Nr N3.
3TIat6urg, Freitag, 7. April 1882.
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Gewinne, während die Arbeit immer unrentabler wurde, das Kapital häufte sich immer mehr in wenigen Händen und wurde der reellen Arbeit immer schwerer zugänglich.
Hierin liegt die Wurzel des Verderbens. In dem vielgeschmähten Mittelalter war die Arbeit alles, nur sie hatte Anspruch auf Rentabilität, daS Kapital konnte nur in der Arbeit rentabel werden, aber nicht ohne sie und neben ihr. Daher blühte die Arbeit; Handwerker und Lauern waren wohlhabend und waren die Herren der Zeit. Von dem Wohlstände der mittelalterlichen Bauern und Handwerker haben wir jetzt kaum noch einen Begriff. Nichts macht einen so wehmütigen Eindruck, als wenn man jetzt bei festlichen Gelegenheiien die Aufzüge unserer Gewerke sieht. Und doch steckt in diesen großen Volkskreisen der Kern der Nation. Sie sind für den Staat die Hauptsteuerquelle, sie stellen daö GroS der Armee zur Verteidigung des Vaterlandes, sie liefern die Arbeit, von der die Nation sich nährt, und aus ihr müssen auch die höheren Stände sich immer wieder neu rekrutieren, wenn das geistige Leben der Nation nicht in einem Kastengeist stagnieren soll. Sinken diese großen Volkskreise der Bauern und Handwerker ins Proletariat hinab, dann geht — das lehrt die Geschichte der alten Kulturvölker unwidersprechlich — die Nation ihrem Untergange entgegen. Daß wir jetzt in dieser Gefahr stehen, ist unleugbar und diese Gefahr zu bekämpfen und zu überwinden, das ist die große Aufgabe der StaatSkunst.
Wie kann und muß das geschehen? Der Staat muß vor allem die Arbeit vor dem sie ausbeutenden und zersetzenden Einflüsse schützen. Mit dem neuen Zolltarif, welcher die übermächtige Konkurrenz des Auslandes ab- wchren soll, und mit dem Wuchergesetz haben wir diese Bahn bereits beschritten; aber leider sind wir seit 2 Jahren dabei stehen geblieben, und es ist für unsere ganze innere Lage verhängnisvoll, daß es nicht gelang, weitere Schritte zu thun. Die Gegner — insbesondere die Fortschrittspartei — beutet das durch ihre elenden Verdächtigungen und Entstellungen aus. Als Haupthindernis erwies sich der Kulturkampf, weil, so lange dieser nicht wenigstens in den Hauptpunkten beseitigt ist, die Regierung keine feste Majorität im Parlament für solche Reformen findet; denn mit dem manchesterlichen Liberalismus können diese Reformen nicht gemacht werden. Hoffentlich wird das bald anders! Als weiterer, unserer Ansicht nach wichtigster Schritt erscheint uns der, daß der Staat dem Börsenspiel mit aller Energie zu Leibe geht. Denn so lange das Börsenspiel wie eine Schmarotzerpflanze die Arbeit aussaugt, ihr das Kapital entzieht und es an einzelnen Stellen in ungeheuren Mafien anhäuft, ihm zu einer unverhält- niSmäßigen Rentabilität im Spiel verhilft, die von keiner Arbeit auch nur entfernt erreicht werden kann, sind alle anderen Maßregeln erfolglose Luftstreiche. Was der Staat
Zur iuuereu Lage
