Kk 277.
Akarkurg, Sonnabend, 26. November 188L
XVI. Mw
Das verschwundeue Kind.
Roman von Ewald 21 u g u ft König.
(Fortsetzung.)
, Da ihnen die Sachlage unbekannt war, so konnten sic Beide nicht begreifen, daß Hartmann überhaupt das Haus verlassen und sich von der Leiche seiner Frau getrennt hatte; eö mußten gewichtige Grunde für ihn vorgelegen haben und eben diese Gründe waren ihnen ein Rätsel."
Lorenz ging, nachdem er das Frühstück eingenommen und ein Stündchen geruht halte, in die Stadt, um auch hier Nachforschungen anzustcllcn, zugleich wollte er die Polizei auf den Ztg^unerboten aufmerksam machen, es war jetzt doch zu spät geworden, mit dem Letzteren zu verhandeln.
Aber er fand keine Zeit, diesen Vorsatz ausznsührcn, denn in demselben Augenblick, in welchem er in das Polizeiburean einleten wollte, kam der Kommiflar ihm entgegen, der damals die Nachforschung nach dem verschwundenen Kinde geleitet hatte.
Und kaum sah der Kommissar ihn, als er auch auf ihn zustürzte, wie ein Raubtier auf seine Leute.
„Haben Sie eö schon gehört?" fragte er.
„WaS?" erwiderte Lorenz verwirrt. „Ist das Kind gefunden?"
„Das Kind, bewahre I Aber draußen liegt eine Leiche."
„Die Leiche meiner Base," sagte Lorenz mit schmerzlicher Stimme, „sic ist erlöst von ihren Leiden."
Der Beamte blickte betroffen auf.
„Die junge Frau ist auch tot?" fragte er überrascht.
»Ja, gestern Morgen ist sie gestorben."
„Nun, eö ist besser so," sagte der Kommiflar, „diese Nachricht würde ihren Lebensfaden jäh zerriflen haben."
Deutscher Reichstag.
(3. Plenarsitzung am 24. November.)
Das Hauö ist gut besetzt, die Tribünen sind überfüllt.
Am Tische big Bundesrates Staatssekretäre: des Innern Dr. v. Boetlichcr, der Finanzen Scholz, der Marine v. Stofch, deö Ncichspostamls Dr. Stephan, des Kriegs v. Kameke, der Justiz Dr. v. Schelling. Bcvollmächligte zum Bundesrate: Verth du Vcrnois, Kastner, Liebe, Faber du F-'ur, Burchard, Edler v. d. Planitz, v. Xylander, Graf Lercheufelo rc. und zahlreiche Kvmmissarien.
Präsident von Levetzow eröffnet die Sitzung um 12V1 Uhr.
Eingegangen ist eine Denkschrift über die Anordnungen, welche von der König!, preußischen, Königl. sächsischen und der hamburgischen Regierung auf Grund des § 28 des Socialisiengesetzes unter Zustimmung des BundeSraieS getroffen sind. — Ferner ein Schreiben deö Reichskanzlers, welches die Urkunde der Allerhöchsten Botschaft, mit welcher der Reichstag eröffnet ist, überreicht. — Eine große Anzahl von Abgeordneten sind in das Haus eingelreteu. — Die Abteilungen haben eine beträchtliche Anzahl von Wahlen geprüft und werden diese vom Hanse für gültig erklärt.
Abg. Dr. Gi eschen erklärt, nachdem er in der Stichwahl int VI. schleswig-holsteinischen Wahlkreise gewählt sei, dieses Mandat anzunehmen und das im IV. schleöwig- holsteinischen Wahlkreise niederzulegcn.
Urlaubsgesuche in größerer Zahl, teils zur Teilnahme an den Arbeiten des rhei'. 'schen Prvvinzial-LandtageS, teils des baierischen Landtages werden bewilligt.
Die Anträge des Abg. H a s e n c l e v e r auf Einstellung des Strafverfahrens beim Amtsgerichte in Breslau gegen den Abg. Kräcker, und des Abg.Kräcker auf Einstellung desselben Verfahrens bei dem Landgerichte zu Leipzig und dem Amtsgerichte zu Halle gegen, den Abg. Hafenclever werden vom Abg. Haseuclever befürwortet, dagegen beantragt Abg. Freiherr v. Manteuffel U-betweisung dieser Anträge an d e Geschäftsordnungs-Kommission; Abg. Dr. Windthorst ip icht für Annahme der Anträge und nimmt das Huts dieselben au.
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Daraus tritt das Haus in die erste Beratung des ReichshauöhaltSetatS pro 1882,83 ein.
