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3Rar6urg, Donner-t-g. 1. Dezember 1881.
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Deutscher Reichstag.
Berlin, den 29. November.
In der heutigen, um Vgl Uhr ei öffneten (5.) Plenarsitzung wurden zunächst einige NechnungSvorlagen der Rech- nungSkommission überwiesen. Zu Mitgliedern der ReichS- schuldenkommisston werden die Abgg. v. Bernuth, Kochann (Ahrweiler) und v. Busse, und zu Stellvertretern die Abgg. Hermes (Parchim), v. Bunsen und Dr. Meier (Halle) erwählt.
Es folgte die zweite Etatsberatung, welche mit dem Etat des Reichstags begann. Während der Abg. Rickert das Wort hatte und die gestern vom Fürsten Reichskanzler vor- getragenc Wahlstatistik bemängelte, erschien der Reichskanzler Fürst von Bismarck selbst an seinem Platze.
Der Staatssekretär des Innern v. Bötticher konstatierte, daß daö gestern mitgeteilte Material auf den amtlichen Mitteilungen der Wahlkommissare beruhe. Einzelne Mängel, welche in denselben enthalten sein möchten, würden binnen kurzem die nötige Korrektur erfahren. Den Namen „Sezessionist", worüber sich der Vorredner beklagt, habe sich dessen Partei selbst beigelegt.
Der Reichskanzler Fürst v. Bismarck ergänzte diese Entgegnung und wies darauf hin, daß er gestern ausdrücklich lediglich von den Wahlen des 27. Oktober (nicht von den Stichwahlen gesprochen habe. Die Vorwürfe gegen die amtlichen Mitteilungen der Wahlkommissarien rcsp. des statistischen Büreaus weist er als durchaus unbegründet zurück.
Abg. Rickert bestreitet, gegen jene Aufstellungen Mißtrauen ausgesprochen zu haben, er verlange jedoch, daß das statistische Material dem Reichstage vorgelegt n erbe.
Reichskanzler Fürst v. Bismarck entgegnet dem Vorredner, der ihm vorgehalten hatte, daß er früher selbst entschiedener Freihändler gewesen, daß man doch endlich ablassen möge, die Debatte persönlich zu gestalten. Er habe schon oft erklärt, daß er in früheren Jahren gar nicht die Zeit gehabt habe, sich um diese Dinge zu kümmern. Auch die Fortschrittspartei würde, wenn sie einmal die Regierung führen sollteM nicht solche Männer haben, die in zwanzig Jahren nicht mit sich selbst in Widerspruch treten. Die
Fortschrittspartei würde übrigens richtiger den Namen „Hemmschuhpartei" führen.
Abg. Richter (Hagen) flieht in sarkastischer Weise der Hoffnung Ausdruck, daß der Reichskanzler bei weiteren Studien zu seinen früheren richtigeren Anschauungen zurückkommen werde. Was an der gestrigen Wahlstatistik bedenklich gewesen, seien nicht sowohl die Zahlen, sondern die Schlüsse, die daraus gezogen seien.
Reichskanzler Fürst Bismarck konstatiert, daß die Ausführungen des Vorredners sich wieder ganz persönlich zugespitzt. Mit den wirtschaftlichen Fragen habe er sich eingehend allerdings erst seit 1875 beschäftigt, als er gesehen, daß das Freihandelsprinzip alles zu Grunde richte. Der Vorredner vermisse eine Angabe über das Wahlergebnis der Reichspartei; dasselbe sei allerdings wenig erfreulich, ändere aber daran nichts, daß die Deutschkonservativen gewachsen und daß die Liberalen nickt berechtigt seien, im Namen der Nation zu sprechen. Für die Institution deS Reichs sei cs allerdings sehr bedauerlich, daß die „Hilfsparteien" sich im Rückgänge befinden. Die ganze Strömung dränge jetzt zum Extremen nach links und werde voraussichtlich noch weiter gehen. Ebenso würde aber auch bei einer etwaigen Strömung nach rechts die Führung den Extremen der Konservativen zufallen.
Abg. Windthorst betont, daß die Frage, ob Schutzzoll oder Freihandel, sich lediglich erfahrungsmäßig entscheiden lasse. UebrigenS frage er die Herren von der Linken, wozu diese täglichen theoretischen Angriffe? Glaubten sie die Wirtschaftspolitik ändern zu können, so möchten sie auf Revision des Zolltarifs im freihändlerischen Sinne Anträge stellen, dann würden sie sehen, daß ihnen die Majorität fehle. UebrigenS wäre ihm nichts lieber, als eine große liberale Partei, welche von selbst zu einer großen konservativen Partei führen müsse, und letztere bedeute Aufhebung des kirchenpolitischen Kampfes. Die Freiheit der Liberalen sei eine solche nur dem Namen nach; in der Tbat sei sic weiter nichts als Fraktionstyrannei. Die Herren Liberalen sollten aufhören, im Namen der „Nation" zu sprechen; sie dürften nur von „Wählern" sprechen. Seine Ansicht, daß seiner Partei die Majorität zufallen werde, beruhe auf der Wahrnehmung, daß die Grundsätze des Zentrums mehr und mehr auch von den gläubigen Protestanten als die richtigen anerkannt würden. Im übrigen rechtfertigt er die Wahlstatistik. Abweichend vom Herrn Reichskanzler ist er der Ansicht, daß, um Klarheit in die Sache zu bringen, die Mittelparteien verschwinden müßten.
