Nr 7«
Marburg, Dienstag, 28. März 1882
xvii Mrgang
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux v. Th- Dietrich u. Co- m Raffet und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Haasenstein u- Vogler ,n Frankfurt a. M., Berlin, Leipzig, Köln rc.; Rudolf Moffe in Berlin, Frank- furk a. DL rc-
GllWscht Zeitmg
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Marburg, den 18. März 1882.
Die Ex-ed. d. Oberh. Zeit»««.
Der neue Steuererlatz.
.Der im vorigen Jahre auf Antrag der konservativen Partei beschlossene dauernde Steuererlaß von einer Vier- tcljahrsrate der Klassensteuer und der fünf untersten Stufen der Einkommenstcuer bleibt selbstverständlich bestehen — wir bemerken dies, um Irrtümern vorzubeugen. Das, um was cs sich jetzt handelt, ist der weitere Erlaß, den die Regierung, gemäß der erteilten Zusicherungen, vorge- schlagcn hat in der Höhe von 6 </, Millionen, um welchen Betrag sich die Ablieferungen aus den indirekten Reichssteuern an Preußen vermehrt haben. Dieser Erlaß wird eine weitere Monatsrate der Klassensteuer und der fünf untersten Stufen der Einkommensteuer anSmachen.
Es ist kaum zu verstehen, daß die Budgetkommission diesen Steuererlaß abgelchnt hatte und erst einen Steuer- reformplan verlangte. Die Konservativen brachten, um zu zeigen, daß die planmäßige Regelung der Sache so schwierig nicht sei, den Antrag ein, die unterste Stufe der Klassen- steuer dauernd gänzlich außer Hebung zu setzen und in dcn folgenden Jahren bei weiteren Ueberfchüsscn der indirekten Steuern von unten herauf mit Erlaß der Klassensteuer fortzufahrcn. Dieser Antrag wurde von der Kommission. verworfen. Im Abgeordnetenhaus- ist der Steuererlaß, der aber vorläufig nur für dieses Jahr wirksam ist, angenommen worden, trotzdem die Liberalen dagegen wieder ihre großen Reden von der soliden Finanzverwaltung rc. hielten. Zugleich wurde eine Focmfrage benutzt, um den konservativen Antrag auf dauernden Erlaß der untersten Stufe der Klasscnstener von der Abstimmung auSzuschlie« ßen. DaS aber ist aus diesem Vorgänge zu entnehmen, daß dieRegierung und die kon servatier Partei ehrlich an der Zusicherung festhält, daß
Alles, was durch die indirekten Steuern erübrigt wird, sofort zur Herabsetzung der direkten Steuern verwendet wird.
Deutsche- Reich.
Berlin, 25. März. Der „Reichs-Anzeiger" veröffentlicht folgenden Erlaß des Kaisers an den Kanzler, d. d. 24. März: Wiederum hat Gottes Gnade Mich am 22. März ein Jahr Meines Lebens vollenden lassen. Wiederum hat sich an Meinem Geburtstage die freudigste Teilnahme für Mich kundgegeben. Aus allen Teilen dcö Landes und aus allen Schichten der Bevölkerung, von Gemeinden, Korporationen, Vereinen, Festversammlungcn und von einzelnen Personen sind Mir die wärmsten Segenswünsche dargebracht worden. In Adressen, Telegrammen, musikalischen und poetischen Ergüssen, in Festgeschenken eigener Art und in Blumen- spcnden jeglicher Art, welche mir von nah und fern, selbst aus dcm Auslande, in großer Zahl zugegangen sind, hat Mich hoch beglückt. Indem Ich zugleich zu Meiner^reude beobachte, wie Mein Geburtstag in Kirchen und Schulen von Alt und Jung seierlich begangen und allerorts durch festliche Veranstaltungen verherrlicht worden ist, fühlt sich Mein Herz doppelt gehoben in dem Gedanken, daß die ganze Nation diesen Tag mit Mir feiert und aus innerstem HcrzenSdrange zu einem allgemeinen, wahrhaft nationalen Festtage gestaltet. AuS solchen von Herzen kommenden und zu Herzen gehenden Huldigungen gewinne Ich, nachdem Ich nun in Mein 86. Lebensjahr getreten bin, von neuem den Mut und das Vertrauen, die Pflichten Meines verantwortungsvollen Berufes auch ferner auf Mich zu nehmen und so lange Gott Mir das Leben verleiht, Meine Fürsorge unausgesetzt der Wohlfahrt und dem Gedeihen des Volkes zu widmen. In diesem Bewußtsein drängt es Mich, für die rührenden Beweise der Liebe und Treue der Gesamtheit wie jedem Einzelnen Meinen innigsten und aufrichtigsten Dank auszusprechen. Ich wünsche, daß dieser Mein Dank allen bekannt werde, welche sich an der Feier Meines Geburtstages beteiligt und dazu bcigetragen haben, Mir die Freude an diesem Tage zu