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Nr. 3

Marburg, Mittwoch, 4. Januar 1882.

xvii. Jahrgang

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux o. Tb. Dietrich u. Co. in Staffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a M>; Haasenstein u. Vogler in Frankfurt a. M-, Berlin, Leipzig, Köln rc.; Rudolf Masse in Berlin, Frank­furt a. M. rc.

OWkUchr jcitinig.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition b. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux von G L. Daube u. Co. in Frankfurt a. M.; Jägersche Buchhandlung daselbst; Hennansche Buchhandlung daselbst; Fnvalidcndank in Berlin; W. Thienes in Elberfeld- C. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Bcilaae IHuitrirteS EonntaaSkitatt« hr4, ,a

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688* Für das 1. Quartal 1882 werden noch Bestellungen auf die

Oberhessische Zeitung

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Illustriertes Sonntagsblatt

von allen Post-Anstalten, auf dem Lande auch von den Landpostboten, entgegengenommen. Soweit der Vorrat reicht, werden die erschienenen Nrn. mit dem Wandkalender von 1882 nachgeliefert.

Zur Handwcrkerfrage.

I.

Auf besonderen Wunsch aus beteiligten Kreisen ent­nehmen wir derN. Preuß. Zig." einige diese ernste Zeitfrage behandelnde Artikel. Das genannte Blatt leitet dieselben mit dem Wunsche ein (den wir auch gerne zu dem unsrigen machen), daß insbesondere einsichtige Männer aus dem Stand der Gewerbetreibenden und Handwerker selbst das Wort ergreifen und praktische Vorschläge machen. Denn, wie seiner Zeit der Ursprung der Zünfte von dem Stand der Handwerker selbst ausgegangen ist, so wird auch ihre Wiederbelebung nur auf diesem Wege zu er­reichen sein. Ein obrigkeitlicher Zwang für sich allein kann nichts ausrichten, wenn auch dessen Hülfe, sobald die Wiederherstcllungsrnrsuche greifbare Gestalt gewonnen haben, voraussichtlich nicht zu entbehren ist.

Die Innungen und Zünfte haben ihrer Zeit dasHand- weik von Grund und Boden unabhängig gemacht, für ihre Mitglieder die persönliche Freiheit errungen und damit blos das Prinzip der freien Arbeit in die Geschichte ein­geführt, sondern in den Städten auch den neuen Bürger­stand begründet, der sich dann seit dem 16. Jahrhundert allmählich zum Staatsbürgertum erweitert hat. Es waren Schutzverbindungen der Arbeit gegen fremde Arbeit, die indem sie «die Gewähr für gute Arbeit übernahmen, zu­gleich das Publikum sicherstcllten. So haben sie vorzugs­weise den produktiven Faktor der Arbeit zur wirtschaftlichen Entwickelung gebracht, das Kapital aber von dem ihnen heut zu tage die gefährlichste Konkurrenz droht in ihrem Kreise erst sammeln helfen. ES stand im Mittelalter ledig­lich in ihrem Dienste, während es jetzt die Herrschaft über sie errungen hat oder zu erringen sucht.

Im 12. und 13. Jahrhundert hatten die Innungen zunächst nur eine gewerbliche Bedeutung, auf einer zweiten Stufe der Entwicklung im 14. und 15. Jahrhundert haben sie auch politische erlangt, indem sie nach langen Kämpfen mit den ritterlichen und altfreien Geschlechtern Anteil am Rat der Städte erwarben, ja zuletzt vielfach

Das verschwundene Kind.

Roman von Ewald August König.

(Fortsetzung.)

