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Nr 86.
Marburg, Donnerstag, 13. April 1882.
xvn Jahrgang
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen.Bureaux d. Th- Dietrich u. Co. in Aaffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Saasenstein u. Vogler in Frankfurt a. M., Berlin, Leipzig' Köln rc.; Rudolf Moste in Berlin, Frank- furt a. M- rc.
(Olinljrflifdir Jritmig.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux von G L. Daube u. Co. in Frankfurt a. M.; Jügersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. ThieneS in Elberfeld; C. Schlotte in Bremen.
Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllnstrirteS TormtagSblatt" durch die Expedition lKo ch'sche Buchdruckerei) bezogen 8V< Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 8 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr.) — Insertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfa. Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 85 Pfg. berechnet.
Die neuen Lehrpläne für die höheren Schulen.
II.
Im Anschluß hieran werden dann genau die Lehraufgaben in den einzelnen Unterrichtsgegenständen in kurzen, bestimmten Worten gegeben und diese mit ausführlichen Erläuterungen versehen. Wir heben davon nur dar hervor, waS entweder früher schon Gebotener besonder« betont oder von den früheren Bestimmungen abweicht.
Am Gymnasium soll in der Religionslehre z. B. fest- gehalten werden, daß die Schule nicht Theologie lehrt, sondern Religionsunterricht erteilt. Jede Ueberbürdung des Gedächtnisses mit Daten, welchen au sich oder für da« betreffende Alter ein religiöser Gehalt nicht beizumesien ist, muß als Beeinträchtigung der Aufgaben des Religionsunterrichts ferngehalten werden.
Nicht ausgenommen ist in die Lehraufgabe der deutschen Sprache: Kenntnis der mittelhochdeutschen Sprache und Lektüre mittelhochdeutscher Werke. Mit Recht wird hervorgehoben, daß dies nicht geschehen könne, ohne andere unabweisbare Aufgaben des deutschen Unterrichts zu beeinträchtigen. Ebenso ist die deutsche Litteraturgeschichte als selbständiger Lehrgegenstand ausgeschlossen, dagegen wird gefordert, daß die Schüler auf gründ einer wohlgewählten Klassen- und Privatlektüre mit den Hauptepochen unserer Litteratur bekannt gemacht werden und für die Heroen unserer Litteratur durch daS Verständnis der bedeutendsten ihnen zugänglichen Werte mit dankbarer Hochachtung erfüllt werden. BtsonderS Wertvolle« aus der klassischen Dichtung des eigenen Volkes als einen unverlierbaren Schatz im Gedächtnis zu bewahren, wird al« die nationale Pflicht jedes Gebildeten hingestellt.
Die philosophische Propädeutik wird nicht al« besonderer obligatorischer Gegenstand im Lehrplan bezeichnet, vielmehr die Aufnahme derselben der Erwägung de« einzelnen Direktors mit den dazu geneigten Lehrern überlasten.
In den Erläuterungen zum lateinischen Unterricht wird als Aufgabe des Gymnasiums bezeichnet, daß die Schüler einen bestimmten Kreis von Schriften wirklich gelesen haben und diese Lektüre soll begründet sein auf sprachlicher Genauigkeit und soll führen zur Auffassung des Gedanken- ii.haltcs und der Kunstform. Die gedächtniSmäßige feste Einprägung hervorragend bedeutender Stellen aus der klassischen Litteratur wird auch hier, als einen wertvollen Besitz für das Leben bildend, empfohlen. Der lateinische Aufsatz wird beibehalten, aber sein Gebiet in verständiger Weise eingeschränkt, da er sich nur innerhalb des durch die Lektüre zugeführtcn Gedankenkreises und Wortschatzes bewegen soll. Hebungen im mündlichen Gebrauch der lateinischen Sprache werden schon für die mittleren Klaffen als zweckmäßig bezeichnet, wenn sie der Repetition und Verwertung des Gelesenen dienen.
Unter falschem Ramen.
Von Ellen Lucia.
