erhielt jetzt selten eine Einladung aus diesen Kreisen, -.er war wieder auf seine Freunde und Gesinnungsgenossen allein angewiesen.
ES war ein angenehmes genußreiches Leben, um das ihn mancher beneidete.
Sorgen kannte er nil t, seine Mittel erlaubten ihm, jeden Wunsch zu erfüllen und wohin er kam, war er angesehen und geachtet. Dabei erfreute er sich einer vortrefflichen Gesundheit, was also konnte er mehr wünschen und verlangen?
Die Zigeuner schienen ihn vergessen zu haben: zwanzig Jahre waren nun verstrichen und er hatte seid der Nacht, in der er von dem alten Weibe Abschied nahm, nichts mehr voll ihnen vernommen. Die polizeichen Nachforschungen waren auch damals erfolglos geblieben, man hatte den Zigeuner, der den Mord begangen haben sollte, nicht gefunden, überhaupt von der ganzen Bande keine Spur er tdeckl.
Die alte Frau mußte längst tot sein, sie zählte ja damals schon beinahe sechszig Jahre, von ihr hatte er gewiß nichts mehr zu fürchten.
Und Constanze? Pah, weshalb dachte er noch an sie, weshalb beunruhigte er sich wegen einiger Jugendsünden, die längst vergessen waren?
Die Bande war auseinandergestoben, gestorben und verdorben, was hatte überhaupt ein wohlhabender, den Schutz der Gesetze genießender Bürger von solchen heimatlosen, geächteten Vagabonden zu befürchten?
Pah, es waren leere Drohungen gewesen, Schreckschüsse, die ihn einschüchtern sollten, er hatte damals zu großes Gewicht auf sie gelegt.
Zwanzig Jahre waren verstrichen; Lorenz Hartmann stand im kräftigsten Mannesalter, er war eine stattliche Erscheinung.
Er kam an diesem Abend aus dem Klub, es war ein schöner warmer Sommerabend. In Gedanken versunken, den Hut in der Hand, schritt er langsam durch die stillen, einsamen Straßen, als er plötzlich hinter sich rasche Schritte vernahm.
Er blieb stehen und wandte sich um. Sein Blick fiel auf eine junge elegant gekleidete Dame, die in sichtlicher Erregung sich ihm näherte, ein Herr folgte ihr.
„Schützen Sie mich vor den Zudringlichkeiten dieses Herrn/ sagte sie in bittendem Tone, als sie ihm nahe gekommen war.
Lorenz Hartmann nahm eine herausfordernde Haltung an, er warf den Kopf trotzig zurück und erwartete in dieser Stellung den Verfolger der Dame.
„Mein Herr, wer sind Sie und was wollen Sie?* fragte er in barschem Tone.
Der Herr blieb stehen, er war noch jung, kräftig gebaut und elegant gekleidet.
„Ich glaube, daß Sie daö wenig kümmern wirdI* antwortete er kurz.
„Es kümmert mich insofern, als diese Dame unter meinem Schutze steht und Sie dieselbe beleidigt haben!" sagte Hartmann mit gehobener Stimme. „Werden Sie mir Ihren Namen nennen ?*
„Ich fühle keine Verpflichtung dazu."
(Fortsetzung folgt.)
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Marburg, Mittwoch, 7. Dezember 1881
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WklMlhr jfitiiiij.
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Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllustrirteS Sountagsblatt" durch die Expedition (Ä o ch'sche Buchdruckerei) bezogen 21/. Mark, durch di; Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (excl- Bestellgebühr.; — Insertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.
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für fernere Pnrifizierung des Offiziercorpö von monarchischen oder aristokratischen Elementen. Betrachten wir aber
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Staatsbürger gegenüber der jetzt bestehenden fünfjährigen mit willkürlichen Beurlaubungen, nach welchen ein begünstigter Teil der Soldaten nur 6 bis 12 Monate bei der Fahne bleibt. Desgicichcn verwünscht er den Einjährig- steiwilligendienst, welcher „bcm Heere die Blüte unserer Jugend entzieht", nebst jenem anderen Freiwilligentum des Vergnügens und der Liebhaberei. Dann fährt er fort: „Wenn man aber den dreijährigen Dienst für alle ohne
dadurch bedingten und notwendig gewordenen radikalen Reorganisation der Armee/
' Allerdings will er die Heereslasten vermindern, oder er stellt dies wenigstens der Landesveriretung in anssicht. Dabei will er aber nicht die Armee in ihrem Beslan:e verringern, sondern im Gegenteil noch weitaus vergrößern.
Gambetta hat sein milnärisches Programm in der : c=
Gambettas militärische Pläne.
