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Jllnrfmra, Dienstag, 6. Dezember 1881

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Deutscher Reichstag.

Berlin, den 3. Dezember.

In der heutigen (9.) Plenarsitzung kam zunächst der Etat der Reichs-Justizverwaltung zur Erledigung.

Abg. Frhr. V.O w (Freudenstadt) erinnert daran, daß auf die Resolutionen des Reichstags, betreffs durchgreifender Ermäßigung der Gerichtsgebühren und der Gebührenord­nung für Rechtsanwälte, der BundeSrat in letzterer Be­ziehung erklärt habe, daß Erhebungen veranstaltet werden, während in ersterer Beziehung der Resolution des Reichs­tags keine Folge gegeben werden solle; hoffentlich beziehe sich diese Entschließung indes nur auf die Erfüllung des ReichstagSwnnsches auf die gegenwärtige Session.

Staatssekretär Dr. v. Schelling erklärt, daß über beide Resolutionen Ermittelungen eingeleitet seien. Wegen der Gerichtögebühren empfehle es sich indes, die Wirkungen der Novelle des Gerichtskostengesctzes abzuwarten.

Abg. W i n d t h o r st betont den thatsächlich erfreulichen Widerspruch zwischen der Erklärung des Herrn Staats­sekretärs und den formellen Entschließungen des Bundesrats. Eine schleunige Revision des Gerichtskostengesetzes sei aller­wegen notwendig.

Abg. vr:Hartmann führt aus, daß die unmäßige Verteuerung der Gerichtskosten das öffentliche Rechtsbe- wußtsein mit Notwendigkeit schädigen müsse. Abg. Gerwig wünscht die möglichste Beschleunigung der notwendigen Herabsetzung der Gerichtskosten. Abg. Schröder (Witten­berg) spricht denselben Wunsch in ähnlicher Weise aus, damit dieser Gegenstand nicht von der politischen Agitation ausgebeutet werde. Abg. Payer mißbilligt die Verschleppung der Revision des Gerichtskostengesetzes. Der Reichstag müsse seine berechtigten Forderungen mit gleicher Energie, wie der Kanzler die seinigen, verfolgen. Demnächst fragt er an, wie mit der deutschen Militär - Prozeßordnung stehe. Nach den Mitteilungen der Presse wäre das Zu- staiidekommen derselben bisher wesentlich daran scheitert, daß Baiern die Oeffentlichkeit und Mündlichkeit Fes Militär- Strafverfahrens und mit Recht nicht aufgeben wolle. Staatssekretär Dr. v. Schelling konstatiert dem Abg. Payer gegenüber, daß er nicht gesagt habe, daß die qu. Reform lange hinausgefchoben werden solle. Wegen der MilitLr- Strasprozeßordnung könne er zu seinem Bedauern keine Auskunft geben, da weder an den Bundesrat, noch an die Reichs-Justizverwaltung bisher eine solche Vorlage gelangt. Vielleicht würde ein Vertreter der Militärverwaltung in der Lage sein, die Anfrage zu beantworten. Hauptmann Haberling erklärt namens der Militärverwaltung, daß der Entwurf einer neuen MilitLr-Strafprozeßordnung von der im Mai d. I. zusammengetretenen Kommission zum Ab­schluß gebracht sei. Da aber der Entwurf über die Be­ratungen der Kommission bisher nicht hinansgekommen sei,

sei er nicht in der Lage, über den Inhalt des Entwurfs schon jetzt Mitteilungen zu machen.