erhöhen. Ich beauftrage Sic daher, den gegenwärtigen Erlaß alsbald zur öffentlichen Kenntnis zu bringen. — Der Kronprinz empfing gestern Nachmittag dcn Reichskanzler. — Der VolkSwirt- schaftSrat genehmigte die ersten 9 Nummern der Unfallversicherungsvorlage im wesentlichen nach dcn Beschlüssen seines permanenten Ausschusses (dessen Beschlüsse untenstehend mitgeteilt werden). Zu Nummer 2 der Vorlage, betreffend die VersicherungSpflicht, wurde mit allen gegen 13 Stimmen der Zusatzantrag angenommen: Für die mit Werken verbundenen SchiffahrtS- und Eisenbahnbetriebe soll der NeichSzuschuß 331 z Prozent betragen. Derselbe nahm dann die Unfallversicherungsvorlage mit den vom Ausschüsse
beantragten Resolutionen in der Schlußabstimmung mit allen gegen sechs Stimmen an. Staatsminister v. Bötticher schloß hierauf die Session mit einem Dank für den Eifer, dcn Fleiß und die freimütigen Vota der Mitglieder. Unter einem dreifachen Hoch auf den Kaiser ging die Versammlung auseinander. — Der Reichskanzler ist heute nachmittags 33/4 Uhr nach Friedrichsruh abzereist. — Die „Kreuzzeitung" bezeichnet die Mitteilung des „Berl. Tgbl." von einer Entrcvue des Zaren mit dem österreichischen Kaiser für eine Erfindung. Die Nachricht, daß Vorbesprechungen wegen einer Zusammenkunft des russischen und des österreichischen Kaisers im Gange seien, ist unbegründet. — Der Reichskanzler hat die Bundesregierungen ersucht, ihre Erklärungen über das Tabaksmonopol bis Ende dieses Monats hierher gelangen zu lassen. — Die Mitteilungen, wonach der Volkswirtschastsrat in vier Wochen zu der Durchberatung einer Vorlage über eine Fabritatsteuer zusammentreten werde, entbehren der Begründung; der Staatssekretär v. Bötticher hat in seiner heutigen Schlußrede diese Angelegenheit mit keiner Silbe erwähnt. — Die Kommission zur Vorberatung des Hundesteuergesetzes beschloß heute in zweiter Lesung, entgegen dem Beschluß erster Lesung, daß die Hundesteuer auf den Satz von 3 bis 5 Mark als Krewstencr festgestellt wird, daß es aber den Gemeinden, auch städtischen, überlassen ist, bis zur Höhe von 20 M. Hundesteuer als Gemeindesteuer zu erheben. Die Stadtgemcinde Frankfurt a. M. ist auch zur Erhebung dieser Steuer berechtigt. § 5, welcher vo» ^er Besteuerung der Hunde von Mititärpersonen handelt, wurde angenommen, ebenso die übrigen Paragrapheu. Graf Schenk wird schriftlichen Bericht erstatten. — Für bk nächste Zeit sind die Dispositionen betreffs der Arbeiten im Abgeordnetenhause folgendermaßen festgestellt: für Montag und Dienstag die dritte Beratung des Etats, für Mittwoch den 29. die Beratung des Antrages Windthorst betreffs der Frcigebung des Messelesens und SakramcntSspendcns, sowie der Aufhebung des Sperrgesetzes, und den Antrag Dirichlet, dcn Welfenfonds betreffend. Am Donnerstag dritte Beratung des Penstonsgesetzes und zweite Lesung des WittwenpensionsgcsetzeS; dann Freitag und Sonnabend Beratung des Packhossgesctzcs und einiger anderer Vorlagen. Bei der dritten Etatsberatung wird in eingehender Weise die Tabakbesteuerunz in Verbindung mit dem Monopol besprochen Werden. — Die „Nordd. Allg. Ztg." meldet: Der Kaiser Wilhelm antwortete auf das Glückwunschtelegramm des Zaren: „Empfangen Sie ebenso wie die Kaiserin Meinen herzlichsten Dank für die guten Wünsche, denen Sie an Meinem Geburtstage Ausdruck verliehen. Jedes Ihrer Worte hat lebhaften Wiedcrhall in Meinem vankbaren Herzen gefunden. Ich bitte den Allmächtigen Ihre Regierung zu segnen zum Heil Ihrer Völker und zur Befestigung des europäischen Friedens.
Unter falschem Name«.
Von Ellen Lucia.
(Fortsetzung.)
„Und an den Wänden, Dörthe?" Die Hand der gnädigen Frau streift tastend über die breiten antiken Goldrahmen.
„Ga, gnäd'ge Frau, auf Bilder versteht unser Ein« sich nicht; ich versteh mich nur auf die Zwei, die da über dem Sopha hängen."
„Fräulein Anna« Bild und —"
„Und das deö Junker Kurt" sagt Dörthe, deren Trotz erwacht ist.
„Das wagtet ihr l? Geh Dörthe, nimm e« fort, ich wünsche meines Gatten Bild an seiner Stelle." Befehl und Frage gleiten fast widerwillig über die erbleichten Lippen. „Geh schnell, ich will nicht, daß der Platz leer bleibe!" , .
