Marburg, Dienstag, 28. Februar 1882
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Judentum sei seiner Partei aufgedrungen und unbedingt notwendig, wenn dasselbe unser deutsches Leben nicht dauernd überwuchern sollte. Die Gefahr zeige sich in der Presse, wie in der Börsenspekulatidn, im Zwischenhandel. Besonders frappant seien die Erscheinungen auf dem Gebiete des Berliner Schulwesens, wo auf den höheren Klassen der Gymnasien der Prozentsatz der jüdischen Schüler lut stetigen unverhältniSmäßigen WachStume begriffen sei. Dazu käme die Steigerung der Zahl der jüdischen Referendare und Rechtsanwälte in Berlin. Daö Judentum wolle auch nicht bloß leben und Geld verdienen, sondern seine Auffassung geltend machen im öffentlichen Leben und in der Presse. Das Judentum wolle herrschen und unsere Bildung um 2000 Jahre zurückdrängen. Da muffe der deutsche Volksgeist auf seinem Posten sein, und auch der Regierung muffe man zurufen: Videant Consules 1 Jedenfalls seien in Berlin keine Ausschreitungen gegen die Juden vorg kommen, und im übrigen habe die christlich-soziale Bewegung, an deren Spitze er stehe, nur von ihrem Rechte Gebrauch gemacht, wenn sie dem Uebergewicht des modernen Judentums Halt zu gebieten suche. Für die in den Provinzen vorgefallenen, sehr beklagenswerten Ausschreitungen könne man ihm die Schuld sicher nicht beimeffen. Die Verhältnisse in Ncustettin, Pollnow beispielsweise lägen nicht anders als in Berlin, aber dort fehlten eben die Männer, welche wie hier in geordneten Versammlungen die Ordnung aufrechthielten. Und wenn cs in Pommern und Westpreußen zu Ausschreitungen gekommen, so vergesse man doch auch nicht, daß und welcher Zündstoff dort vorhanden gewesen. In dieser Beziehung bringt der Redner verschiedene Details vor. Wer über solche Dinge sprechen wollte, dürfte niemals vergcffen, wer die Verarmung und Aushungerung des kleinen Bauern- und des Handwerkerstandes und anderer gesellschaftlicher Klaffen herbeigeführt. Seltsam sei eS aber, wenn man nun gar seine Partei für die russischen Exzeffe verantwortlich machen wolle. — Im allgemeinen sei sein Standpunkt der, daß er die Emanzipation der Juden nicht, wohl aber die Untergrabung unserer Verhältnisse durch das Judentum bekämpfe. Der Hauptirrtum bestehe offenbar darin, daß man Emanzipation für Gleichstellung nehme. Er suche Abhilfe zunächst auf administrativem Wege; halte man diesen verfassungsmäßig nicht zulässig, so sei er auch gern zur gesetzlichen Regelung bereit. Um die Juden auf die Stellung zurückzudrängen, die ihnen gebühre, und um unser Volksleben von der Infektion zu befreien, an der es seit langem leide, balte er eine Agitation m den Grenzen der Gesetze für eine unabweisbare Pflickt Au wirtschaftlichem Wege erhofft er übrigens eine Besserung bet Verhältnisse von der Durchführung der sozialen Gesetzgebung.
. (Bravo I rechts. Zischen links.)
Abg. Br. Virchow sucht die Hauptschuld für die I Bewe iung auf die Rechnung zu weis n; beute noch wisse
man nicht einmal, wie der Reichskanzler trotz der Massenpetitionen zu der antisemitischen Bewegung eigentlich stehe. Während man geglaubt hätte, die Judenhetze sei zu Ende, inauguriere sie Herr Stöcker von neuem. Deshalb sei e- unabweislich, daß die Negierung klare Stellung nehme. Man stehe hier auf dem Boden des gleichen Rechts, welches die Verfassung garantiere. Auf den Zuruf aus dem Zentrum: Artikel 15, erwidert der Redner, daß derselbe auf ver- faffungSmäßigem Wege aufgehoben, bis dahin aber respektiert sei. Wenn die Negierung eine bestimmt ablehnende Haltung der antisemitischen Bewegung gegenüber annehme, werde dieselbe bald verschwinden! Der Redner geht dann auf die Wahlagitation im zweiten Berliner Wahlbezirke ein und kehrt bald darauf zur antisemitischen Bewegung zurück. WaS Herrn Stöcker als Funken erschiene, das werde in weiterer Ferne Brandraketen und Brandreden, und so habe sich die Bewegung nach Rußland fortgcpflanzt. Herr Stöcker sei nicht der Apostel dcS Friedens, sondern des Unfriedens. Das Horrible fei, daß derselbe geradezu den Raffenhaß predige. Die Emanzipation der Juden verstehe er einfach so, wie es die Verfassung ausspreche; er wolle also sür die Juden nichts Besonderes, sondern nur ihr Recht! — Der Redner kam darauf auf die gestrigen Ausführungen des Abg. Berger über die angebliche Schädlichkeit der Berliner Kellerwohnungen. Thatsächlich wäre die Sterblichkeit in den höheren Etagen wesentlich höher, als in den Kellerwohnungen. Die Gründe für diese Erscheinung wäre noch nicht festgestellt; die Thatsache aber stehe fest. Der Redner berührte schließlich noch verschiedene andere Punkte und beschwerte schließlich sich auch über die Haltung der amtlichen Kreisblätter.