(Fortsetzung»)
Ein neuer Brief ist bald genug von „drüben über dem Meer" gekommen, und mit ganz besonderer Freude hat Fräulein Anning ihrer alten Dörthe daraus vorgelesen:
„Die Arbeiten, die Sie mir anscheinend nur widerstrebend gesandt, haben in mir recht praktische Ideen erweckt. Sie werden lachen über den Widerspruch — Idee und praktisch I — Immerhin, wenn sie sich in der Verwirklichung nur bewährt!
„Die Amerikaner — Sie wisten es, Mißchen — haben über geistiges Eigentum keine allzu strengen Begriffe. Auch im lieben Deutschland sind die Gesetze, die da» literarische Eigentum schützen sollen, noch immer nicht scharf genug gefaßt. Mit Amerika z. B. ist immer noch keine Konvention vereinbart, unsere Werke gegen unerlaubten Nachdruck sicher zu stellen. Und die Amerikaner nähren sich redlich vom Raube. Ungestraft füllen einzelne der Blätter ihre Rie enspalten mit Plagiaten unserer besten Autoren. Der Wahrheit die Ehre! Einzelne Verleger denken auch rechtlicher. „Scripner’s Magazine“ z. B. hat erst kürzlich von unserem Auerbach eine kaum sechs Seiten füllende Erzählung für sechshundert Dollar« redlich erworben.
„Eine schätzenswerte Summe und ich möchte gern ähnlichen Erwerb Ihnen zuwenden. So habe ich nun umhrr- gesorscht und entdeckt, daß hier viele hundert deutsche Zeitungen und Zeitschriften existieren. Und existieren die Herausgeber, müssen doch auch die Mitarbeiter ihr Brod dabei finden. Das aber muß man dem Engländer wie
Im Französischen wird darauf verzichtet, eine Geläufigkeit im freien mündlichen Gebrauch der Sprache zu erreichen, aber Uebungen, welche der Vorbereitung dazu dienen, angelegentlich empfohlen. Dem, welcher die Gymnastal- prüfung bestanden, soll die französische Litteratur des nachher von ihm speziell erwählten Fache» leicht zugänglich sein.
Dem geschichtlichen Unterricht wird eine maßvolle Beschränkung zum Gesetz gemacht, auf Universalgeschichte verzichtet, die alte Geschichte auf die Griechen und Römer eingeschränkt, für die mittlere und neue Zeit soll das Vaterland, Deutschland und Preußen, den Mittelpunkt bilden, die Geschichte anderer Kulturvölker nur in dem Maße herangezogen werden, als erforderlich ist zum Verständnis der vaterländischen Geschichte und zur Bildung einer richtigen Vorstellung über den jeweiligen hervorragenden Einfluß einzelner Staaten auf den allgemeinen Gang der Geschichte. In der Chronologie soll die Beschränkung auf da» dringend Notwendige eingehalten werden.
Die Vermehrung der dem mathematischen Unterricht zu widmenden Stundenzahl ist nicht zu einer Erhöhung des Lehrzieles, sondern zur Sicherung des WistenS und Können» bestimmt.
Am meisten werden Hau« und Familie dadurch berührt, daß gleichmäßig für alle Schulen Jahrespensa und nur jährliche Versetzungen und zwar zum Ostertermin angeorv- net sind. Diese Maßregel, welche vom Standpunkt der Schule auS al« eine für den regelmäßigen und ruhigen Gang des Unterrichts heilsame und in gewistem Sinne notwendige hingestellt wird, kann zunächst nicht ohne Härte durchgeführt werden. Schüler, die z. B. diese Ostern die Versetzung nicht erreicht haben, werden nunmehr erst nach einem Jahre au« Sexta und Quinta u. s. w. und in Prima, Sekunda, Tertia auch von der unteren in die obere Klaffe ebenfalls erst nach Jahresfrist gelangen können. Ebenmäßig werden auch Aufnahmen nur zu Ostern stattfinden können, e« sei denn, daß Eltern von einem anderen Orte im Laufe des Schuljahre« zuziehen. Das Provinzial- Schulkollegium von Brandenburg hat deswegen schon ausdrücklich angeordnet, daß di-jenigen Schulen, welche von Sexta bi« Untersekunda inkl. doppelte Klaffen haben, dieselben als Wechselkoeten einrichten sollen, d. h. für die eine Hälfte dieser Klaffen daS Schuljahr nebst Aufnahme und Versetzung auf den Ostertermin, für die andere aus den Michaelistermin legen sollen, so daß gewissermaßen zwei Schulen neben einander hergehrn, eine Osterschule und eine Michaelisschule, jede mit JahreökursuS und jährlicher Versetzung, die dann erst in der Obersekunda sich wieder vereinigen.
