Narkurg, Mittwoch, 15. Februar 1882.
XVII. Jahrgang
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Berlin, 13. Febr. Der Kaiser empfing heute in feierlicher Audienz in Gegenwart dcS Grafen von Hatzfeldt den neuen französischen Botschafter Courcel, welcher seine Beglaubigungsschreiben überreichte. Der Botschafter wurde hierauf auch von der Kaiserin empfangen. — Der Altmeister deutscher Geschichtswissenschaft, Leopold v. Ranke, feiert heute den Tag seiner fünfzigjährigen Mitgliedschaft der Akademie der Wissenschaften. Gewiß ein seltenes, ein denkwürdiges Jubiläum, an dem die ganze wissenschaftliche und gebildete Welt innigen Anteil nehmen wird. Se. Majestät der Kaiser und König verliehen dem Jubilar aus diesem Anlaß den Charakter als Wirklicher Geheimer Rat mit dem Prädikat „Exzellenz"; Kultusminister v. Goßler überreichte demselben heute Vormittag gegen V2II Uhr das Allerhöchste Patent und überbrachte zugleich die Glückwünsche und den Dank der Staatsregierung. Diese ganz besondere Allerhöchste Auszeichnung, welche, abgesehen von Alexander v. Humboldt, in Preußen vielleicht ohne Vorgang sein möchte, gilt allerdings einer seltenen Treue in der Arbeit, einer patriotischen Hingabe ohne Gleichen, die der Jubilar in einem langen, segensreichen Leben bethätigt. Am Tage der Wiederkehr seines 70. Geburtstages in den Adelstand erhoben, feierte Leopold v. Ranke bereits am 20. Febr. 1867 sein 50jähriges, am 20. Februar 1877 sein 60jähriges Doktorjubiläum. Kanzler der Friedensklafse des Ordens pour le merite ist er seit August Böckhs Tode im Jahre 1867. Heute steht der berühmte Geschichtsforscher im 87. Lebensjahre (geboren am 21. Dezember 1795), und trotz dieses hohen Alters erfreut er sich nicht allein einer seltenen körperlichen Rüstigkeit, sondern auch voller Geistesfrische und einer wunderbaren Arbeitsfreudigkeit, von welcher die litterarischen Ankündigungen alleryeuester Zeit beredtes Zeugnis ablegen. — Eine Deputation der Akademie der Wistenschaften brachte ihrem gefeierten Mitglied? heute gegen 2 Uhr ihre Glückwünsche dar, wie denn überhaupt zahlreiche Gratulationen von nah und fern eiultefen. Besonders heben wir aus denselben ein Glückwunschschreiben des General-FeldmarschallS Frhrn. v. Manteuffel hervor. — Die erste Strafkammer des Landgerichts verurteilte heute den Redakteur de« „Börfenconriers", Klausner, wegen einer in der Nummer des „Börfencouriers" vom 13. November v. I. enthaltenen Beleidigung des HofpredigerS Stöcker zu 300 M. Geldbuße. — Zu der Nachricht der „Saint-James-Gazette", daß Fürst Bismarck oas egyptische Problem in der ihm eigentümlichen Weise lösen und einen deutschen Prinzen! zum Souverän eines unabhängigen Egypten zu machen beabsichtige, sagt die „Nordd. Allgem. Ztg.": ES sei schwer zu erklären, daß sich noch immer Leser fänden, deren Leichtgläubigkeit mit der Verlogenheit gewiffer Zeitungsschreiber Schritt zu halten vermöge. — Die Kommission für die Kirchenvorlage hielt heute ihre
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Unter falschem Name«.
Von Ellen Lucia.
(Fortsetzung.)
Erschreckt hat die Schwester den Worten des Bruders zugehört, obgleich sie, hastig und tonlos gesprochen, mehr fast wie ein Selbstgespräch erschienen.
„Ich denke, daö Erziehungssystem deS Kadettenhauses läßt ihren Pfleglingen die freie Wahl deS Berufs?"
„Gewiß, nur wird ihnen die Möglichkeit der Wahl nicht. Seit kurzem wird ihre Ausbildung als eine viel- seitigete angestrebt und die Fähndrichsprüfung soll genau dem Abiturienten - Examen gleichstehen; so habe ich mit Freuden vernommen."
