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Marburg, Sonnabens, 18. Februar 1882

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Abg. Dirichlet kann nicht zugebcn, daß die land­wirtschaftlichen Verhältnisse sich verschlechtern'; sie befänden sich in einem unverkennbaren, wenn auch langsamen Auf­schwünge. Wenn der einzelne beim Ankauf eines Grund­stücks den Wert desselben überschätzt habe, könne er dafür doch die Allgemeinheit nicht verantwortlich machen.

Abg. Frhr.v. Minnigerode weist demAbg. Quadt gegenüber nach, daß der Rübenbau den Getreidebau nicht beeinträchtige. Die Klagen des nichtverschuldeten Grund­besitzes treten nur weniger hervor; berechtigt seien sie immerhin. Aber auch dem belasteten Grundbesitz sei die Schuld seiner Lage nicht allein beizumcsscn. Hr. Dirichlet vergesse die Steigerung der landwirtschaftlichen Lasten und der Produktionskosten. Dem Abg. Schmidt bemerkt er, daß die Herabsetzung des Zinsfußes der Pfandbriefe doch nichts weiter sei, als die Rückkehr zu normalen Verhält­nissen, sie komme auch, wenigstens in Ostpreußen, gleich­mäßig den kleinen Grundbesitzern zu gute.

Abg. Dirichlet führt den letzteren Umstand auf die Thatsache zurück, daß die Großgrundbesitzer in Ostpreußen schon seit längerer Zeit liberalen Ideen huldigen. An der Erhöhung der landwirtschaftlichen Provuktionskosten habe bei Beratung des Zolltarifs der Abg. Frhr. v. Minnigerode wesentlich mitgewirtt.

Abg. Frhr. v. Schorlemer-Alst weist die An­schauung zurück, daß die Grundsteuer keine eigentliche Steuer sei. Die Behauptung des Abg. Dirichlet, daß die Lage der Landwirtschaft sich bessere, werde von den Thatsachen widerlegt.

Abg. Frhr. v. Minnigerode betont, wie Herr Dirichlet übersehen habe, daß es bei Schaffung des Zoll­tarifs darauf hätte ankommen müssen, für die landwirt­schaftlichen Produkte zahlungsfähige Abnehmer zu finden. Die Erhöhung der Produktionskosten sei übrigens eine Folge der Gründerjahre und nicht des Schutzzolls. _=_c.

Nachdem noch Abg. Dirichlet seinen Standpunkt den Ausführungen der Vorredner gegenüber aufrechtzuer­halten gesucht, wird das Kapitel 99 (Besoldungen des landwirtschaftlichen Ministeriums) bewilligt.

Beim Kapitel AuSeinandersetzungS-Behörden spricht Abg. v. Bandcmer Klage darüber aus, daß die Ab- lösungsgeschäfte allzu langsamen Fortgang nehmen. Der Herr Minister giebt die Berechtigung dieser Klagen zu; es fehle leider zur Zeit an der nötigen Anzahl für das Fach vorgebildeter Spezialkommissaiien. Noch etwa zwei Jahren würde diesem Mangel abgeholfen sein. Abg. Weber spricht für eine PensionSgewährung an die Protokollführer der Spezialkommiffarien. Regierungskommissar Geheimrat Sterneberg weist darauf hin, daß diese Personen Pri- vaibeamte seien, Unterstützungen wären in einzelnen Fällen gewährt, auf Pension hätten sic keinen Anspruch.

Bei dem Kapitel: Landwirtschaftliche Lehranstalten

wünscht Abg. Som bart eine höhere Vorbildung für den Besuch der landwirtschaftlichen Hochschule als die Qualifika­tion zum einjährigen Dienst, eine Professur für Geodäsie und Erweiterung der Bibliothek der landwirtschaftlichen Hochschule.

