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Marburg, Donnerstag, 30. März 1882

xvii Jahrgang

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux v. Th. Dietrich u. Co. in Kassel und Hannover; Tb. Dietrich in Frankfurt a M ; Haasensiein u. Vogler in F-ailkftirt a- VI., Berlin. Leipzig, Köln rc.; Rudolf Klosse in Berlin, Frank­furt a. M- rc.

ObchkUche 3fitiing.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux von ®. L. Daube u. C». in Frankfurt a. M.; Jägersche Buchhandlung daselbst; Hermanfche Buchhandlung daselbst; Invalidendank in Berlin; W. Thienes in Elberfeld: C. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllustrirteS Sonntaasblatt" durch die Expedition lKo ch'sche Buchdruckerei) bezogen S'/. Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr.) — Insertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfo. Mr in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.

SEk" Zu dem mit dem 1. April beginnenden Quartal« wechsel ersuchen wir um recht baldgefällige Erneuerung deS Post-Abonnements auf die

Oberhesfische Zeitung

und deren Gratisbeilage

Illustriertes Somttugsdlatt.

Bestellungen auf die „Oberhesfische Zeitung" nehmen alle Postanstalten, auf dem Lande auch die Landpostboten entgegen.

Der vierteljährliche AbonnementSpreiS bei der Post beträgt M. 2,50, für Bringcrlohn werden noch 40 Pfg. berechnet; in Orten, wo Poststellen oder Postagenturen sind, kann die „Oberhesfische Zeitung" auf denselben abgeholt werden und kostet dann kein Bestellgeld.

Marburg, den 18. März 1882.

Die Ex-ed.' d. Oberh. Zeitung.

Bom Landtag.

Berlin, 28. März.

In der heutigen (43.) Plenarsitzung des Abgeord­netenhauses machte der Präsident v. K ö l l e r zu­nächst die Mitteilung, daß das Präsidium dem ihm erteilten Auftrage gemäß Sr. Majestät dem Kaiser und Könige zu Allcrhvchstdessen Geburtstage die Glückwünsche des Hauses dargebracht habe, und daß Se. Majestät das Präsidium beauftragt habe, dem Hause dafür den Allerhöchsten Dank auszusprechen.

Bei Fortsetzung der dritten Beratung des Etats, welche beim Etat des Ministeriums des Innern wieder ausge­nommen wurde, brachte Abg. Bachem den Rheinbrohler Glockensall wieder zur Sprache, um darzulegen, daß hier ein rechtswidriger Akt vorliege und deshalb die Gemeinde nicht noch obenhin gehalten werden könne, die entstandenen Kosten zu tragen. Der Minister deS Innern v. P u t t- k a m e r, der den Vorfall selbst lebhaft bedauert, kann sich den rechtlichen Deduktionen des Abg. Bachem durchaus nicht anschlicßen. lieber die Opportunität der von den Behörden getroffenen Maßregeln könne man vielleicht ver­schiedener Meinung sein, aber nachdem sie einmal getroffen, könne rechtlich kein Zweifel darüber sein, daß die Kosten von der Gemeinde zu tragen seien, wobei er übrigens zu­sichert , eine genaue Prüfung der liquidierten Kosten ein» treten zu lassen.

Abg. Hahn wies den gestrigen Ausführungen des Abg. v. WierzbinSki nach, daß die Veränderung polnischer Ortsnamen in deutsche in neuester Zeit in äußerst seltenen Fällen vorgekommcn sei. Wenn die Standesbeamten gegen­teiliger Anordnung zuwider mit polnischen Namen Aende- rungen vornähmcn, so träfe die Schuld nicht die Vermal- BB'...!______MS.......... ggBBgHBMBBgBBBgBgBgHaMWBBBBBBMaMl

• Unter falschem Raute«.

Von Ellen Lucia.

(Fortsetzung.)

