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XVI. MgW

Marburg, Donnerstag, 8. Dezember 1881

Kr 287

Änieigen nimmt entgegen: Die Ujpebition d. Blattes, sowie d.Ännoncen-Bureaux o. Th. Dietrich u. Co- in Mel und Hannover; Tb. Dielrich in Frankfurt a M ; äaafenftein u. Vogler in rranlsurt a. M-, Berlin, Peipiig, Köln rc.; Rudolf Messe in Berlin, Frank­furt a. d)t. rc.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte-, sowie d.Annoncen-Bureaux von G L- Taube u. Go. in Frankfurt a. M ; Jögersche Buchhandlung daselbst; Herrnarische Buchhandlung daselbst; Juvalidendank in Berlin; W. Thienes in Elberfeld; C- Schlotte in Bremen-

Erscheint täglich außer an den Werktagen na* Sonn- und Feurtagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllustrirteS SotttttagSblatt" durch die Expedition (K o ch'sche Buchdruckerei) bezogen 2*/4 Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr.) — Iusertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.

Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.

Deutscher Reichstag.

Berlin, den 5. Dezember.

Präsident v. Levctzow eröffnete die heutige (11.) Sitzung um 1*A Uhr.

Eingcgangcn sind die Gesetzentwürfe, betreffend die all­gemeine Berufs- und Vieh - Statistik im Jahre 1882 und betreffend die Kontrolle des Reichshaushaltsetats und des­jenigen für Elsaß-Lothringen pro 1881/82.

DaS Haus fährt mit der zweiten Beratnng des ReichS- haushaltsetats fort und zwar mit dem Etat der Neichs- Eisenbahnvcrwaltung. Einnahme 40 083 700 Maik, Aus­gaben der Zentralverwallung 84 300 M., der Betriebs­verwaltung 27 313 000 M.

Abg. Dr. Lingens spricht das Vertrauen aus, daß angesichts des jetzt im westlichen Nachbarlande einreißenden irreligiösen Geistes unsere Reichseisenbahnverwaltung ihre Verwaltung im Sinne kirchlicher Ordnung und der Gebote Gottes führen werde.

Darauf werden die Ausgaben der Zentralverwallung bewilligt.

Abg. B ü ch t e m a n n bemängelt, daß man Schienen für 180 M. die Tonne kaufe; der Preis sei viel zu hoch, da dieselben Werke dieselben Schienen zu 133 M. zu liefern imstande seien.

Kommissar des Bundesrates, Geh. Regierungs - Rat Kienell, rechtfertigt das Vorgehen der Verwaltung; solche, wie die verwendeten Schienen, seien nicht unter 160 M. per Tonne zu haben.

Darauf werden die ordentlichen Ausgaben der Reichs­eisenbahn-Verwaltung, so weit sie nicht der Budgetkommission überwiesen sind, bewilligt.

Der Etat der Bankvcrwaltung: Einnahme, ,'lnteil am Reingewinn der Reichsbank 1 500 000 Mark, Steuer für durch' Barvorrat nicht gedeckte Noten 6425 M., giebt zur Diskussion keine Veranlassung und wird genehmigt.

Sodann kommen die der Budgetkommission überwiesenen Teile dcS Militäretats zur Beratung. Berichterstatteter ist der Abg. Freiherr von M a l tz a h n - G ü l tz. Derselbe empfiehlt, die Titel 3, 5 und 6 bei Kapitels 14 Kncgs- ministerium, Tit. 3 Ministerialräte vom Zivil 195 000 M., mehr gegen früher 18 300 Mark; Tit. 5 Hilfsreferenten 28 000 M., weniger gegen früher 3900 M. und Tit. 6 Büreaubeamte 805 260 Ti., mehr gegen früher 2550 M., nach dem Vorschläge zu bewilligen und beschließt das HauS demgemäß.

