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Marburg, Dienstag, 21. März 1882
xvii Lahrgasg
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Marburg, den 18. März 1882.
Die «xped. d. Oberh. Zeit»»g.
Vom Landtag.
Berlin, 18. März.
In der heutigen (37.) Plenarsitzung deS Abgeordnetenhauses wurde zunächst der Gesetzentwurf, betr. den weiteren Etwerb von Privateisenbahnen für den Staat, in dritter Beratung definitiv erledigt.
Unter falschem Xame».
Von Ellen Lucia.
(Fortsetzung.)
„Und doch, Fräulein Eva, sage ich mit Ihnen: eS liegt etwas Göttliches auch in der bescheidensten Kunst, die, weil sie nn« schaffen lehrt, nnS über unS selbst emporhebt und die drückende Gegenwart unS vergeffen lehrt."
„Und was kann es Erhebenderes geben, als diese Schaffenskraft in uns zu fühlen, möge sie sich Bahn brechen, wie sie wolle? Freilich, die Künstler stehen oft dem Leben fremd, fast feindlich gegenüber, denn schwer ist eS, den Zwiespalt auSzuqleichen zwischen dem Leben in ihm und um ihn. Des Künstlers Blick ist freier, und freier darum meist auch sein Leben, — und da« ist e«, was unS Künstlerinnen so leicht ungerechter Beurteilung preiSgiebt. Wir geben uns, wie wir sind. Aus Täuschung beruht unsere Kunst; warum sollten wir im Leben noch über unS täuschen wollen? Leicht sind dabei die Grenzen deS Her- kömmli hen gestreift. — Nicht beschützt vom elterlichen Heim, nicht, wie andere Frauen, aufgewachsen und gehemmt durch heimatliche Sitte, sind wir Heimat- und rechtlos; nicht einmal kränken darf es unS, wenn oft die besseren Kreise engherzig sich uns verschließen, wenn eine Mutter zurück- schrickt, weil eie einzige Tochter sich arglos an unS anschloß, der Sohn uns vielleicht gar ein Freund ward."
Frau von FürstenauS's Wangen haben sich, leicht gerötet ; wieder hebt sic sich in' ihrem Sitze empor, aber nicht« mehr von verletztem Stolz, — in edlerer Aufwallung streckt sie der von der langen Rede erschöpft Schweigenden die Hand hin. „Verzeihen Sie mir. Ich habe Ihnen
Finanzminister Bitter teilte zuvor mit, daß das Herrenhaus gestern mit fast an Einstimmigkeit grenzender Majorität den Gesetzentwurf betr. die finanziellen Garantien in der Eisenbahnverwaltung unverändert angenommen habe', und daß die Staatsregierung denselben, so wie er au« der Beratung der beiden Häuser hervorgegangen, der Allerhöchsten Sanktion unterbreiten werde.
Abg. v. Wedell-Malchvw empfahl nunmehr die unveränderte Annahme der zur dritten Beratung stehenden Verstaatlichung-Vorlage. Auch Abg. Dr. Hammacher konstatierte, daß seine politischen Freunde, soweit sie keine Gegner der Verstaatlichung entweder überhaupt oder pro tempore seien, nunmehr, nachdem die finanziellen Garantien auch vom Herrenhause angenommen, die Vorlage definitiv annehmen würden.
Minister M a y b a ch erklärte auf die bezüglichen Anfragen der Vorredners, daß auch betreffs der heute in Rede stehenden Bahnen ein Nachtragsetat werde vorgelegt werden, ferner daß wegen der noch zur Ausführung stehenden Bauten auf den refp. Bahnen wie bei der ersten Verstaatlichung werde verfahren werden. Wegen der Auflösung der Braunschweigischen Eisenbahngesellschast seien formelle Verhandlungen noch nicht eingeleitet; der Bau der Bahn Braunschweig-HildeSheim werde von der Regierung inten« tiert. Betreffs der von den Abg. Hammacher und Stengel eingebrachten Antrages, daß die Staatsregierung für eine gesetzliche Ergänzung der Eisenbahn-Gesetzgebung dahin Sorge trage, daß die Eisenbahngesellschaften verpflichtet werden, auf Verlangen der Staatsregierung die von derselben im Interesse der Landesverteidigung für notwendig erachteten Aenderungen und Erweiterungen ihrer Anlagen vorzunehmen, wenn der Staat die hierdurch entstehenden Kosten trägt und außerdem für die dadurch herbeigesührte Beschädigung der Interessen der Eisenbahngesellschast Ersatz leistet — erklärt der Herr Minister, daß die Staatsregierung die Tendenz des Anträge» billige. Inder fei wohl die Initiative von dem Reiche zu erwarten.