„Nun, ich dachte am besten in Kurts Sinne zu han­deln, wenn ich die Sendung zu sonstigem Arrangements für ihn benutzte: kleine Forderungen, von denen ich wußte, daß Kurt nur durch seine schnelle Abreise verhindert worden, sie zu ordnen. Aber wohin ich mich wandte, überall kam mir die Nachricht zurück: e« sei ein Ueberein- kommen längst getroffen, und die versprochenen Abzahlungen bisher aufs Pünktlichste innegehalten." Er steht feine Ge­fährtin forschend an. Sie vermeidet den Blick und hat sich still in den Wagen zurückgelehnt.

„Wer sie vermittelt, Fräulein Anna, woher sie gefloffen, mir ist es ein Rätsel. Vielleicht wissen Sie ja um die Lösung?"

Sie winkt abwehrend mit der Hand; ihre Wangen sind dunkel gerötet.

„Die größeren Forderungen scheinen schon unmittelbar vor oder nach des Vaters Tode in aller Form getilgt worden zu siin."

„Vom Vater selbst, es hätte ihm selbst im Grabe nicht Ruhe gelassen I"

Herr von Zollern schüttelt ungläubig den Kopf.

„Wie der Tochter im Leben!" denkt er, nur wagt er eö nicht auszufprechen.

„Und doch ist Manches noch zu ordnen geblieben?" — fährt er unbeirrt fort. „Nein, Fräulein Anna, halten Sie mich nicht für indeskrel; aber da wir denn einmal doch so weit gekommen, — nein, wehren Sie mir nicht das alte Recht der Freundschaft, unseren Freunden zu dienen,

tung. Solches Vorgehen fei allerdings durchaus unberechtigt, jeder polnische Familienname müsse im Standesregister richtig geschrieben werden. Die Mißgriffe, welche etwa vorkämen, wären auch allein auf die geringe Qualifikation mancher Standesbeamten in der Provinz zurückzuführen. — Abg Francke wies nach, daß die gestern von dem Abg. Lassen vorgebrachten Klagen über die nordschleswigschen Sprachverhältnisse der Begründung entbehren.

Ein sehr zahlreich unterstützter Antrag der Abgeordneten Dr. ThileniuS und v. Wedell-Malchow bett', die Neorganisation des meteorologischen Instituts wurde der Budgetkommission überwiesen, nachdem er von den Antrag­stellern kurz begründet war. (Von der Erledigung dieses Antrages ist der Abschluß der EtatSberaiung unabhängig, da eine Geldforderung erst für den Etat 1883/84 in Frage kommt.) Bei der Berliner Lokalpolizei kam Abg. Richter zur Ergänzung feiner, früheren Ausführungen wieder auf daS den Redakteur Dietze wegen Verläumdung des Abg. Bamberger verurteilende Erkenntnis des Bielefelder Gerichts und veranlaßt den Abg. Stöcker, für seinen angegriffenen Freund einzutreten. — Auch das Kapitel: Strafanstalts- Verwaltung führte zu einer kurzen Debatte, in welcher Abg. Lieber seine neulichen Wünsche betreffs der Straf­anstalt Diez in Nassau wiederholte und Abg. v. Uechtritz- Steinkirch empfahl, den schweren Verbrechern die Strafhaft nicht durch Außenarbeit zu erleichtern.

Beim Etat der landwirtschaftlichen Verwaltung bat Abg. Kropp, eine frühere Verordnung, betreffend die Beschränkung landwirtschaftlicher Lotterien, zu modifizieren. Der Herr Minister sagt eine neue Prüfung der Ange­legenheit zu. Beim Etat der Gestütverwaltung kam Abg. v. R a u ch h a u p t auf das bei der zweiten Lesung zur Sprache gebrachte Protokoll der Pferdezuchtkommission vom 3. Mai 1881 zurück und verlas eine Erklärung des Herrn v. Nathusius, worin derselbe konstatiert, daß die den Herrn v. Nauchhaupt betreffende Aeußerung seinerseits auf einem Irrtum beruhe. Abg. v. Nauchhaupt nahm demgemäß auch seinerseits das Urteil zurück, welches er neulich über jene Aeußerung dcS Herrn v. Nathusius ausgesprochen, bedauerte aber, daß der Herr Minister nicht in der ge­nannten Kommission sofort die Aeußemngen des Herrn v. Nathusius richtigestellt habe. Minister Dr. Lucius erklärte darauf, daß er dazu als Vorsitzender der Kom­mission in keiner Weise imstande gewesen sei.