Abg. Sonnemann begründet in einer eingehenden Darlegung die Notwendigkeit einer endlichen Vorlegung des in der Session 1880/81 bestimmt in Aussicht gestellten reformierten Aktiengesetzes. Hoffentlich werde der betreffende Entwurf dem Reichstage vorgelegt werden. Staatssekretär Dr. v. Schelling erklärt, daß der qu. Entwurf soweit vor­bereitet, daß er Sachverständigen zur Begutachtung unter­breitet sei, und hofft, daß die verbündeten Regierungen recht bald imstande sein werden, dem Reichstage die betreffende Vorlage zu machen. Abg. Oechelhäuser bezeichnet kurz die Richtung, in welcher die Reform der Aktiengesetzgebung anzustreben sei. Abg. Dr. Perrot hält persönlich die Form der Aktiengesellschaft überhaupt für ein Uebel. Der Aktien- schwindel sei ein uralter; man habe die verschiedensten Mittel gegen ihn angewendet; man habe die größte Freiheit gewährt und die allergrößte Einschränkung geübt: die Schäden seien nirgends getroffen. Er verkenne die Nachteile des Konzessionswesens keineswegs; jedenfalls aber feien unsere Verhältnisse vor 1870 besser gewesen, als seitdem. Die Mittel, welche der Abg. Sonnemann zur Abhilfe vor­geschlagen, seien durchaus keine neuen. Der Redner weist dann nach, daß und wie die bestehenden größeren und kleineren Aktiengesellschaften sich ersetzen lassen. Die Garan- tieen des Verwaltuugsrats und der Generalversammlungen seien lediglich Fiktionen. Gründliche Abhilfe sei eben nur möglich durch vollständiges Verbot der Aktiengesellschaften; davon hänge das Heil Deutschlands ab.

Abg. Eysold t bittet um Auskunft über die Lage der deutschen Zivilgesetzgebung. Staatssekretär Dr. v. Schel­ling entgegnet, daß die schwierigsten Teile der Aufgabe erledigt feien und daß in etwa zwei Jahren der Abschluß der Arbeiten seitens der Redaktionskommission zu erwarten sei.

Abg. Dr. Lasker wendet sich gegen die Auffassung des Abg. Perrot, daß die Form der Aktiengesellschaft gänz­lich zu beseitigen sei. Es könne eine Kreditform nicht ent­behrt werden, welche den kleinen Kapitalien die Beteiligung an großen Unternehmungen ermögliche. Die Schulzeschen Genossenschaften seien für große Kapitalien allerdings nicht geeignet. Ebensowenig könnten die Aktien-Kommanditgesell- schasten die Aktiengesellschaften ersetzen. Entweder müsse man also das Bedürfnis ganz leugnen, daß kleine Kapita­lien sich zu großen Unternehmungen vereinigen oder aber die nölige Form für solche Vereinigungen geben. In manchen Einzelheiten tritt er übrigens dem Abg. Perrot, wenn auch mit gewissen Modifikationen, bei. Indes in der Haupt­sache könne es nicht Sache der praktischen Politik sein, der Regierung um der konkurrierenden Mißstände halber die Beseitigung der Aktiengesellschaft überhaupt zu empfehlen.

Abg. L o h r e n tritt ebenfalls der Ansicht des Abg. Perrot entgegen, die Aktiengesellgeschaften feien eine not-

Anreigen nimmt entgegen: die Expedition b. Blattes, fotBie o.Annoncen-Bureai 0 Th. Dietrich u. Co. Staffel und Hannover; T Dietrich in Frankfurts M Nassenstein u. Vogler Frankfurt a. M., Berli a-jpzig, Köln rc.; Rudo., Mjse in Berlin, Frank­furt a. 111. rc-

ritiniß.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux von G 8. Daube u. Go. in Frankfurt a. M.; Jägersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. Thienes in Elberfeld: 6. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageJllustrirteS Sonntagsblatt" durch die Expedition (K och'sche Buchdruckerei) bezogen 2A Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr.) Inserlionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.

wendige Form des Wirtschaftslebens. Wenn Schultze-Delitzsch hier seiner Genossenschaften wegen soeben gerühmt sei, so müsse er doch darauf Hinweisen, daß gerade eine Partei, der Schultze-Delitzsch angehöre, es gewesen sei, die die alten Genossenschaften, die Jahrhunderte lang den kleinen Leuten gedient hätten in verdienstlichster Weise, die Zünfte und die Innungen, mit frevelnder Hand zerstört hätte. (Beifall.) Er verlange genau dieselben Gesichtspunkte, wie Sonne­mann, berücksichtigt zu sehen, nur seien sie auch fast alle auf die Genossenschaften auözudehnen. Das eine aber ver­lange er mehr als Sonnemann, daß nämlich die Aktien­gesellschaften einen Teil ihres Gewinnes an die Gemeinden zu gunsten der Arbeiter zahlen müßten. (Beifall.)

