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Nr 66.

Marburg, Sonnabend, 18. März 1882

xvii Jahrgang

jittuiaen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureau; ' Th. Dietrich u. Co. in Süffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a-M.; fiaasenstein u. Vogler m ßrankfnrt a. M-, Berlin, Ljpzig, Köln rc.; Rudolf Moffe in Berlin, Frank­furt a. M- rc.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte-, sowie d.Annoncen-Bureaux von G 8. Daube u. Co- in Frankfurt a. M ; Jägersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. Thiene- in Elberfeld; C. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sann- und Feiertagen. Preis für da» Quartal mit der wöchentlichen BeilageJllustrirte« Eouutag-blatt" durch dir Expedition (Roch'sche Buchdruckerei) bezogen 2/4 Mark, durch die Postämter de» Deutschen Reiche- 2 Mark 60 Psg. (excl. Bestellgebühr.) Insertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Psg. Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Psg. berechnet.

Weisheit und Miitzigm-g."

In diesem wichtigen, namentlich für unsere katholische Bevölkerung so wichtigen Augenblicke erscheint » vor Allem wünschenswert, daß diejenigen, welche auf katholischer Seite entscheidend zur Gestaltung der künftigen Verhältnisse mit« -»wirken haben, sich den Blick für die thatsächlichrn Ver­hältnisse klar erhalten und sich nicht durch Aeußerungen, hie dem Interesse des politischen und kirchlichen Partei« kampfes entsprungen sind, irre sühren lasten, schreiht die Prov.-Corresp.":

Zu der Zeit, als die freundlichere Wendung in der Kirchenpolitik sich zu verwirklichen begann, ist darauf hin« gewiesen worden, daß es großer Weisheit und Mäßigung von seiten aller Autoritäten und aller parlamentarischen Kräfte bedürfen werde, um zum ersehnten Frieden zu ge­langen.Der Weg, den wir zurückzulegen haben", sagte der damalig- Kultusminister v. Puttkamer,ist weit und schwierig, und das Fahrwasser, das wir zu durch­schiffen haben werden, ist mit zahlreichen Klippen und Un­tiefen bedeckt, und deshalb wiederhole ich, rS bedarf von allen Seiten der Mäßigung in Forderungen und auch in der äußeren Haltung. Ich meine, man löscht ein Feuer nicht, indem man fortwährend hineinbläst."

Kann cs nun den Frieden fördern helfen, wenn die kirchenpolitische Entwickelung der lehten Jahre in Preußen in dem Hauptorgan der Partei als Gegenstand dertief­sten Trauer" der Katholiken dargestellt wird, während noch vor kurzem ein Bischof der katholischen Kirche aussprach, daßwas man noch vor Jahresfrist nicht zu hoffen ge­wagt, heute schon zur Wirklichkeit geworden sei", und daran die Ueberzeugung knüpfte, daß,ist einmal redlicher Wille und aufrichtiges Entgeaenkommen vorhanden, ein Schritt dem anderen folge auf der Bahn der Verständigung", während derselbe ferner die Anzeichen der Gegenwart al» Morgenröte einer besseren Zeit" zunächst für feine Diö­zese begrüßte und dafür nicht bloS dem Papst, sondern auchunferm hochverehrten Kaiser Wilhelm und seinen Ratgebern" den wärmsten Dank darbrachte!

Solchen und ähnlichen Kundgebungen gegenüber und mit Rücksicht auf allgemein bekannte Thatsachen au» allen Provinzen kann cs nicht ernst gemeint sein, wenn versichert wirddie Not der Katholiken werde immer größer." Al- vermeintlicher Beweis dieser Behauptung wird angeführt, daßnoch zahlreiche Gemeinden der Seelsorge gänzlich entbehren", was doch nur einen Sinn hat, wenn eben an­deren (und zwar gleichfalls zahlreichen) Gemeinden die Seelsorge wiedergegeben ist. Die Not ist gewiß noch immer groß und das Vorgehen der Regierung zeugt davon, daß sie, fern vcn Selbstzufriedenheit, dieselbe durchaus an­erkennt und ihr abzuhelfen gewillt ist.

