Rr 70.
JRatfiurg, Donnerstag, 23. März 1882.
xvn Jahrgang
Anzeigen nimmt entgegen: bie Expedition d. Blattes, sowie d.'Annoncen-Bureauz o. Tb- Dietrich u. Co. in gaffel und Hannover; Th. Diettich in Frankfurt a-M ; Haasenstein u. Vogler in Frankfurt a. M-, Berlin, Leipzig- Köln rc.; Rudolf Mffe in Berlin, Frankfurt a. M. rc-
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Oberhesfische Zeitung
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Illustriertes Sonntagsblatt.
Auch im neuen Quaitale wird die Oberhessische Zeitung ihrem Leserkreise einen reichhaltigen Inhalt bieten und alle vorkommenden Ereignisse sofort mitgetcilt, wozu sie ihre Verbindung mit dem Wolsf'scheu Telegraphischen Correspoudeuz-Bnrea« in den Stand seht. Alle politischen TageSfragen werden durch Leitartikel wie in zuverlässigen Korrespondenzen besprochen. Die Verhandlungen des Reichs- und Landtags werden übersichtlich sofort mitteilen. Alle hessischen Angelegenheiten finden besondere Beachtung; über die Strafverhandlungcn des Königl. Landgerichts wie des Schwurgerichts dahier werden Originalberichte veröffentlicht. Frucht- und Börsenberichte stets zuverlässig und regelmäßig.
DaS Feuilleton bringt nur gut gewählte Erzählungen u. dergl., ebenso die Gratisbeilage „Illustriertes Sonntagsblatt", die, in einem Jahrgang gesammelt, einen Unter« Haltungsband von bleibendem Wert bildet.
Die „Oberhessische Zeitung" zählt zu den verbreitetsten Zeitungen in Hessen und wird daher auch von vielen Behörden zu ihren Bekanntmachungen im Anzeigenteil benutzt; dadurch wird der Leser mit manchem für ihn Vorteilhaften bekannt. — Derjenige aber auch, welcher die „Oberhesstsche Zeitung" zu Anzeigen rc. benutzt, kann sicher sein, daß dieselben bei der großen Verbreitung des Blattes stets von Erfolg begleitet sind. — Anzeiger» werden für die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum mit nur 10 Pfg. berechnet.
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Marburg, den 18. März 1882.
Die Sxped. 6. Oberh. Zeitung.
vom Landtag.
Berlin, 21. März.
DaS Abgeordnetenhaus genehmigte in gestriger Abendsihung Kapitel 124 zu Kultusetats (Kultus und Unterricht gemeinsam) nach unerheblicher Debatte. Bei
Kapitel 125 (Medizinalwesen) bittet Abg. Thilenius um Herstellung eines ärztlichen ZcntralorganS zur Bekämpfung der Seuchen. Der Kultusminister entgegnet, er befinde sich bezüglich der Medizinalreform mitten in der Arbeit, eS biete sich aber die Schwierigkeit, daß trotz der Blüte des ärztlichen Vereinswesens in vielen Bezirken kaum Rudimente für eine Vereinsbildung vorhanden seien, auch fei cs nicht möglich, ohne Acnderung der RcichSgesetzgebung den Aerztcvereinen rechtlichen Inhalt zu geben.
Abg. v. Heercmann klagt über daS Verfahren der Regierung gegenüber der Krankenpflegcorden. Der Kultusminister vermißt konkrete Beschwerden, worauf er vielleicht mit konkreten Maßnahmen eingehen könnte, Redner habe vergesien, daß die Minister das bestehende Gesetz respektieren mußten. Der Titel wird hierauf genehmigt. Der Rest der Ausgaben wird nach den Anträgen der Budgetkommission bewilligt. Die ersten 18 Nummern des Ertraordinariums werde» debattelos genehmigt, ebenso Titel 19 und 20. Zu Titel 21 wird der Antrag Haussonville auf einmalige Bewilligung von 178 000 M. für daö Gymnasium in Aachen-Burscheid angenommen. Der Rest des Etats wird nach den Anträgen der Kommission erledigt.
