Nr 60.
JHarßutg, Sonnabend, 11. März 1882
xvn ZahkMg
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncrn-Bureaux v. Th- Dietrich u. Co. in jtaffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a M-; Haasenstein u. Vogler in Frankfurt a. M-, Berlin. Leipzig, Köln rc.; Rudolf Moste in Berlin, Frankfurt a. M- ic.
mrrMchk IritW.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux von G 8. Daube u. C». in Frankfurt a. M; Jägersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. ThieueS in Elberfeld: C. Schlotte in Bremen.
Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllustrirteS SountagSblatt" durch die Expedition lK o ch'sche Buchdruckerei) bezogen 2*/4 Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr.) — Insertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Für in der Expedition zu erlheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Pfg. berechnet.
vom Landtag.
Berlin, 9. März.
. In der heutigen (30.) Plenarsitzung des Abgeordnetenhauses trat dasselbe in die zweite Beratung deS Gesetzentwurfs, betreffend den weiteren Erwerb von Privat- cifenbahnen für den Staat, ein. Nach dem 8 1 desselben sollen jetzt folgende Privatbahnen vrrstaatlicht werden: 1. die Bergisch - Märkische, 2. die Thüringische, 3. die Berlin- Görlitzer, 4. die Kotibus - Großenhainer, 5. die Märkifch- Posener, 6. die Rhein - Nahcbahn. Dieselben haben eine Gesamtlänge von 2708 Kilom.; der Preis beträgt rund 952 7? Millionen Mark. Außerdem hat die Kommission mit Zustimmung des Plenums aus einem anderen Entwurf in die gegenwärtige Vorlage noch die Eisenbahn von Eichicht über Probstzella nach der baierisch - meiningischen LandeS- grenze (5 Millionen Mark) hinübergenommen.
Der 8 1 wird geteilt nach den 6 einzelnen Bahnen zur Beratung gestellt, also zunächst die Bergisch-Märkische.
Abg. vom Heede billigt den Ankauf mit Rücksicht auf die wirtschaftlichen Interessen von Rheinland und Westfalen. Nur nach der Verstaatlichung werde ein systematisch anzulegendes Netz der Sckundärbahnen zur Ausführung gelangen und die nötigen BahnhofSbauten gefördert werden können. Vom Minister hofft er zuversichtlich die Beseitigung der auf der Bergisch-Märkischen Bahn zur Zeit bestehenden exorbitanten Ausnahmetarife.
Abg. B ü ch t e m a n n hält seine prinzipielle Auffassung von der Unzweckmäßigkeit der Verstaatlichung auch heute noch aufrecht, und für den Erwerb der Belgisch-Märkischen speziell kann er keinen besonderen Grund erkennen. Der Minister habe schon fitzt alle Mittel in Händen, um den im staatlichen Interesse nötigen Einfluß auf diese Bahn zu üben. Für den Erwerb könnten eben nur die allgemein für die Verstaatlichung maßgebenden Gründe angeführt werden. Die Fortschrittspartei werd« nicht bloß gegen die Bergisch-Märkische, sondern auh gegen alle anderen hier zur Beratung stehenden Bahnen stimmen.
Nachdem der Abg. Hollenberg dem Herrn Minister die Veilängerung der Zweigbahn Finnentrop.Rothemühle nach Wissen empfohlen und der Referent die Ausführungen deS Abg. Büchtcmann widerlegt hatte, wurde die Nr. 1 teS § 1 mit erheblicher Majorität genehmigt.
Bei der Thüringischen Bahn weist Abg. Dr. Ham- macher die Behauptung des Abg. Büchtcmann als unrichtig zurück, daß die Nationalliberalen jetzt weniger Wert auf die wirtschaftlichen Garantieen legen, als früher. Die Nr. 2 wird darauf ebenfalls mit großer Majorität genehmigt.
Bei der Berlin-Görlitzer Bahn erklärt Abg. Kieschke, daß er trotz seiner Gegnerschaft gegen die Verstaatlichung und trotzdem er gegen den Erwerb der großen Bahnen gestimmt habe, für den Erwerb dieser Bahn stimmen werde, da die kleinen Bahnen nicht mehr lebensfähig blieben.
