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Marburg, Sonntag, 23. April 1882

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XVII Lohrzaig

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Bom Landtag.

Berlin, 21. April.

In der heutigen (50.) Plenarsitzung de« Abgeord­netenhauses wurde die zweite Beratung deS Gesetz- Entwurfs, betreffend die Erweiterung, Vervollständigung und bessere Ausrüstung deS Staatseisenbahnnetzes fortgesetzt.

Von dem ersten Abschnitte der Vorlage (Sekundär- babnen) steht heute nur noch die Linie Ahrweiler-Adenau zur Verhandlung. Die Anlagekosten betra en 3260000 ausschließlich 360000 M. Grunderwerbskosten. Die Re­gierung will von letzteren mit Rücksicht auf die äußerst beschränkte Leistungsfähigkeit des Kreises Adenau und weil der Kreis Ahrweiler keinen Vorteil von der neuen Bahn haben wird, vielmehr durch VcrkehrSverschiebung Nachteil befürchtet, 240000 M. übernehmen, so daß die ganze Forderung 3560000 M. beträgt. Die Kommission be­antragt nun aber von den danach von den Adjazenten noch auszubringenden 120000 M. noch weitere 60 000 M. ans die Staatskasse zu übernehmen und erhöht also die Bausumme im ganzen auf 3560000 M. Der Antrag der Kommission im gründe von Niemandem bekämpft, veranlaßt gleichwohl eine längere Diskussion. Der Minister der öffentlichen Arbeiten, Maybach, erklärt, daß die Negierung mit Rücksicht auf die vorliegenden, ganz beson­deren Verhältnisse ihren sonstigen prinzipiellen Standpunkt betreffs der Grunderwerbungskosten zu gunsten des Kom- wissionsantrages aufzugeben bereit sei. Der Kommisston«- Antrag wird dann auch mit sehr großer Majorität an­genommen.

Der II. Abschnitt der Vorlage enthält in 8 resp. Positionen zusammen 16930000 M. zur Anlage eine« zweiten Geleises resp. zu Ergänzungen und Geleirverän- derungen auf den betreffenden Bahnhöfen. Die Kommission beantragt, die Positionen sämtlich unverkürzt zu bewilligen. Das Haus beschließt nach unerheblicher Debatte demgemäß.

Abschnitt III betrifft eine Reihe von Bauausführungen. 1) Für die Umgestaltung der Bahnhofsanlagen in Duis­burg 1 700 000 M.; 2) derjenigen in Düffeldorf 14 000 000 Maik. Beide Positionen werden nach etlicher Diskussion bewilligt.

Unter falschem Ramm.

Von Ellen Lucia.

(Fortsetzung)

Nun soll sie ihn, gleich nach bet Ankunft, noch In« Theater begleiten; was das nur für Ideen sind, al« ob man junge Damen nicht anders sehen könne, als nur dort? Vielleicht aber läßt sich auf diesem zwanglosen Wege für ihn, als Junggesellen, eine Bekanntschaft harmloser ver­mitteln ; sie versteht sich auf die neuen Moden nicht, aber die erste Bitte, — und er scheint ihre Begleitung so dringend zu wünschen, — mag sie ihm nicht abschlagen.

O, sic will die Augen schon offen halten, und die beiden jungen Damen da, mit denen er sich so vertraulich begrüßt, könnten ihr schon gefallen; neugierig forscht sie, wer sie seien mögen, bis daS gewaltige Stück, — sie hat in ihrem ländlichen Stilleben nie zuvor einer größeren Theatervorstellung beigewohnt, sie alle« um sich her ver- ßksien macht.

„Ich wollte wahrhaftig, da« könnte manche« arme Mädchen sehen", sagt sie, al« einmal der Vorhang ge- fallen, „ob es wohl nicht manche vom Falle zurückhielte? Und das Gretchen da 1 Man vergißt wirklich, daß sie da« alles nur spielt. Und wie hübsch und lieb sie auSsteht, man muß ihr ordentlich gut sein, trotz alledem!"

Dem Professor legt eS bei dem unverhofften Lobe sich ^veich und warm umS Herz. „Ja, Tantchen, da« muß man auch!" Und er erzählt ihr, wa« er nur Liebe« und Gutes von der Freundin weiß.

Die Tante hört ihm schweigend zu; auch Herr von Svllern, der sich merklich zu ihm hingebeugt hat. „Sie kennen Fräulein Eckard näher?" fragt er, „die beste Em- piehlung für die junge Dame, daß Sie und Frau von vurstenau sie näherer Bekanntschaft wert hielten/

Für die Umgestaltung der Bahuhofsanlage in Köln wirft die Regierungsvorlage die Summe von 22 Vg Mill. Mark aus. Die Kommission beantragt, die Forderung abzulehncn, dagegen die Staatsregierung aufzufordern, mit der Stadt Köln wegen der Teilnahme an den Kosten der Verlegung des Kölner Güterbahnhofes und der Durch- gangSgeleise an die FcstungSenceinte in Verhandlung zu treten und dem Landtage in dessen nächster Session mit dem Bericht über das Resultat dieser Verhandlungen auch die Pläne und Kostenanschläge über die von der Stadt Köln gewünschten BahnhofSanlagen und die damit zu­sammenhängenden Aenderungcn der Eiscnbahnanlagen bei Köln vorzulegen.

