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JHarfiurg, Sonntag, 26. März 1882

xvii Jahrgang

Anzeigen nimmt entgegen: bie Expedition d. Blattes, sowie d-Annoncen-Bureaux

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GkWscht Mm.

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Marburg, den 18. März 1882.

Die Ex-ed. d. Oberh. Zeitung.

Lom Landins.

Berlin, 24. Mär,.

DaS Abgeordnetenhaus fetzte heute in feiner 41. Sitzung die Beratung deS Steuererlasie« fort. Abg. Rickert spricht gegen den Kommissionsantrag. Der An« trag der Konservativen sei viel zu spät gekommen. WaS gegen den Erlaß, wie er vorgeschlagen sei, auSgeführt wor­den, sei durchaus nicht stichhaltig. Die Beseitigung der untersten Klassensteuerstufe sei eine offene Frage. Die Zu­stimmung zu dem Erlasse engagiere nicht für die Steuer­politik des Reichskanzler«, vielmehr werde damit die Re­gierung zur Einlösung ihrer Versprechungen gezwungen, obgleich eS dem Redner fraglich ist, wie die Regierung das thun will. Abg. v. M ey er(ArnSwalde): Der Er­laß habe infolge des Gesetze« von 1880 vom Minister vorgeschlagen werden müssen, darum brauche man ihn aber noch nicht anzunehmen. Die rechtlichen Erfordernisse für denselben seien vorhanden, nicht aber die thatsächlichen, nämlich das Geld. Redner empfiehlt den Kommission-« Antrag.

Finanzminister Bitter: W S über die Finanzlage gesagt worden, sei doch sehr grau in grau gemalt. Die Lage sei wohl keine ganz ausgezeichnete, sondern nur eine recht gute, jedenfalls keine schlechte. ES könne daher auch von einem verschleierten Defizit nicht gesprochen werden. Für alle dringenden Staatszwecke sei Deckung gefunden, das sei gewiß ein Erfolg, wie er in vielen Jahren vorher nicht erreicht worden, ebenso sei zum erstenmale seit langer Zeit daS Extraor inarium ohne Anleihe gedeckt worden, darunter sogar zwölf Millionen für produktive Zwecke. Die noch in der Luft schwebenden Ausgaben könnten doch nicht in den Etat gestellt werden, wenn man nicht auf die

Balancierung von vornherein verzichten wolle. Der Finanz­abschluß deS laufenden Jahres werde ein günstiger fein, was um so mehr anzuerkennen sei, al« bedeutend gesteigerte Lasten und verminderte Einnahmen zu verzeichnen sind. DaS Verwendungsgesetz von 1880 sei ein dem Lande ge­gebene« Versprechen, die Regierung halte sich an die Be­stimmungen dieses Gesetze«, so lange nicht« andere« be- schlossen sei; die Regierung werde alle« thun, um daS Versprechen de« Erlasie« der direkten Steuern, womöglich bi« zur Höhe der neu auferlegten indirekten Steuern, zu erfüllen. Der Antrag des Abg. Hammerstein fei korrekt und würde von der Regierung ebensowenig abgelehnt wer­den, als dies bei dem Anträge des Abg. Richter vom vorigen Jahre geschehen sei, fall« derselbe die Zustimmmtz de- Hauses fände; andernfalls wünsche die Regierung die Annahme des ErlafleS, wie derselbe im Etat vorgeschlagen worden ist. Gegen die von der Kommission vorgeschlagene Resolution (Antrag Huene) habe die Regierung nicht« ein­zuwenden, da sie hoffe, in absehbarer Zeit ihren Steuer­reformplan vorlegen zu können.

Abg. W i n d t h o r st erklärt namen« seiner Freunde, dieselben würden für den im Etat vorgeschlagenen Erlaß und für die Resolution stimmen. Bei der drückenden Steuerlast müfie man jede Erleichterung, auch die geringste, annehmen. Abg. ».Wintzingerode ist gegen den Er­laß, nicht, weil er die Reform nicht wolle, sondern weil er die Reform auf breitester Basis wolle und die Konsequenzen ziehen müsse, welche die Einführung indirekter Steuern im Reiche nach sich ziehe. Abg. Richter spricht gegen den Antrag Hammerstein, der nicht da erleichtere, wo eS nötig sei. Die Erhebungskosten blieben bestehen, so lange die Kommunalsteuererhebung bestehe. Die Finanzlage sei nicht günstig. Die Verstaatlichung von Eisenbahnen machte jede sichere Uebersicht über den Etat unmöglich. Dieser Regie­rung solle man so wenig Geld als möglich überlassen, denn dasselbe sei überall bester aufgehoben, als bei dem Finanz- Minister. Lediglich aus diesen Gründen deS Mißtrauens nehme er den Steuererlaß an. Die Äbg. v. Wedel!- P i e r d o r f und M a g d z i n S k i sind für den Antrag Hammerstein. Tiedemann erklärt namens einiger fei­ner Parteifreunde, dieselben würden für den Erlaß stimmen. Zum Antrag Hammerstein würden sie bei der dritten Lesung Stellung nehmen.