Abg. Dr. Hänel hält dem Zentrum seine diplomati- fierende Haltung vor — die „Grundsätze" wären nirgencS erkennbar —, und weist auf daS Verhalten des Zentrums in Bayern hin, welches rein sachliche Mittel verweigere, um die Regierung zu stürzen. Die wahre Situation des
Reichstages sei die, daß alles, was von der Gegenseite geschaffen werden könne, nur möglich sei durch eine unnatürliche Koalition zwischen dem Zentrum und den Konservativen. Diese Verbindung schädige die Konservativen; denn eS gebe in Deutschland eben auch ein tiefgewurzeltes protestantisches Bewußtsein. Der Herr Reichskanzler dürfe sich bei seiner Methode, die Gegner zu behandeln, über persönliche Angriffe nicht beklagen. Die Prophezeiung des Herrn Reichskanzlers, daß die Fortschrittspartei immer weiter ins Extrem getrieben werden und zu französischen Zuständen, d. h. zur Republik gelangen würde, sei nicht zutreffend. Der Reichskanzler dürfe nicht ferner die Parteien gegen einander auSspielen, sondern den großen Strömungen der Zeit Rechnung tragen und der Volksvertretung den ihr gebührenden parlamentarischen Einfluß gestatten. Den Reichskanzler klage er an, daß er das Ohr des Kaisers den Parteien der Liberalen verschließe. Auch die Fortschrittspartei sei sich der Treue gegen den Kaiser vollbewußt und verdiene nicht die Beschuldigung, republikanischen Tendenzen zu folgen.
Reichskanzler Fürst Bismarck wendet sich gegen Dr. Hänel, begründet nochmals ausführlich seinen Ausspruch, den Hänel angegriffen, daß die Fortschrittspartei der Republik entgegengleite mit dem Beispiele der Girondisten. WaS der Fortschritt unter wahrem KonstitutionaliS- muS verstehe, paffe nicht für Deutschland, weil Deutschland monarchisch konstituiert sei, während nach englischen Prinzipien der König gar keinen Einfluß habe. Bei unS sei aber der Kaiser ein Faktor der Gesetzgebung; nicht die Regierung. Er vertrete nur die Intentionen und den Willen des Kaisers, als dessen Diener; er könne hier keine Meinung vertreten, von der er nicht sicher sei, daß sie der Kaiser teile; ein Mißbrauch des Amtes würde rS sein, wollte er dem Kaiser etwas verheimlichen; der Kaiser lese die Verhandlungen, kenne die Stellung der Fortschrittspartei. Dem Kaiser verbieten zu wollen, zum deutschen Volke rn sprechen, werde dem Fortschritt nicht gelingen. DaS Ohr des Kaisers könne er nicht verschließen, dazu reiche seine Macht nicht; bet Kaiser kenne die Gefahr, die im Gravis tieren deS Fortschritts nach links liege. Der Fortschritt solle doch eine Adresse, einen Antrag an den Kaiser stellen und fordern, daß er ihn, den Kanzler, verabschiede, er wolle ihm gern dazu helfen. Das „Verschließen der Ohren deS Monarchen" in der Presse und hier sei ein Nachklang von 1848, der heute nicht mehr zeitgemäß. Vorredner hält meine Prophezeiung des nach links Gleiten für falsch; wie in Frankreich und sonst extreme Parteien stets sich selbst weiter drängen, sei eS auch hier der Fall. Ob man in Holland, Belgien, Italien, Spanien das nicht genau beobachten könne; ebenso 1848 in Baden? Solche Prophezeiungen seien allerdings nicht zu beweisen, er führe hier auch kein Beweisverfahren, sondern trete als Zeuge auf für seine Meinung. Vertrete er, der Kanzler, seine Met-
Das verschwundene Kind.
Roman von Ewald August König.
(Fortsetzung.)
„Dieser Brief ist kein rechtsgültiger Beweis," sagte er.
„Ein rechtsgültiger B weis wäre ein Totenschein," er- wieverte Lorenz hastig, einen solchen kann ich nicht schaffen. Sollte das Kind wirklich später wieder zum Vorschein kommen, waö ich nicht glaube, so bin ich sofort bereit, ihm sein Erbe abzutreten."
„Das Gesetz kann Bürgschaft verlangen."