Abg. Dr. Nöckerath kann den Standpunkt des Vorredners nicht teilen; man muffe den Wert in betracht ziehen, und weil er den Preis zu hoch halte, lehne er diese Bahn ab.
Abg. v. Tiedemann weist dem gegenüber auf die Ersparnisse hin, welche der Staatsbetrieb im Gefolge haben werde, so daß der Zuschuß deS Staats zu den Renten der Aktionäre nicht bloß in Wegfall kommen werde, sondern sich noch ein Ucberschuß ergeben werde, umsomehr, wenn der für diese Bahn zweckmäßige Sekundärbahnbetrieb eingeführt werde. Abgesehen von den allgemeineren Rücksichten, welche auS der Lage der Bahn für den Erwerb derselben geltend zu machen seien, würde daher die finanzielle Frage nicht gegen diese Acquisition sprechen.
Abg. K i e s ch k e hält den Preis allerdings hoch, aber nicht zu hoch. Ueberhaupt müffe der Staat, wenn er durch einen gewissen, nicht zu leugnenden Zwang die Eigentümer auS dem Besitze fetze, auch einen nicht zu niedrigen Preis zahlen. — Abg. Dr. Röckerath bleibt dabei, daß der Erwerb dieser Bahn finanziell nicht zu empfehlen sei.
Reg.-Kommiffar Geh. Rat Fleck weist nach, daß der Erwerb dieser Bahn finanziell durchaus unbedenklich sei und betont, die große Bedeutung dieser Bahn in verkehrspolitischer Beziehung und im Hinblick auf die Landesverteidigung. Daß die Forderung für diese Bahn, wenn sie jetzt abgelchnt würde, sich vermindern sollte, wäre nach Lage der Verhältniffe durchaus nicht zu erwarten.
Abg. Büchtcmann behauptet dagegen, daß das verkehrspolitische Interesse keineswegs so groß sei, daß eS die Gewährung eines Preises über den Wert rechtfertige. Der Preis fei thatfächlich aber zu hoch.
Der Referent Abg. v. Neumann hob hervor, daß die Kommission die Erwerbung dieser Bahn nicht blos für nützlich, sondern geradehin für nrtwendig gehalten habe, da eS durchaus geboten sei, baß keine von Berlin nach Süden gehende Bahn im Privatbesitz bleibe; der Erwerb der Berlin-Anhalter Bahn stehe mit Sicherheit in Aussicht. Darauf wurde diese Bahn mit großer Mehrheit genehmigt.
Die KottbuS-Großenhainer Bahn wird genehmigt, nachdem Abg Dr. Nöckerath auch hier finanzielle Bedenken geltend gemacht hatte.
Bei der Märkisch-Posener Bahn betont Abg. v. Dziem- bowSki als für den. Erwerb maßgebend die militärischen und die Verkehrsinteressen, welchen die jetzige Verwaltung beim besten Willen nickt genügen könne. ES sei von der Ucbernahme dieser Bahn in Staatsbesitz mit Sicherheit ein erheblicher Aufschwung der Provinz zu erwarten. Die Bedenken gegen die Höhe des Kaufpreises seien nicht begründet.
Minister Maybach bemerkt, daß bei der Bedeutung der Märkisch-Posener Bahn in militärischer und wirt
schaftlicher Beziehung dieselbe eigentlich schon früher hätte erworben werden sollen. Bei dieser Bahn trete so recht die Aufgabe der Staatsbahnverwaltung hervor, den Kultur- Interessen des Landes zu dienen.
Abg. Dr. Röckerath will zwar auch der Erfüllung militärischer Aufgaben in keiner Beziehung entgegentreten, aber auch die Privatbahnen hätten in dieser Beziehung vollauf ihre Schuldigkeit gethan. Er könne daher aus militärischen Rücksichten sich nicht veranlaßt sehen, einen Preis für eine Bahn zu zahlen, den sie nicht wert sei. — Auch diese Bahn wurde darauf genehmigt.