Die Debatte wird hierauf geschlosten. Nach dein Schluß­worte de« Referenten wird zur Abstimmung geschritten. Vor derselben entspinnt sich eine längere Debatte über die Frage, ob die Abstimmung über den Antrag Hammerstein zulässig sei, bevor die in demselben enthaltenen Gesetz­entwürfe definitiv erledigt seien. Da« Hau« beschloß mit 163 gegen 159 Stimmen, die Zulässigkeit der Abstimmung über den Antrag Hammerstein zu verneinen, im übrigen werden die Titel 3 und 4 nach dem Etatsvorschlage der

Regierung angenommen. Mit der Majorität stim­men die Minister Bitter und v. Puttkamer. Die Majorität ist zusammengesetzt aus der Fortschrittspartei, denSezessto- nistrn, dem Zentrrum, den Polen, der Mehrzahl der Kon­servativen und mehreren Freikonservativen. Der Resolution wird einstimmig zugestimmt.

Titel 1 und 2 der Einnahme der allgemeinen Finanz­verwaltung werden demgemäß festgestellt. Der Etat ist hiermit in zweiter Lesung erledigt. Bei Paragraph 1 de« Etatsgesetzes erklärt der Abg. Richter, die Abstimmung seiner Partei für den Etat beweise, daß sie nicht sage: „Diesem Ministerium keinen Groschen", sondern nur: „Die­sem Ministerium keinen Groschen mehr, als eS verlangt." DaS Etatsgesetz wird alsdann genehmigt.

Es folgt die zweite Beratung des Gesetzentwurfs, bett, die Fürsorge für die Witwen und Waisen der unmittel­baren Staatsbeamten, in Verbindung mit dem Anträge Virchow, daß die zuerst erfolgte Vorlage des Gesetzes an das Herrenhaus gegen Artikel 62 der Verfassung verstoße. Die Kommission beantragt, über den Antrag Virchow zur Tagesordnung überzugehen.

Nach längerer Diskussion, an welcher sich der Finanz­minister und die Abgg. Franke, Windthorst, Klotz und Köhler beteiligen, wird der Kommisstonsantrag angenommen. Die Spezialberatung des Gesetzes wird ausgesetzt und zunächst in die zweite Beratung deS Gesetzentwurfes, betreffend die Abänderung deS Pensionsgesetzes eingetreten.

Abg. Windthorst beantragt, in § 1 des Artikel« 1 die Worte „nicht richterlichen" zu streichen. Der Minister erklärt sich mit der Streichung einverstanden. Nach kurzer Debatte wird Artikel 1 mit dem Anträge Windthorst an­genommen. Der Rest der Vorlage wird nach den Vor­schlägen der Kommission genehmigt. — Nächste Sitzung am Montag; Tagesordnung: dritte Etatsberatung.

Deutsches Reich.

«* Berlin, 24. März. Die „Germania" steigert den Ton der Feindseligkeit gegen die Regierung und spricht namentlich von den jetzigen Absichten, den Kampf soviel al« möglich zu mildern, fortwährend in einem Tone, als wäre dieser Kampf lediglich und ausschließlich der preußischen Regierung zur Last zu legen, die daher auch dafür zu sorgen habe, daß die Folgen desselben, die „Trümmer", beseitigt werden. ES wird dabei der eigentliche Ursprung deS Kampfes vollständig mit Stillschweigen übergangen und namentlich die Thatsache, daß nach dem Vaticanum die Bischöfe selbst eine ganz andere Sprache geführt haben, al« vor demselben, vollständig ignoriert. ES wird an der Zeit fein, daS Gedächtnis der katholischen Bevölkerung an jenen Ursprung deS Kampfes wieder aufzufrischen und daran zu erinnern, daß die katholische Kirche vor allem die Pflicht hat, jene Trümmer, die sie selbst geschaffen, wegräumen zu helfen.

Unter falschem Rame».

Von Ellen Lneia.

(Fortsetzung.)

„Weil mir Nötigeres brauchen, Dörthe; wenn auch nicht für Dich und mich."

„Auch nicht für die Mama, denn die braucht wenig genug brummt Dörthe."

Und doch ist jeder kleine LuxuS, den Fräulein Anning sich erlaubt, allein für die Mama berechnet. Nicht einmal kommt sie heim, ohne für sie einen Strauß seltener Blumen, ein Körbchen auserlesener Früchte, ein neue» Buch, ein neues Musikstück erhandelt zu haben.