bringt der „R.-B." folgenden beachtenswerten Artikel: Die Klagen über die Lage der nationalen Arbeit wollen nicht verstummen. Die Schutzzölle haben zwar auf manchen Gebieten bereits eine Befierung hervorgerufen, obgleich ihre Wirkung ja erst von kurzer Dauer ist, und es ist unzweifelhaft, daß die Lage noch eine viel schlimmere sein würde, wenn ihr diese Hilfe nicht zuteil geworden wäre. Die Wunden, welche der Arbeit geschlagen waren, sind zu schwer, als daß an eine sofortige Heilung gedacht werden konnte, zumal dieselbe ja auch nicht auf einmal von allen Seiten in Angriff genommen werden konnte. Der Freihandel war ja nur eine der Ursachen, welche den Niedergang der nationalen Arbeit herbeigeführt haben. Andere Ursachen haben an diesem Niedergang noch größeren Anteil, aber an diese Ursachen hat man bis jetzt noch nicht energisch die Hände zu legen gewagt. Die Hauptursache liegt in der Kapitalbewegung, wie sie durch das Aktien- wesen und das Börsentum sich ausgebildet hat, welchem die liberale Gewerbeordnung die Kanäle gegraben und die Wege gebahnt hat. Als die Gewerbefreiheit eingeführt wurde, erhob der damalige konservative Abgeordnete Geh. Rat Wagner warnend seine Stimme und wies damals schon darauf hin, daß alles an der Kapitalbewegung liege, dorthin solle man sein Augenmerk richten. Leider predigte er tauben Ohren. Die Folgen liegen jetzt vor aller Augen. Alles wurde dem Gesichtspunkte des Kapitalsgewinns untergeordnet. Das Aktiengesetz und die schrankenlose Gewerbefreiheit wurden die Wünschelrute, mit welcher die Männer der Börse daö Kapital an sich zogen; die Aktien- Gründungen hatten nur deu Zweck, die Aktien als Mittel der Agiotage durch Baisse« und Haufie - Spekulation im Börsenspiel auszubeuten. Die Arbeit selbst war Nebensache; sie bildete nur die Kulisse, hinter welcher die Börsenspieler ihr Wesen trieben. War das Spiel ausgespielt, so verschwanden die Spieler — und die Arbeit zerfiel. Sie verlor ihre sittliche Wertschätzung, sie wurde nur als Faktor im Spiel der Kapitalspekulation behandelt. Menschen, die von der Arbeit weder etwas verstanden, noch überhaupt ein Interesse an der Arbeit hatten, wurden die Herren der Arbeit, und die wirklichen Männer der Arbeit, die Bauervs Handwerker und kleinen Fabrikanten, wurden von ihnen abhängig. Die Börsenmänner wurden die Herren der Arbeit — und sie zogen ihr Netz über da« ganze Land, um alles Geld an die Börse zu ziehen. Händler, welche sich früher auf den Handel mit Vieh und Ellenwaren be- jchränkt hatten, gingen nun mit Aktien und anderen Börsen« spiclpapieren im Lande hausieren und schleppten die Ersparnisse des Volkes von den entlegensten Dörfern an die Börse. Dem Volke wurden Aktien, Barletta-Lose, rumänische und amerikanische Papiere aufgeschwindelt und die Herren der Börse machten mit dem baren Gelde große
heiß umS Herz: „Herrjeh, wenn der nu denkt, cs sei ein Brief von Fräulein Anning an den jungen Herrn?
Und sie hält ihm gewichtig daS ausländische Postzeichen vor Augen und kichert beruhigt, als der Bursch es verwundert mit dummem Blicke anschaut.
, Sie haben nicht auf sich warten lassen, die weiteren Briefe „von drüben über'm Meer", wie Dörthe sie nennt, wenn sie den Finger warnend an den Mund gelegt, dem Postboten entgegeneilt, daß ja die gnädige Frau davon nichts merke. —
«Für den Boarder eines amerikanischen Kosthanses, sagte mir ihr lieber Bruder neulich, — heißt es in dem nächsten dieser Briefe, — existiert von allen Verben nur die passive Form, ein einziges ausgenommen." — Sie müssen wissen, Mißchen, daß wir einander seither durch Zufall öfters begegnet.