Da hören SieS ja: Rachel" sagte Hartmann in ver­zweifelter Stimmung.Wenn er die Wechsel erhielte, würde er sich sofort erkundigen, ob sie echt oder falsch seien und"

»Ich verspreche Ihnen nochmals, dieser Gefahr vorzu- beugen. Der Baron soll keine Ahnung davon haben, daß es gefälschte Dokumente sind; im Gegenteil, ich werde mich für die Echtheit verbürgen und Sie wisie», daß ich, schon meiner Schwester wegen, etwas bei ihm gelte! Sie ge­winnen Zeit und"

Ich kanns wirklich nicht!" rief Hartmann, noch einmal auf die warnende Stimme in seinem Innern hörend.Ich würde zum Verbrecher herabsinken."

Und was sind Sie jetzt?" fragte Pietro kalt.

Ein ehrlicher Mann."

Ein Verschwender und Hazartspicler, ein Bettler viel­leicht. Glauben Sie, daß Esmeralda, wenn sie dies alles erfährt, Sie ferner noch empfangen wird? Ich habe Ihnen den Weg gezeigt, auf dem Sie Ihre Ehre retten können, es ist Ihre Sache, ob Sie ihn gehen wollen."

Wieder war Hartmann in Sinnen versunken, die Worte Pietro's, welchen er noch imm r für einen wahren, auf« richtigen Freund hielt, hatten doch einen Eindruck auf ihn gemacht.

In der Verlegenheit, in der er sich befand, mußte er vor allen Dingen dafür sorgen, daß er den Schein rettete, und da er sich überdies an die Hoffnung klammerte, daß es ihm binnen 3 Monaten möglich sein werde, die Schuld zu decken und neue Quellen sich zu öffnen, so ging er leichter über die Gefahren hinweg, in die er sich durch das

ein sogenanntes Zunstregiment einführten, wonach die städtische Verfassung ausschließlich auf die Zünfte gegrün­det wurde. Selbstverständlich gewannen sie nun auch militärische Bedeutung, indem sich zugleich die Verteidigung und das Kriegswesen der Städte nach Zünften ordnete.

Das Ende des 15. Jahrhunderts war die Zeil 'der großen Blüte des mittelalterlichen Handwerks. Es war die Zeit, wo in vielen Zweigen zur eigentlichen Kunst sich erhoben hüte, wo beispielsweise in Nürnberg ein Albrecht Dürer, Adam Krafft und Veit Stoß aus ihm hervorgingen. Aber auch im 16. Jahrhundert dauerte die Blüte und der Wohlstand desselben noch unverändert fort es war eine Zeit, wie sie in Hinsicht auf glückliche Verteilung des Volkseinkommens weder vorher noch nach­her je wieder erreicht worden ist.

Erst der dreißigjährige Krieg vernichtete mit den alten Städten auch das Handwerk in seiner früheren Kraft und Blüte. Seitdem hat es sich nicht mehr vollständig erholt. Zugleich rissen bald Mißbräuche ein, ein Geist engherziger Ausschließung, Uebertreibung >der Monopole und Privi­legien, Stillstand in der gewerblichen Technik und dabei doch Ueberhebung gegen andere Stände, so daß schon zu Ansang des vorigen Jahrhunderts das Reich dagegen cin- schreiten mußie.

Ein anderer Feind erwuchs dem Handwerk durch den Großbetrieb und die Industrie, seitdem die moderne Fabrik eine Reihe von Eizeugnisscn besser oder wenigstens wehl- feiler Herstellen kann, als das Handwerk. So wurde ihm mehr uitb mehr Boden entzogen, besonders als zu Anfang unseres Jahrhunderts infolge der Kontinentalsperre und mehr noch dreißig Jahre später mit dem Bau der Eisen­bahnen die industrielle Entwicklung auch in Deutschland einen ungeahnten Aufschwung nahm und zugleich der Han­delsverkehr unendlich erleichtert wurde.