Abg. Parisius (zur Geschäftsordnung) ist erstaunt, daß der Präsident den vom Vorredner in bezug auf die Fortschrittspartei gebrauchten Ausdruck:mit frevelnder Hand" nicht gerügt habe.

Vicepräsident Ackermann: Dieser Ausdruck sei nicht auf die Fortschrittspartei, sondern auf eine Partei, der der Abg. Schultze-Delitzsch angehöre, bezogen gewesen; hätte Abg. Lehren gesagt: der Partei, so würde er ihn zur Ordnung gerufen haben. 1

Abg. Dr. HLnel hält diese Meinung des Präsidenten nicht für richtig, will sich aber dabei beruhigen, da auf ihn die Aeußerung des Abg. Lohren keinen Eindruck ge­macht habe.

Abg. Frhr. von Minnigerode: Sein abwesender Freund v. Mirbach sei heute hier wiederholt genannt; er wolle nur konstatieren, daß die Genossenschaften mit be­schränkter Haftbarkeit des Herrn v. Mirbach in keinem prinzipiellen Gegensätze zu den Schultze -Delitzschen ständen und daß Abg. Schultze-Delitzsch dem Vorschläge seines Freun­des v. Mirbach lebhaftes Interesse entgegengebracht habe. (Sehr richtig.)

Nach einigen Bemerkungen des Abg.Rittinghausen im Sinne des Abg. Perrot erklärt der Vice Präsident Ackermann, daß er sich im Irrtum befunden, der Abg. Lohren habe nach dem ihm jetzt vorliegenden Stenogramm allerdingsder" Partei gesagt: hätte er, der Präsident, das gehört, würde er ihn zur Ordnung gerufen haben.

Abg. Richter fragt, ob nach dieser Erklärung der Ordnungsruf in das Protokoll komme.

Vicepräsident Ackermann: Nach dem Gebrauche deö Hauses könne ein Ordnungsruf nachträglich nicht erteilt werden.

Abg. Dr. H änel widerspricht, daß das Gebrauch sei; früher seien z. B. unter dem Vicepräsidenten Weber Ord­nungsrufe nachträglich, selbst erst am zweiten Tage, erteilt.

Abg. Dr. Windthorst: Man müsse dem Präsidenten jede mögliche Freiheit lassen; übrigens sei der Ordnungs­ruf gar nicht so nötig gewesen, er habe schon schlimmere Dinge gehört, die ungerügt geblieben.

Das verschwundene Kind.

Roman von Ewald August König.

(Fortsetzung.)

Er, der mit kaltem Blute seine Blutsverwandten mor­den konnte, sollte durch die Bitten eines Mädchens gerührt werden?" erwiederte die Alte mit schneidendem Hohn.Ich kenne ihn besser, ich hab' ihn kennen gelert, tief in seine schwarze Seele hinein geblickt."

Versuche es noch einmal," bat Constanze, mit dem Mut der Verzweiflung an ihre letzte Hoffnnng sich an­klammernd.

Weißt Du, was das Resultat wäre? Er würde mich verhaften lasten, mich und auch Dich!"

So niederträchtig kann er nicht handeln 1"

Er hat mir damit gedroht und mich aufgefordert, so rasch wie möglich diese Gegend zu verlassen. Er kennt das HauS hier, er weiß, daß hier die Verfolgten unseres Stammes stets eine Zuflucht gefunden haben, er hat mir gedroht, er wolle sich an die Spitze der Häscher stellen, dann würden sie uns gewiß finden."