„An bett Zufall?" höre ich Ihre alte Dörthe fragen; „an den Zufall glaube ich nicht!" Nun denn, ich mache es kein Hehl, daß ich die Gelegenheit zur Begegnung nicht vermieden. Ich habe meine bestimmten Stunden, wo ich mit meinen Schülerinnen spazieren gehe, er seine feste Zeit, wo er zu den Mahlzeiten das Geschäft verläßt, da macht eS sich leicht! Ueberrascht nur hat eS mich, daß ich ihn nie mehr in der Blouse sah, — vielleicht aus Rücksicht für meine eleganten kleinen Pflegebefohlenen. Alles, waS er an sich trägt, ist von gutem Stoffe, und die bequeme Ziviltracht steht ihm gut. Meinen Schützlingen ist er fast schon ein Freund geworden; sie vermifien ihn, wenn wir ihn mehrere Tage nicht getroffen. Auch ich — ich gestehe eS offen — plaudere gern mit ihm; nur zuweilen kann ich seinen Gedankensprüngen nicht folgen. Die über-
Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn« und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllustrirteS Souutagsblatt" durch die Expedition (Koch'sche Buchd tuckeret) bezogen 2*/+ dtark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr.) — Jnsertionsgebühr für di- gespaltene Zeile 10 !Bfo.<
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Unter falschem Name«.
Von Ellen Lucia.
(Fortsetzung.)
Mit sichtlicher Bewegung ist im Giebelstübchen deS Gartenhäuschens der Brief gelesen, der so weit über daS Meer gekommen und welchem Dörthe verwundert zugehört hat.
„Alles d'rin verstehe ich nicht, Fräul'n Anning, fchad't aber auch nicht, wenn Du'S nur verstehst. Es geht mir bei der Predigt oft just so, aber gut thut's d'rum mir doch. Ich denke mein Teil dabei. Und hier bei dem Briefe, da giebt's erst recht hübsch was zu denken! Nee, Fräul'n Anning, mußt nicht traurig sein. Der Junker ist gesund — und daß er'n Bischen arbeiten lernt, fchad't ihm nicht! ~ Sagt' ich'S nicht, die Schulmamsell würd, ihn schon 'rausstnden? Sage ihr nur mein Kompliment, wenn Du schreibst, und sie möcht' den Junker nun auch nicht wieder aus den Augen verlieren. — WaS der Junker, der Arthur, wohl jagen möchte zu dem Briefe da? Weißt, Fräul'n Anning, laß mich ihm den Brief hintragen."
„Nicht doch, das könnte Gerede geben."
„Laß sie reden, den Leuten verbiefst Du den Mund doch nicht!
«Aber Dir, Dörthe! Die Mama braucht vor der Hand von dem Briefe nichts zu wissen!"
»Nicht? Na das ist nun wieder so! als man 'nen schluck Wasser nehmen! Aber den Brief her. Zu Einem ich reden können!"
In ihrem besten Sonntagsstaat wandert am Abend die der Wohnung des Lieutenants von Zollem iu.
^Zrst als der Bursch sie fragend auschau^ wi * ihr
«»zeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, fowie d.Annoncen-Bureaux o. Th- Dietrich u. Co. in »asset und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Saascnstein u. Vogler in Frankfurt a. M., Berlin, Leipzig' Köln rc.; Rudolf Messe in Berlin, Frank» furt a. äst. rc.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux von G. L. Daube u. Co. in Frankfurt a. M.; Jägersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. Thienes in Elberfeld; C. Schlotte in Bremen.
von diesem Spiel verbieten kann, muß bei schwerer Strafe verboten und daö übrige muß mit prozentualen Stempeln belegt werden, um das Kapital zu nötigen, sich wieder mehr der Arbeit zuzuwenden. Am wirksamsten' wird der Staat hier eingreifen können, wenn er ein so einflußreiches Institut zur Regulierung des Geldumlaufes, wie die Reichsbank, selbst übernimmt, wie er jetzt die Eisenbahnen als die wichtigsten Verkehrsanstalten selbst übernommen hat. Wird dabei als durchschlagendster Gesichtspunkt der geltend gemacht, daß, die für die Arbeit und den Verkehr der Nation so wichtigen Eisenbahnen vom Standpunkte des nationalen Bedürfnisses und nicht vom Dividenden-Stand- punkte der Aktionäre aus verwaltet werden müssen, so sollte man denselben Gesichtspunkt auch für die Regulierung des Geldumlaufs geltend machen, um es in der Hand zu haben, das Geld — dieses Blut des tvirtschaftlichen Volkskörpers — in vielen befruchtenden Kanälen überall hin zu leiten, statt es in den großen Bassins der großstädtischen Börsen in ungeheueren Mafien zusammen strömen und zum Spielball für eine kleine Clique von Spielern werden zu lassen.