Doch hatte sich in vielen Bundesstaaten die alte Zunft­verfassung bis auf die neueste Zeit erhalten, während sie in anderen nach französischem Vorgang ausgehoben oder wesentlich beschränkt war. Einen wirksamen Schutz gegen die von Seiten des Großkapitals dem Handwcik drohende Gefahr vermochte freilich die bloße Form der Zunft nirgends uiehr zu gewähren, denn für diesen Zweck war sie ursprüng­lich gar nicht bestimmt, und um ihn zu erreichen, müßte sic erst zeitgemäß reformiert werden. Auch gereichen tie in der Zunft liegenden Beschränkungen, die unseren heutigen Bedürfnissen zum Theil schnurstracks widersprechen, nicht selten zugleich dem Publikum zur größten Last, wie z. B. in einzelnen Städten bis auf die neueste Zeit Vorkommen konnte, daß zum Setzen eines Ofens vier oder fünf ver­schiedene zünftige Gewerbe nöthig waren.

Eine andere Frage war freilich, ob man auch die in der Zunft liegende innere Ordnung für das fach- und berufsmäßige Erlernen und Betreiben des Handwerks auf- Vcrbrcchen stürzte. Es war allerdings das kürzeste und einfachste Mittel, aber 'm der Perspektive stand das Zucht­haus mit seinen hohen Mauern und vergitterten Fenstern.

Pietro beobachtete ihn unausgesetzt, es war der Blick eines Tigers, dec sein Opfer verfolgt.

Sie werden sich rasch entschließen müssen," sagte er, Herr von Gcmmern wartet nicht lange auf die Antwort, er ist zu sehr empört über die ihm von Ihnen widerfahrene Beleidigung!'

Wenn Sic mir die Summe vorstrecken könnten."

Ich? Ja, wenn ich so reich wäre! Haben Sie denn gar nichts mehr?"

Tas wohl, aber ich muß heute noch den Schmuck be­zahlen, den ich meiner Braut am Weihnachtsfest zum Ge­schenk machen will."

Der Juwelier kann Ihnen kreditieren!"

Er kennt mich nicht und mit leeren Händen darf ich auch nicht kommm. Esmeralda erwartet ein Geschenk__"

Und die Mitteilungen des Barons würden für sie ein sehr unangenehmes Geschenk sein. Sehen Sie sich vor, ich rate Ihnen gut!"

Hartmann atmete tief auf, er glaubte ersticken zu müssen, unter der Last, die auf ihm ruhte.

Was srll ich thun?" sagte er ratlos, mehr mit sich selbst, als mit dem jungen Manne redend.Ich stehe vor einem Abgrund"

Allerdings stehen Sie vor einem Abgrund," fiel Pietro ihm in« Wort,und nur ein kühner gewagter Schritt kann Sie retten"

Oder zerschmettern!"

Pah, wenn man in einen Abgrund hinuntcrblickt, muß man sich vor Schwindel hüten!"

heben solle. Denn, wennschon die früheren Beschränkungen und Monopole der Zunft nicht mehr haftbar waren, so fragte sich doch sehr, ob man nun ohne weiteres allen Handwerksbetrieb frei geben und jede Garantie für technisch erlernte, mit anderen Worten gute Arbeit abschaffen solle. Das aber geschah, wenn statt einer Reform der Zunft einfach die Gewerbcsrciheit proklamiert wurde.

Leider hat die neue ReichSgesctzgcbung den letzteren Weg eingeschlrgen, damit den weiteren Verfall, ja die Auflösung der alten Zunftverfassung herbeigeführt und die Reform desselben, wenn nicht unmöglich gemacht, doch außerordent­lich erschwert. Die neuen Erwerbs- und WirthschaftS- Genosscnschastcn haben dafür, so dankbar sie zu begrüßen sind, keinen Ersatz gewährt. Als Schutzverbindungen deS kleinen Capitals gegen daS große haben sic in verschiedener Weise segensreich gewirkt, den Namen der modernen Zunft, den man ihnen hat beilegen wollen, verdienen sie nicht. Ja, uian kann sagen, daß sie zu dem eigentlich technischen Handwerksbetrieb gar keine Beziehung haben und schon darum einen Ersatz für die zunftmäßige Erlernung desselben nickt geben können.