Sodann beantragt der Referent namens der Kommission Herabsetzung der Zahl der einzuberufendeu Ersatzrcscrvistcn von 38 041 auf 29 700 Mann. Dadurch werden die für Erfatzreservisten im Kap. 4, Tit. 7, angesetzteu Kosten für Preußen um 160 255 M., für Sachsen um 18 752 M., für Würtemberg um 14 930 M. gemindert und beantragt

Das verschwundene Kind.

Roman von Ewald August König.

(Fortsetzung.)

„Dann, mein Herr, muß ich Ihnen erklären, daß Sie —"

„Halt, warten Sie mit Ihrer Erklärung, bis Sie wissen, daß Sie dazu berechtigt sind," fil der Fremde ihm ins Wort. Vielleicht treffen wir uns demnächst an einem anderen Orte wieder, wo wir ruhig über diese Angelegen­heiten verhandeln können. Ich hoffe Sie werden so lauge sich gedulden."

Nach diesen Worten zog der Fremde mit einer spöttischen Verbeugung den Hut, dann schritt er auf demselben Wege von dannen, auf dem er gekommen war.

Lorenz Hartmann wandte sich jetzt zu der Dame, er blickte in ein blühendes, liebliches Gesicht, in feurig blitzende Augen, die ihn unwillkürlich an längst vergangene und halb vergessene Stunden erinnerten.

Ihre Toilette war elegant, nicht auffallend und ihre Haltung war die einer Dame von Stand.

„Wie kann ich Ihnen danken?" sagte sie und der sympathische Klang ihrer Stimme macht- einen sichtbaren Eindruck auf ihn. „Sie haben mich auö großer Gefahr befreit —"

„Sprechen wir nicht davon," fiel Hartmann ihr ins Wort, „die Gefahr war nicht so groß Sie haben ja selbst gesehen, wie feige der Herr war."

„Und eö war allein meine Schuld, daß diese Gefahr mich bedrohte," erwiederte die Dame, „ich hätte meinen Wagen benutzen sollen."

Ihren Wagen? Lorenz Hartmann stutzte — war sie so reich, daß sie eigene Equipage besaß?

die Kommission also, an den betreffenden Stellen diese Summen zu streichen.

Das Haus tritt diesem Anträge bei.

Abg. Rickert bittet den Kriegsminister, auf eine noch weitere Verkürzung der Dienstzeit durch Verlängerung der Rekrutenvakanz Bedacht zu nehmen und nicht Mißtrauen gegen den Reichstag zu hegen, daß, falls er erst einmal auf solche Wünsche eingegangen sei, derselbe ihn stets weiter drängen werde.

Kriegsminister v. K a m e k e: Die Kriegsverwaltung habe nicht das Mißtrauen, welches der Abg. Rickert vor­auszusetzen scheine, sie glaube aber den Wünschen des Reichs­tags nunmehr bis an die Grenze der Möglichkeit entgegen­gekommen zu fein.

Kap. 24, Geldverpfl-gung der Truppen, wird sodann mit den Abänderungen, wie sie sich aus diesem Beschlüsse als Konsequenz ergeben, angenommen.

Entsprechend diesem prinzipiellen Beschlüsse werden so­dann ohne Debatte die Kapitel 25 (Naturalverpflegung), 26 (Bekleidung und Ausrüstung! bewilligt.

Im Kap. 27 (Garnison - Verwaltung) beantragt die Budget - Kommission, die Mehrforderung in Tit. 1 Besol­dungen von 47 770 M. für 5 Garnison - Verwaltungs- Direktoren zu bewilligen; das Haus beschließt dem ent­sprechend und genehmigt im übrigen dies Kapitel unter den infolge des zu Kap. 24 gefaßten Beschlusses sich ergebenden Abstrichen. Desgleichen Kap. 29 Militär-Medizinalwesen, Kap. 31 Verpflegung von Ersatz- rc. Mannschaften auf dem Marsche, und Kap. 37 Munition. Dagegen werden im Kap. 37 Tit. 18 zum Ersätze von Handfeuerwaffen 490 600 M. gestrichen und nur 1 000 000 M. bewilligt. Das Kapitel 40 (Wohnungsgeld-Zuschüsse) wird anstands­los bewilligt.