Erst unter dieser Voraussetzung eines besser geregelten Geldumlaufs wird auch die geplante und notwendige korporative Gestaltung unserer Gewerbe von Erfolg gekrönt fein. Auch hier muß das Hauptaugenmerk darauf gerichtet sein, dem ausbeutenden Einfluß de rSpieler das Handwerk zu legen. Dazu ist eine Reform des Aktiengesetzes und der manchesterlichen kapitalistischen Gewerbefrciheit nötig, und auch bei diesen Reformen muß alles darauf abzielen, das arbeitsfanle Spiel unschädlich zu machen und die Arbeit in ihrer Freiheit und Rentabilität zu sichern und zu stärken. Soll die Arbeit prosperieren, so müssen ihr Wege für den lohnenden Absatz ihrer Produkte geöffnet und gebahnt werden. Und auch da kann der Staat viel thnn durch eine nicht länger aufzuschiebende, für unsere deutschen Verhältnisse passenve Kolonialpolitik, durch eine auf dieses Ziel Hingerichtete Thätigkeit unserer Gesandtschaften und Konsulate im Auslande, wie durch Errichtung von Muster- Ausstellungen im Jnlande, welche Mittelpunkte für den Exporthandel werden, wie wir sie neulich vorgeschlagen haben.
Um der Arbeit aber auch die ihr gebührende Ehre und die Möglichkeit zur Vertretung ihrer Interessen zu geben, müssen auch der Arbeit — dem Gewerbe wie dem Ackerbau — ähnliche Organe gegeben werden, wie sie der Handelsstand schon längst in seinen Handelskammern besitzt.
Außer dieser hier in großen Umrissen geschilderten Sozialreform ist eine Steuerreform nötig. Auch diese steht schon lange auf der Tagesordnung, ist aber wie die erstere ins Stocken geraten und eö ist die höchste Zeit, daß sie mit Energie in angriff genommen werde. Sie ist insbe- sondere für den so sehr überlasteten Ackerbau und die leitenden Jdeeiiverbindungen fehlen, wie es oft bei Denen ber Fall sein mag, bie viel ben eigenen Gebauten nachhängen und Niemaub um sich haben, sie auszutauschen.
„Auch sein Ausspruch über bie passive Form ber Verba war mir unklar. Ich hatte von meinen kleinen Freuden und Leiden des Lehramts ihm gesprochen, da warf er ihr unvermittelt hinein, wie er eS oft thut.
»Ja, Miß Werner, Sie dürfen es mit glauben, in ben amerikanischen Kosthäusern verlernt bet Boatder, die Verba in ihrer aktiven Form zu konjugieren. Unsite Wirtin ist eine strenge Lehrmeisterin, zum vom „Verbum" zahlen gestattet sie allein eine Ausnahme. Vom Praesens bis zum Futurum exactum hat der Boarder unzählige Male im Laufe jeder Woche es zu üben. In allen anderen mag ber Frernbe sich an ber Leideform genügen lassen."
»Ich mußte lachen, beim seinem Äußeren nach kann e« mit seinen Finanzen nicht allzu schlecht bestellt sein. Ich sagte es ihm unb fragte, warum er sein jetziges Domizil nicht mit einem anbeten vertausche?
„In diesem Punkte sind sie alle einander gleich, und Überdies habe ich gelernt, meine Ausgaben nach meinen Einnahmen zu beschränken." Et sagte es ernst und seinen Gedankensptungcn folgend, setzte et nach einer Weile hinzu, als er sah, daß die Kinder einige Schritte vorauSgeeilt unb tetr allem waten:
„Haben bie Meinigen sich allzu große Einschränkungen auf juer legen?"
„(58 war baS erste Mal, baß er in birefter Frage 3*£et gedachte. — Ich gab ihm schlicht unb treu' eine Schilderung, wie ich es getroffen.
, . "^c ™ Schwester für ben täglichen Unterhalt ar» bettend? Wenn bas bet Vater erlebt hätte l"