Dies sind im wesentlichen die Grundzüge der neuen Organisation.
dem Amerikaner lasten, bezahlen sie einmal, so ist es auch wert, für sie zu arbeiten. — Ich habe mir nun allerlei derartige Verlagsfirmen gemerkt. Die LeSlie'sche Buchhandlung z. B. giebt ihre weltbekannte „Illustrierte Zeitung- gleichzeitig in englischer und deutscher Sprache heraus. —
„Wie wäre eS nun, wenn wir dort oder irgend wo ander« unsere Fäden anknüpften? Im schlimmsten Falle darf ein Abschlag une nicht schrecken; im günstigsten sende ich nette, geldbeschwerte Briefe nach Deutschland hinüber, und was daS beste, ich könnte ganz unbefangen die Kinder Ihrer Feder in die Hände Ihre« lieben Bruders legen, ohne daß er es merkte. — Merken, ei merken soll er eS schon, nur allmälig erst, wenn er sich Ihrem Einfluß nicht mehr entziehen könnte. Viel Gutes, hoffe ich, möchte aber daran« ersprießen. Sie wissen ja, ich lebe der Zukunft. Schon darum ist sie eS mir schuldig, in meinen Hoffnungen mich nicht zu trügen. — Ein seltsames Gemisch, Mißchen, nicht wahr, von deutscher Hoffnungsseligkeit und praktisch amerikanischem Sinne! Wir Frauen können un« doch nimmer dem Einfluß unserer Umgebung entziehen!
„Seligkeit!" sagte Ihr lieber Bruder neulich; „wir Deutschen sind gar verschwenderisch mit dem Worte. WaS wir nicht alle« „Seligkeit" benennen! Gar manches, wa« durchaus un» nicht selig macht: Armseligkeit, Saumseligkeit, Mühseligkeit, Redseligkeit und Schreibseligkeit und so fort ohne Ende."
„Bei dem letzten Worte mußte ich herzlich lachen. Ich komme mir Ihnen gegenüber gar so schreibselig vor. Und Sie, Mißchen? Gern hätte ich Sie gefragt, ob Sie in anderem, besserem Sinne nicht auch schon eine gewisse Seligkeit Im Schreiben und Schaffen empfunden?
Deutsches Reich.
