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Marburg, Freitag, 21. April 1882
xvii Jahrgang
licchcUchk jfitniij
die Staatssteuern, sondern auch die Kommunal-, Kreis- und Provinzialabgaben in Abzug zu bringen seien. Die Pe- titlonskommissien beantragt Ueberweisung an die Staatsregierung zur Berücksichtigung. Abg. von Rauchhaupt bittet indes, dieselbe nur zur Erwegung zu überweisen, denn die Sache sei sehr schwierig, und lasse sich in ihrem Effekt namentlich für die ländlichen Verhältnisse schwer übersehen. Ohne Gesetz lasse sich die Frage jedenfalls nicht regeln. Im übrigen spricht er sich materiell keineswegs gegen die Intention der Petition aus. Reg.-Kommissar Landrat v. Bonin weist nach, daß unter den Worten deS qu. Gesetzes : „auf dem Grundbesitze ruhenden Lasten und Steuern" lediglich Staatssteuern und Reallasten verstanden seien, und daß diese Auslegung 30 Jahre hindurch von der Verwaltungspraxis unangefochten angewendet sei. Abg. Janßen bittet, dem Kommissionsantrage beizu- treten, da die Regelung der Angelegenheit dringend geboten sei. Abg. L a u e n st e i n hält die Sache nicht so schwierig, wie sie Abg. v. Rauchhaupt darstellt; denn eö handele sich überall nur um Grundabgaben, die leicht zu ermitteln seien. Im übrigen hält er die Auslegung der Regierung für unzutreffend; nach den Worten des Gesetzes und der ratio legis sei die Auffassung der Petenten richtig, und deshalb die Ueberweisung der Petition an tie Regierung zur Berücksichtigung gerechtfertigt. Abg. Dr. Röckerath spricht sich ähnlich au». — Abg. Gumbrecht betont dagegen, daß die Regierung dem Anträge, wie er liege, gar nicht Folge geben könne; die Sache dürfe nur allgemein, nicht blos betreffs der Grundbesitzer, und zwar durch Gesetz, geregelt werden. Er empfehle daher den Antrag des Abg. v. Rauchhaupt anzunehmen. Das Haus genehmigt indes den Kvmmifsionsantrag.
Nachdem inzwischen eine weitere Anzahl von Petitionen erledigt, die eines allgemeinen Interesses ermangeln, werden Petionen um Abänderung der SchleSwigschen Wasserlösungsordnung der Staatsregierung zur Erwägung überwiesen. Nächste Sitzung morgen: Nachtragsetat, Vorlage zur Er- weiteruug des Staatsbahnnetzes.
Was den Professor bewegt, am gleichen Abend'noch an die gute alte Tante Line zu schreiben, um sie um umgehende Ausführung ter lang versprochenen Wiederholung ihres Besuches zu bitten, vermöchte er selbst kaum zu sagen.
Bom Landtag.
Berlin, 19. April.
In der heutigen (48.) Plenarsitzung deS Abgeordnetenhauses kamen zunächst eine Reihe von Petitionen dem Anträge der rcsp. Kommissionen entsprechend ohne Debatte zur Erledigung.
Eine längere Diskussion knüpfte sich zuerst an eine Petition des Gutsbesitzers MachowinSki und Genossen zu Czarnikau, welche die Aufhebung deS Verbot- bezweckt, wonach dem Mansionar Gronkowski die Leitung des Religionsunterrichts nicht verstattet, vielmehr demselben der Zutritt zur Schule verboten worden ist. Die Gründe der Regierung liegen hauptsächlich in der Beteiligung deS betreffenden an der politischen (polnischen) Agitation. Die Unterrichtskommission beantragt Ueberweisung der Petition an die Staatsregierung zur Berücksichtigung; dagegen hält Abg. L a u e n st e i n das Verbot für wohlbcgründet. Die Abgg. Dr. L a n g e r h a n S und K a n t a k sprechen für Annahme deS KommissionSantragcS. Negierungskommissar Geh. Rat Dr. Essers wies darauf hin, daß Manstor GronkowSki nicht Ortspfarrer sei, also auch nicht, wie ein Vorredner betont hatte, von der Regierung in sein Amt wieder eingesetzt sei. Die Negierung halte den p. Gronkowski für nicht qualifiziert zur Leitung des Religionsunterrichts und lege den größten Wert darauf, daß daS HauS über die Petition den Uebergang zur Tagesordnung beschließe. Abg. Dr. Hammacher führt aus, daß nach Lage der Sache der Uebergang zur Tagesordnung allein gerechtfertigt sei. Das Haus entschied sich auch (mit geringer Majorität) in diesem Sinne.