In kleineren Staaten war man vor Erlaß der ReichS- gewerbe-Ordnung damit beschäftigt, gerade in diesem Sinne eine Reorganisirung cintreten zu lassen, die früheren Be­schränkungen der Zunft, insbesondere den eigentlichen Zunft­zwang aufzuhcben, die innere Ordnung der Zunft und das Ersorderniß zunftmäßigcr Erlernung deS Handwerkes aber zu erhalten. Es kam dazu nicht mehr. WaS die Gewerbe-Ordnung statt dessen eingcführt hat, ist als rein negativ einer weiteren Entwickelung ganz unfähig und der Handwerker, der nun wehrlos dem Großkapital gcgenübcr- stcht, sehnt sich nach den alten Zuständen zurück, weil ihm die neuen noch viel unbehaglicher sind, ohne zu bedenken, daß die älteren Zustände weder unmittelbar wiederhergestellt werden können, noch wenn sie es könnten, jetzt wirklich daS Handwerk befriedigen würden.

Dennoch glauben wir, daß die Herstellung eigentlicher Innungen nicht bloßer Verein-, denen jeder beliebig bcitrcten oder sich entziehen kann eine notwendige Vor­bedingung ist, sowohl um wieder Ordnung in den Gewerbe­betrieb zu bringen, als auch, um dem Handwerk wenig­stens die Möglichkeit neuer, selbständiger Entwickelung zu lassen und nicht wehr- und widerstandslos derfreien Konkurrenz" deS Kapitals zu überliefern. In wieweit das gelingt, wird vorzugsweise davon abhängen,' ob. dem. Handwerk noch die dazu nötige Kraft und Energie inne­wohnt, ob Einsicht genug hat, die Gefahren, die ihm drohen, zu bekämpfen, und Geschick genug, daS Mögliche wirklich zu erreichen. Die Bewegung muß von ihm selbst auSgehen, sie läßt sich nicht von oben her machen. Die neuere Gesetzgebung hat eS ja sonst so gut verstanden, die innere.und äußere Seite der Rechtsverhältnisse zu scheiden,

Können Sie das?"

Gewiß, wenn ich es will."

Lorenz Hartmann stand vor seinem Schreibtisch, mccha« nisch öffnete er eine Schublade aus der er einige Wechsel­formulare nahm.

Er wußte selbst nicht, was er that, er fühlte nur in­stinktiv, daß er etwa« thun mußte, um den gekränkten Baron zu beschwichtigen.

Pietro erheb sich und trat hinter ihn.

Ich garantiere für den Erfolg," sagte er leise.

Wie können Sic bürgen? Wenn Herr von Gemmern auf Ihre Bedingungen nicht eingeht, dann sind Sie nickt imstande, Ihr Versprechen zu halten."

Ich w.rde ihm dann erst die Wechsel geben, wenn ich sein Ehrenwort habe."

Hartmann saß schon vor dem Schreibtisch, cr tauchte die Feder in die Tinte.

»Stellen Sie die Wechsel auf Meyer Cohn & Söhne aus," fuhr Pietro fort, diese Unterschrift wird dem Baron genügen."

, nicht sofort erraten, daß diese Unterschrift

gefälscht ist r

Nein, ein Sohn Cohn'S ist mit mir befreundet, ich weü>c die Sache schon arrangieren, verlassen Sie sich auf mich. Eig-ntlich weiß ich nicht, warum ich Ihnen so sehr zurcdc, zumal ich mir ja sagen muß, daß unter den jetzt obwaltenden gänzlich veränderten Verhältnissen die ehemalige Verbindung meiner Schwester mit Ihnen mir nicht mehr wünschenswert erscheinen kann. Jndeß, trotz alledem nehme ich herzliches Jntcreffe an Ihrem Schicksal und dieses In­teresse ist eS, was mich bewegt, Ihnen trotz alledem treu zur Seite zu stehen." (gortf. folgt.)