Daß sie damit so langsam von der Stelle kommt, mag teilweise allerdings darin seinen Grund haben, daß

sie nicht gewillt ist, den ganzen bisherigen Kampsals eine unglückselige Irrung hinzuftellen" und die Gesetzgebung aus der Zeit des Kampfe« im Sinne der Gegner zu revidieren, d. h. einfach abzufchaffen. Die Regierung hält nach wie vor eine Grenzregulierung zwischen Staat und Kirche für erforderlich, bis aber dieselbe gefunden ist, will sie die Vollmacht haben, auf dem Boden der in kraft stehenden Gesetzgebung den Bedürfnlsien der katholischen Bevölkerung soweit al- irgend möglich entgegrnzukommen.

Von derselben Seite innerhalb der katholischen Kirche, von welcher die Erteilung dieser Vollmachten aus'« Hef­tigste verweigert wird, droht man der Regierung, lieber mit der Fortschrittspartei auf die Trennung von Kirche und Staat hinarbeiten zu wollen, als sich der bisherigen Ktrchenpolitik zu fügen. Es kann dahingestellt bleiben, ob die katholische Kirche selbst ein solches, mit ihren Grund­sätzen unvereinbare- Verhalten billigen will; hier kommt nur die politische Seite der Sache in betracht, und eS leuchtet ein, wie verkehrt eS in jeder Beziehung wäre, die Hoffnungen der Katholiken auf das Emporkommen der Partei zu gründen, welche sich von jeher als entschiedenste Widersacherin der Kirche erwiesen hat. Allerdings kann die katholische Partei auch so ihre jetzige Machtstellung im Staate bekunden, aber eS wäre die Macht der Zerstörung und Zertrümmerung, nicht die Macht zum Erbauen, und e« ist kaum anzunehmen, daß unter den Trümmern Keime kirchlichen und sittlichen Lebens sprießen werden. Nicht politische Berechnung und zorniges Aufwallen, nurWeis­heit und Mäßigung" können das allseitig ersehnte Ziel, einen wahren und dauernden Frieden, erreichen lasien.

Deutsche- Reich.

Berlin, 16. März. Der permanente Ausschuß deS VolkSwirtschast-ratS setzte die Beratung der Grundzüge der Krankenversicherung fort und beschloß, daß das von dm OrtSkasien zu zahlende Krankengeld in einzelnen, besondere Berücksichtigung erheischenden Fällen erhöht werden kann, doch soll dasselbe 8/4 deS Lohnes nicht übersteigen. Der Antrag Rissclmann, an Sterbegeld statt des hundertfachen, nur den sechzigfachen Betrag des KrankmgeldeS zu zahlen, wurde angenommen, ebenso der Antrag Herkel, daß die Kasienleistungen der Fabrikantenkasien, wie die Beiträge zu denselben anstatt nach dem DurchschnittStagelohne nach dem durchschnittlichen wirklichen Arbeitsverdienste der betreffenden ArbeitSklasie, soweit derselbe 3 Mark pro Tag nicht über­steigt, bemesien werden soll. In der zweiten Hälfte der Sitzung wurde der Rest der Vorlage betreffend die Er­richtung von Krankenkassen ohne erhebliche Aenderungen erledigt. Der Eisenbahnkommission de» Abgeordneten­hauses liegen rücksichtlich der Frage der Feststellung der Tarife folgende Anträge vor: Nationalliberalerseits wird