Aucb mit ihrer Zeit kargt Fräulein Anning, und doch ist sie eS, die stets zum Spaziergange drängt, angeblich oft die größte Lust verspürt, hier ein schönes Konzert, dort einen bewährten Redner zu hören.

Die blinde Dame und ihre Tochter find nicht mehr unbekannt in ihrer Nachbarschaft; nicht nur der Schließer des FriersbofeS, auch der Nachbarn viele grüßen sie schon als alte B kannte.

So hat Arthur von Zollern sie wiedergesehen; auS der Ferne freilich nur, al# er mit feinen Artilleristen zu« nahen Exerzie, platz hinauSritt; aber er hat nicht geruht, bi« er ihre Spur wiedergesunden hat; und an einem schönen Sommeradend hat er vor ihrer Thüre geduldig ihrer Heimkehr gewartet, um die Erlaubnis zu erbitten, gleia am nächsten Tage mit der Schwester den lange ver­säumten Besuch maßen zu dürfen.

Voller Sorge sieht Fräulein Anning diesem ersten Be­suche nach so langer, langer Zeit entgegen; auch Frau von

Fürstenau ist nicht so ruhig, wie ste sich den Anschein geben möchte.

Fräulein Anning ist in ihrem Giebelstübchem beschäftigt, Dörthe in« Zimmer zur gnädigen Frau befohlen.

„Dtrthe, setze Dich einmal da dicht zu mir l ich habe Einiges zu fragen, was das gnädige Fräulein nicht zu wissen braucht. Du brauchst darum auch nicht ganz so laut zu sprechen, wie Deine Art ist, ich verstehe Dich ohnehin."

Dörthe gehorcht befremdet; derartige Vertraulichkeiten sind sonst der Herrin Weise nicht.

„Dörthe, Du weißt, wir erwarten Besuch, frühere Be­kannte au» der Zeit — de« seligen Herrn. Begreiflicher­weise, werden sie große Veränderungen in unserer Lebens­weise, — in unserer Einrichtung finden! Beschreibe mir einmal die Wohnung genau, wie Du ste stehst."

Dörthe sieht unwirsch genug drein. „Man immer so thun" stehl deutlich in ihrem Gesichte geschrieben. „Mir kann'» ja gleich fein, wa« sie glaubt, und wenn'« ste glück­lich macht, sich im Palast zu wähnen, warum nicht? Ein­bildung ist doch da« Beste im Leben."

„Nun, Dörthe? — Fange mit dem Eingänge an, vom Fußboden bi» zur Decke, ich möchte alle« ganz ehrlich mit Deinen Augen fehen."

„Ja, bergab ging e» leichter," brummt Dörthe, und wackelt mit dem Kopfe, wie sie ihn zur Decke empor wendet.

„Was sagst Du, Dörthe?"

„Ich meine nur, gnädige Frau, die Decke wäre gar so schön buntl" und fie schmunzelt bcim Anblick der mannigfachen Flecken, die Alter und Regen dort verzeichnet haben.

„Ich denke, sie ist in lichtem Grau?"

„Grau und weiß, — „marmoriert" nennt man eS ja wohl?"

„Just so nun nicht, goldne Leisten giebtS hier nicht, dafür aber haben wir eine bunte Borte und allerlei schnurrige Streifen, die dran herunter laufen."

„Ach, Eckbordüren, ich verstehe I Und die Tapete?"

„Na, die ist auch grau und grau."

„Wie eS vor einigen Jahren Mode war; nie habe ich mich mit dieser grauen Mode recht befreunden mögen. Freilich in einer Mietwohnung, die man vielleicht bald einmal wechselt, wäre es thöricht, alle« nach eigenem Ge- schmacke einzurichten. Und nun auf dem Boden?"

„Liegen die alten Decken, — die Teppiche wollt' Ich sagen, auS dem Sal. Dir gnäd'ge Frau fühlen eS ja, e« find die alten noch von dazumal."

„Der Sal war dreifach so groß wie dieses Zimmer."

„Drum eben sind sie ein bischen zusammengestutzt, schön bunt aber sind sie!"

Dörthe streicht heimlich lächelnd die kunstvollen Stopf­flecke, durch die Fräulein AnningS Hand manchen Schaden geschickt zu verbergen gestrebt hat.

„Und die Möbel und Bezüge?"

„Gnäd'ge Frau fühlen ja, eS sind immer noch die alten Seidenbezüge drauf —wir ziehen ja nie die weißen Heber« züge ab als wenn mal Besuch kommt wie heute."

„Zieh sie ab, Dörthe."

„Es ist nur wegen der Sonne" petitioniert Dörthe, denn sie weiß, es gkbt manchen Riß zu verdecken; aber geschickt auch weiß sie allemal mit irgend einem Antima- cassar, einem Sophakissen ober dergleichen gerade solche Stellen zu drapieren. (Fortsetzung folgt)