Marburg, Donnerstag, 23. Februar 1882
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Bom Landtag.
Berlin, 21. Februar.
Das Herrenhaus setzte in seiner heutigen (5.) Sitzung die Spezialberatung über daS Gesetz betreffend die Fürsorge für die Witwen und Waisen der unmittelbaren Staatsbeamten, und zwar über 8 24 des Gesetzes fort. Der- lUbe lautet nach der Regierungsvorlage:
„Die Bestimmungen dieses Gesetzes sind auf die Lehrer an den höheren und niederen Unter richtsanstalten der Unterrichtsverwaltung mit Ausnahme der technischen Hochschulen nicht anwendbar, die anderweit gesetzliche Regelung der Fürsorge für die Witwen und Waisen derselben bleibt Vorbehalten."
Die Kommission hat mit 9 gegen 2 Stimmen beschlossen, die Verwerfung dieses Paragraphen zu empfehlen, und der Referent Herr Bredt legt die Gründe für diefen Befchluß dar. Da das Gesetz für alle Staatsdiener, auch für die Beamten der verstaatlichten Eisenbahnen, ausgedehnt werden solle, so hielt die Kommission es für inkonsequent und ungerecht, einen ganzen so geachteten Stand, wie die Lehrer, von den Wohllhaten des Gesetzes auszuschließen. Man müsse vielmehr bestrebt sein, nicht nur die Lehrer im unmittelbaren Staatsdienst, sondern auch die nur mittelbar im Staatsdienst befindlichen Lehrer, also die an städtischen Gymnasien und höheren Schulanstalten angestellten Lehrer, zu den Wohlthaten des Gesetzes heranzuziehen, denn das Bedürfnis einer gesetzlichen Regulierung der Lehrerwitwen- und Waisenangelegenheiten habe sich bei dem Mangel jeder gesetzlichen Grundlage gerade bei den kommunalen Anstalten ganz besonders fühlbar gemacht. Und da nun außerdem noch Petitionen von Lehrern und Direktoren verschiedener höheren Schulanstaltcn Vorlagen, welche die Beseitigung der Bestimmungen erbaten, nach welchen die Lehrer, welche unmittelbare Staatsbeamten sind, ausgeschlossen werden, so sah die Kommission sich veranlaßt, aus Gründen der Gerechtigkeit die Ablehnung des § 24 zu empfehlen.
In der Diskussion nahm zunächst Herr Becker (Düsseldorf) das Wort. Der Vorschlag habe ihn zuerst sympathisch
Unter falschem Namen.
Von Ellen Lucia.
(Fortsetzung.)
Eine ältere Dame, die unentbehrliche AnstandSmama, empfängt die Gäste. Einige Damen und Herren in bequemer, doch gewählter Toilette stehen plaudernd umher, alle mehr oder minder interessante Gestalten. Vor dem Flügel lehnt in bequemer Haltung ein jugendlicher Herr im gewältcsten Gesellswafsanzuge; das GlaS im Auge, die scharf gebogene Rase verraten unschwer den wohlhabenden Finanzmann, der a!S Künstlerenthustast sich als Beschützer der beliebten jungen Schauspielerin gefällt. Während er ungezwungen am Gespräche der Umstehenden sich beteiligt, gleiten seine Hände in einzelnen Griffen über die Tasten. — Ein jovial dreinschauender Mann, dem auf Kinn und Wange die Menge der Haare sprießen, deren das Haupt ermangelt, führt das Wort. Unerschöpflich scheint er in feinen Berichten; von der neuesten Hofanekdote bis zur folgen ch werstcn politischen Kunde, die eben von drüben über dem Meere gekommen, von allem weiß er zu berichten, und mancher Funken deS Witzes und geistvoller Bemerkung sprüht hervor. Doktor Rosen ist Redakteur eines größeren Feuilletons, Mitarbeiter und Kritiker für manche bewährteren Blätter, und von manchem satyrischen Gedichte und humoristischen Aussatze geht die Kunde, daß sie seiner Feder entflossen. Die Künstler jeden Genres halten ihn sich gern zum Freunde, und sie thucn recht daran, ist er doch — seine einzige Schwäche, — für einen Druck von zarter Hand und ein gutes Souper nicht allzeit unerkenntlich. Einen Fehler nur hat er, der zu Zeiten recht unbequem werden kann, — einen jeden zu necken und zu spornen, damit auch er daS Feuer seines Witzes leuchten laste.
Heute scheint er sich den zierlichen kleinen Herrn zur
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berührt, bei reiflicher Erwägung aber habe er sich für den Standpunkt der Staatsregierung entschieden; denn durch den KommisstonSantrag werde die Sache wesentlich verschlimmert, denn er behandle die Lehrer an den staatlichen Anstalten anders als diejenigen an den nichtstaotlichen Anstalten, begünstige die Minorität der Lehrerwelt, vernachlässige die Jnteresten der Majorität. In dieser Ueber- zeugung bitte er, den Kommissionsantrag zu verwerfen.