Wieder zuckte das braune Zigeunermädchen, fest und durchdringend ruhten ihre glühenden Augen auf dem welken Antlitz, wie wenn sie die geheimsten Gedanken der alten Frau erforschen wollten.

Ist das Wahrheit?" ,

Hast Du mich je auf einer Lüge ertappt?"

Nie, es ist wahr," sagte Constanze mit dumpfer Stimme, und im nächsten Augenblick setzte sie ein Flacon an die Lippen, welches sie mit Blitzesschnelle aus dem Busen geholt hatte. -

WaS thust Du, Constanze?" rief die alte Zigeunerin bestürzt.

Hebet das Gesicht des jungen Mädchen glitt ein schmerz­licher Zug.

Es ist geschehen," erwiederte sie,ich habe gebüßt für die Thorheit und den Leichtsinn meiner Jugend."

Du hast Gift genommen?"

Ja, durfte ichs nicht?"

Die Alte rang laut aufschreiend die Hände, Constanze schlang den runden vollen Arm um ihren Hals und schaute ihr wehmütig in die Augen.

Konnte, durfte ich zu den Unseren zurückkehren?" fragte sie.Würden nicht Schmach und Schande stets auf mir geruht haben, und hätte ich mich jemals mit den Fröhlichen freuen dürfen? Gab es noch eine Blume, die für mich duftete, einen Stern, der für mich strahlte? Was geschehen ist, das mußte geschehen das Leben war für mich ein kurzer Traum, wenn es feinen Wert verloren hat, kann man ja leicht darauf verzichten."

Die alte Frau hielt das zusammenbrechende Mädchen in ihren Armen und eine Fülle des glühendsten Hasses leuchtete aus ihren starren Augen.

Der Fluch soll ihn treffen," murmelte sie,meine Rache ihn vernichten l Höllenqualen soll er erdulden"

Sprich nicht so, unterbrach Constanze sie mit matter brechender Stimme.Es war ja meine Schuld, daß ich ihm Vertrauen schenkte! Ueberlaß ihn seinem eigenen Gewissen, es wird ihn richten und verurteilen. Ich ver­zeihe ihm."

Die Alte schüttelte den Kops und zog die Brauen immer finsterer zusammen, aber sie schwieg, um der Unglücklichen nicht das Ende zu erschweren.

Es war ein starkes schnell wirkendes Gift, welches Con­stanze genommen hatte, schon nach einer Viertelstunde hielt die alte Frau eine Leiche in den dürren Armen.

Langsam ließ sie den leblosen Körper auf den Fuß­boden niederfinken, dann verhüllte sie das Antlitz und blieb neben ihm sitzen, bis der Abend anbrach.

Und als die Sterne aufgegangen waren, gruben beide, der Wirt und die Alte ein Grab, in das sie die Leiche hinunterfenkten.

Schlaf wohl, mein geliebtes Kind," flüsterte die Fran, als das Grab sich geschlossen hatte,schlaf wohl, die Herzen, die Dich geliebt Haden, werden Dich nie vergessen. Aber Du sollst gerächt werden, der Rache gilt jetzt mein Leben noch allein. Rache, Rache, Rache Deinem schändlichen Mörder."

Sie hob die Hand wie zum Schwur empor und ihre Augen glühten wie die Augen des Tigers, der sich zum Sprunae bereit macht.

Rache!" sagte sie noch einmal leise, dann wandte sie sich um, und schritt in den Wald hinein, hinter besten Bäumen sie bald verschwand.

6. Kapitel.

Nachdem bas Gericht bie nötigen Erkundigungen ein­gezogen und die Sachlage genau untersucht hatte, sand es nichts dagegen einznwenben, daß Lorenz Hartmann die Hinterlassenschaft feines Vetters übernahm.

Herr Lorenz Hartmann wurde durch diesen Glücksfall ein sehr reicher Mann, aber ob er daneben auch ein glücklicher Mann war, bas konnte außer ihm selbst nie­mand wissen. (Fortsetzung folgt.)