Beim Etat deS Kultusministeriums bringt Abg. Rickert zur Sprache, daß in Ostpreußen ein Kantor Neumann, weil er für dje Fortschrittspartei bei den Wahlen thätig gewesen, mit 20 M. Strafe belegt worden. Außerdem sei über das ganze Verhalten de« Betreffenden eine Unter­suchung eingeleitet, während andererseits Lehrer ungehindert im konservativen Interesse agitierten. Er halte ein solches Vorgehen für gesetz- und verfassungswidrig.

Kultusminister v. G o ß l e r legt des näheren dar, daß das Verhalten des rc. Neumann im konkreten Falle nicht zu billigen fei, daß dasselbe mit den von Alters her be­stehenden Voraussetzungen des Allerhöchsten Erlasses vom 4., Januar nicht im Einklänge stehe. Im übrigen wäre mit Rücksicht auf die längere dazwischen liegende Zeit eine Rüge der Geldstrafe seitens der Regierung zu Königsberg vorzuziehen gewesen. Der Minister macht zugleich Mit­teilung übet die Antezedentien des qn. Neumann, die ein nichts weniger als günstiges Licht auf dessen Person werfen.

Abg. Rickert erwidert, daß die Personalakten des Betreffenden mit der Frage, um die eS sich hier handle, gar nichts zu thun hätten. Der Wahlaufruf, wegen dessen der qu. Neumann mit einer Ordnungsstrafe belegt, ent­halte durchaus unschuldige Dinge. Der Redner geht von der Beurteilung deS vorliegenden Falles zu einet Verur­teilung deS ganzen gegenwärtigen Systems über.

Kultusminister v. Goßler wiederholt, daß die Re­gierung eS nie dulden werde, wenn ein Beamter gegen die Regierung agitiere. Zu einer Mitteilung der Personalien sei er durch die Betonung der tadellosen Führung des rc. Neumann durch den Abg. Rickert veranlaßt worden.

Abg. v. Minnigerode stimmt dem Verhalten der Regierung zu. Abg. Richter behauptet, die Ausführungen des Ministers ständen im Widerspruche mit dem Erlasse und der Interpretation desselben durch den Reichskanzler. Der Reichskanzler habe die Unterstützung der Regierung nut von den politischen Beamten verlangt, jetzt werde das gesamte Beamtentum in ansprnch genommen. Abg. Cre­mer will den Beamten das politische Wahlrecht gesichert wissen; gegen die vorgesetzte Behörde zu agitieren, dürfe ihnen aber nicht gestattet werden. — Der Rest des Etats wird ohne besonders erhebliche Debatte erledigt. Hierauf werden der gesamte Etat und daö zugehörige Etatsgesetz definitiv genehmigt. Sodann wird die Novelle zum Pen­sionsgesetze unverändert in dritter Lesung nach den Be­schlüssen der zweiten Lesung genehmigt. — Nächste Sitzung morgen.

Deutsches Reich.

»*• Berlin, 28. März. Der Bundesrat hält heule wieder eine Sitzung ab, auf deren Tagesordnung zunächst die Beschlußfassung über Anträge, betreffend die Festsetzung deS Ruhegehalts für Beamte verschiedener Neichsverwal- tungen steht. Es folgte bann der Antrag der betreffenden Ausschüsse über die Zollbehandlung des bei der Verar­beitung von ausländischem Roheisen entstehenden Abbrandes und die mündlichen Ansschußberichte über die Vorlage, be­treffend die Ergebnisse der Volkszählung und betreffend die Abänderung und Ergänzung der Anlage D zum § 48 des BctriebSreglementö für die Eisenbahnen, ferner über Ein-

— so lassen Sie mich Ihren Rat erbitten, wie Kurt'S Sendung am besten zu verwerten?"