Zu der Rhein-Nahe-Eisenbahn bemerkt Abg. Knebel, daß der jetzt bewilligte Preis gewiß nicht zu hoch fei, und weist auf die Schäden hin, welche der betr. Gegend durch Verzögerung der Verstaatlichung erwachsen, da eine Reihe von anderen notwendigen Unternehmungen davon abhängig sei. Darauf wurde diese Bahn genehmigt und dann § 1 im ganzen angenommen.
Die übrigen Teile des Gesetzentwurfs wurden ohne Debatte angenommen.
Schluß der Sitzung 3/42 Uhr. Nächste Sitzung morgen 11 Uhr (Fortsetzung der Etatsberatung: Ministerium für Handel und Gewerbe, Finanzministerium, direkte Steuern).
Deutsches Reich.
Berlin, 9. März. Der permanente Ausschuß des Volkswirtschaftsrat besprach das Tabakmonopol heute vorwiegend vom landwirtschaftlichen Gesichtspunkte. Nathn- sius unv Krüger schlugen zu den §§ 7 bis 19 zahlreiche Aenderungen und Milderungen vor. Regierungkommiffar v. Moyr hob die Vorzüge der Vorlage vor den bezüglichen französischen Bestimmungen hervor; das Blätierzählen sei absolut notwendig und der Gewichtsbestimmung vorzuziehen; die Pflanzgebiete könnten eventuell erweitert werden; die Preise würden jedenfalls nicht schlechter sein als bisher. Der Ausschuß nahm dan: die §§ 20 bis 31 der Monopolvorlage mit einigen Aenderungen an, darunter die, daß Absatz 3 zu 8 27 gestrichen und dafür beschlossen wurde, daß die Kommunen berechtigt seien, den Monopolbetrieb wie andere Privatbetriebe zur Besteuerung heranzuziehen. — Einige Blätter melden mit großer Genauigkeit, daß eine FrühjahrSsesstou des Reichstags stattfinden werde und wiffen sogar den Tag deS Zusammentritts und nicht minder die Vertagung des Landtages und den Termin der Wiederaufnahme seiner Arbeiten anzugeben. In unterrichteten Kreisen weiß man davon nichts. Beschlüsse nach dieser Richtung sind bisher nicht gefaßt, und Niemand kann bis jetzt sagen, wofür in jener Beziehung die Bundesregierungen einerseits und die preußische Staatsregierung andererseits sich entscheiden werden. — Die vom 24. v. M. datierte Verordnung über das gewerbsmäßige Verkaufen und Feil
Unter falschem Name».
Von Ellen Lucia.
(Fortsetzung.)
„Antwort? Bring mir Papier und Feder, der Bote mag warten/
Mit schnellen eleganten Zügen fliegt ihre Feder über den zierlichen kleinen Bogen:
„Ob und wie sehr Sie mich zum Dank« verpfiichtrt, bester Doktor, daS sage ich Ihnen in der That morgen. Ich hoffe Sie zu diesem Zwecke noch ein Stündchen früher bei mir zu sehen. WaS das Pseudonym betrifft, so weiß ich kein besseres, als — Miß Anybody. Sie sind deS Englischen mächtig genug, um die Bedeutung deS NamenS zu verstehen; und wenn ich Ihnen damit ein Rätsel aufgebe, so rechne ich gleichzeitig auf Ihre Diskretion, wenn es Ihnen je gelingen sollte, die Lösung zu finden. Im Uebngen muß ich auch Ihrem Scharfsinn überlasten, ob Sie unter dem Pseudonym ferner noch vermuten wollen.
Ihre dankbare treu ergebene Eva Eckard."
Kaum ist das Briefchen in die Hände des Boten gelegt, als Herr von Zollern gemelvet wird.
„Aha, der Weihnachtsmann hat schon früh mit seinen Spenden begonnen", sagt er lächelnd auf die Kastenscheine deutend, die Rosens Brief entglitten sind.