Herr Brüning erklärt sich in ähnlicher Weise gegen den Kommissionsvorschlag und geht sogar in seiner Auffassung noch weiter, indem er den Antrag stellt, in 8 24 ausdrücklich zu erklären, daß dieses Gesetz gleivztttig auch auf alle im Staats- und Kommunaldtenst stehenden Lehrer der Gymnasien, Realschult n, Seminarien rc. Anwendung finde.
Herr Dr. Beseler verteidigte den Standpunkt der Kommission. Im Interesse der Gerechtigkeit babc die Kommission sich nicht mit einer Bestimmung des Gesetzentwurfs einverstanden erklären können, die eine Anzahl von unmittelbaren Staatsbeamten aus Opportunitätsgründen ausschließe.
Herr H a ch e erklärt sich gegen den Kommissionsantrag, welcher 4000 im städtischen Dienst befindlichen Lehrer von denjenigen Wohlthaten ausschließe, welche sie 2000 gleichberechtigten, aber in Staatsanstalten fungierenden Lehrern gewähre. Die Regierung habe das feierliche Versprechen abgegeben, eine Regelung dieser Frage im gleichen Sinne für die gesamten Lehrer an höheren Anstalten in kürzester Frist vorzunchmen, und er habe keine Veranlassung, dieses Versprechen der Regierung in Zweifel zu ziehen. Rur auf dem von der Regierung vorgeschlagenen Wege sei es möglich, diese Frage im Interesse des gesamten LehrerstandeS zu regeln.
Finanzminister Bitter dankt dem Vorredner für das der Regierung dargebrachte Vertrauen ’unb erkennt mit ihm an, daß der Kommifsionsantrag den an den kommunalen Instituten angestellten Lehrern ungünstig sei. Die Regierung habe die Absicht, diese Frage für den Lehrerstand in einem besonderen Gesetze zu regeln, und er hoffe, daß dieS schon in den nächsten Jahren erfolgen werde. Im Interesse des gesamten LehrerstandeS an den höheren Anstalten sei es zu wünschen, daß für beide Kategorieen von Lehrern diese Frage gemeinsam geregelt wird. Die Staatsregierung werde gegen den Kommissionsantrag, wenn er vom Hause zum Beschluß erhoben werden sollte, keinen positiven Widerspruch erheben, sie könne sich aber nur gegen alle Konsequenzen verwahren, w iche man etwa später auS diesem Beschluß sowohl in finanzieller Beziehung als auch in bezug auf das Unterrichtsgesetz folgern könnte. Nur in diesem Sinne könne die Staatsregierung den Beschluß, wenn ihn daS Haus fasten sollte, annehmen.
Abg. Gras Ziethen-Schwerin erklärt sichfürden Beschluß der Kommission, man dürfe unter den unmittel-
Zielscheibe ersehen zu haben, der, eine Scheere in den kunstfertigen Händen, in einer Ecke — anscheinend unbemerkt — schwarze Figuren aus Papierstückchen schnitzelt.
„Seh' mir einer den Schwarzkünstler!" Rosen hat gewandt dem Ueberraschten das eben vollendete Bildchen entwunden. „Sehen Sie, meine Herrschaften!" Er hält mit gespreizten Fingern es zum Lichte empor. „Meiner Treu, unsere liebenswürdige Wirtin als Gretchen und daneben — wenn daS nicht unser Professor ist, wie er leibt und lebt, soll kein Tröpflein Rebenblut meine lose Zunge mehr netzen — als Faust; die Martha ist selbstverständlich unsere Anstandsmama, und der Mephisto — Menscb, mir graut's vor Ihnen; mir ahnt's, ich seh' noch selbst als Frllstaff mich wieder — unser Commerzienrat I — Com- merzienrätlein, Sie Armer, ich beklage Sie in Ihrem Schatten!"
Der Finanzmann hatte stirnrunzelnd die Gruppe betrachtet.
„Nun, mit dem Winter hatS keine Not, der Zollern wäre gefährlicher!" scherzt der beliebte Komiker, der eben mit seiner jungen Frau eingetreten ist, und sich der Gruppe zugesellt hat. „Doch sagt, waS fehlt dem edlen Krieger? Mein Auge schaut ihn nicht; und nimmer fehlt der Edle sonst in unserem Kreise!" deklamiert er.
Er schaut sich nach der jungen Wirtin um; doch diese ist einem neuen Gaste ins Vorderzimmer entgegengegangen dem Fräulein von Fürstenau, die durch den unerwartet größeren Kreis erschreckt, weiter zu gehen zögert.
„Ich 'hoffte, mein Fräulein Werner allein bei Ihnen zu sein", sagt sie entschuldigend.
„Und nun erschrecken Sie diese wenigen guten Freunde? Wir sind vollzählig, bis auf Clara und einen Profesfor Winter."
„Und Herr v. Zollern?" — fle ist dunkel errötet und
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. BlatteS, sowie d.Annoncen-Bureauk von G 8. Daube u. C« in Franlfurt a. M.; JSgersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. ThieneS in Elberfeld; C- Schlotte in Bremen-
baren Staatsbeamten nicht noch besondere Kategorieen konstituieren.