Dagegen beantragen die Abgg. Berger (Witten), Bachem und Dr. Reichensperger (Köln), die ge­forderte Summe zu bewilligen, aber am Schluffe des § 1 des Gesetzentwurfs hinzuzufügen: „Für die Ausführung der vorstehend unter III Nr. 3 vorgesehenen Umgestaltung der BahnhofSanlagen in Köln ist ein neuer Plan festzustellen, durch welchen, unter Beibehaltung des jetzigen Zentralbahn­hofes, von den den Dom umgebenden Straßen und Plätzen keine größere Grundfläche als seither in Anspruch genommen wird. Außerdem sind der derzeitige Güterbahnhof und die DurchgangSgeleise an die zukünftige Umwallung zu ver­legen und ist für den Personenverkehr in der Neustadt ge­eignete Vorsorge zu treffen."

Ferner beantragt Dr. Röckerath, unter Ablehnung deS Kommissionsantrages, die Regierungsvorlage in fol­gender Fassung wiederherzustellen: „Für Erhöhung und Umbau deS gegenwärtigen Kölner Zentral - Personenbahn­hofes am Dom, Herstellung angemessener BahnhofSanlagen für den Personenverkehr in der Neustadt Köln, Beseitigung der Niveauübergänge innerhalb der neuen Umwallung von Köln, sowie für Verlegung der dortigen Güter- und Ran­gierbahnhöfe die Summe von 22500000 M."

Die Abgg. Bachem und Reichensperger treten von dem erstangeführten Anträge zu gunsten deS Antrages deS Abg. Röckerath zurück. Letzterer weist bei Begrün­dung seines Amendements auf den einstimmigen Beschluß der Kölner Stadtverordnetenversammlung hin, dessen Be­deutung bei der Bevölkerung allerdings auf Mißverständnis gestoßen sei. Seinen Antrag habe er, nachdem er ihn formuliert, der Kölner Stadt-ErweiterungSdeputation vor­gelegt, und diese habe denselben gebilligt. Die allgemeine Stimmung in Köln sei auch seinem Anträge günstig; nur halte die Stadt e« nicht für angczeigt, daß sie, nachdem von ihr für die Stadterweiterung sehr große Opfer zu bringen seien, noch zu den BahnhofSanlagen mit erheblichen Beiträgen herangezogen werde. — Abg. Berger, der demnächst seinen Antrag zu gunsten desjenigen des Abg. Nöckerath zurückzieht, weist auf die vielerlei Mißverständ-

Während der alte Herr wieder in sinnendes Schweigen versinkt, beobachtet Tante Line den Neffen mit erhöhter Aufmerksamkeit.

„Sie sieht, daß er dm Blick nicht von der Bühne wendet, so lange das Gretchen dort sichtbar ist, und meint deutlich erkannt zu haben, daß auch diese einen heimlichen Gruß zu dem Professor hinübergesandt.

„Nein, nein, das kann nicht sein, das wäre im Leben keine Frau für den Herrmann; sie will ihm schon ernstlich zu Gcmüte reden; vorläufig aber muß sie doch einmal sehen, wie da« Stück denn zu Ende geht. Wieder folgt fit den Vorgängen auf der Bühne mit gespanntester Auf- merksamkcit und sitzt noch ganz In sich versunken, als schon der Vorhang zum letzten Male gefallen. Wieder und wieder muß er sich heben, aber wie das Publikum auch rufe, und Kränze und Sträuße bereit halte, seinen Liebling damit zu überfluten, Fräulein Eckard tritt nicht heraus.

„Fräulein Eckard sei plötzlich erkrankt, heißt cs dann, sie habe ihre Rolle nur mit Mühe zu Ende führen können." In dem allgemeinen Aufbruch und den ein­stimmigen Ausrufen des Bedauern, ist fast ehe sie es be­merkt, der Profeffor von ihrer Seite verschwunden; ein schneller Worttausch mit dem Zolleru'schen Kreise, und er hat die alte Tante ihrem freundlichen Schutze für den Heimweg empfohlen. Ihr Weg ist der gleiche, und bei dem hellen freundlichen Mondlichte wollen sie ihn zu Fuße zurücklegen. Arthur geht mit der Schwester und Annchen voran, der Vater hat der alten Dame ritterlich den Arm geboten. Alle sind besonders schweigsam, nur Tante Line, von Isidore freundlich befragt, plaudert arglos von dem Eindrücke, den das Stück auf sie gemacht.

