 1—3 im Plenum beraten, für die übrigen-Nummern aber sofort eine Kommission eingesetzt werde. Bei letzteren komme wesentlich in betracht, daß die Zollerhöhungen lediglich auf Antrag der resp. Jntereffenten rorgeschlagen würde. Der Redner betonte dann, wie früher wiederholt, die Notwendigkeit, endlich dafür zu sorgen, daß der Belästigung des Publikums durch kuriose Auslegung deS Zolltarifs ein Ende gemacht werde.
Staatssekretär des Reichsschatzamts Scholz kann nicht finden, daß es Aufgabe der einzusetzenden Kommission sein werde, sich mit den „ZollskandalosiS" zu beschäftigen. Der Bundesrat werde in kurzem daS in dieser Beziehung nötige veröffentlichen. Daß die Vorlage den Beweis liefere, daß die Regierung ihre Prinzipien zu gunsten derjenigen der Freunde des Herrn Bamberger aufgegeben und die Vorlage deshalb ein gewisser Triumph für letztere sei, könne in keiner Weise zugegeben werden. Die Regierung sei zu ihren Vorschlägen bezüglich der ersten 3 Nummern in keiner anderen Weise gelangt, als bezüglich der übrigen. Wenn der Abg. Bamberger bemerkt habe, daß für die Gesundheit die Höhe deS Schmalzzolles doch nicht in betracht kommen könne, so müsse daran erinnert werden, daß nie die Absicht bestanden habe, diesen Zoll auS Gesundheitsrücksichten zu erhöhen. Es könne höchstens in frage kommen, ob aus sanitären Gründen die Einfuhr des amerikanischen Schmalzes überhaupt zu verbieten sei.
Abg. Reichensperger (Crefeld) beklagt sich über irrige Auslegungen dcö Zolltarifs auf Anweisung höherer Zollbehörden. So würden Papiertapeten, weil sie Leder imitierten, als Ledertapeten versteuert. Solche Zollerhöhungen wären doch unmöglich zulässig ans dem Verwaltungswege.
BundeSbevollmächtiger Direktor B u r ch a r d erwidert, daß Imitationen im Allgemeinen so behandelt werden müßten, wie die imitierten Waren, weil die Unterscheidung für die Zollbeamten fehr schwierig sei. Die angegriffene Verfügung sei übrigens vom preußischen Finanzressort ergangen.
an der Börse viel Geld verlor, aber mit seiner Tochter, der albernen Gans, hat der Nepomuck doch ein unsinniges, unglaubliches Glück."
In diesen Gesprächen erging sich ein großer Teil der Wiener Damenwelt über die Verlobung deS Fräulein Gisela Nepomuck mit dem Baron von Swoboda, aber all diese Kritik und Bemängelung änderte nicht« an der einmal vollzogenen Verlobung, und viel schneller, als man erwartete, ja ganz gegen das Herkommen wurde auch bereit» die Hochzeit deS verlobten Paares im Monat Juni desselben Jahres festgesetzt. Kein Wunder also, daß unter diesen obwaltenden Umständen sich sehr viel Wiener Familien für diese Hochzeit interessierten und das Hochzeitspaar von Angesicht sehen wollten.
Trotz der späten Nachmittagsstunde war daher an einem heißen Junitage eine der Hauptkirchen Wiens ziemlich dicht von Menschen aller Stände gefüllt.
- Der herrliche Blumen- und Zierpflanzenschmuck deS Altars, die ausgewählte, zum Teil schon in der Kirche anwesende Gesellschast und eine lange Reihe stattlicher Wagen, die vor der Hauptthüre der Kirche schon vorgefahren waren, zeigten an, daß eine ganz außerordentliche Trauung vor sich gehen sollte. Und dies war auch that- sächlich der Fall, denn keine anderen als Gisela Nepomuck und Baron Curt, Ritter von Swoboda, sollten heute die Hände zum ewigen Bunde in einander legen.