In der heutigen (39) Plenarsitzung des Abgeordneten Hauses wurden zunächst dem Anträge der Budgetkommission gemäß zur Erneuerung dcs ZinkdacheS über dem Sitzungssaale des Hauses der Abgeordneten und zur Beschaffung eines anderweiten Teppichs für den Sitzungssaal dieses Hauses 14000 M. beantragt. Die Budgetkommission beantragt ferner durch ihren Referenten Abg. Schreiber, das Kapitel 9 der dauernden Ausgaben (Zoll- und Steuererhebung und Kontrolle 22471265 M.) in sämtlichen Titeln zu bewilligen. Abg. Frhr.v.Huene will für jetzt diesem Anträge nicht widersprechen; er wird aber jedes Jahr die Frage wegen Uebcrtragung der Ge- richtskosteneinzichung auf die Gerichte zur Sprache bringen. Die Abgg. Köhler und Hansen sprechen ebenfalls den Wunfch aus, diese Sache nicht aus dem Auge zu verlieren. Finanzminister Bitter konstatiert, daß seit längerer Zeit Klagen über die neue Organisation der Gerichtskostenein- zichung nicht zur Kenntnis der Regierung gelangt seien. Es empfehle sich daher wohl, die Sache sür die nächste Zeit noch ruhen zu lassen; wenn sich aber mit der Zeit die Organisation wirklich nicht bewähren sollte, werde die Regierung keinen Anstand nehmen, eine Aenderung der Organisation anzustreben. Abg. Dr. Köhler stellt demnächst den Antrag, an die Staatsregicrung daö Ersuchen zu richten, die Ueberweisung der Gcrichtskosteneinziehung auf die Justizverwaltung in Erwägung zu ziehen und dem Landtage in seiner nächsten Session über daö Ergebnis dieser Erwägung Mitteilung zu machen. An der Debatte über diesen Antrag beteiligen sich die Abgg. Oetker,
Günther, Köhler, sowie wiederholt der Finanzminister Bitter. DaS Ergebnis ist die Ablehnung des Antrages Köhler.
Demnächst trat daS Haus in die Beratung des Etats der Eisenbahnverwaltung. Abg. Dr. Hammachcr empfiehlt als Referent die unverkürzte Bewilligung der Ein-, nahmen. Abg. Dr. Zehrt bittet, den Beamten der Eisenbahnverwaltung Gelegenheit zu geben, den Sonntag regelmäßiger als bisher feiern zu können. Minister Maybach erwidert, daß die allgemeine Direktive dahin gehe, den Beamten möglichst jeden dritten Sonntag zur Befriedigung ihrer religiösen Bedürfnisse frei zu geben, eventuell wenigstens den ausfallenden Sonntag den Beamten in Anrechnung zu bringen. Fälle, wo die ministerielle Anordnung nicht befolgt sein sollte, bitte er zur Kenntnis zu bringen.
Abg. Berger bittet, bessere Fürsorge für die 3. und 4. Wagenklasse ttcffen zu wollen, und trägt einzelne Bedenken bezüglich der Differentialpolitik vor. Regierungs- Kommissar Geh. Fleck widerlegt den Vorredner in letzterer Beziehung, während Abg. B ü ch t e m a n n darzuthun sucht, daß die jetzige Differentialpolitik die Einnahmen beeinträchtigt, ohne auch nur der Landwirtschaft irgend welchen Nutzen zu bringen. Aus dem Tarifwesen leitet er überhaupt die wesentlichsten Bedenken gegen die Verstaatlichung her. Den Grund, daß die Ausgaben bei der Verstaatlichung sich verringern werden, will er nicht gelten lassen.
Abg. v. Wedell -Malchow erwidert, daß sich der Vorredner wegen der Interessen der Landwirtschaft, der er nachgesagt hatte, daß sie dje Verhältnisse nicht kenne, beruhigen könne. Dieselbe wisse sehr gut, daß es jetzt besser stehe, als unter der Herrschaft der Privatbahnen. Was die von dem Redner bezweifelte Rentabilität der Staatsbahnen betreffe, so möge man die Erfolge der Zukunft ab- wartcn; für jetzt hätten wir einen guten Abschluß. DaS genüge jedenfalls für jetzt.
Negierungskommissar Geh. Rat Fleck weist nach, wie die Eisenbahnpolitik auf die Einnahmen keinen ungünstigen, sondern nur einen günstigen Einfluß geübt habe, und geht im übrigen auf einige Details in den Ausführungen des Abg. Büchtemann widcrlegeno ein. Ab,;. Reichensperger (Köln) ist der Meinung, daß bezüglich der Sonn- und Festtagsfeier für die Eisenbahnbeamten nur durch Annahme des englischen Systems geholfen werden kann.
Es kommen die Einnahmen der einzelnen Eiseubahn- dircktiondbezirke zur Erledigung. Bei den Einnahmen des Dircktionsbczirks Bromberg polemisiert Abg. Büchte- m a n n von neuem gegen den Abg. v. W e d e l l - M a l- ch o w und veranlaßt denselben zu energischer Abwehr. Derselbe bemerkt dabei, er habe seinerseits leider nicht daö Glück gehabt, Eisenbahndirektor gewesen zu sein. Wenn abrr jeder gewesene Eisenbahndirektor anderen Abgeordneten Sachkenntnis absprechrn zu können glaube, so erkläre er
Unter falschem Rameu.
Von Ellen Lucia.
(Fortsetzung.)
Zweiter Brief.
„Wer ein Buch schreiben möchte über die „Schicksale einer deutschen Lehrerin," Mißchen, er thäte ein gute- Werk; aber ehrlich müßte er dabei zu Werke gehen und nichts malen wollen, als nur die nackte Wirklichkeit. — Und doch, eS wäre nutzlose Mühe ; wer würde solch ein Werk lesen, wer eS kaufen wollen? Nicht einmal glauben würden sie ihm."