Wenn in Nachstehendem von Gambettas militärischem Programm gesprochen wer:en soll, so ist natürlich das- ;eItige gemeint, welches er in seinen Volksreden gewissermaßen als Kandidat aufgestellt hat. Denn jene Erklärung, welche er nach Uebernahme seines Amts als Konseilpräsident ja der Kammer am 15. November verlas und die er als das „Programm Frankreichs" bezeichnete, enthält eigentlich aar selbstverständlich oratorische Generalia. Sachlich ist in feiner einzigen Frage etwas Näheres daraus zu entnehmen. Der Passus auf die Armee bezüglich lautet: Sie (die Regierung) will ferner ohne Zeitverlust unsere militärische Gesetzgebung wieder aufnehmcn und vervollständigen und deabsick kt, ohne jedoch der Bciteidignng Frankreichs Eintrag zu thun, die besten Mittel ausfindig zu machen, die Lasten des Landes bei der Land- und Seemacht zu ver- mildern. S" c s sind doch gewiß gutklingenoe Worte von
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I einem weit höheren Grade als ihm zu teil wird. Es ist d. B« der Ausdruck seines ganzen politischen Strebens, .das sichere
Ziel, welches erlangt werden muß, um zum Mittel zu werden für die Krönung des Gebäudes für die Erfüllung n. Eich ter hockfliegendcn Pläne seines Ehrgeizes.
In der Bezeichnung „Demokratisirung der Armee" sehen tauft bie meisten nur eine inhaltlose Phrase, höchstens einen Wink
ganz allgemeinem Inhalt, welche in die Regierungsantritts- rebe eines jeden Landes gepaßt hätten. Tic optimistische W ^Presse hat darin schon eine Verminderung der Armee und IÜS' * eine Politik der Abrüstung wittern wollen; dieser Schluß Sertst 'st a6er weniger scharf- wie kurzsichtig und zeugt von der • Unkenntnis der weitgehenden Pläne Gambettas und seiner
einmal an der Hand seiner eigenen Darlegung, was Gam- «g-j" . bctta unter Demoki alisierung versteht. In Belleville sor- 40 bett er die volle dreijährige Dienstzeit gleichmäßig für alle
e Wof kannten Rede in Belleville klar und deutlich entwickelt. Dasselbe vcrtient die Beachtung der europäischen Presse in
vs inst 1,70.
L M.| Bleu; Hnesin auß. smut
Ausnahme einführen wollte, ehe man der Armee ihr Knochengerüst, also denjenigen Bestandteil gegeben hätte, welcher ihr Nerv und Willenskraft im Kriege giebt, würde man Herden haben, aber nicht ein Heer! Man ist zwar dieser schwierigen Aufgabe, für deren Lösung uns übrigens kein Opfer zu groß sein wird, schon näher getreten und versucht, ein festgegliedertes Unteroffiziereorps zu schaffen. Man hat Gesetze gegeben, die ich aber für unvollständig halte. Vor allem ist nötig, daß der Ersatz an Unteroffizieren sicher- gestellt wird und daß diese aus allen Schichten der Gesellschaft sieb regulieren. Daß dies durchgesetzt wird, muß alles Mögliche geschehen und zunächst ein Gesetz gegeben werden, welches lautet: In Zukunft kann niemand im Staatsdienst angcstellt werden, der nicht wenigstens ein Jahr als Untere!fizier im Heere gedient hat."
Wenn man diese Forderungen auf ihren letzten Zweck prüft, so gelangt man zu sehr ernsten Resultaten. Diese Maßregeln eignen sich nicht, wie jeder einsehen wird, für eine Berufsarmee, welche bestimmt ist, in langer Friedenszeit die starken Cadres zu bilden, welche durch Einberufung der Reserven jeden Augenblick in eine schlagfertige Kriegs- Armee umgewandelt werden kann. Wenn die allgemeine Wehrpflicht nicht gewisse Rücksicht auf die Arbeits-, Berufsund Geschäft Leitung in der sozialen Gesellschaft nehmen kann, so würde sie diese in eine unabsehbare Verwirrung stürzen. Dagegen haben sich ädnliche Maßregeln in prinzipiellen Kriegerstaaten, wie Sparta und im alten Rom, und in der Neuzeit bei der Organisation der Revolutions- Heere zu Ende des vorigen Jahrhunderts als sehr erfolgreich erwiesen. Sie setzen den Umsturz aller bestehenden inneren Verhältnisse voraus und wollen das Dichten und Trachten und Streben der Gesamtheit in dem einen einzigen Gedanken vereinigen, welcher, zur Furie geworden, die ganze Nation, in ehernen Kohorten und taktischen Verbänden gegliedert, auf das Schlachtfeld treibt. Diese Re- volntionsarmee ist Gambettas Ideal. Er hat in Tours die bitteren Erfahrungen machen müssen, daß Menschen in Waffen und Ausrüstung wohl Herden aber keine Heere bilden. Die Erfolge der Franktireurs sind ihm gleichfalls unvergessen. Aber nach dem vom Konvent dekretierten Lever en mässe strömte die intelligente Jugend Frankreichs scharenweis in die Regimenter einet disziplinierten und kriegserfahrenen Berufsarmee. Die Halbbrigaden ent- standen mit dem Kern der alten Veteranen und der Ausfüllung einer begeisterten Jugend, welche nichts zu verlieren hatte als das Leben und nichts zu hoffen als den Ruhm. Gegenüber zaudernder Gegner lernte sie den Dienst bald praktisch im Felde und auo ihr bildete sich jenes Knochengerüst der Armee, welches Gambetta meint, jenes Unteroffizier - Corps, auö welchem die genialen Elemente bald de Stellen der guillotinierten Offiziere und Generale ein« nahmen. — Gambettas fanatischer Patriotismus will und