Nachdem Abg. Büchtemann noch einmal allgemeine Bedenken gegen die Verstaatlichung angeregt hatte, wurde $ 1 mit erheblicher Majorität angenommen.
Gegenüber den neulichen Ausführungen des Abg. von Tiedemann, daß zweckmäßig auf den Flügelbahnen der Gör- litzer Bahn Sekundärbetrieb eingerichtet werde, erklärt sich Abg. v. Götz gegen dieses Verlangen im Interesse des Verkehrs. Die nächstfolgenden Paragraphen veranlassen keine Debatte.
Hinter 8 9 beantragt Abg. Büchtemann (unterstützt von der Fortschrittspartei nnd den Sezesstonisten) folgenden neuen 8 9a einzusetzen: „Aenderungen der normalen Einheitssätze, welche für den Verkehr von Personen, Gütern, Vieh und Fahrzeugen auf den einzelnen für Rechnung des Staat« verwalteten Eisenbahnen der Berechnung unbedacht wehe gethan. — Mein Gesichtskreis ist ein enger, ich habe e« oft gefühlt und jetzt, da das Augenlicht mir genommen, mehr denn je. Wohlthuend darum empfinde ich e«, wenn ein anderer, freierer Blick den Kreis meiner Anschauungen erweitern und berichtigen hilft. Kommen Sie oft, so oft Sie können und mögen; wir werden nn« allezeit freuen, wenn Sie von dem Leben da draußen plaudern, das mir so ganz verschlossen ist."
Die junge Schauspielerin ist der Blinden entgegengeeilt; neben ihr niederknieend, läßt sie den schönen Kopf auf ihren Knieen ruhen und küßt die abbittend ihr entgegen« gestreckte Hand.
„Sie haben mir durch Ihre Erlaubnis ein liebes Geschenk gemacht, gnädige Frau, und gerade am heutigen Abend heiße ich e« dankbar willkommen. Seien Sie versichert, daß Ihrer Tochter Ruf mir unantastbar sein soll, wie der eigene." Indem sie schnell sich aufrichtet, kehrt der alte Humor ihr wieder, und launig sich zu Annas Ohr herabbeugend scherzt sie: Ein Fräulein von Fürstenau hat auch noch niemand bei mir gesehen; eine Miß Anybody nur ist manchem schon interessant und wert geworden. Der Lieutenant von Zollern sucht emsig nach Miß Anybody« Wohnung; wenn et sich ein wenig geduldet, wird er riel- leicht durch irgend ein Schriftsteller - Lexikon alle« Nötige erfahre« können!" — „Aber wir haben unfern Besuch zum äußersten ausgedehnt, gnädige Frau, eS ist Zeit zum Scheiden."
„Und dem Abschiede folgt die Wiederkehr!" sagt Frau von Fürstenau verbindllch. „Auch Sie, Fräulein Werner, müssen noch oft kommen, ehe Sie unS ganz verlassen; und selbst dann hoffe ich auf ßeißige Kunde. Sie mag für
der Fahr- und Frachtpreise zu gründe gelegt sind, werden jährlich im Staatshaushalt festgesetzt."
Abg. von Eynern bittet diesen Antrag abzulehnen, indem er bezüglich der nötigen Einwirkung der Landesvertretung auf da« Tarifwesen auf die Vorlage, betreffend die wirtschaftlichen Garantien, verweist. Abg. Büchtemann bezeichnet den von ihm eingebrachten Antrag als das Minimum dessen, was feine politischen Freunde in dieser Beziehung verlangen müssen. Allerdings würde mit solchem Anträge in die Verwaltung eingegriffen, aber bei so großen Unternehmungen, als um welche es sich hier handle, müßte die Volksvertretung alles thun, um ihr Budgetrecht zu wahren.