Den soeben gefaßten Beschlüssen entsprechend werden sodann auch die entsprechenden Kapitel der Mililär - Ver­waltung für Sachsen und Würtemberg bewilligt.

Sodann folgen die einmaligen Ausgaben des ordent­lichen Etats. Die Kommission beantragt, zu bewilligen: Für Zulagen an Unteroffiziere rc. bei den Besatzmigs- truppen in Elsaß Lothringen 207 000 M. — für Vervoll­ständigung des Krieg karten-Malerials vierte Rate 65 000 Mark. Diesem Anträge wird entsprochen.

Der Neubau einer Garnison-Bäckerei in Altona wird abzulehnen von der Kommission beantragt und vom Hause beschlossen.

Die fünfte Nate zum Kasernenbau in Altona.400000 Mark und die letzte Rate für Erweiterung der Dienst- Gebäude des Kricgsministeriums in Berlin 154573 M werden bewilligt.

Zum Neubau eines Traindepots in Berlin für daö Gardecoips fordert alsersteRatc die Regierung 240000 M. Die Kommission beantragt zu bewilligen 15000 M. für

Sie schien seine Gedanken zu ahnen, ein bezauberndes Lächeln umspielte ihre Lippen, während ihre Hand sich leicht auf den Arm legte, welchen er ihr anbot.

„Ich glaubte nicht, daß ich so lange ausbleiben würde," nahm sie wieder daö Wort, „es war meine Absicht, früher heimzukehren. Aber wenn man am Sterbebette einer Freundin steht, so kann man sich nicht an die Minute binden und mein Diener wußte wahrscheinlich nicht, wo er mich suchen sollte. Aber ich will Sie nicht länger auf­halten, mein Herr —"

„O, ich bitte Sie, cS macht mir ja die größte Freude, Sic begleiten zu dürfen. Wenn ich mir erlauben darf, mich Ihnen vorzustellen — Lorenz Hartmann, mein Fräulein!"

Die Dame verbeugte sich.

„Esmeralda Constanzi," erwiederte sie.

„Sie sind eine Italienerin?"

„Ja, ich bin in Italien geboren, ober meine Mutter war eine Deutsche."

Die Unterhaltung stockte. Lorenz Hartmann wußte nicht, wie er den abgerissenen Faden wieder anknüpfen sollte, er war der Dame gegenüber in Verlegenheit.

Esmeralda schien auch lies zu bemerken, sie beobachtete scharf, schärfer als ihr Begleiter ahnte.

„Sie gehen wohl selten ins Theater?" fragte sie und wieder berührte ihn der Ton ihrer Stimme eigentümlich — es war ihm, als habe er früher schon diese Stimme ge­hört, aber er konnte sich desien nicht mehr klar erinnern.

„Nicht oft," entgegnete Hartmann, „meine Freunde nehmen mich zu sehr in Anspruch, sie ziehen eine Whist­partie dem Theater vor."

„Ich dachte es mir schon."

Projekt-Bearbeitung. Derselbe Antrag liegt vor für den Neubau eines Depots für den Train des III. Armeecorps. Referent v. Maltzahn-Gültz weist die Notwendigkeit dieser Neubauten nach, hält jedoch nicht für notwendig, dieselben in Berlin zu erbauen. Empfiehlt daher die An­nahme deö KommisstonsantrageS.

Der Rest der einmaligen ordentlichen Ausgaben wird ohne Anstand bewilligt. Es folgen sodann die einmaligen außerordentlichen Ausgaben.

Abg. Sonnemann erklärt in seiner Freunde Namen gegen sämtliche Positionen des Extraordinariums stimmen zu wollen, da sie überzeugt seien, die Wehrfähigkeit werde daturch nicht geschädigt; sie wolltcn durch dieses Votum andeuten, daß die Militärlasten, von Jahr zu Jahr oben- ein steigend, für das Volk zu schwer feien.