Minister Dr. Lucius kann sich dem ersten Wunsche für jetzt nicht anschließen, da es zunächst darauf ankomme, auf die Frequenz der Hochschule bedacht zu nehmen. Wegen der Besetzung des Lehrstuhls für Geodäsie schweben Ver­handlungen. Die Bibliothek erfahre, abgesehen von den dafür verwendeten Fonds, eine fortdauernde Vermehrung durch Austausch der resp. Institute.

Das Kapitel für Förderung der Fischerei veranlaßt einige Debatte, an welcher sich, abgesehen von den Ent­gegnungen des Herrn Ministers, der Abg. v. Enckevort (für die Fischerei am pommerschen Haff), der Abg. Frhr. v. Minnigerode (für eine Gehaltserhöhung der Fisch­meister) und der Abg. Schmidt (Stettin) beteiligen. Letzterer äußert sich über den der Nordseefischerei wünschens­werten Schutz und die Vermehrung der Fischerhäfen. Abg. Prinz Handjery bittet den Minister, auf die fiskalische Fischerei größere Rücksicht nehmen zu wollen, welche durch Ausfall des Krebsfanges in eine mißliche Lage geraten sei. Abg. Frhr. v. Minnigerode weist auf die geringe Höhe der Dienstaufwandsentschädigungen für die Fischerei­beamten hin.

Bei dem Kapitel Landesmeliorationen rc. spricht der Abg. Frhr. v. Minnigerode seine Anerkennung für den neu eingestellten Posten von 45 OOO M. bei EiS- sprengungs- und DcichverteidigungSkosten bei Hochwasser- gefahren aus. Zugleich betont er die große Notwendigkeit endlicher Nogat- und Weichselregulierung. Minister Dr. Lucius konstatiert, daß, nachdem daS frühere Projekt I. von den höchsten technischen Instanzen verworfen sei, jetzt das Projekt IL der Prüfung der Bauverwaltung unter­liege. Inzwischen werde während des Provisoriums von der Regierung Alles geschehen, was im Interesse der Sicher­heit thunlich sei.

Bei dem Titel für den Dispositionsfonds fragt der Abg. Rickert, ob die landwirtschaftlichen Vereine politische Handhaben für Wahlzwcckc sein sollen. Minister LuciuS erklärt, er halte cs nicht für richtig, die landwirtschaftlichen Vereine zu politischen Zwecken zu gebrauchen; Ausschreitungen seien nicht vorgekommen, er könne nur die Vereine und deren Vertreter bitten, allseitig darauf zu halten, daß politische Erörterungen vermieden werden.

Im Laufe der hierüber von den Abgg. Hellwig, Dirichlet, v. Rauchhaupt und Kantak geführten Debatte fragt Abg. Rickert den Justizminister, ob er die landwirtschaftlichen Vereine für berechtigt halte, Politik zu treiben, wie dies der Abg. Hellwig als ein unbedingtes Recht der Vereine erkläre.

8om Landtag.

Berlin, 16. Februar.

In der heutigen (13.) Plenarsitzung deS Abgeordneten­hauses wurden zunächst der Rest deS Etats der Forstver- waltung, die Rente des KronfideikommißfondS, der Zuschuß zu derselben, der Etat der Zrntralverwaltung der Domänen und Forsten, der Erlös aus Ablösungen von Domänen- gefällen und aus dem Verkaufe von Domänen- und Forst­grundstücken ohne Debatte genehmigt. Demnächst führten in dem Etat der landwirtschaftlichen Verwaltung auch die Einnahmen zu keiner Diskussion.

Bei den dauernden Ausgaben dieser Verwaltung nimmt Abg. v. L u d w i g daS Wort. Derselbe knüpft an die betreffende Stelle in dem amtlichen Berichte des Landwirt­schaftsministeriums an und hält dafür, daß bei einem rationellen Wirtschaftsbetricbc Deutschland selbst daS für seine Bevölkerung nötige Getreide produzieren könne. Der Redner wünscht namentlich genauere statistische Aufnahmen über die Lage der Landwirtschaft.

