Marburg, Gonnabend, 4. März 1882
xvii Jahrgang
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Abg. B eifert legte bar, daß daS Interesse der Berliner Kaufmannschaft an der neuen PackhofSanlage rin fehr prckaireS fei. Daß dieselbe gesetzlich nicht zu den Kosten derselben heranzuziehen sei, habe der Herr Minister bereit- hervorgehoben. Er (Redner) könne nach Lage der Verhältnisse versichern, daß auch im Wege der Verhandlungen die Kaufmannschaft sich zu keinem Beitrage verstehen werde, denn dieselbe habe die Besorgnis, daß ihr die neue Anlage in mannigfacher Beziehung geradezu schädigen könne.
Demnächst wurde die Vorlage einer besonderen Kommission von 14 Mitgliedern überwiesen.
ES folgte die Beratung der Denkschrift über die Ausführung des Gesetzes vom 23. Februar 1881, betreffend die Bewilligung von Staatsmitteln zur Hebung der wirt- fchaftlichen Lage in den notleidenden Teilen deS RegierungS- bczirks Oppeln. Abg. ».Ludwig kritisiert die Denkschrift in einzelnen Teilen. Abg. S ch r ö d c r (Lippstadt) vermißt Mitteilungen über die Regulierung der Weichsel. Abg. Dr. Franz anerkennt, daß die Zentralleitung Alles ge« than habe, waS zur Ausführung der Intentionen des Gesetzes nötig war; indes hätten die unteren ausführenden Organe nicht selten Mißgriffe gethan.
Minister Lucius erklärt, die Negierung würde, wie bisher, alle geäußerten Wünsche und Andeutungen möglichst berücksichtigen. Die bisherigen Leistungen der Provinzial- Behörden für die Hebung der Lage in den RotstandS- distrikten, besonders die Förderung der Vorarbeiten für die Drainage übersteigen alle Erwartungen und erheischen die lebhafte Anerkennung. Die Regulierung der Weichsel würde so bald, als dies nach den Verhältnissen möglich sei erfolgen. Die Regulierung der Oder biete größere Schwierigkeiten und erfordere große Mittel; sie habe übrigens bisher noch nicht euch nur ein Moment geruht. Die Hausindustrie fei lediglich eingeführt, um die Produktionsfähigkeit zu heben und die Bevölkerung an die Arbeit zu gewöhnen.
Abg. v. Huene anerkennt, daß die Regierung unbestreitbar die besten Intentionen habe; die Ausführung der eigentlichen AussührungSstellen lasse aber viel zu wünschen übrig.
Abg. v. Bitter (Waldenburg) konstatiert, daß eS die Negierung in der kurzen Zeit nicht mehr erreichen konnte, und daß die Handwerksichulen im Waldenburger Kreise den lebhaftesten Anklang gesunden haben und erfreuliche Resultate aulweisen. — Der Bericht wird hierauf an eine besondere Kommission von 14 Mitgliedern überwiesen.
Das HauS erledigt schließlich die auf der Tagesordnung stehenden Teile des Etats. Zum Anträge deS Präsidiums, betreffend den Neubau eines G schäflSgcbäudeS für da« Abgeordnetenhaus ei klärt Minister v. Puttkamcr, daß der Antrag rfö Präsidiums dem wirklichen Bedürfnisse enlspicche; oaS Minist>rium selbst habe nur völlig unzu
Vom Landtag.
Berlin, 2. März.
DaS Abgeordnetenhaus erledigte in dritter Beratung debattclos die Gesetzentwürfe, betr. eine dem herzoglich Glücksburgischen Hause zu gewährende vertragsmäßige Abfindung, betr. Bestimmungen über die Gerichtskosten und die Gebühren der Gerichtsvollzieher und betr. die Kosten der Stierhaltung in den LandcStcilcn des linken RheinuferS.— Die allgemeine Rechnung über den Staatshaushalt de« JahreS vom 1. April 1878/79 wurde der RechnungSkom- misston überwiesen.
Es folgte die erste Beratung des Gesetzentwurfs, betr. die Errichtung einer neuen fiskalischen PackhofSanlage in Berlin. § 1 der Vorlage lautet: „ES ist eine Anleihe im Betrage von 5939600 M. durch Ausgabe von Schuldverschreibungen aufzunehmen, um unter Beseitigung des fiskalischen PackhoieS in Berlin auf der MuseumSinfel für Rechnung des Staates eine neue PackhofSanlage mit Verwaltungsgebäuden unterhalb der Moltkcbrücke auf dem rechten Ufer der Unterspree hierfelbst zu errichten."
