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jTlflrfiuro, Sonnabend, 3. Dezember 1881
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x Deutscher Reichstag.
Berlin, den 1. Dezember.
In der heutigen (7.) Plenarsitzung des Reichstags wurde die zweite Etatsbcratung beim Etat des Reichsamis des Innern fortgesetzt.
Abg. Dr. Windthorst spricht beim Tit. 1 (Gehalt des Staatssekretärs) sein Bedauern darüber aus, daß gleichzeitig mit dem Reichstage eine Reihe anderer Landes- und Provinzialvertretungen tage. Jedenfalls seien eine Reihe von Mitgliedern, die heute abwesend, als rite entschuldigt anzusehen.
Staatssekretär des Innern v. Bötticher konstatiert, daß auch die jetzige frühere Einberufung dcö Reichstages den oft gerügten Uebelständcn nicht abzuhelfen scheine. Die Einberufung des bairischen Landtags in den letzten 3 Monaten dcö Jahres sei verfassungsmäßig vorgeschrieben und die Einberufung verschiedener Provinziallandtage sei mit Rücksicht auf den bevorstehenden preußischen Landtag nicht aufzuschieben gewesen.
Abg. Frhr. v. Minnigerode spricht sich ähnlich wie der Abg. Windthorst aus, während Abg. Frhr. v. Stauffenberg betont, daß die Beseitigung des Uebelstandes vom Zusammentagen der verschiedenen legislativen Körperschaften mit dem Reichstage davon abhängig sei, daß die Einbe- rusungSzeit des Reichstags ein für allemal festgestellt werde. Dann könnten auch die Termine für die Einberufung der Einzellaudtage geändert werden. — Ueber den Gegenstand sprechen dann noch weiter derAbg.Windthorst, Staatssekretär v. Bötticher (auf einige Aeußerungen der Vorredner erwidernd) und Abg. Reichensperger (Olpe), der sich auf seinen vorigjährigen Antrag bezog, welcher bekanntlich ein reichsgesetzliches Verbot von Zusammentagen von Reichstag und Landtagen bezweckt.
Abg' Dr. Franz spricht seine allgemeine Anerkennung für die rechtzeitig vorgelegtcn Berichte der Fabrikiuspcktoren aus; wünscht indeß die vollständige Vorlegung derselben und hofft, daß noch mehr auf gänzliche Beseitigung des Drucksystems hingcwirkt werde, obwohl er anerkennt, daß diesbezüglich schon seitens der Fabrikinspektoren ersprießlich gewirkt sei. Demnächst berührt er u. A. die Not der
Arbeiterbevölkerung im Eulengebirge, und die Mißstände bei der Beschäftigung der jugendlichen Arbeiter. Staatssekretär des Innern v. Bötticher sagt den Wünschen des Vorredners Abhülfe zu, soweit die Organe der Reichs- Verwaltung dazu im Stande sind.
Abg. Frhr. 1). Pfetten befürwortet eine Petition von Ausstellern in Melbourne, die sich durch den Reichskommissar in ihren Interessen geschädigt glauben. Staatssekretär des Innern v. Böttich er erklärt, daß der Reichs- regierung von der Petition nichts bekannt; eö werde indeß, sofern eö sich nicht uni privatrechtliche Ansprüche an die Agenten handle, welcher sich die Aussteller bedient, reifliche Prüfung der Angelegenheit eintreten. Er wiederholte demnächst die Erklärung, daß er materiell auf die Sache zur Zeit nicht eingehen könne, nachdem der Vorredner noch einmal seinen Wunsch urgiert hatte.
Inzwischen ist der Reichskanzler Fürst v. Bismarck im Hause erschienen.
Im Titel 11 erscheint die Position von 85000 M. für den Volkswirtfchastsrat.
Abg. v. Benda präzisiert die ablehnende Stellung der National liberalen dieser Position gegenüber, indem er sich namentlich auf die erst vor einigen Monaten vom Abg. v. Bennigsen abgegebene Erklärung bezieht.