Der landwirtschaftliche Minister Dr. LuciuS kon­statiert, daß der qu. Bericht des landwirtschaftlichen Mini­steriums durchaus objektiv gehalten sei; deshalb gerade beriefen sich auch die entgegengesetzten Anschauungen auf denselben. Obwohl unsere landwirtschaftliche Statistik besser sei als in anderen Ländern, so sei er doch gerne bemüht, dieselbe immer weiter zu verbessern. Die landwirtschaft­lichen Subhastatior.en würden seit 1880 statistisch ausge­nommen. Die Landeskulturrentenbanken, — welche der Vorredner mehr gefördert zu sehen wünscht —, seien eine fakultative Einrichtung, und ihre Einführung daher der Selbsthilfe überlasten. Bei der Annahme de« Abg. von Ludwig, daß wir im Lande genügendes Getreide pro­duzieren könnten, übersehe derselbe die Zunahme der Be­völkerung bei uns.

Abg. Quadt wendet sich gegen die Ausführungen des Abg. v. Ludwig. Er ist der Meinung, daß die nicht übermäßig überschuldete Landwirtschaft immer noch pro­speriere. Seine neulich ausgesprochene Ansicht, daß die neue Wirtschaftspolitik dem Osten der Monarchie bislang nichts genutzt habe, hält er aufrecht.

Abg. Schmidt (Stettin) wünscht, daß auch andere Ressortminister, namentlich der Finanzmintster, solche allge­meine Berichte, wie der landwirtschaftliche Minister, erstatten möchten. Die Schulden des Grundbesitzes hätten durch Konversion der Pfandbriefe abgenommen. (Widerspruch rechts.)

Nach einer Replik des Abg. ».Ludwig auf die Aus­führung der Vorredner, weist Abg. Hellwig auf die gedrückte Lage der kleinen Grundbesitzer hin, die sämtlich vollständig ruiniert sein würden, wenn keine Aenderung in der Wirtschaftspolitik cingetreten wäre.

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Unter falschem Namen.

Von Ellen Lucia.

(Fortsetzung.)

Viele wollen sich der Musik widmen, besuchen die Kon­servatorien und nehmen bei den gesuchtesten Meistern «inen kostspieligen Privatunterricht; einige wenige hat gar der zuversichtliche Glaube an ihre dramatische Begabung her­geführt und sie zu gelehrigen Schülerinnen gemacht, auf daß sie würdige Jüngerinnen ThalienS und EuterpenS werden möchten, Andere noch beabsichtigen den bildenden Künsten ihr Leben zu widmen, modellieren und kopieren und halten die hellsten Zimmer, vor Allem die nördlich gelegenen, mit ihren Staffeleien besetzt und möchten jedes hübschere Gesichtchen, jede wohlgeformtrre Hand, die im Pensionat« auftauchen, als Modelle für sich werben. Die Wände alle tragen reichliche Andenken an ihre ersten Ver­suche. Das Gros des kleinen Heeres aber brütet bis in die späte Nacht über den Büchern, spricht von nichts als von Pädagogik und Methodik, zitiert Pestalozzi und Rousseau in buntem Gemisch und kennt nur eine quälende Sorge: im bevorstehenden Lehrerinnen-Examen möglichst ehrenvoll zu bestehen.

Sie sind die stillsten und anspruchlosesten von Allen, und doch leben sie in steter geheimer Fehde mit den Musik- Enthusiastinnen. Begreiflich genug! denn für sich selber finden sie selten genug Zeit, durch die notdürftigen Hebungen die Finger auch auf dem Klaviere geschmeidig zu erhalten, seltener noch möchten sie ein unbesetztes Instrument finden; und die unablässigen Hebungen der Gegnerinnen werden nur widerwillig und schweigend geduldet.