Minister des Innern, v. Puttkamer, kann keinen Grund erblicken, weshalb die Regierung eine neue Erklärung über ihre Stellung zu der antisemitischen Bewegung abgeben sollte, nachdem sie eine solche durch den Mund de« Vizepräsidenten des StaatsministcriumS, Grafen Stolberg in der Sitzung vom 20. November 1880 in ausgiebiger Weise abgegeben habe. DaS Videant consules I müsse er demnach nach beiden Seiten hin ablehnen! Mit Entschiedenheit weist der Minister den Vorwurf des Abg. Virchow zurück, daß die mangelnden Maßnahmen der Regierung die Tumulte in Westprcußen und Pommern verschuldet hätten. Eine besonders kräftige Initiative bet solchen Gelegenheiten wäre bei den bescheidenen örtlichen Polizeimilt ln der östlichen Provinzen nickt möglich. Von vorzeitigem Requirieren miliiärifcher Kräfte aber, wie sie damals von liberalen Blättern vilfach gefordert hätte er mit gutem B-dackt Abstand genommen, um Blutvergießen zu vermeiden. Er sei überzeugt, daran Recht gethan zu haben, der Voiwurf aber, daß die Negierung die Exzeffe durch ruhiges Zusehen mit verschulde, sei durchaus un- beg'ürrkct.
In der heutigen (20.) Plenarsitzung des Abgeordnetenhauses wurde zunächst der Gesetzentwurf, betr. die Verwendung der Jahresüberschüffe der Verwaltung der Eiseubahnangelegenheiten, nach kurzer Debatte, worin der Abg. G r u m b r e ch t beim § 4 auf daS Hammachersche Amendement zurückgekommen war, im einzelnen unverändert nach den Beschlüssen zweiter Lesung und dann im ganzen angenommen. Demnächst wurden in dritter Beratung debattelos genehmigt: Die Gesetzentwürfe, betr. die Umgestaltung des Kurmärkischen und Neumärkischen Aemter- kirchenfonds, betr. eine Abänderung der Grundbuchordnung, betr. das Kirchenwesen im Jadegcbiet, betr. die VerjährungS- stisten bei öffentlichen Abgaben in den Provinzen Schleswig- Holstein, Hannover und Hessen - Nassau, und endlich betr. die Veränderung der Grenzen einiger Kreise in den Provinzen Westpteußen und Brandenburg.
Bei Fortsetzung der Beratung deS Ministeriums deS Innern erhielt zunächst das Wort:
Abg. Stöcker. De,selbe betonte einleitend, daß er gezwungen sei, den Haneschuh aufzunebmen, der ibm von soitscktitilicher Seile hingeworfen. Wie Herr Richter ihm immer Hetzreden vorwerfen könne, fei vollständig unver- sländlich. Denn gerade dieser Herr hetze gegen alles, allerdings nickt gegen das Judentum. Glücklickerweise finde derselbe jedoch keinen Zündstoff sür seine Hetzereien. Der Redner wie« dies nament ich an dem Falle Diez nach, wie Herr Richter seine unverantwortliche Stellung als Abgeordneter benütze, um Männer anzugrcifen, die sich hier nicht verteidigen könnten. — Der Kamps gegen daS moderne
Bom Landtag.
Berlin, 25. Februar.
DasHerrenhaus genehmigte in seiner heutigen(9.) Sitzung die Landgüterordnung sür die Provinz Westfalen und einige rheinische Kreise mit unerheblichen Abänderungen nach den Kommissionsanträgen. Minister Lucius hatte sich mit den letzteren bis auf einen Zusatz zu 8 17, der bei der Spezialberatung wieder gestrichen wurde, einverstanden erklärt. — Nächste Sitzung unbestimmt.
Unter falschem Namen.
Von Ellen Lucia.
(Fortsetzung.)
Und sie erzählt munter von dem traulichen Beisammensein im alten Schulhause; wie trotz der trübseligen Klaffenzimmer die jungen Lehramts-Kandidatinnen oft voll Ueber- mut selbst über Mittag dort geblieben; wie Stephan, der schlürfende Schuldiener, dem zur Postmeisterlichen Exzellenz schier alles, zum Heiligen nur die Nuß fehlte, wie er selber sagte; sie nannten ihn scherzend stets nur den heiligen Slephmus, dann den braunen Trank der Moceabohne gebraut und hohe Kuchenbcrge, die unvermeidlichen „Ehe- männer" herbeigcschleppt; und wie trotz aller Heimlichkeit fit dann, mit den dumpfen Taffen zusammenstvßend das Examenlied angestimmt.