Das leise Geflüster und die erwartungsvollen Blicke, welche die in der Kirche Anwesenden zeigten, wurde jetzt durch einen halblauten Ausruf der Verwunderung unterbrochen. (Fortsetzung folgt.)
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition b. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureauk von G. L. Daube u. Co. in Frankfurt a. M.; Jägersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung ♦ daselbst; Jnvalibenbank in Berlin; W. ThieneS in Elberfeld; C. Schlotte in Bremen.
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Gesetze» von 1879 nicht verlasse, und namentlich, daß dieselbe mehr Ermäßigungen und Erleichterungen als Erhöhungen erhalte. Die Gründe, die 1879 der Annahme der BundesratSanträge, welche jetzt vom Abg. Schmidt (Elberfeld) wieder ausgenommen, entgegenstellt, seien wesentlich steuertechnischer Natur gewesen; finanzielle Gründe kämen dabei nicht in betracht. Die verbündeten Regierungen würden jedenfalls diesem Anträge alle gebührende Berücksichtigung zu Teil werden lassen. ES wäre ein Irrtum, anzunehmen, daß, was nach den Ausführungen der Abg. Barth angenommen werden könnte, das Jdenti- tätSprinzip überhaupt aufgegeben werden sollte. Die Erhöhung des Honigzolls auf 2® M. würde schon dadurch gerechtfertigt, daß der Sirup einen Zoll von 15 M. trage. Die Erhöhung des Schieferzolls fei nach den authentischen Ermittelungen geboten, welche die Regierung selbst an Ort und Stelle angestellt. DaS abfällige Urteil über den Schmalzzoll sei nicht gerechtfertigt. Seit 1874 hätten fortdauernd, ganz unabhängig vom Zolle, sehr erhebliche Preisschwankungen de» Schmalzes stattgefunden. Am allerwenigsten sei aber gegenwärtig die Zeit, die Beseitigung des Schmalzzolles eintreten zu lassen, da Oesterreich die Einfuhr des Schmalzes verboten und Frankreich dieselbe erschwert habe. Dazu kämen nun auch noch die sanitären Rücksichten, welche der Einfuhr amerikanischen Schmalzes entgegenstehen.
Abg. v. Wedell-Malchow steht dem Anträge de« Abg. Schmidt sympathisch gegenüber, spricht sich aber mit Bestimmtheit gegen den Antrag des Abg. Barth aus. Dir Erleichterungen, welche die Vorlage für das Müllerüge- werbe trage, acceptiert er gern und bedauert nur, daß dieselben nicht schon ein Jahr früher eingetreten seien. Die anderen Aenderungen, welche in der Vorlage beantragt werden, charakterisiert der Redner im allgemeinen als Verbesserungen, die da» System selbst unberührt lassen. Im einzelnen würde man ja in eine nähere Erwägung der Positionen eintreten können; namentlich gelte das von der erheblichen Erhöhung deö Honigzolles von 3 auf 20 M. Bezüglich der geschäftlichen Behandlung der Vorlage beantragt er, die zweite Beratung derselben im Plenum vorzunehmen; event. fei eS ja nicht ausgeschlossen, einzelne Positionen einer Kommission zu überweisen.
Abg. Stephany will die Unruhe, die das ganze politische Leben durchdringe, nicht noch vermehren durch nicht absolut notwendige Aenderungen der Zollgesetzgebung und durch eine Modifikation deS Systems selbst. Zuzugeben sei indes, daß die Vorlage zum guten Teil nur Korrekturen enthalte, die daS System nicht treffen.
Abg. Bamberger legt Gewicht darauf, daß die Vorlage jetzt felbst Prinzipien anerkenne, die sie bisher verleugnet. Früher habe der Reichskanzler gesagt, er werde nie zu einer Zollermäßigung seine Einwilligung geben; auch der Satz, daß der Ausländer den Zoll trage, werde
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