„Und deshalb finden Sie mich in fröhlichster Laune! — Kommen Sie, Zollern, und schauen Sie mich einmal recht ordentlich an!" Sie hat ihm beide Hände auf die Schultern gelegt. „Seien Sie ehrlich. Sehe ich au», wie Jemand, der närrifch genug fein könnte, ein Buch zu schreiben?"
Zollern lachte. „^aS klingt freilich, als ob Jemand die Möglichkeit vorausgesetzt?"
„Die Möglichkeit? Nein; dieser gewisse Jemand zweifelt kaum an der Wahrheit. — Ich Schriftstellerin?" Sie lacht fröhlich auf. „Schöne Menschenkenntnis, mir nur die Geduld zuzutragen zu so endlosen Kritzeleien! Die Thorheit, mich fähig zu glauben, in so nutzlosem Versuchen Kraft und Zeit zu vergeuden!"
„Und wäre eS in der That so thörichtcS?"
„Für mich, ja! An einem Talente hat der Mensch genug; und seiner zu pflegen reicht eines Menschen Leben kaum, wie Sie selbst zu sagen belieben. — Und — überdies, behüt' mich Gott vor einer Begabung, die dem Künstler zunächst nichts als Entbehrung und einsame, mühselige Arbeit bringt! — WaS hätte ich davon, wenn Andere ohne mein Misten, fern von mir, meiner Schöpfungen sich freuen könnten? Nichts, gar nichts Für den Dichter, der fein Lied vom Volke singen hört, der sein Stück auf der Bühne verkörpert vor sich steht — für den mag es gehen! Aber sonst — nein, nein, ich danke, die Selbstverleugnung ist mir zu groß! — Von Angesicht zu Angesicht muß ich mein Publikum vor mir haben; sein Beifall muß mir Mut machen, sein Schweigen mich lehren! Nein, schnell, wie der Augenblick eS mir eingiebt, muß ich mein Werk schaffen können; und ist der Augenblick vorüber, der Vorhang gefallen, dann ist der Abend mein, und ich will froh sein mit meinen Freunden. Nicht wahr, Zollern, Sie kennen mich bester, wie ich bin? Ein Kind des Augenblicks! Die Gegenwart gehört mein; was kümmert mich dir Nachwelt? Dem Mimen flicht sie keine Kränze, und die Lorbeeren, die sie dem Dichter aus's Grab legt, sie machen die Erd« ihm nicht mehr lrichter. — Der Nach
ruhm, sagen Sie? — Liebster Zollern, ein freundlich Lob, ein wenig Liebe im Leben ist mir mehr wert, als aller Ruhm im Tote."
„So stammt die Arbeit nicht von Ihnen, gnädiges Fräulein, und Rosen war mystifiziert?"
„Von mir nicht. Ich habe nur darin gefehlt, daß ich nicht direkt widersprochen. Was wollen Sie? — Der alte PracticuS sollte doch der Menschenkenntnis, der er stets sich rühmt, dazu genug haben. Die Arbeit war brauchbar, was kümmerts ihn, ob der Verfasser bekannt, berühmt ist oder nicht? Die Blätter verstehen eS ja prächtig, für ihre Mitarbeiter, resp. Mitarbeiterinnen Reklame zu machen. Mag er doch sorgen, daß die Verfasserin immer bekannter werde; seinem Blatte selber ist'S der beste Nutzen! Sie lacht herzlich.
„Und die Verfasserin? Darf man den Namen wissen?"
„Warum nicht? Ich habe sie — Miß Anybody getauft."
„Miß Anybody? Jene Dame also, mit der ich Sie neulich im Schlitten des Kommerzienrates vor Rosen'» Thüre sah?"
„Zollern, mir grautS vor Ihnen! Sie nannten schon vorhin Rosens Namen, ohne daß ich ihn Ihnen genannt, und nun kennen Sie auch die Verfasterin. Sind Sie allwissend?"
„Wäre ichs, so wüßte ich die Wohnung jener Dame, die ich von Ihnen zu erbitten komme."
„Von mir, bester Zollern? — Sie werden mir nicht glauben, daß ich sie selber nicht weiß. Ich erwarte Fräulein Werner'« Ankunft, um sie zu erfahren."
_ (Fortsetzung folgt.,