Eine Petition von Scharfrichtereibesitzern wegen schleunigster Ablösung der Abdeckerei Zwang-- und Bannberech- tigungen beantragt die Agrarkommisston durch Uebergang zur Tagesordnung ztz erledigen. Abg. v. Rauchhaupt lenkt dabei die Aufmerksamkeit der Regierung auf diesen Gegenstand, indem er sowohl die rechtlichen als veterinär- polizeilichen Gesichtspunkte darlegt, aus welchen eine dringende Regelung der Angelegenheit notwendig ist. Abg. Sombart unterstützt diese Ausführungen, indem auch er hervorhebt, daß die Ausführung deS SeuchcngesetzeS wesentlich durch die Mißstände des Abdeckereiwesens gefährdet werde. Im übrigen wird der KommissionSantrag angenommen.
Eine Reihe von Petitionen um Verbesserung deS Einkommens der älteren ländlichen Lehrer wird unter Hinweis auf die früher gepflogenen Verhandlungen und in dieser Beziehung bereits gestellten Anträge durch Uebergang zur Tagesordnung debattelos erledigt.
Eine Petition aus Aachen von allgemeinem Interesse richtet sich auf Herbeiführung einer Deklaration deS Schlußsatzes des § 28 des Gesetzes vom 1. Mai, dahin, daß bei Berechnung eines steuerpflichtigen Einkommens nicht bloS
Deutsches Reich.
** Berlin, 19. April. Dem Landtage wird noch ein Entwurf über die Vertretung des Lauenburgischcn Landcs- kommunalverbandeS zur notwendig beschleunigten Erledigung zugehen. Nach dem Gesetz über die Vereinigung des Herzogtums Lauenburg mit der preußischen Monarchie sollte der den kreisständischen Verband deS nunmehrigen Kreises Herzogtum Lauenburg bildende Lauenburgische LandeSkom- munalverband nur bis zum 1. März 1878 durch die Ritter- und Landschaft des Herzogtums in ihrer bisherigen Zusammensetzung vertreten, und binnen dieser Frist die Vertretung anderweit gesetzlich geregelt werden. Die ver-
Unter falschem Rame«.
Von Ellen Lucia.
(Fortsetzung)
Im Gespräche mit Männern überkommt sie leicht jene weibliche Scheu, die die begabtesten der Frauen oftmals hindert, die Fülle und Kraft der sie bewegenden Gedanken in Worte zu kleiden; während sie doch so leicht und ungr- scheut solche Biller und Gedanken auf dem Papiere sest- halten mögen.
„Eine schriftstellernde Frau" hat der Professor einmal gesagt, „begeht, wie Alfons- Karr behauptet, ein doppelte» Verbrechen: sie vermehrt die Zahl der Bücher und vermindert die Zahl der Frauen!"
Sein Ausspruch und der freundliche Spott, mit dem er gelegentlich die geistreiche Schönthuerei der Frauen und ihrer EmancipationSgelüste nicht verschont, hat In Anna die Befürchtung geweckt, ob der Professor in der That in der schriftstellernden Frau nur den unpraktischen Blaustrumpf zu sehen vermöge, die Meinung, die er von ihr hegen mag, ist ihr nicht gleichgültig; er ist Arthur-Freund und ihrem Hause längst mehr geworden, denn nur ein treuer ärztlicher Berater.