„Sechs Monate in Paris, zwei Monate in London jetzt! Mir scheint, als wären eS Jahre, so viele neue Gesichter habe ich gesehen, so viele neue Verhältniffe kennen gelernt, daß ich von meinen Erinnerungen zehren könnte Jahre lang. Schade nur, daß solche Erinnerungen weder froh, noch satt machen I"
„Wenn ich in Frankreich die fremden Lehrerinnen nach einer Stelle jagen sah, da hat eS mich ihrer erbarmt; für mich selber aber ließ eS mich kühl bis anS Herz hinan. Ich stand über dem ganzen Getreide, hier stehe ich mitten drinnen. Der fröhliche Pariser Sonnenschein hat, dem Londoner Nebel Raum geben muffen, und schwer läßt eS sich unter im fröhlich atmen.
„Mißchen, fürchten Sie nicht, daß ich Kopfhängerin werden könnte; und doch — allein in der Fremde, e» ist ein eigen Ding, und für ein Mädchen doppelt bedrückend! Der frischeste, sroheste Mut hält nicht allezeit auS, wenn wir irre werden an unserem Glück, wenn wir allgemach
die Mittel schwinden scheu, auf die unsere Existenz sich gründet. WaS helfen alle Anlagen und Kenntnisse, alles Gott- und Selbstvertrauen, wenn niemand unserer Fähigkeiten bedarf, niemand unser bescheidenes Selbstvertrauen mag? Die besten deutschen Zeugnisse helfen für England nichts; der bescheidenste „character“, den wir von einer englischen Stelle mitbringen, ist unendlich viel empfehlender.
„Character“ nennt charakteristisch genug der Engländer das Zeugnis, daß er den dienstbaren Geistern seines Hauses bei ihrem Scheiden mitgiebt, und er thut Recht daran. Die Kenntnisse kümmern ihn erst in zweiter Linie; das ganze Wesen deS Menschen, seine Sicherheit in den äußeren Formen sind die Faktoren, mit denen er rechnet, und die sein Urteil vor allem über die Lehrerin seiner Kinder bestimmen. „Ladylice“ soll alles an ihr fein. Und mit Schrecken fühle ich es: ich habe so gar wenig „ächt Damenhaftes" an mir. Ueberall, wo ich zu den unleidlichen und doch so urvermeidlichen „Interviews“ mich einfand, da fand man dies schnell genug heraus, und eine Geeignetere sür die Stelle war bald gefunden. Ein bischen Malen und Zeichnen, ein wenig Französisch oder Italienisch parlieren und etwas mehr Fertigkeit in der Musik ist zuweilen alle«, was man außerdem von der Gouvernante beansprucht. Die Schulbücher sind fast ausnahmslos in Frage und Antwort abgefaßt. Der Schüler lernt die Antworten auswendig und der Lehrer liest, höchst bequem, nicht wahr? die Fragen ab; und da» ist bald gelernt und will do perfeetly well! Mir scheint, dazu braucht es kaum eines „Characters“, und ernster wissenschaftlicher Vorstudien, wie fie im lieben Deutschland erst gefordert werden, doch sicher nicht.
„Im Governess Hom, in dem ich vor der Hand weile, ist ein noch bunteres Gedränge, alö in dem Pariser Quartier, daS ich verließ. Alle Nationalitäten scheinen vertreten, vorwiegend natürlich wieder Deutsche und Schweizerinnen; nicht nur in bin stellenlosen Zeiten, selbst in den üblichen Ferien r.ehmm sie ihre Zuflucht zu den „Homes“, erwartet der Engländer doch, daß die Erzieherin für die längeren Ferien sein HauS verlasse; eine andere engagiert er öfters dann, damit sie die Kinder beaufsichtige, diese oder jene Fertigkeit mit ihnen übe, und Viele suchen selbst dadurch ihren Erwerb zu fördern, daß sie sich sogar für die Ferien mit Leib und Seele lern Meistbietenden vermieten. Unerfrischt kehren Sie in ihre Engagements zurück, stumpf und tcilnahmlos schauen sie auf das Leben; ein frisches, frohes Gesicht, wie in Deutschland, habe ich unter den älteren Lehrerinnen in England bisher nicht gefunden. Wer klug die englischen Airs zu kopieren, die englische Lady zu spielen versteht, war wohl gesucht und gut bezahlt, und zu sparen ist der einzige Zweck, um den daö einförmige Leben der meisten sich dreht. Mit den kleinen Ersparnissen nach Deutschland heimzukehren, ist der einzige Traum, an dem sie sich erq ticken; und mir will es scheinen, sie möchten auch dort die erträumte Befriedigung so leicht nicht finden. Wer in den reichen englischen Häusern lange als Gouvernante gelebt, i: unbewußt versöhnt, die Zinsen deS ersparten Kapitals reichen selbst in Deutschland nicht annähernd zu unabhängigem Leben; für deutsche Schulver- hältnisse siud die alten Damen wenig brauchbar, und so kehren dieselben meist unbefriedigt in das Ausland zurück."
(Fortsetzung folgt.;