Dcm harten Befehl wagt Dörthe nicht zu widerstreben: „Und es bleibt doch immer ihr Sohnl" murrt sie und sucht im Nebenzimmer nach einem geeigneten Platze für dar verbannte Bild. „So da über der Mutter Bett mag es hängen" sagt sie. „Sieht ihn dort auch Niemand, mag sie selbst im Traume ihn nun wohl öfter sehen."
„Du bist doch fertig und im guten Kleide?" fragt die Herrin, als sie wieder eingetreten.
„Was? Sonntagskleid?" brummt Dörthe und geht unwirsch hinaus. „Was für die Herrschaft gut genug ist, ist allezeit gut für die, die sonst sich nicht herfinden können." Sie sieht verwundert auf Fräulein Anning, die sich auf dcm kleinen Vorflur zu schaffen macht. Hat sie wirklich in dem alten Schranke dort zu thun, oder fürchtet sie nur die erste Begrüßung in Gegenwart der Mama? Dörthe fürchtet
nichts. Stolz auf ihr Fräulein Anning, stolz selbst noch auf ihre stattliche gnädige Frau, ficht sie die Armut wenig an; in ihren Augen sind die Fürstenaus noch just dasselbe, wie zuvor; und die ZollernS? Nun, der Oberst hat eS auch einst knapp genug gehabt, bis — daü ist eS ja eben, — bis er die reiche Frau bekommen. Unwillig noch fegt sie mit dem Staubtuch umher, als Bellv'S Anschlägen schon die Nähe der Erwarteten verkündet.
Stolz und gemeffen, wie eS sich für den Dienstboten eines altangeschenen Hauses ziemlich erachten mag, ist DörthenS Begrüßung, so ablehnend, daß Fräulein Anning der förmlichen Anmeldung zuvorzukommen eilt.
Isidore hat fchon beide Arme um ihren Nacken geschlungen: „Doch Annchen, verzeihe uns. Wir haben nicht früher kommen können! Du selbst hast eS unmöglich gemacht. Ist eS recht, sich so vor aller Welt verborgen zu halten?"
Wir hatten der Gründe manche Dorchen, wie Du bald sehen wirst! — Aber setzt sie in leiser Bitte hinzu: „Laß die Mama nicht merken, wie verändert Du alles findest!"
Der junge Offizier muß den Sinn der Worte verstanden haben, denn als er sich zur Fräulein v. Fürstenau niedrrgebeugt, nach aller Weise ihre Hand zu küssen, setzt er freundlich hinzu:
„Wir finden alles wieder, Fräulein von Fürstenau, wie wir e» verlaffen, wenn nur Ihre Freundschaft uns geblieben ist."
Die Begrüßung im Zimmer ist weniger herzlich.
Die Unterhaltung bewegt sich in steifer Förmlichkeit um die üblichen Gegenstände und nur den gewohnten guten Formen ist es zu danken, daß sie bisweilen nicht ganz verstummt. Arthur umweht es kühl, und oftmals muß er,
Fräulein von Fürstenaus Bewegung gewahrend, kühn in die Breche springen, daß die Unterhaltung sich weiterspinne.
Als Isidore endlich mit Fräulein von Fürstenau in ein belebteres Gespräch zu kommen scheint, ist er vor das Bild des alten Herrn getreten.
„Nicht wahr, eS ist, als ob wir den Vater noch um uns hätten?" hat Fräulein Anna sich zu ihm gesellt.
„Und Kurts Bild?" fragt er leise, mit den Augen das Zimmer durchsuchend.
Auch Anna hat erschreckt die Umänderung der Bilder bemerkt; unwillkürlich ist sie in die halbgeöffnete Thürc des Nebenzimmers getreten, während ihr Blick besorgt den kleinen Raum durchfliegt. Arthur ist ihr gefolgt. „Sieh da!" sagt er, auf die zurückgeschlagenen Vorhänge deS Bettes deutend, „der Mutter näher, als ich zu hoffen gewagt;" und wieder schaut er auf das Bild, — dessen Aehnlichkeit mit einer Person, die ihm nahe steht, ihn schon einmal betroffen gemacht, — als ob er Zug für Zug prüfen müffe.
Ob er nicht auch ähnliche Gedanken auf Annas Gesichte liest, schaut er sie fragend an; doch nichts als nur herzliche Freude über seine Teilnahme vermag er dort zu sehen.
„Würde es die Mutter freuen, von Kurt zu hören?" fragt er endlich leise.
„Sic freuen? — O sicherlich — nur . . ."
Nur bedürfte eS schonender Vorbereitung, meinen Sie. Und Sie, Fräulein Anna?"
„Mich? Wie Sie nur fragen können. Ich sehne mich nach einer Kunde, wie ein Verdurstender nach frischem Trunk! — Sie wissen vom Bruder, Herr von Zollern. O sagen Sie mir Alles, — was es auch sei!"
(Fortsetzung folgt-.