Abg. v. Wedell-Malchow erklärt, daß die Konservativen schon auS formellen Gründen gegen den Antrag stimmen müßten, da er trotz seiner Wichtigkeit erst in letzter Stunde bei der dritten Lesung eingebracht sei. Materiell halten auch sie eine gewisse Kautel gegen etwaige Mißbräuche der Verwaltung für geboten; darüber müßte aber die Verständigung bei den wirtschaftlichen Garantien gefunden werden.
Regierungskommissar Geh. Rat Fleck hob die Verhandlungen von 1879 hervor, wobei ähnliche Anträge vom Hause abgelehnt seien, und wleS die materielle Unzuträglichkeit deS Anträge« nach.
Minister Maybach betonte, daß der Antrag Büchtemann geradehin unannehmbar für die Staatsregierung sei. Die ganze VerstaatlichungSpolitik habe die Förderung deS LandeSwohlS zum Zweck; mit sochem Anträge würden der Regierung aber Fesseln angelegt. Dazu sei der Antrag nicht einmal konstitutionell, da er die Rechte de« anderen HauseS verletze. Das HauS möge denselben in dem Vertrauen ablehnen, daß die Regierung auch ferner bei der Eisenbahnpolitik nur das Wohl des Landes im Auge haben werde. Tiit der Erhöhung der Tarife aber würde er demselben nicht dienen. Im Heutigen könne man, wenn man doch noch eine gewisse fiskalische Begehrlichkeit fürchte, darauf bedacht fein, von ReichSwegen bestimmte Festsetzungen zu treffen.
Nach einer Replik des Abg. Büchtemann führte der Abg. Freiherr v. Huene aus, daß der Antrag, der ihm sachlich nicht unsympatisch, in diese Vorlage nicht gehöre. — Darauf wurde der Antrag gegen die Fortschrittspartei, die Sezesstonisten, einen Teil des Zentrum und die Polen abgelehnt.
In namentlicher Abstimmung wurde darauf der Gesetzentwurf im Ganzen mit 243 gegen 107 Stimmen angenommen.
Die Vorlage, betreffend den Erwerb deS Berlin-An- haltlschen Eisenbahnunternehmens für den Staat wird ohne weitere Debatte der Eisenbahnkommission überwiesen.
Auch die Vorlage, betreffend die unentgeltliche Ueber- eiguung eines Abschnitts vom großen Tiergarten in Berlin
uns ein neue« Band werden, das uns mit der Außenwelt verknüpft."
Auch Anna denkt es, wenn auch In anderem Sinne. Sie kennt Clara Werners weitschweifende Pläne und knüpft kühne Hoffnungen daran.
In den eleganten Räumen deS Zollernschen HauseS ist trotz aller Festpläne deS gesellschaftlichen Verkehrs wenig gepflegt worden. Die gnädige Frau ist leidend oder glaubt doch wenigstens es zu fein, und nur der Professor Winter Ist ein fast täglicher Gast im Hause gewesen. Auch dem Sohne deS Hauses ist er bekannter geworden, und aus dem anfänglichen Mißtrauen, mit dem jener dem neuen der oft wechselnden Günstlinge der Mutter genaht, ist unerwartet schnell eine Art Freundschaft entstanden; die Männer schätzen an einander den weiteren Blick, der, außer für den eigenen Beruf, sich auch für andere Interessen nicht engherzig verschließt. So haben sie, auf neutralem Boden öfter einander begegnend, manche Stunde mit einander verplaudert. Der Professor hat an Fräulein Eckards Gesellschaftsabenden Miß Anybody wiederholt getroffen, Arthur nie; und Eva, obgleich sie mit dem Professor und Rosen oft und harmlos von Mißchens Erfolgen geplaudert, Zollern gegenüber ist deS Namens nie wieder erwähnt; sie ahnt, daß hier eine Art Geheimnis walten müsse, und daß den Schleier heben zu wollen, einen neuen, vielleicht gefährlicheren Eingriff in Mißchens Rechte und Geschick wagm hieße.
Clara Werner hat fleißig Kunde von sich gegeben. Zwischen Mißchens Papieren liegt mancher Brief von Ihr.
(Fortsetzung folgt.,