Reichskanzler Fürst v. Bismarck warnt davor, daß die Herren doch nicht hinter den einfachen Bestrebungen, die Geschäfte zu fördern, politische Hintergedanken erblicken möchten. Es handle sich allein um die bessere Gestaltung der Vorlagen, deren mangelhafte Entstehung man nicht verkennen könne und die naturgemäß oft allein der einseitigen technischen Auffassung eines Vortragenden Rates ihre formelle Entstehung verdanken. Eine stehende Einrichtung (statt Enqueten) halte er deshalb für nützlich, weil sie aus Männern bestehen würde, die Beruf und Geneigtheit hätten, sich solchen Aufgaben dauernd zu unterziehen, und so die Beratungen wesentlich gekürzt werden. Die Regierung verlange diese Hülfe eben für sich, nicht für den Reichstag, sie halte sie nötig für sich und werde die Vorlage immer wieder eingebracht werden, wenn sie jetzt auch abgelehut würde. Das vorliegende Bedürfnis sei ebenso notwendig, wie die Besoldung der zahlreichen Beamten. Er wolle die Herren nur an das Sprichwort erinnern: „Ein Mensch, der weiß, was er nicht weiß, kommt immer noch weiter, als der, der nicht weiß, was er nicht weiß! — Versage der Reichstag die geforderten Mittel, so werde den Bundesregierungen nicktö übrig bleiben, als an die Opferfreudigkeit des Volke« g-gen die Entscheidung des Reichstags zu appellieren und den preußischen Volkswirtschaftsrat durch Mitglieder aus den anderen Bun- desstaatdn zu ergänzen. Der Reichskanzler schloß mit der dringenden Aufforderung, den verbündeten Regierungen nicht die Mittel zu ihrer Information zu versagen.
Abg. L e u s ch n e r (EiSleben) kann dem Abg. v. Benda nicht zugeben, daß bereits die nötigen sachverständigen Organe existieren, welche den Aufgaben des VolkSwirtschaftS- rats genügen könnten. Am wenigsten seien das die Handelskammern, die nur einseitige Interessen vertreten. Mit der Berufung von Enqueten wäre eine große Schwerfälligkeit verbunden. Ein bedenklicher Einfluß des BolkSwirt- schaftsratS auf den Reichstag sei in der That nicht zu fürchten. In Frankreich bestehe ein gleiches Institut schon lange. Event, möge man die Position probeweise auf ein Jahr bewilligen.
Abg. Dr. Bamberger erklärt von vornherein, daß für ihn die Geldfrage nebensächlich sei. In seiner bekannten Abneigung gegen die Errichtung eines Volkswirtschaftö- ratS kommt er in sehr ausführlicher Weise auf daS in der vorigen Session bereits Gehörte zurück. Er meint, daß die Ansichten über die Thätigkeit deö Volkswirtschaftsrats noch sehr verschwommen seien, und jedenfalls würde er der Regierung nicht die Arbeit erleichtern, sondern erschweren. Redner weist ferner auf die bei den verschiedenen Enqueten gemachten Erfahrungen hin. Sie hätten gezeigt, wohin ein solcher Beirat führe. Redner kommt sodann auf die mit seiner Person neulich vom Kanzler in Verbindung gebrachte Rothschild-Anek ote zurück und meint, der Mayer des Herrn Kanzlers habe früher Delbrück geheißen; der Kanzler verlange aber nicht, von seinem Mayer dessen eigene Meinung zu hören, sondern derselbe solle seine, des Kanzlers, Meinung wiederspiegeln, das werde auch die Aufgabe des Volkswirtschaftsrats sein. Das zeige sich auch in dem Rüffel, den die Handelskammer in Grüneberg vom Kanzler bekommen habe, weil sie, er sehe ganz davon ab, ob die Handelskammer recht habe oder nicht, die Ansicht deS Kanzlers kritisiert habe. Solche Vorgänge machen ihn argwöhnisch dagegen, daß der Kanzler eben vom Volkswirtschaftsrate nichts anderes werde hören wollen, als seine eigene Meinung. Er weiche auch darin vom Kanzler ab, daß die Interessenten über solche Wirtschaftsfragen am besten urteilen könnten, daS et eine Verwechselung von Zeugen und Richter. Die Interessenten sollten Zeugen, aber nicht Richter sein. Aus der Gesamtheit aller der Urteile der den verschiedenen Lebcnsberufcn angehörenden Männer, z. B. im Parlament, gehe das beste Urteil über praktische Fragen, hervor, die Interessenten blieben stets einseitig. Statt den Reichstag zu fördern, indem man suche, die praktischen Männer zu ihm hinzuziehen, entziehe man sie ihm durch den Volkswirtschaftsrat als Nebenparlament. Für Enqueten werde er Mittel bewilligen, für ein Nebenparlament nicht.
Reichskanzler Fürst BiSmarck: Meine Bemerkung in bezug aus den Herrn Vorredner in Verbindung mit der Rothschildschen Anekdote sollte natürlich nichts weiter bedeuten, als daß ich auch Bambergers Wünsche, als die meines hervorragendsten Gegners, nicht erfüllen konnte
Prolog zum Konzert für die Kleinkinderschule zu Marburg gesprochen von Frau Prof. W. am 16. Nov. 1881.
Von allen Fragen, die in unsrer Zeit, Der sragenreichcn, ungelöst noch brennen, Den kühlsten Mann, die schönste Weiblichkeit In Leidenschaft und Sturm verwandeln können, In deren Dienst Vereine weit und breit, Journale wirken, Sammler müd sich rennen, Ist keine wahrlich eine größre Plage (Ihr alle wißt es), als die Frauenfrage.