und kann keinen Zweifel daran dulden, daß daö jetzige Frankreich, welches durch die Schule einer hundertjährigen Revolution ging, nicht noch ausopferungs- und leistungsfähiger sein sollte, als das Frankreich, welches die Erbschaft einer Jahrhunderte alten Monarchie angetreten hatte. Er wähnt, diefelben Maßregeln würden jetzt dieselben Erfolge Hervorrufen. Er glaubt fest an den Stern Frankreichs. Seine glühende Einbildungskraft steht schon die Schatten Carnots und Hoches, Klebers und Bonapartes auf den blutgetränkten Feldern am Rhein und in Italien sich erheben. Er meint, weil er die feste Zuversicht zum endlichen Siege im Herzen trage, habe er die erste Bürgschaft des Erfolges.---Ob Gambetta gestern fast
Kommunard, heute Bourgeois und morgen wahrscheinlich radikaler Linker sein wird, darüber darf sich niemand täuschen, daß er unverwandt nur das eine Ziel im Auge behält. Er kann nur das erlangen, wenn er kein Mittel scheut, um sich in der souveränen Kammer eine vollständig gehorsame Majorität zu schaffen, ähnlich derjenigen im Konvent, welche den Antrag Bareres auf Erhebung der Massen annahm. Ist das erreicht, so kann er jeden Widerstand im Lande zermalmen und wenn er dann zur radikalen Reorganisation der Armee nach dem Vorbild Carnots schreitet, wird es für Deuffchland an der Zeit fein, sich der Worte Gambettas aus der Cherbourger Rede zu erinnern : „Wenn Frankreich ganz geeinigt sein wird, dann wird der Tag kommen, wo man daran gehen wird, Frankreichs verlorenen Ruhm wiederherzustellen."
Deutsches Reich.
Berlin, 5. Dez. Der Kaiser reiste heute NachmUtag 5 Uhr mit dem Kronprinzen, dem Prinzen Wilhelm, dem Prinzen Friedrich Karl und dem Prinzen August von Wür- temberg mit der Hamburger Bahn nach der Göhrde, wo auch Prinz Albrecht eintrifft, und kehrt nach der morgenden Hosjagd abends 10 Uhr hierher zurück. — Der König von Sachsen trifft demnächst hier ein, um an der Hofjagd in Königs-Wusterhausen teilzunehmen. — lieber Englands Stellung zur Donaufrage sind Angaben verbreitet, deren Richtigkeit stark bezweifelt wird. England soll allerdings die Freiheit der Schifffahrt grundsätzlich vertreten, aber in der Streitfrage zwischen Oesterreich und Rumänien vermitteln wollen. — Die türkifche Ordensgesandtschast wurde gestern Nachmittag vom Kaiser Wilhelm empfangen und überreichte Sr. Majestät im Namen de« Sultans den höchsten osmanischen Orden. Der Marschall Ali Nizami richtete eine Ansprache an den Kaiser, welche dieser huldvoll erwiderte. Die Mitglieder der Mission, begleitet von dem Botschafter Sadullah Bey, wurden darauf auch von der Kaiserin empfangen und alsdann in ein anderes Gemach geführt, wo sie mit den ihnen vorn Kaiser verliehenen
Das verschwundene Kind.
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Roman von Ewald August König.
(Fortsetzung.)
Die Drohungen der alten Zigeunerin mußten ihn doch wohl beunruhigen.und ihm ernste Besorgnisse einflößen, denn nicht lange nach der Uebernahme verkaufte er das Landhaus, um seinen Wohnsitz in die Residenz zu verlegen.
Er führte hier das Leben eines reichen Mannes, ohne indes in seinen früheren Fehler zurückzufallen und ein Verschwender zu werden.
Er genoß das Leben, wie es sich ihm bot und bewahrte dabei doch den Otuf ,-eineS soliden Mannes.
Seine Wohnung war elegant, mit verschwenderischer Pracht eingerichtet und oft gab er in diesen Räumen kleine Festes bei denen der Champagner in Strömen floß.
<§s konnte nicht ausbleiben, daß die Eltern heiratsfähiger Töchter ein ganz besonderes Interesse an ihm Nahmen und den Wunsch hegten, mit ihm in freundschaftlichen Verkehr zu treten, und viele sahen diesen Wunsch auch erfüllt, aber die Hoffnungen, die sich an ihn knüpften, verwirklichten sich nicht.
Lorenz Hartmann scherzte und lachte mit den jungen Damen, aber er ließ sich von deren Reizen nicht fesseln, et blieb gegen alle kalt und unbewegt.
Und wurden diese Annäherungsversuche ihm lästig, so brach er den Verkehr mit der betreffenden Familie ab, er wollte ein Junggeselle und freier Herr seines Willens bleiben.
Nachdem er dies einigemal mit rücksichtsloser Offenheit ttklärt hatte, ließ man ihn in Ruhe und Lorenz Hartmann