Abg. Reichensperger (Köln) macht gegen die Vorlage geltend, daß e« dem Prinzipe der ausgleichenden Gerechtigkeit wioerspreche, für die großen Bauten in Berlin t immer die Staatskasse in Anspruch zu nehmen. Auch für ‘ die Berliner Stadtbahn habe der Staat sehr große Ausgaben gemacht. Auch werde die Berliner Kaufmannschaft, deren Jnteresfe vor allem der Packhof diene, gar nicht in Anspruch genommen. Der Redner weist dann auf die großen Kosten hin, welche im Gefolge der Vorlage die weiteren Museumsbauten mit sich führen müßten, und hält im übrigen eine genaue Prüfung der Vorlage in der Kommission für geboten.
Abg. Hobrecht entgegnet dem Vorredner, daß diese Anlage ein dringendes Bedürfnis sei, und durch den Eisenbahnverkehr und die Ausdehnung der Stadt notwendig geworren sei. Sie entspreche einem allgemeinen, keineswegs speziell Berliner Interessen. Die Berliner Stadtbahn sei nichts weniger als aus den Wünschen der Stadt Berlin hervorgegangen, denn die City werde durch dieselbe zweifellos in ma rcher Beziehung geschädigt. Trotzdem werde eS gerade der Beilin r Lokalverkehr sein, welcher das Anlage
kapital verzinse. Die Frage, ob die Berliner Kaufmannschaft zu den Kosten der Vorlage besonders heranzuziehen fei, möge man in der Kommission näher untersuchen. Die zukünftigen MuscumSbauten aber strhen heute noch überall nicht zur Verhandlung. Er beantrage eine genaue Prüfung der Vorlage durch eine besondere Kommission von 14 Mitgliedern.
Abg. Kirsch ke, der im übrigen die Notwendigkeit des Baues und den vorgelegten Plan, genauerer Prüfung Vorbehalten, im allgemeinen billigt und auch betont, daß mit Annahme dieser Vorlage sich daS HauS bezüglich der späteren Kunstbauten auf der Museumsinsel in keiner Beziehung binde — erklärt sich nur insofern gegen den Entwurf, als er den erforderlichen Betrag von rund 6 Mill, nicht durch Anleihe beschaffen, sondern in daS Extraordi- narium der Etats einstellen will. Er beantragt die Ueber- weisung an die Budgetkommisston.
Finanzminister Bitter weist dem gegenüber darauf hin, daß die Vorlage erst nach Abschluß des Etats habe fertig gestellt werden können, legt das Bedürfnis der Anlage des Näheren dar und weist darauf hin, daß die Anlage durchaus nicht lokaler Natur fei, da die Lagerstellen dem Verkehr des ganzen Landes dienen. Auch nach dem Zoll- gefctz würde sich die Heranziehung der Berliner Kaufmannschaft rechtlich nicht rechtfertigen lassen. Auf die Zwecke, wozu die freiwerdenden Teile der MuseumSinfel verwendet werden sollen, in den Motiven hinzuweisen, habe die Negierung für eine Pflicht der Loyalität gehalten. Dabei erinnert der Minister zugleich an daS, was der Staat für Kunstdenkmäler rc. hergegeben habe in den Provinzialstädten und betont, daß auch die Hauptstadt des Landes und deS Reiches jedenfalls als folche ihre blondere Berücksichtigung beanspruchen dürfe. Im übrigen würden die Bedenken gegen diese zukünftigen idealen Pläne erst bei Einbringung der betr. Vorlage zur Erledigung kommen können; das vorliegende praktische Bedürfnis dürfe unter denselben jedenfalls nicht leiden!
Abg. Freiherr v. Minnige ro d e erklärt, daß seine Freunde der Vorlage im allgemeinen zustimmen, und hält im Wege der Verhandlungen die Heranziehung der Berliner Kau'mannschaft zu den Kosten der neuen PackhofSanlage für wünschenswert. Prinzipiell ständen die Kon ervativen den auf der Museumsinsel auszuführenden Kunstbauten nickt entgegen, nur müßten sie im Hinblick auf andere zurückgestellte Be ürfnisse deS Staats davor warnen, mit der Ausführung jener Kunstbauten allzu scknell vorznaeh n. Daß die Forderung für die Vorlage durck eine Anleide zu decken sei, findet et ganz in der Ordnung. Zur Vor. beratung werde sich eine besondere Kommission am meisten empfahlen.
Abg. G rum brecht möchte die geforderte Summe mit dem Abg. Kiesckke in den Etat eilsteUen.
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Unter falschem Name».
Von Ellen Lucia.
(Fortsetzung.)
Er blickt erleichtert auf, als er die Schwester zu ihren Einkäufen zurückkehren sieht. Er muß Gewißheit haben, und sie sich verschaffen, erscheint so leicht; doch, welches Recht hat er, ihre Schritte zu überwachen? Sie hat so kühl, säst ablehnend seine herzliche Annäherung zurückge- teiefen; die eigene Kinderfreundschaft giebt ihm so wenig ein Recht, wie feine Freundschaft für den Bruder.