zum 8 20 des LandeSeisenbahnratSgesetzeS folgendes bean­tragt:Erhöhungen der bestehenden Normallarifgebühren bedürfen der Genehmigung des Landtags. Im Falle der Dringlichkeit kann die Staatsregierung Erhöhungen der Normaltarifgebühren ohne vorherige Genehmigung de» LandtagS vornehmen; sie muß alsdann aber die nachträg­liche Genehmigung nachsuchen." Ferner beantragen die fortschrittlichen Kommissionsmitglieder:Die Verhandlungm des Landeseisenbahnrats werden von dem Minister der öffentlichen Arbeiten unter Beifügung einer übersichtlichen Darlegung des Ergebnisses und der darauf getrofimen Entscheidungen dem Landtage mitgeteilt. Dem Landtage wird eine Ueberstcht der normalen Einheitssätze für den Verkehr von Personen, Gütern, Vieh und Fahrzmgm, so­wie derjenigen Tarife, welche abweichend von den normalen Einheitssätzen zur Einführung sind, unter Darlegung der Konstruktion der letzteren, sowie der Veranlasiung zu deren Einführung, soweit dieselbe nicht aus den Verhandlungm des Eisenbahnrats hervorgeht, jährlich im Staatshaushalt vorgelegt. Aenderungen in den normalen Einheitssätzen im Verkehr von Personen, Gütern, Vieh und Fahrzeugm durch die Staatseisenbabnverwaltung eingeführt sind, muffen unter Einhaltung der gesetzlich vorgeschriebenen Publikations­frist aufgehoben werden, wenn bei Festsetzung des Staats­haushalts deren Aufhebung verlangt wird." Die Unter­richtskommission beschäftigte sich in ihrer gestrigen Abend­sitzung mit Petitionen. Von allgemeinem Jntereffe war nur die Petition, die Schullasten der Gutsbesitzer betreffend; dieselbe wurde aber im Laufe der Diskussion abgesetzt. Die Eisenbahnkommission deS Abgeordnetenhauses beriet am Dienstag Abend in zweiter Lesung über die von mehreren Seiten gestellten Anträge wegen Wiederaufnahme der Bestimmungen der Vorlage, betreffs der Errichtung eines LandeSeisenbahnratS. Die Zusammensetzung de» Landeisenbahnrats wurde nach der Regierungsvorlage, jedoch mit Ausschluß von Mitgliedern des Landtags und der Ministerialkommisiarien und unter der Wiedereinführung der Bestimmung, daß der Vorsitzende und deffen Stellver­treter vom König ernannt werden, mit 10 gegen 4 Stimmen angenommen. Der LandeSeisenbahnrat besteht demnach aus 42 Mitgliedern, nämlich aus 30 von den BezirkSeisenbahn- räten gewählten Mitgliedern, aus je 3 von dem Landwirt­schafts- und Handelsminister, sowie aus je 2 vom Finanz­minister und dem Minister für öffentliche Arbeiten ernanntm Mitgliedern, sowie dem vom König ernannten Vorsitzenden und dessen Stellvertreter. Die Bestimmungen über die Zusammensetzung deS Ausschusses deS LandeSeisenbahnrat» wurden im Wesentlichen nach der Vorlage angenommen, ebenso die über die Zuständigkeit und Berufung, die Be­stimmung über die Berufung deS Ausschüsse» in eiligen Fällen wurde abgelehnt. Die Bestimmungen über die Geschäftsordnung rc. für den LandeSeisenbahnrat wurden

Unter falschem Harne*.

Von Ellen 8uci«.

(Fortsetzung.)

Ich gnädige Frau?" EvaS Stimme klingt ungewöhn­lich ernii.Nein, meine Kindheit war arm an allem, was ein Kinkerherz ersehnen mag. Meine Eltern habe ich kaum gekannt; auch meine Mutter starb früh; sie hat in ihrem kurzen Leben wohl bittere Täuschungen erfahren. Eine Fremde an dem Orte, wo sie mir da» Leben gab, haben nur Wenige sie gekannt, und meinen Vater wohl Weniger noch. Ich habe oit eine unbeschreibliche Sehnsucht empfunden, näheres von meinen Eltern zu erfahren; doch selbst von einer Frau, die meiner schönen Mutter und schön muß sie gewesen sein, da» zeigt mir da» einzige Bild, das ich von ihr besitze, in ihren letzten Tagen mitleid­voll gepflegt haben soll, vermochte ich nicht» nähere» zu erfahren."

Alles, was ich mir so zusammen träumte von einem vergilbten Blatte, das ich in einem Buche in der Mutter Nachlasse fand, alle anderen Briefe mochte sie zerstört haben.