Wenn sic dennoch das Pensionat so leicht mit keinem anderen vertauschen mögen, so muß es freilich seine guten

Gründe haben. Die Nähe der geliebten Schützcustraßc, zu der sie zum Königlichen Seminar täglich ihre Schritte lenken, fällt freilich in Rücksicht auf die sonstigen weiten Wege der Hauptstadt wesentlich ins Gewicht, schwerer aber wiegt die gute Verpflegung für soliden Preis, denn wohl- habend ist kaum eine von ihnen; am meisten aber fesselt sie die fast unbedingte Freiheit, welche sie bei Mama Krafft genießen.

Hnd dennoch trotz der widersprechendsten Interessen, herrscht unter der bunt zusammen gewürfelten Schar ein Ton achtenswerter Solidität und Strebsam! it.

Trotz manchen lustig - neckischen Streiche«, der in aul- wallender Jugendlust im Innern de« Pensionats sich voll­zieht macht es nach außen wenig genug von sich reden. Kein unbeschäftigter Nachbar hat zu tadelndem Urteil An­laß gesunden. Mama Krafft hätte, trotz ihres Phlegmas, das ihr, wie allen wohlbeleibten Menschen eigen, in diesem Falle auch keinen Spaß verstanden.

„Leben und leben lassen," ist ihre scherzhafte Parole, „aber — alle« mit Anstand. Ich lasse meinen Pensionären ihre volle Freiheit", sagte sie. „Sie sind alt genug, zu wissen, wag sich für jede schickt, und zu den üblichen Mäd- chentborheiten hat keine von ihnen Zeit."

Hnd gerade diese Hnbeschränktheit, die sie genießen, dies feste Ziel, auf das einer jeden Streben gerichtet ist, hält sie von vielen Versuchungen fern, macht ihnen die Zeit kostbar und den unbescholtenen Ruf noch schätzenswerter.

Könnte irgend etwas das Leben in einem Pensionate unbehaglich machen, so ist'S die übertriebene Geschäftigkeit. Heute nur scheint ungewöhnlich früh die FeierabendSzcit gekommen; Hebungen und Studien ruhen meist, und im gemeinschaftlichen Eßzimmer, in dem nach der Abendmahl-

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zeit zusammenbleibt, wer Lust und Zeit hat, ein Stündchen gesellig zu verplaudern, klingt heute schon lange zuvor leb­haftes Stimmengewirr.

In einer der Fensternischen hat eine größere Gruppe der Hausgenosstnnen sich zusammengefunden. So verschieden sie dem Aeußeren nach erscheinen, so haben gleiche Interessen sie doch allmälig befreundet.

Es ist der letzte Abend, dcn sie, voraussichtlich für lange Zeit, zusammen sind, — wenn, einmal getrennt, sie überhaupt je sich wieder treffen. Da« Wintersemester naht seinem Ende; heute ist der letzte Examentag überstanden, nur die vorläufige Entscheidung wird abgewartet und nach allen Winden stäuben sich die angehenden jungen Lehre­rinnen auseinander, bei fernen Verwandten einige Tage wohlverdienter Ruhe zu suchen.

„Gewiß, schon um der Drollerie halber, einmal einen Brief an mich selber zu adressieren, einen Brief, dessen ganzer Inhalt in einem Wörtlcin besteht."

„Sic stottern wieder; wenn nun ein „Nein" darin stände, oder ein Ja mit Bedingung?"

_ «Wie es beim alten Kinderspiele heißt! Ach waS, dann erfüllen wir die Bedingung, gehen für die ermangelnden Fächer noch einmal ins Feuer —"

«Nein, nein, ich für meinen Teil habe an einem Fege­feuer für dies Leben genug."

„Solch Fegefeuer soll aber sehr läuternd fein. Man wird seiner eigenen Unwissenheit sich doch bewußt und lernt einsehen, daß ein bischeu Glück fürs Leben bester ist, als ein Zentner Verstand. UeberdicS vergesten Sie nicht, daß die älteren Lehrerinnen auf ihren Vereinen kecklich für ein späteres zweites Examen petitionieren, das sie den Oberlehrern gleichstellen soll!" (Fortsetzung folgt.)

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Für tn der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 85 Psg. berechnet 9 ' 9 ,P °e,Ie 10

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