Berlin, 11. April. Die „Norddeutsche Allg. Ztg." erklärt: Die in den Blättern enthaltene Meldung, zwei, oder mehr oder weniger, konservative Abgeordnete hätten sich um Genehmigung des Kompromisses mit dem Zentrum nach Friedrichsruhe gewandt, seien aber ohne Antwort geblieben, beruhe auf einem Irrtum. Der Reichskanzler sei, da daS Ministerium von vornherein entschlossen war, in die Fraktionsverhandlungen sich nicht einzumischen, von dem Inhalt des Kompromisses Überhaupt nicht in Kenntnis gesetzt worden. Wenn die „Deutsche Reichszeitung" glaube, daß die Konservativen durch Rücksicht auf die bevorstehenden Wahlen bestimmt worden, dem Zentrum entgegenzukommen, so traue sie den Konservativen wenig politische Erfahrung zu. Die Regierung, wie die Konservativen zweifelten keinen Augenblick daran, daß das Zentrum mit den jetzigen Gegnern des Kompromisses wieder Hand in Hand gehen und bei den Landtagswahlen seinen Einfluß ebenso für die Secession und den Fortschritt einsetzen werde, wie bei den Reichstagswahlen, sobald es sich davon Nachteile für die Negierung verspreche. — Der „Reichsanzeiger" bringt folgende Mitteilung: „Nach den bei dem landwirtschaftlichen Ministerium Anfang April eingegangenen Witte- rungs- und Saatenstandsberichten war die andauernd milde Witterung im verflossenen Vierteljahre für die Entwickelung der Wintersaaten außerordentlich günstig, und zeigen letztere, sowie Oelfrüchte und Klee, einen vorzüglichen Stand; jedoch wird in einigen Bezirken über Mäuse- und Wurmfraß geklagt. — Der äußerst milde Winter gestattete fast fortdauernd die Vornahme von Feldarbeiten, fo daß die Frühjahrsbestellung im Vergleich zu früheren Jahren schon bedeutend vorgeschritten ist; stellenweise ist dieselbe bereits ganz beendigt, und die jungen Saaten entwickeln sich günstig. — Die zu Anfang des Winters gehegten Befürchtungen des Eintritts von großem Futtermangel haben sich im allgemeinen nicht verwirklicht, da das Vieh vielfach bis in den Dezember hinein auf die Weide getrieben und dadurch die Futtervorräte geschont werden konnten, auch der Austrieb schon begonnen hat. — Die infolge des starken Angebots an verkäuflichem Vieh gedrückten Viehpreise haben in mehreren Bezirken angefangen, sich wieder zu heben. — Die Weinberge und Obstbäume berechtigen zu den besten Erntehoffnungen. — Wie aus dem Regierungsbezirk Trier berichtet wird, ist cs im Weinyandel zur Zeit sehr still, nur in der Bürgermeisterei Zellingen soll ein ziemlich lebhafter Vertrieb zu verhältnismäßig hohen Preisen stattgefunden haben. Ebenso sind die Preise für Nutzholz durchgehends höhere, während diejenigen für Brandholz wenig befriedigten. — Auch die Lohpreise werden sich voraussichtlich nicht höher stellen als im Jahre 1881." — Sämtliche Zeitungen erblicken in der Ernennung von Giers zum
„Ihr Bruder ist wohl, Mißchen; er lebt seltsam zurückgezogen und zu sparsam für einen einstigen Offizier. Der Konsul hat eS mir verraten, daß er ihm wiederholt seine Ersparnisse — ganz achtungswerte Summen schon — mit der Bitte überbracht, sie nach Deutschland zu senden. Die Adressen hatte er ihm angegeben, auch seinen wirklichen Namen ihm genannt. Der Konsul wußte ihn längst. — Für Amerika bleibt sein Schützling indes beharrlich Mr. Fürst. Wozu die schöne „Au" streichen? Ich verstehe es nicht! Bei seinem Herkommen, und als einfacher Arbeiter mochte es gut fein, daS „von" zu lasten und den Namen zu kürzen. Ihres Bruders jetziger Stellung brauchte indes, auch in Deutschland, kein „Herr von Fürstenau" sich zu schämen.
„Ich wollte unlängst ihm dies schon selber sagen. Seit jener Unterhaltung indes weicht er jeder Erwähnung Deutschlands beharrlich aus.
„Heute nur bat er mich, daS Lied vom „Wanderburschen" noch einmal zu singen. ES war größere Gesellschaft, und ich lehnte es ab. Sein Mangel an Vertrauen — ich gestehe eS offen — hatte mich verletzt.
„Leicht erregt, wie er zuweilen ist, nahm er das Blatt nnb sang eS selbst. Mißchen, Ihr Bruder hatte eine klangvolle, wohlgeschulle Stimme; ein Sänger ist er darum nicht. Eine Kraft und Innigkeit, wie sie bei den Worten des alten Mütterchens: „Mein Sohn, mein Sohn! und sank an des Burschen Brust" hervorbrach, hätte ich ihm nimmer zugetraut. Leuchtenden AugeS und alles um sich her vergessend, schaute er drein.
(Fortsetzung folgt.-