Sie hat sich an Frau v. Fürstenaus Platze am Klaviere niedergelassen. Mechanisch gleiten ihre Hände über die Tasten, bis sie allmählig die Melodie zu den Worten ge­sunden haben mag, die sie bewegen; und alle» um sich her vergessend singt sie traumhaft leise:

In einem alten Buche Fand ich ein alte- Blatt; Vergilbt war'» und vergeß«» Längst, wer's geschrieben hat.

Doch die, die e» empfange». Hat einst e» hoch beglückt;

Sie halt' e» an die Lippen, Man sah'» gar oft gedrückt.

Gelobt hat Lieb' und Treue

Er drin für immerdar: Und ob er untreu worden, Wer macht- noch offenbar?

Manch Tröpflein gar gefallen Auf die» und jene» Wort; Die Spur, sie war geblieben, Die Schrift nur löscht sie fort.

Run ist. wa» er versprochen Ja längst verweht im Wind, Wie ihrer Beider Namen Verweht, vergeffen sind.

So gab nur Ein» mir Runde Hinaus weit über'» Grab. Von Beider Lieb und Leben Da» alte gelbe Blatt!"

3a, ja", sagt sie sich hastig erhebend und die Hand, wie beschämt über die.Augen legend, e» mag die ewige alte Geschichte sein, die ewig neu ist! Verzeihung nur für meine Offenherzigkeit, ich verstehe mich heute selber nicht! Sie wollten von meiner Kindheit hören. Nun wohl, Mangel habe ich nie gelitten, e» sei denn an etwa« Liebe.

Von unbekannter Hand ist dann bi« vor wenigen Jahren, wo sie plötzlich aushörte, ein bescheidene Pension für mich gezahlt worden. Al« ich größer wurde, ließ man mir selbst in der Wahl meiner Pension volle Freiheit, und ich zog zur alten Mama Krafft. Dort bin ich mit manchem Menschenkindlein zusammengekommen. Die Penstonärrlnnen, wie ich wohl im Uebermute sie nannte, kamen und gingen wie die Zugvögel, und reiche Menschenkenntnis konnte ich sammeln in meiner Art. Auch mit Clara Werner wurde

ich dort im Hause bekannt, und well sie ein Waisenkind war, fröhlich und lebensfrisch wie ich, zog ich sie zu mir heran."

Und durch Fräulein Werner habe auch ich Sie kennen gelernt!" sagt Anna von Fürstenau mit dankarer Innigkeit.

Ja, der Wahl meine« Umgänge», selbst der Wahl meine» Berufes sind wenig Schranken auferlegt worden! Als ich erwachsen war, sollte ich mich für irgend einen Lebenszweck entscheiden. Das war leichter gesagt, als gethan, denn so recht gefiel mir keiner, von allen die für Mädchen sonst üblich sind. Ja, ja, Clara, ich weiß, was Du sagen willst: daß eS nur ganz in der Ordnung ist, daß eine Fran, die keinen Versorger hat, für sich selber schaffe. Ganz recht. Aber die meisten der Mädchen, mit denen ich zusammen kam, wurden Lehrerinnen, dazu fühlte ich keinen Beruf; mit der Nadel oder Kelle, mit Stift oder Elle zu hantieren, gefiel mir noch weniger. Die Telegraphistinnen waren noch nicht erfunden, auch weibliche Aerzte gab eS erst später; da war ich denn schnell entschloffen, vertauschte meinen Namen und ging zur Bühne."

Frau von Fürstenau hat, sichtlich erschreckt, sich von ihrem Sitze au gerichtet, alS müsse sie mit dem hoheit-vollen Anstande, der ihr so eigen, dem unerbetenen Gaste auch sichtbar die Scheidewand andeuten, die sie unübersteigbar zwischen sich und ihr sich aufzurichten fühlt.

Der Tochter Hand hat, wie zu stummer Bitte, sich auf ihren Arm gelegt:Mama, Fräulein Eckard ist mir eine Freundin geworden. Ich weiß, daß auch Du Deiner Freund­schaft sie wert finden wirst; ihr Name ist in Ehren genannt, und wir dürfen eS uns zur Ehre anrechnen, daß sie un» den heutigen Abend fchinkt!"

(Fortfetzimg folgt)