„Dazu, wozu Kurt sie selber bestimmt hat. Ich dächte, dazu bedürfe eS keiner Beratung: seinen Verpflichtungen auch Ihnen gegenüber nachzukommen!" Fräulein von Fürstenau hat sich hoch aufgerichtet und in ihrem Tone klingt eS wie von verletztem Stolz.

Nur durch eine schweigende Verneigung wagt ihr Ge­fährte seine Bereitwilligkeit 'zur Fügsamkeit auszudrücken.

„Ich hatte gehofft, Freunde dürften einander dienen, ohne zu verletzen," sagt er endlich, „und eS scheint, als hätte ich Ihnen weh gethan!"

„Ich erkenne dankbar die Freundschaft an, die Sie Kurt bewahrt, und an mir ist eS nur, zu bitten, daß Sie ihm dieselbe auch ferner bewahren wollen."

„Und Sie? Von sich selber sagen Sie nichts? Sie möchten die alte Freundschaft nicht erneuern ? Sie find ihrer müde! Sie ließen e8 schon einmal mich fühlen!"

„Nicht doch! Ich denke nur, eine Freundschaft, die da­mit beginnt, daß Einer vom Andern sich etwas schenken lassen soll, ist die rechte nicht."

„Nein, Sie möchten nie die Empfangende, immer die Gebende sein! — Hätten Sie eine Ahnung davon gehabt, daß ein Zollern je für Ihren Bruder helfend eingetreten, Ihr Stolz hätte es nicht ertragen, und die Schuld wäre getilgt, — wie alle anderen auch." Er wendet sich ver­letzt ab.

„Herr von Zollern," sie hat bittend die Hand erhoben, „zürnen Sie dem verzeihlichen Stolze nicht!"

„Ihm zürnen? Nein!" Er hat die kleine Hand er­griffen und wie eines Freundes Hand herzhaft gedrückt. „Ich liebe den Stolz, und werde allezeit stolz auf ihre

Freundschaft fein! — Nur unrecht war eö, alles auf sich allein nehmen, alles allein tragen zu wollen, — unge­nannt und ungedankt! Mißchen, das ist mehr, als manche andere Frau vermocht!"

Erschreckt hat sie beim Klange deS bekannten Schmeichel- namenS ihre Hand der {einigen entzogen.

„Herr von Zollern —"

„Sie erschrecken, woher mit die Kunde kam? — Niemand hat sic mir verraten, eS fei denn mein guter Genius. Nein, Mißchen, Ihren Freunden dürfen Sie vertrauen; Niemand hat mir gesagt, das Fräulein von Fürstenau einen zweiten Namen noch führt, einen Namen von gutem Klang! — und von mir soll Niemand es erfahren."

„Aber wir sind am Ziele und ich bin es auch. — Lasten Sic mich Sie willkommen heißen in meiner Eltern HauS!" Er bat ehrerbietig ihre Hand küssend, ihr behutsam zum Wagen hinanSgeholfen. Auf der Teppe schon kommen der Oberst und Isidore ihnen entgegen.

Der alte H-rr bat zutraulich den Kops des lang ent­behrten GastcS in seine beiden Hände genommen und schaut ^e feuchten Augen; „Ist eS recht, Annchen, i cmi U^en zu losten wie eine verschwundene Prinzessin im Märchen? Aber frisch und unverändert, wie ein Dorn­röschen, das nach langem Schlafe aufgewacht ist, kehren Sre unö wieder! Das ist brav, Kind, nur den frischen Mut nicht sinken lasten! Es wird alles wieder gut!" Unb wie ein Vater die eigene, lange vermißte Tochter, küßt er sie liebevoll auf th Stirn.

(Fortsetzung folgt.-