Frhr. v. Patow (Magdeburg) bemerkt, daß er für die Regierungsvorlage stimmen werde, weil er mit den Ausführungen des Finanz-Ministers vollkommen übrr- einstimme.
Profestor Dr. Dernburg verteidigt als Mitglied der Kommission den Beschluß derselben. Wenn auch die Regierung die Absicht habe, eine baldige Regelung der Frage herbeizufübren, so werde dieselbe daran nicht behindert, wenn daS Haus den Beschluß der Kommission annehne.
Graf zur Lippe erklärt, daß er und Herr v. Patow die beiden Mitglieder gewesen seien, welche in der Kommission gegen den Beschluß gestimmt haben. Dies sei bald darauf in der Presse bekannt geworden; daS sei zu bedauern, eS gebe aber gegen derartige Dinge kein anderes Schutzmittel als die öffentliche Rüge, welche er hiermit ausspreche. Redner bedauert, daß der Finanzminister sich nicht in schärferer Weife gegen den KommisstonSantrag ausgesprochen habe. Er wolle Herrn Bitter bemerken, daß seine Verwahrung nichts nutze. Wenn die Staatsregierung ein so amenbierteS Gesetz zur Vollziehung dem Könige vorlege, müsse sie auch die Konsequenzen tragen.
Finanzminister Bitter erklärt, daß der Vorredner ihn falsch verstanden habe. Die Regierung habe gar nicht die Absicht, einen Paragraphen, der nach ihrer Ueberzeugung einen richtigen Weg zur Regelung der Frage enthalte, so ohne weiteres aufzugeben.
Herr Camphausen (Berlin) fragt als Vorsitzender der 9. Kommission, gegen wen Graf zur Lippe jene Rüge ausgesprochen habe? Seines Wissens nach treffe Niemand aus der Kommission an der Veröffentlichung jener beiden Namen eine Schuld, und er müsse deshalb jene Rüge, wenn sie gegen die Mitglieder der Kommission gerichtet sei, zurückweisen. Graf zur Lippe möge doch Namen nennen.
Graf zur Lippe: Er habe deshalb keinen Namen genannt, weil er nicht wiffe, wen die Schuld treffe. Der die Schuld daran trage, möge sich diese Rüge annehmen.
Die Diskussion wird geschlossen, und nach einem Schlußwort des Referenten wird der 8 24 in der Fassung der Vorlage der Staatsregierung angenommen, der KommisstonSantrag verworfen. — Dann wird 8 1 und 8 25 sowie Titel und Ueberschrift des Gesetzes angenommen und die vorliegenden Petitionen dadurch für erledigt erachtet.
ES folgt die Beratung des Gesetzentwurfs betreffend die Abänderung des Penstonsgesetzes vom 27. März 1872. Nach der Vorlage soll der 8 8 In Zukunft lauten: „Die Pension beträgt, wenn die Versetzung in den Ruhestand nach vollendetem zehnten, jedoch vor vollendetem elften Dienstjahre eintritt, 1&/ßo und steigt von da ab mit jedem
der Name will kaum über ihre Lippen; — „ich glaubte den Namen zu hören."
„Zollern, ganz recht! Sie kennen ihn?"
„Verzeihung, ich war nur nicht vorbereitet, ihn hier zu treffen."
„Wozu Vorbereitungen, Mißchen? Wir von der Bühne lieben eS, uns in Improvisationen zu versuchen. ES gehört nichts dazu, als etwas Mut."
„Und doch —"
„Wäre es Ihnen unlieb heute mit ihm zusammen zu treffen? — Sie schweigen? — Ei, ei, ich denke, mein kleines Mißchen ist ganz fremd am Orte, und gleich beim ersten Abendausflug, zu dem ich sie mühsam überredet, stoße ich auf eine alte Bekanntschaft — ?"
„Eine Bekanntschaft au« der Kinderzeit. Ich habe Herrn von Zollern feit mehr denn zwei Jahren nur einmal flüchtig wiedergesehen."
„Und nun fürchtet mein mutiges kleines Mißchen, die Bekanntschaft zu erneuern."
„Fürchten? Nein! Aber ich Vertrauen gestanden, — unsere veränderten Beziehungen — unsere ganze Lage — läßt mich wünschen, überhaupt — größere Gesellschaften zu vermeiden."
„DaS heißt mit anderen Worten: inkognito zu bleiben. Nun dazu kann Rat werden. Sie haben so lange mir freundlich geholfen, meine englischen Sprachkenntnisse zu erweitern, gut, Sie sind Engländerin, sprechen schon ganz niedlich Deutsch. Das ist ein Gedanke! Vorgestellt sind sie noch niemandem; ich stelle Sie als Miß Anybody vor, und . . ."
„Um alles in der Welt nicht!"
„Mißchen, kein Spaßverderber sein! Hübsch still halten!"
(Fortsetzung folgt.)