Für diese Sphinx kommt nie ein Oedipus, Der uns des Mannes Freiheit giebt und Rechte, Und käm er, was ich sehr bezweifeln muß, Den echten Frauen schien' er nicht der rechte. Sie stehn mit der Natur auf bestem Fuß Und würden tief beklagen ihr Geschlechte, Wenn die Bewohner beider Hemisphären Politisch plötzlich lauter Männer wären.
Der Frau gehört das Haus, die kleine Welt, Aus der die große Kräfte nimmt und Leben; Der Zukunft Heil ist aus die Frau gestellt. Der Kinder Wohl in ihre Hand gegeben;. Und auch der größte Genius und Held, Zu dem die Blicke staunend sich erheben, Er lernte laufen an der Mutter Stuhle Und ging zuerst bei Frauen in die Schule.
Und wo der Tod, wo Krankheit oder Not Die Eltern trennt von ihren armen Kindern, Da folgt die Frau dem göttlichen Gebot, Der Kleinen Unglück liebevoll zu lindern. Sie kleidet sie, sie spendet ihnen Brot, Weiß ihre Wildheit durch Geduld zu mindern, Belehrt und tröstet, wie Elisabeth, Die immer noch zu den Bedrängten geht.
Und heute tritt die edle Kunst sogar Für unsre Kinderschule in die Schranken, Um Euch, den Freunden unsrer lieben Schar, Mit Sang und Klang die Seele zu umranken. So dankt der Kunst, bringt lauten Beifall dar Und laßt Euch selbst von ganzen, Herzen danken, Daß Ihr erschienen, unsrer Kleinen dachtet Und für die Frauenfrag' ein Opfer brachtet.
K. Lucae.
Das verschwundene Kind.
Roman von Ewald August König.
(Fortsetzung.)
„Aber es giebt eine andere Macht," fuhr die Alte fort, „•ine Macht, die zuletzt doch den Sieg davonrägt, eine Macht, die nichts bezwingen kann. Und diese Macht ist der Haß, der sein Opfer verfolgt biö ins Grab, der nicht ruht, bis er sein Opfer vernichtet hat Hüte Dich vor diesem Feinde, er wird Dich vernichten."
Lorenz lachte, aber es war ein erzwungenes Lachen.
»Wo ist Constanze?" fragte er.
„Bei mir."
„Hier im Walde?"
„Nein, weshalb fragst Du nach ihr? Willst Du Tein Wort einlösen und zu ihr zurückkehren?"
Einen Augenblick zögerte Lorenz mit der Antwort.
„Ich weiß nicht, was Ihr von mir wollt", brach er endlich das Schweigen. „Ihr müßt doch selbst einsehen, daß Ihr Unmögliches verlangt. Constanze ist ein Naturkind, ohne Bildung, ohne Erziehung, sie würde sich und mich lächerlich machen in den gesellschaftlichen Kreisen meines Standes."
„Sir verlangt das nicht"
„Sie verlangt, ich soll ihr zu Liebe das abenteuerliche Leben eines Vagabonden führen, ist das nicht Narrheit? Für einige Tage im l ohen Sommer lasse ich mirs gefallen, aber für Immer — nimmermehr I Ich bin'S nicht gewohnt, ich müßte auf alle Genüsse des Lebens verzichten und mich zum lumpigen, verachteten und gehetzten Zigeuner erniedrigen."
„Elender", sagte die Alte mit heiserer «Stimme, „Du hättest verdient, am höchsten Galgen zu enden, und eS geschehe Dir Recht, wenn ich Dir den Dolch inS Herz stieß. Hast Du schon vergesien, waS ich damals Dir sagte, als Du um die Liebe Constanzes warbst? Warnte ich Dich damals nicht vor der Reue? Zeigte ich Dir nicht alle diese Folgen und erwiedertest Du mir nicht, niemals würdest Du Reue empfinden I Ah, damals glaubte ich, Du seiest ein Ehrenmann, nun aber muß ich erfahren, daß Du ein elender Schurke bist. Wie — Du kannst das Weib, welches Dir alles, ihre höchsten Güter geopfert hat, in den Kot treten und es mit Schmach und Schande beladen? Noch einmal frage ich Dich, willst Du Deinen Schwur einlösen?"
„Constanze weiß selbst, daß ich es nicht kann."
„Sie ahnt, daß Du es nicht willst!"
„Fordert jedes anvere Opfer, ich will es bringen. Constanze findet immer noch einen Gatten, in Eurem Stande nimmt man das ja nicht so genau, Unschuld und Ehre verläuft ein Zigeunermädchen ohne Bedenken, wenn —'
„Nun ist eö aber genug!" fiel ihm die alte Zigeunerin scharf ins Wort. „Du wirft Constanze niemals mehr Wiedersehen!"
„So nehmt dies Geld, bringt eS ihr mit meinem letzten Gruß und sagt ihr —*