Abg. Richter (Hagen): Es handle sich hier haupt­sächlich um Ersatzbauten alter Gebäude. Er könne, trotz­dem er die Militärlast für im Widerspruch stehend mit der wirtschaftlichen Lage halte, den radikalen Standpunkt der Vorredner nicht einnehmen, zumal noch nicht alle Truppen kaserniert feien innerhalb einer Zahl wie sie die Fortschrittspartei für notwendig halte.

Abg. v. Bühler behält sich vor, seinen Abrüstungs- Antrag in der nächsten Session wieder einzubringen.

Das Haus bewilligt darauf die Titel 1—5, letzte und spätere Raten für angefangene Bauten enthaltend. Bei Titel 5a tadelt Abg. Richter (Hagen), daß durch Ein­stellung von 290000 M. zum Bau einer Unteroffizier- Vorschule in Neu-Breisach entgegen dem Beschlüsse des Hauses das Prinzip der Knaben-Militär-VorbereitungS- schulen in den Etat hineingesührt werden sollten. Diese Militärschulen förderten einseitigen Kastengeist, schlössen immer mehr diese Jugend von bürgerlichen Verhältnissen ab. Solche Schulen würden weder uie elsaß-lothringische Bevölkerung zu Deutschland heranziehen, noch zur Ver­mehrung der Unteroffiziere erheblich beitragen. Er bitte, diese Position abzulehnen, wenigstens diese Frage noch ein Jahr lang zu prüfen.

Kommissar des Bundesrats, Hauptmann im Kriegs­ministerium Haberlin beruft sich auf die sehr guten Ersahluiigen, eie man in der Unteroffizierschule in Anna­burg gemacht habe, die Knaben hätten nicht nur für ihren militärischen, sondern auch für ihren späteren Beruf eine erheblich bessere Vorbereitung erhalten. Der Andrang zu den Unteroffizier-Vorschulen sei so groß, daß man mit dieser neu vorgeschlagenen Schule einem Bedürfniffe ent­spreche und außerdem wolle man einem wieder eintretenden Unteroffiziermangel abhelfen. Es sei noch ein Manquement von 3000 Unteroffizieren vorhanden. Die Schule nach Neu-Breisach zu legen, rechtfertige sich aus dem Umstande, daß man beobachtet habe, daß die Elsaß-Lothringer sich

Hartmann blickte betroffen auf, wie sollte er diese Be­merkung deuten?

Wieder erriet sie seine Gedanken.

„Sie würden mich gewiß erkannt haben, wenn Sie daö Theater in den jüngsten Monaten besucht hätten," sagte sie.

Jetzt ging ihm ein Licht auf. War die Dame an seiner Seite wirklich die berühmte Solotänzerin deö Ballet­korps? — Esmeralda Constanzi — ja, so hieß ja die Tänzerin, er begriff nicht, daß er nicht sofort daran ge- ■ dacht hatte 1

Ec wollte sich entschuldigen, aber Esmeralda ließ ihn nicht zu Worte kommen.

Sie war vor einem großen, eleganten Hause stehen geblieben, mit einer graziösen Verbeugung verabschiedete sie sich von ihm.

„Ich danke Ihnen nochmals, Herr Hartmann," sagte sie, „ich werde niemals vergessen, daß ich Ihnen großen Dank schulde."

Dte Hausthür wurde in diesem Augenblick geöffnet, ein Diener in reicher Livree erschien auf der Schwelle und ehe Hartmann eine Antwort geben konnte, hatte die Thür sich hinter der Tänzerin geschlossen.

Gleich einem Träumenden wanderte Lorenz Hartmann durch die Straßen seiner Wohnung zu.

Nie hatte ein Weib so tiefen Eindruck auf ihn gemacht.

Er dachte nur an sie, ihr Bild schwebte beständig ihm vor Augen.

Wo hatte er doch diese blitzenden Augen schon gesehen, diese Stimme gehört?

(Fortsetzung folgt.)