Von EvaS aufregender Thätigkeit, — und Winter hat sie mit sichtlicher Unruhe gehen und seine Begleitung noch unlieber von ihr zurückgewiefen gesehen, — hat sich die Unterhaltung unter den Zurückbleibenden allmälig dem von Anna so gefürchteten Gebiete genähert.
„Fräulein Eckard muß ihre Gefahr sirhen" sagt er ernst; „ein jeder Mensch hat seine Gefahr, wo seine Gabe ist."
„So läge in jedem Talente Gefahr für eine Frau?
Im stillen Kämmerlein ihre Gedanken, auch für Andere, niederzuschreibrn, könnte einer Frau doch schwerlich Gefahr bringen?"
„Gefahr doch wohl! Schon in der Verschwendung ihrer Zeit und Kraft. Mich haben schon die Mädchen gedauert, die in gewissem bleichsüchtigen Alter, für ein Verdienst es halteii, ihre unvermeidlichen Tagebücher zu führen."
„Weil man nicht weiß, ob jene die Empfindungen, die in solchen Tagebüchern verzeichnet stehen, wirklich empfunden oder — nur zum Empfinden gemacht sind?"
„Ein Schicksal, gnädige Frau, das sie mit manchem Werke au- weiblicher Feder teilen dürften! Die Frau, welche schreibt, betrügt sich selbst um das beste Glück ihres Leben»: Sie träumt sich in ein Leben, in Verhältnisse hinein, die nimmer bestehen, und versäumt, nach Göthe'schem Wort-, schon darüber allein, sich ein hübsches Leben zu zimmern I"
Fräulein Anna hat sinnend Eva'S gedacht. „Als ob die- in jeder Frau Macht stände?" sagt sie befangen. „Sollte denn eine Frau, nur weil sie schreibt, nicht auch eine gute Frau und Tochter sein können?"
„Eine gute Schwester und Tochter, gnädiges Fräulein, warum nicht? Eine mustergiltige Gattin kaum. Es läge denn an ihrem Manne, daß sie es werde und — bleibe!"
„Und ich glaubte bisher, eine Frau vermöchte wohl den Mann, nicht aber der Mann die Frau zu ändern," sagt Frau von Fürstenau ernst.
„Nach altem Rechie sollten Beide zu rechter Erkennt- niS ihrer Lebensaufgabe die Beide einander wohl gleich förderlich und dienstlich werden! Und doch, wie mag der Frau, die eigenen Lebenszielen folgt, die rechte Lust, Zeit
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sucht- gesonderte Regelung der Kreisverfassung für den Kreis Herzogtum Lauenburg fand nicht di- Zustimmung des Hauseö der Abgeordneten, welches die gedachte Regelung nur in Verbindung mit dem Erlasse einer neuen Kreis- und einer neuen Provinzialordnung für die Provinz Schleswig-Holstein zur Ausführung gebracht wissen wollte. ES wurde daher die Frist zunächst bis zum 1. März 1880 und sodann bis zum 1. Oktober 1882 verlängert. Der d-m Landtage in der vorigen Session vorgelegt- Entwurf einer Kreisorduung für die Provinz Schleswig - Holstein, durch welche auch die Krelsverfassung des Kreises Herzogtum Lauenburg neu geordnet werden sollte, ist damals zu einer definitiven Beschlußtiahme nicht gelangt. Derselbe Entwurf ist sodann dem schleswig-holsteinischen Provinzial- Landtage zur Begutachtung vorgelegt worden. Nach Lage der Dinge erscheint es unthunlich, den Entwurf einer Kreis- ordnung für die Provinz Schleswig-Holstein dem Landtage der Monarchie noch in der laufenden Session desselben zu- gehen zu lassen, zumal die Möglichkeit