„Bürgschaft?" fuhr Lorenz aus. „Wofür? Für meine Rechtlichkeit? Hat man Grund, mir zu mißtrauen? Wenn ich sage, daß ich dem Kinde daö Erbe abtreten werde, sobald dieses Kind erscheint, so muß das geschehen. Einstweilen aber bin ich hier der rechtmäßige Herr und lasse mich nicht aus dem Besitz vertreiben."
Der Richter lenkte ein, er hatte nicht erwartet, daß der junge Herr sich so rasch beleidigt fühlen werde und eS lag durchaus nicht in seiner Absicht, sich mit ihm zu überwerfen.
„Ich werde dem Richterkollegium den Fall zur Begutachtung vorlegen," sagte er, „und ich zweifle nicht, daß die Angelegenheit zu Ihrer größten Zufriedenheit geordnet wird."
„Nun, diese Erklärung lasse ich mir gefallen," erwiderte Lorenz, einen scherzenden Ton ««schlagend, „ich zweifle nicht, daß wir bei gutem Willen auf beiden Seiten rasch einig sein werden."
Der Richter legte ihm jetzt daö Protokoll zur Unterzeichnung vor, tauschte noch einige Höflichkeiten mit ihm aus und entfernte sich dann mit dem nochmaligen Versprechen, dir Angelegenheit zu einem raschen Abschluß
bringen zu wollen. Lorenz gab ihm das Geleite bis zur Treppe, dann kehrte er in das Zimmer zurück und ein höhnisches Lächeln umspielte seine Lippen.
Er ordnete die Papiere wieder, schloß den Sekretär zu und wanderte dann lange auf und nieder.
Der Abend senkte seine Schatten immer tiefer, der Nacht- toinb rauschte draußen in den Bäumen vor dem geöffneten Fenster, der Diener brachte ein Licht und entfernte sich schweigend wieder, Lorenz schritt noch immer rastlos auf und ab.
Nur einmal blieb er für einen kurzen Augenblick am Fenster stehen, um in die Nacht hinauSzuschauen, dann nahm er feine Wanderungen wieder auf.
Welche Gedanken mochten in dieser Stunde seine Seele beschäftigen?
Dachte er an das braune Zigeunermädchen, dem er treue Liebe gelobt hatte mit einem feierlichen Eide?
Dachte er an ihre Bitten, ihre Drohungen, und stellte er jetzt schon den Tag fest, an welchem er zurückkehren wollte?
Ein seltsamer Zug umspielte feine Mundwinkel, ein Zug, der feinem markierten Gesicht einen teuflisch-boshaften Ausdruck gab.
Dachte er in diesem Moment an daS kindlich vertrauende Herz des schönen Mädchens?
Bestürzt blieb er stehen — ein Stein von fremder Hand durch das Fenster geschleudert, war dicht vor ihm niedergefallen.
Er bückte sich und hob den Stein aus, um denselben war ein Papier gewickelt, und ans der inneren Seite dieses Papiers zeigte sich dieselbe Handschrift, in der die beiden verhängnisvollen Briese geschrieben waren.
„Ich erinnere Tich an Dein Versprechen!" lauteten die Zeilen. „Du hast erreicht, was Du wolltest, wir erwarten den versprochenen Lohn — Liebe und Treue! Wehe Dir, wenn Du uns betrügst! Du bist der Unsere und kannst Dich nie von uns befreien, wir halten Dich fest an unzerreißbaren Keilen. Heute Abend erwarte ich Dich an den Eichen um Mitternacht."
Ein Fluch entfuhr den Lippen des jungen Mannes, et warf das Papier auf die Erde und trat mit feinem Fuße darauf.
„Glaubt Ihr, mich durch solche Drohungen erschrecken zu können?" knirschte er wütend. „Ihr meint, ich könnte die Fesseln nicht zerreißen!"
Ein heiseres Hohnlachen war die Antwort auf diesen Wutausbruch, ein Lachen, welches den jungen Manu sehr
entsetzte.
Er eilte ans Fenster und blickte starr hinaus, aber die Finsternis war zu dicht. ...
„Ich warte auf Dich!" hörte er eine heisere Stimme rufen. „Kommst Du nicht, dann wird Dein Haus ein Raub der Flammen." e
Lorenz trat zurück, er schlug da» Fenster zu, daß di Scheiben klirrten. , ,
5. Kapitel.
Unter den drei Eichen, unter denen die Leiche Hartmanns gelegen hatte, kauerte eine dunkle Gestalt, die Gestalt eines Weibes und gleich glühenden Kohlen blitzt« die Augen dieses Weibes in der Finsternis, die sie umgab.
Leise rauschte der Nachtwind in den hohen breit« Kronen der majestätischen Bäume und von Zeit zp Zeit fiel ein dürres Blatt nieder — der Herbst nahte schon mit raschen Schritten. (Fortsetzung folgt.)