„Obgleich Dir'S selber nicht mehr zu Nutzen kommt 1 So bist Du immer: bester, als Du Dick machen willst. Ich wollte, Du hättest hören können, wie lobend Dein Oberst kürzlich Deiner erwähnte."
Der Offizier lächelt: „und daS hat Dich gefreut, — gesteh' es nur, — um der Mama willen. Aber, Dorchen, mißverstehe mich nicht. Nicht, weil ich jetzt nichts anderes mehr werden kann, bleibe ich Soldat, sondern weil ich es mittlerweile gern bin. Im Kriege möchte mir jede Waffe recht sein; im Frieden soll sie mir zu denken und zu schaffen geben!—" „Und das thut Deine Artillerie; denke ich?" „Gewiß, nur wmn der Dienst vorüber ist, will ich mit der Uniform auch den Dienstzwang abschüttrln und thun und treiben dürfen, waS mir behagt."
„Aha, darum lag die Kaserne gar zu fern, und der junge Herr mußte durchaus fein unabhängiges Quartier haben ?"
„Ja, Dorchen, so komme und gehe ich im Elternhause, wie jeder andere gute Hausfreund und habe noch den Vorteil, daß
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„Du selbst unbehindert Deinen Umgang wählen kannst. Könnte ich Dich um etwas beneiden, Arthur, so ist es um dies Vorrecht. — A propos, weißt Du Fürstenau'S Adreste? Ich vergaß, darnach zu fragen."
„Und Du hast bis jetzt immer noch nicht Deinen Gegenbesuch gemacht, Dorchen?"
„Verzeihe Arthur, ich fühle mich schuldig. Dazu war Anna, daö einzige Mal, wo ich sie sah, so sichtlich befangen, daß ich nicht aus einmal nach Kurt fragen mochte. Ihr thut alle so geheimnisvoll mit ihm? waS ist es mit ihm? —"
„Die alte traurige Geschichte, daß er Schulden gemacht und den Dienst quittiert hat, und die Seinen schwerlich wisten, wo er in der Welt ist. Es ist nur traurig, daß die Seinen entgelten sollen, waS er gefehlt hat! Oder fändest Du Gerechtigkeit darin, wenn Jemand Mama und Dich für meine Fehler verantwortlich machen wollte?"
„In solche Lage wirst Du unS nie bringen, Arthur!"
„St! St. Dorchen, ein junges Mädchen, von der elterlichen Liebe behütet und beschützt, vermag kaum zu ahnen, welchen Versuchungen ein junger Mann ausgesetzt sein mag! — Aber da sind wir am Ziele! Sieh, da wehen schon die kleinen Fähnchen grüßend herüber und von den Zelten entsteigt der Rauch. Daß ohne leibliche Erquickung doch der Deut che sich kein Vergnügen denken kann I Schnell nun die Schlittschuhe her!"
Und hinauf gehts auf die glatte Bahn, bald Hand in Hand verschlungen, bald von einander sich lösend, in anmutigen Windungen sich umkreisend atmen die Geschwister in vollen Zügen die frische Winterluft und freuen sich sichtlich der kräftig-schnellen Bewegung.