Der leichte Wagen eines Arztes kommt die Straße entlang gerollt er hält vor dem gegenüberliegenden Hause. Auch der Mann, der ihm entstiegen ist, sieht prüfend zu dem Schlitten hinüber und zieht den Hut, die Damen zu grüßen. „ . u
Den Mann kennt er wohl; als den neuen Hausfreund und ärztlichen Berater der Mama hat er inzwischen reichlich Gelegenheit gehabt, ihn kennen zu lernen. Ah bah! er muß durch eine Ächnlichkeit getäuscht werd n fein; woher sollte Profeffor Winter Anna v. Fürstenau kennen? Er mustert das Haus, vor dem der eschlitlen hält, eS bietet des Bemerkenswerten wenig. Ein großes Schild nut zeigt, daß hier die Redaktion eines der bekanntesten blätter ihren Sitz aufgeschlagen hat und eben jetzt ihre Sprechstunde abhält.
Richtig! Doktor Rosen schwingt hier sein Szepter, für einige Stunden des TageS wenigstens; waS hindert ihn, demselben seinen Besuch zu machen? Wer weiß, wann er wieder einmal in die Nähe kommt!
Isidore hat den Bruder zu sich herangerufen. Er soll bei einer zweifelhaften Wahl die Entfcheidung übernehmen.
Zum F-nstnplatze zu ückgekebit, st hl >r en Platz tm Schlitten leer.
Auch der Doktor, der wieder zum Hause herauSzetreten ist, scheint sichtlich enttäuscht.
„Einen Augenblick, Mama, ich bin sogleich zurück!" Mit diesen Worten ist auch Kurt auf die Straße hinauS- getreten- Mit Vergnügen sieht Frau von Zollern die ihm nachgeblickt, seine Begrüßung mit dem Professor.
„Ein paar seltene Rapven, nicht wahr? Sie sind Kenner, Herr Lieutenant!" begrüßte ihn Winter.
„Der Kommerzienrat kann sich'S gestatten. Er hält das Beste gerade gut genug sür sich!"
„Respektive für seine Frem.de und — Freundinnen."
„Sie kannten die Dame im Schlitten?"
„Ich glaube sie in einer kleinen Abendgesellschaft bei unserer kleinen Eckard gesehen zu haben. Allzu gewiß bin ich indes meiner Sache nicht. Schade, daß Sie damals fehlten; Holterling überbot sich wieder einmal in Wortspielen."
„Ich war durch andere Verabredungen verhindert."
„Und verdienen somit also gar nicht, daß wir Alle Ihrer gedachten."
„Unverdiente Güte, in der Thal!"
„Und daß ich — vergeblich vielleicht — in der Gunst der liebenswürdigen Wirtin Ihnen den Rang abzulausen versucht. Unser kleiner Bildhauer hat mich sogar alö „Faust" an ihrer Seite verewigt."
„Eine gefährliche Situation!"
„Wenigsten- ward dem Kommerzienrat dadurch die gute Laune getrübt. A propos, Fräulein Eckard scheint foebm dem Doktor Stofen ihren Besuch zu machen?"
„Zbm vermutlich ihren Dank abzunalten für seine Lobeserhebungen in der letzten Theaterkritik. Seid doch benei- denSweite Menschen, Ihr Herren Aerzte und Neeesenten, bei allen Damen in Gunst!"
„Auch ich? — DaS ick nicht wüßte!" Winter blickt suchend zum Schlitten hinüber.
„Sie suchen Jemand, Herr Profeffor, kann ich be« hülflich sein?" forscht der junge Offizier, aufs neue argwöhnisch geworden.
„Eine junge Dame, die ich vorhin in einem Schlitten sah. Sie hat mich sicher nicht wiedererkannt, falls sie eß gewesen, die kleine Miß — wie heißt sie doch — Aenni Body, oder so ungefähr. Ich kann die englischen Namen nie behalten."
„Thut wenig auch zur Sache, wenn die Persönlichkeit nur desto treuer im Gedächtnis haftet."
„Die Persönlichkeit, ja! Ich habe mich mit der Dame trefflich unterhalten. Nur mit den Gesichtszügen ergeht tf mir fast, wie mit den Namen. Ich hatte die Dame mir zur Rechten und das ist eben kein befonderS günstiger Platz, um Gesichtszüge zu studieren." Frau von Zollern hat mit ihrer Tochter den Laden verlaffen.
Die Herren verabschiedeten sich. Der Offizier wird freundlich für die nächste halbe Stunde von der Begleitung feiner Damen dispensiert; sie wollen für ihn selber nun Einkäufe machen. — Unbeschäftigt wandert er die Straße auf und ab. Schlitten und HauS üben unbewußt noch immer ihre Anziehungskraft auf ihn aus. —
(Fortsetzung folgt.)