ausgeschlossen erscheint, daß die Beratung des Entwurfs noch in beiden Häusern zu Ende geführt werden könnte. Unter diesen Umständen ist es unvermeidlich, dem Landtage der Monarchie noch eine die gesonderte Regelung der Krcisvertretnng im Kreise Herzogtum Lauenburg betreffende Gesetzvorlage zu machen, da es sonst in diesem Kreise vom 1. Okt. d. I. ab an jeder Kreisvertretung fehlen werde. — Ein auch in Preußen verbreiteter Kalender enthält Anzeigen, in denen das unbefugte Angebot der Erteilung von Auskunft über die Beförderung von Auswanderer und folglich eine Zuwiderhandlung gegen das Gesetz vom 7. Mai 1853 zu finden ist. Der Justizminister hat deshalb auf Veranlassung des Ministers des Innern die Beamten der Staatsanwaltschaft auf den strafbaren Inhalt der gedachten Anzeigen aufmerksam gemacht und dieselben angewiesen, vorkommenden Falls gemäß § 42 des Strafgesetzbuchs und der 477 ff. der Strafprozeßordnung einzuschreiten. Di- Polizeibehörden sind gleichfalls mit entsprechender Anweisung versehen worden. — Im Monat Februar d. I, wurden auf 47 größeren dent'chen Bahnen b-zw. Bahn- komplexen befördert an fahrplanmäßigen Zügen 11091 Kurier- und Schnellzüge, 81 860 Persoiienzüge, 49 491 gemischte Züge und 75 673 Güterzüge, an außerfahi planmäßigen Zügen 1618 Kurier-, Schnell-, Personen- und gemischte Züge und 24462 Güter-, Materialien- und Arbeitszüge. Es verspäteten von 142891 fahrplanmäßigen Kurier-, Schnell-, Personen- und gemischten Zügen im ganzen 817. Von diesen Verspätungen wurden jedoch 169 durch das Abwarten verspäteter Anschlußzüge h-ivor« gerufen.
Berlin, 19. April. Die „Prov.-Conesp.", schreibt in einem Artikel „Die parlamentarischen Aufgaben" folgendes. Wir stehen vor einer arbeitsreichen parlamentarischen Zeit' und Kraft hierzu verbleiben? Der Frauen Wirken ist an enge Grenzen gebunden; ihre Beschäftigung aber führt leicht zur Selbstüberhebung; ihre Pläne und Gedanken schweifen fort über Zeit und Raum; in solchem Zwiespalt kann eine Frau weder glücklich werden noch glücklich machen!"
„Unser Dokwr ist als denkender Arzt Philosoph, Annchen" tröstet Frau von Fürstenau. Und schon Kant sagt, di- weibliche Eig-nthümlichkeit sei mehr als die männliche; ein Studium für den Philosophen! — bester Professor, also würden sie sicherlich nie dulden, aß ihre Gattin —"
„Neben dem Glück-, welches da» Leben an meiner Seite ihr zu bieten vermag, in anderer Thätigkeit Ihr Glück erstrebte. Nein, sicher nicht, gnädige Fran!" Er ist hastig aufgesprungen, Zollern entgegenzugehen, dessen Eintritt das Gespräch, allen zu sichtlicher Befriedigung, unterbricht.
Wie mannigfache Fragen über Eva'S Pläne und Ergehen den Eingetretenen aber auch umdrängen, er hat nur ausweichende Antworten; er spricht nur wiederholt sein Bedauern au5, daß Eva darauf beharre, vor ihrer Abreise noch einmal aufzutreten, während vollständigste Ruhe ihr doch vor allem nötig erscheine.
Aus'S Lebhafteste stimmt Winter ihm bei; er will gleich am nächsten Morgen zu ihr gehen und ist im Innern fest überzeugt, daß seine Ueberredung vermögen mag, wozu sie Niemand sonst vermöchte.