Vom Ufer folgt ihnen mancher Blick, aus mancher Equipage richtet sich das Fernglas auf sie; sie kümmert es
Berlin, 13. Febr. Dem Bundesrat ist in Er- igung des Beschlusses vom 25. Juni v. I. seitens des ^Vertreters des Reichskanzlers jetzt der Entwurf eines Rormal-Jnnungsstatuts auf gründ deS Reichsgesetzes vom 16. Juli 1881 nebst Erläuterungen zur weiteren Beschluß- iiissung mit dem Bemerken vorgelegt worden, daß derselbe Ln Bundesregierungen bereits direkt zugefertigt worden ist. DgS Normalstatut umfaßt folgende Abschnitte: Name, Sib, Bezirk der Innung (8 1), Aufgaben der Innung /c 2), Mitgliedschaft (§§ 3—11), Allgemeine Rechte und Michten der JnnungSmitglieder (§§ 12—17), Austritt au« der Innung (§ 18), Ausschluß aus der Innung (S 19), JnnungSversammlung (§§ 20—28), JnnungS- zmter (8 29), JnnungSvorstand (88 30—37), Ausschuß för das Gesellen- und HerbergSwesen (§ 38), Ausschuß für daS Lehrlingswesen (8 39), Gemeinsame Bestimmung ür die Ausschüsse (8 40), Gemeinsame Bestimmung für die Jnnungsämter (§ 41), Gesellen- und HerbergSwesen (§§ 42—44), Gesellenausschuß (SS 50—52), LehrlingS- wesen (SS 53—66), Vermögensverwaltung, Kaffen- und Rechnungslegung (88 67—73), Abänderung des Jnnnngs- statuts und Auflösung der Innung (88 75—76). — In der Vorbemerkung zu den beigefügten Erläuterungen wird v. seht ausgeführt, was schon neulich in bezug auf da« bevorstehende Erscheinen dcS Normalstatuts von mir kurz angedeutet wurde, daß daS Statut selbstverständlich weder für die Entschließungen derjenigen, welche eine Innung errichten oder reorganisieren wollen, noch für die Entscheidung der Behörde«, denen die Genehmigung der Jn- nungsstatuten obliegt, verbindlich ist. Es soll nur eine Anleitung zur Aufstellung eines den gesetzlichen Erforder- jniffen (SS 98a und 98b der Gewerbeordnung) entsprechende Statuts geben. Dabei ist eine nur ein Gewerbe umfassende AkeNW^nnung (das Normalstatut wählt die Tischlerinnung) von » M. 1 Mittlerer Ausdehnung vorausgesetzt. Die Abänderungen, lechdos nMelche nötig werden, wenn die Innung mehrere Gewerbe NöhmaMmfaßt, werden leicht zu formulieren fein. Für Innungen )0 Pfg.k von geringer Mitgliederzahl wird das Statut vereinfacht otl), blau werden können. Dagegen wird dasselbe auch für die r. Päckä>«I größeren Innungen brauchbar sein. Da die umfassenden 1 10 M Aufgaben, welche eine solche sich stellen kann, größtenteils hri ur. | durch Nebenstatute näher zu regeln sein werden. — Dem Bundesrat ist ferner vom Stellvertreter des Reichskanzlers unter Bezugnahme auf eine von der oldenburglschen Regierung den Bundesregierungen mitgeteilte Denkschrift über den Gesetzentwurf, betreffend die Reichskriegshäfen, eine „Denkschrift zu den von der oldenburglschen Regierung erhobenen Einwendungen gegen den genannten Gesetzentwurf"
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zweite Sitzung. Die Anträge des Zentrums zu dem 8 1 der Kirchenvorlage bezüglich eines BiStumSverweserS und des Aufhörens der kommiffarischen Vermögensverwaltung, sowie der Aufhebung des Sperrgesetzes wurden mit allen gegen 6 Stimmen abgelehnt, 8 1 der Regierungsvorlage wurde mit 11 gegen 10 Stimmen abgelehnt. Das Zentrum, die Fortschrittspartei und die Sezesstonisten stimmten dagegen, die Konservativen und die Freikonservativen für die Regierungsvorlage, die Nationalliberalen waren geteilt. Die Diskussion über die 88 la und 2 wurde verbunden. Der Kultusminister sprach gegen den Antrag deö Abg. Bruel, wonach in Fällen, wo auf AmtSentlaffung erkannt wird, die Stelle, sofern dieselbe nicht inmittelst wieder besetzt wird, nicht mehr als durch Erkenntnis erledigt gelten soll. Der Antrag deS konservativen Abgeordneten Grimm, wonach die rechtlichen