„Die richtige Burschenschaft. Da fehlt ja nur CorpS- band und Schleife!" lacht Rosen.
„Alles vorhanden, die letztere zum wenigsten. Schauen Sie hier!" sie zeigte dabei gravitätisch auf ihre rote Vor- steckschleife.
„Sie sehen, ich gehörte zu den Roten."
Der Redakteur schüttelt sich vor herzlichem Lachen. „Ist 69 zu glauben?" fragt er zum Profeffor hinüber.
„Warum nicht? Bei all diesen EmanzipationSbrstre- vungen „ erden die weiblichen Studentinnen doch nicht zurückbleiben wollen!"
„O bitte, wir waren durchaus nicht so sehr sür den vvrffchritt. Wir zählten ganz ehrwürdige Häupter unter uns, Don denen — die Eine schon Diakonissin, die Andere 8°t Hofdame geworden! UebrtgenS war unser kamerad
Dock böit's und verklindei's in allen Landen: Hi-r hot die erste Frau ihr Examen bestanden!
u. s. w, bis endlich Luther an die Reihe kommt:
Doch Luther, diesem großen Mann, Lag am Examen gar nichts dran. Der hat ein frommes itoeib aenommen. DaS ungelehrt dem Kloster entkommen."
„Bravo, bravo! Holterding, da hören Eie eS, Sie sind geschlagen," ruft der Profeffor rasch und laut, als ob er Fräulein Werner zur Hülfe kommen müsse.
„Auf ein glückliches Examen für Jedermann!" erhebt er sein GlaS. „Das Leben bringt der Prüfungen so manche; auf daß wir alle sie glücklich bestehen!" Er hält sein GlaS der jungen Wirtin entgegen; auch seine Nachbarin und Clara Werner klingen mit den ihren hell zusammen. Sie stehen noch bei einander, als die Gäste schon ihre Sitze verlassen und sich anschicken, ihre Tischdamen inS Nebenzimmer zurück zu führen.
„Welch eine glückliche Gabe, das Leben so leicht zu nehmen!" bemerkt Mißchen, „ich könnte sie darum beneiden."
„Wen? Fräulein Werner? Ich weiß nicht, ob allzu leichter Sinn für eine alleinstehende Dame, und Lehrerin zumal, beneidenswert sein mag. Holterding hat sich in Wortspielen geübt. Ich mag es ihm nicht nachthun; aber leichter Sinn und Leichtsinn sind ... ."
„Sie verkennen Fräulein Werner! Sie ist lieb und gut! und auf den Beruf, den sie erwählt, ist sie durch die Notwendigkeit hingewiesen; — uns Frauen bleibt wenig freie Wahl."
(Fortsetzung folgt-!
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von den Landpostboten, entgegengenommen.
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Illustriertes Sonntagsblatt
„ nimmt entgegen: Äebition d. Blattes, kmiNinnoneen-Bureaux . s"A. Dietrich u. Co. m I ’■ und Hannover; Th. I Eich in Frankfurt a.M.; I FSin -u- Vogler in ' Htfu M-' Berlin, ^n.i° Köln rc.; Rudolf Sv”,
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sckastlickeö T>eibm heimlicher und batrnloser, als Sie ceuten mögen."
„Aber ein Corpslied hatten sie dock?"
„Corpslied oder Examenlied, wie sie wollen, und zwar in den schönsten Knittelversen."
„Ack, bitte, eine Probe nur!"
„Eine Probe? Wünscken Sie wenigstens das Ganze nicht" ES ist länger und langweiliger noch, als alle Examina selber."
Auch die Nachbarn drängen.
„Meinetwegen denn! Wir waren gründlich und begannen mit der Schöpfung:
Als Adam sät', und Eva buk Brod, Da gab es auf Erden noch keine Examennot! Die kam erst, als man das Paradies Um schwerer Sünde willen verließ. Drum habe ich auch immer gedacht: Zur Strafe nur sei das Examen gemacht! Adam, wo bist Du? Höre und sage. So klang die erste Examenfrage. Wo ist Dein Bruder? tönet fort Im zweiten Examen das zürnende Wott. Doch Menschen, die alles imitieren, Wollten bald selber examinieren;
Sie hält errötend Inne.
Wetter doch!" bitten jetzt auch die anderen Stimmen aufs" neue. .So lasten Sie mich eine andere Strophe beginnen; das Hineinziehen der biblischen Geschichte hat mir nie recht gefallen wollen:
cyn Deutschland, als Karl der Große thät herrschen, Gab eS schon leid'ge Sxamen-Recherchen Und gar der Lehrer mußt' sich beklagen. Daß man die Fußtapfen im Schnee thät befragen.
t. mit 81 verkam wär. [66 crei, P fließen)! u§, Ärf 4 Affte ift weg!
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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte-, sowie d.Annoncen-Bureaux von G L. Daube u. C». in Frankfurt a. M ; Jägersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. ThieneS in Elberfeld; C. Schlotte in Bremen.
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