„Nein, es ist mir nicht leib, baß ich mitgcgangcn," sagt ste; „nur da« arme junge Ding kann einen dauern!

nisse hin, welche diese Angelegenheit in der Kölner Bevöl­kerung hervorgerufen hat, und geht dann auf eine nähere Beleuchtung der bezüglichen lokalen Verhältnisse ein. Der Antrag Röckerath bezwecke keine Aenderung der bestehenden Verhältnisse, wolle aber auch den zukünftigen nicht präju- zieren. Dagegen würde die Vorlage den Dom beeinträch­tigen. Die Hinausschiebung der Angelegenheit um 1 Jahr, wie eS die Kommission wolle, würde von den nachträg­lichsten Folgen für die Eisenbahnverwaltung wie für die Stadt Köln sein. — Minister Maybach erklärt, über das Bedürfnis, Wandel zu schaffen, herrsche allgemeines Einverständnis, nicht aber über die Frage des „Wie?" Die Regierung habe geglaubt, mit ihrem Projekte das Richtige getroffen zu haben; während der Beratungen im Hause seien aber die Einwendungen dagegen so zahlreich gekommen, daß man sich überzeugt habe, die Sache sei zur Entscheidung noch nicht reif; daher sei der Beschluß der Kommission durchaus korrekt. Der Antrag Röckerath sei für die Negierung unbrauchbar, er empfehle die Annahme des Kommissionsantrages. — Abg. Reichensperger tritt für den Antrag Nöckerath ein. Nach einigen kurzen Bemerkungen der Abgg. v. Minnigerode und Bachem wird der Antrag der Budgetkommisstvn angenommen. Der Nest der Vorlage giebt zu einer bemerkenswerten Debatte keinen Anlaß; die einzelnen Paragraphen werden bis zum Schluffe in der von der Kommission vorgeschlagenen Fassung genehmigt. Ein Antrag des Abg. Büch temann auf Einstellung eines neuen Paragraphen in das Gesetz, welcher daS Erlöschen der durch das Gesetz bewilligten Kredite für den Ablauf deS zweiten Kalenderjahres nach der Betriebs­eröffnung ausspricht, wird nach längerer Diskussion abge- lchnt. Darauf werden die Verhandlungen bis morgen vertagt. — Im Verlaufe der Debatte über die Tagesordnung erklärte Minister v. Puttkamer, daß die Regierung an der Erledigung der Kreis- und Provinzlalordnuna füt Hannover in der gegenwärtigen Session festhalte. °

Deutsches Reich.

*» Berlin, 21. April. Heber die Form der Eröff- nung des Reichstags ist bis jetzt noch keine feste Bestim- mung getroffen. Wenn der Reichskanzler hier sein wird, was noch nicht ganz gewiß ist, aber in seinem Wunsche liegt, so wird voraussichtlich die Eröffnung durch ihn, im anderen Falle durch den Staatsminister v. Bötticher voll­zogen werden. Was die dem Reichstage zu machenden Vorlagen betrifft, so dürften demselben mit Sicherheit das Tabaksmonopol, die sozialpolitischen Gesetze und die Novelle zur Gewerbecrdnung zugehen; ob auch schon in der bevor­stehenden Session die Vorlagen wegen der Fürsorge für die Witwen und Waisen der Angehörigen dcö Heeres und der Marine, sowie wegen Abänderung deS Pensionsgesetzes

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Krank fein und dann solch aufregende Dinge spielen muffen, und spielen, als ob an sich selbst erlebt ?! Es muß doch ein hartes Brod fein, und ob sie wohl Jemand hat, der hernach nach ihr sieht?"

Die einstimmigen Versicherungen, daß, bei der allge­meinen Achtung und Liebe, die Eva genieße, es ihr sicher nicht an der sorglichsten Pflege fehlen werde, vermögen sie nur wenig zu überzeugen.

„Ach", sagt sie zu Herrn von Zollern gewandt, „ich habe auch einmal eine junge, schöne Schauspielerin kennen gelernt, eine Sängerin war es wohl eigentlich, ein zartes llebcö Geschöpf, da« ich — ich hatte damals just nichts besseres zu thun, — in seinen letzten Stunden gepflegt. Wie ich das Gretchen sah, da war mir'S, genau, als säh' ich sie wieder vor mir." —

Herr von Zollern hat unwillkürlich seinen Schritt an- gehalten: „Es ist lange her, nicht wahr?" forscht er und hat Mühe, daS lebendige Interesse, daS in seiner Frage liegt, zu verbergen; sichtlich ist eS ihr lieb, daß sein Zögern die Entfernung zwischen ihm und seinen voranschreitenden Kindern vergrößert hat.

„Ach ja, es ist manches Jahr seitdem verflossen; doch dergleichen vergißt sich nicht. Es war das letzte Jahr, eh meine selige Schwester starb, und mit der Pflege der kleinen verwaisten Schaar halt' ich noch keine Not. So war ich bei einer Freundin zu Besuch, ihr ein bischen in der Wirt- schäft zu helfen; — irgend wie will der Mensch sich doch nützlich machen; — rechtschaffen zu thun, gab cs für uns Beide doch nicht, und als wir erfuhren, daß im Neben­hause ein armes junges Weib hülfloö dalag, da ging ich zu ihr und that an ihr wie Christenpflicht!"

(Fortsetzung folgt.)