Folgen der ergangenen Erkenntnisse auf die Unfähigkeit zur Bekleidung eines Amtes beschränkt bleiben sollen, sei eine Verbefferung, doch verdiene die Fassung der Regierungsvorlage den Vorzug. Die Kommission nahm darauf den 8 la nach dem Anträge deS Abg. Grimm an, desgleichen den S 2 nach dem Anträge der Konservativen, wonach es für einen durch den König begnadigten Bischof der erneuten staatlichen Anerkennung nicht bedarf. — Die Eisenbahnkommission genehmigte mit 10 gegen 7 Stimmen den Ankauf der Thüringer Bahn. — In der Buvgctkommisston wurden die Zuschüffe zu den höheren Mädchenschulen genehmigt. Eine längere Diskussion schloß sich an die Position „SchulaufstchtSkosten". Zur Verbesserung der als ungenügend erkannten Reisekosten-Ver- gütiaungen für die Kreisschulinspektoren von 900 M. auf 1000 M. ist der betreffende Etatstitel um 18100 M. erhöht. Nach den Mitteilungen des RegierungskommiffarS sind von den 181 etatsmäßigen Kreisschulinspektorstellen zur Zeit nur zwei unbesetzt. Die Zahl der definitiven Anstellungen hat sich auf 174 erhöht. Die bei Titel 25 geforderte Erhöhung des Fonds zu Remuneration für die Verwaltung von Schulinspektionen um 100000 M. wurde nach längerer Debatte genehmigt. Der Vertreter der Staatsregierung erklärte, daß zur Zeit 750 Kreisschul- Jnspektoren im Nebenamt in Funktion sind (633 evangelische Geistliche, 81 katholische Geistliche, 24 evangelische Laien, 12 katholische Laien) und 10848 Lokalschul-Jn- spektoren.
, — Der Reichsanzeiger schreibt: Zur Unterstützung der öffentlichen Krankenpflege sind von einzelnen Eisenbahnverwaltungen hin und wieder solchen Vereinen und Genossenschaften, welche sich der öffentlichen Krankenpflege widmen, Fahrgelderleichterungen gewährt worden, für welche es bisher an übereinstimmenden Grund'ätzen gefehlt hat und welche in ihrer Beschränkung auf einzelne begünstigte Institute nicht geeignet sein konnten, der öffentlichen Kranken
wenig. Bekannte gesellen sich zu ihnen, und wie im bunten Reigen gleiten sie mit einander dahin.
AuSruhend hält endlich Isidore an. Einer der Gefährten, ein häufiger Gast deS Zollern'schen Hauses, erbittet die Gunst, sie im Stuhlschlitten fahren zu dürfen. Der Bitte wird Gewährung, und Arthur gleitet alleine dem stilleren Teile der Bahn zu. Auch er denkt am Uferrande eine kurze Rast zu halten, und sein Auge streift dabei gleichgültig die einzelnen Spaziergänger. Hier hat ein Bettler sich aufgestellt, der irgend ein wirkliches oder erdichtetes Gebrechen zur Schau trägt, daneben ein Invalide, der seiner Drehorgel allerlei klägliche Weisen entlockt. — Ein Paar schreitet dicht hinter ihm am Ufer entlang; eine jüngere Dame, die mit sichtlicher Behutsamkeit eine sorglich verschleierte Frau führt; — während ein Wachtelhündchen sie mit lustigen Sprüngen umkreist. Der Offizier hat ihnen den Rücken gewandt, etwas an seinen Schlittschuhen zu ordnen. In seiner Nähe bleiben sie stehen, so nahe, daß er deutlich ihre Stimmen vernehmen kann.
„Die Wege und Bäume hast Du mir beschrieben und den Sonnenschein, der aus der Fläche glitzert; nun leihe mir Dein Auge auch für die Menschen, die sie beleben."
„Elegante Toiletten, Mama, die Damen in reichver- brämtcn Pelzen, die Röcke höher gerafft, um die schnelle Bewegung nicht zu hemmen; am Ufer Führwerk und Dienerschaft, die ihrer harren; dazwischen einfacher gekleidete Leute, die der schöne Wintertag gleich uns, aus ihren Wohnungen hinausleckt. Hier und da ein Kind, das mit großen Kinderaugeti auf das bunte Getreide schaut, als erblicke eS ein Zaubermärchen, in dem König Winter mit seiner pelzvermummten Dienerschar einen Feenreigen aufführt."
(Fortsetzung folgt.)
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