Staatssekretär der Finanzen Srbolz: rechtfertigt die Anordnung einer anderweitigen Fristbestimmung für die Zahl der Export-Bonifikation für Zucker, so daß eö nicht mehr vorkommen könne, daß Bonifikationen eher gezahlt würden, als die Steuer selbst entrichtet sei. Aber aus dem früheren Zustande resultiere für das laufende Jahr eine außerordentliche Einnahme von etwa 12 Millionen, daher komme es, daß trotz eines rechnungsmäßigen Dcficils pro 1880/81 das Ergebnis dieses Jahres ein günstiges sei. Ebenso sei auch zu erwarten, daß das laufende Jahr 1881/82 günstiger abschließen werde, da nach den bisherigen siebenmonatlichen Ergebnissen sich zwar Mehrausgaben von 3 150 000 M., dagegen aber Mehreinnahmeu von 18 560 000 M. ergeben, denen nur beim S>pielkarten-Stempel eine Mindereinnahme von 60000 M. gegenübersteht. WaS nun den neuen Etat anlange, so schätzen die Regierungen den Ertrag ans den Zöllen, nach den bisher gemachte!'. Erfahrungen, welcher, wie bekannt, über 130000000 M. hinaus den Einzelstaaten zu überweisen sei, etwas geringer als früher, eö seien daher 1054 000 M. weniger eingesetzt als früher; daraus folge nicht etwa eine Verminderung der Zolleinnahmen, sondern nur die Annahme einer mehr allmählichen Steigerung derselben, als man früher angenommen. Dagegen sei die ans der Tabaksteuer den Einzel- staaien zu überweisende Summe höher ausgefallen, als sie veranschlagt war und deshalb auch dieser Anschlag für die Zukunft erhöht. Von Belang für die Einzelstaaten und ihnen einen Ersatz bietend für die Minder-Einnahmen aus den Zöllen und die Erhöhung der Matrikularbeiträge sei die zum ersten Male in diesem Etat auftretende Einnahme aus dem Börsenstempel, welche auf 12 Millionen veranschlagt sei, daran participierten die Lotterielose mit 6 Millionen, die Aktien mit 2 Millionen, die Börsenfixstempct mit 4 Millionen. Redner geht nun auf die einzelnen Sätze des Etats ein, die gegen früher eine Veränderung erfahren haben; nachweisend, daß wegen der früheren Vorlage des Etats andere Verwaltungs-Grundsätze als früher hätten zur Anwendung kommen müssen. Alle die kleinen Mindereinnahmen und Mehrausgaben einzelner Verwaltungen, wie z. B. die Salzsteuer, Biersteuer rc. mürben mehr alö gedeckt durch die Mehreinnahmen der Post- und Telegraphen - Verwaltung. Letztere rechtfertige aber auw, «ns dem Wege fortzufahren, Mehraufwendungen gegen früher für Hebung des Verkehrs aufzuwenden, denn besonders die auf das Landpost - Bestellwesen verwendeten höheren Mittel hätten sich als höchst verkehrsfö^dernd bewiesen und sei daher zu wünschen, daß diese jetzt erst ans kleine Distrikte ausgedehnten Einrichtungen allgemein cin- g-füh-t würden; dazn würden allerdings noch einige Jahre lang fortgesetzt- Mehraufweudungcn gehören. So
dann auf die im Etat enthaltenen einmaligen Ausgaben eingehend, werden die geforderten Beträge für Verstärkiüg der Betriebsmittel gerechtfertigt, die hauptsächlich bestimmt seien, den Geldverkehr der Post zu erleichtern. Als Resultat der gesamten Etats führt Redner aus, zeige sich, daß das Ziel der Finanzreform, d. h. die Selbstständigmachun- der Rcichsfinanzen, nahezu erreicht sei, ja erreicht sein würde, wenn nicht inzwischen die Neuorganisation der Armee eingetreten wäre. Es sei die Anklage also ganz unbegründet, daß von den Versprechungen der Regierungen nichts in Erfüllung gegangen sei. So wie die finanzielle Selbstständigkeit bereits gefördert und nahezu erreicht sei, so hoffe er, daß ohne allzu harte Kämpfe auch die übrigen Ziele der Finanzreform zu ereichen sein würden. (Beifall.)
Mg. Richter nimmt für die Botschaft zur Eröffnung be8 Reichstags die konstitutionelle Verantwortlichkeit des Kanzlers voll und ganz in Anspruch. Habe dort der Kanzler die Krone beraten, so habe nun der Reichstag die Aufgabe, seinerseits die Krone zu beraten. Die Absicht, die Botschaft in den Gemeinden anziischlagen, beweise, daß man die Person des Kaisers in die Debatte ziehen und über sie ab- stimmen lassen wolle. Das sei französische Manier, nicht deutsche. Die Besserung der Verhältnisse, welche die Botschaft betone, stelle er in Abrede. Es sei zu tadeln, daß der Etat die Wirkungen der neuen Zölle nicht näher darlege. Die Handelskammerberichte widersprächen zum großen Teil der Behauptung der Thronrede, daß eine Besserung der Erwerbsverhältniffe eingetreten sei. Die günstigen Angaben der Thronrede und des Staatssekretärs Scholz führe er, Redner, nicht auf eine generelle Besserung der Verhält- lüsse, sondern auf eine künstliche Zahlengruppierung zurück. Wenn Herr Scholz sage, die Erhöhung der Militärpräsenz habe die volle, günstige Entwickelung der Finanzlage verhindert, so erinnere er daran, daß das Zentrum nur unter der Voraussetzung die Zölle bewilligt habe, daß das Geld nicht im Kriegsministerium hängen bleibe. Die Militär- Verwaltung stecke immer noch in den Milliarden - Anschauungen. Der Etat gebe weiter Anlaß, daö Regierungs- Programm zu beleuchten. Nach einer Polemik gegen daS Tabaksmonopol, dessen Erträge zur Einlösung der gemachten Versprechungen unzulänglich sein würden, erinnert Richter an die Erfahrungen, die man nach dem siebenjährigen Kriege mit dem Tabaksmonopol gemacht habe. Friedrich der Große habe sich auch als Anwalt der Armee dabei geriert, wie heute der Kanzler, aber bei der Einführung deS Monopols die Getreidezöllc aufgehoben. Fürst Bismarck mache es umgckeh'.t. Friedrichs Fürsorge habe Preußens Sturz im Jahre 1806 nicht verhindern können, erst die Stein- und H.rrdenbergsche Politik habe den Staat wieder groß gemacht. Das sei diefelbe Politik, die man heute als fortschrittlichen Republikaniömus verketzere. Die Thronrede bestreite das Vorhandensein reaktionärer Hintergedanken, in
„Welche Nachricht?"
„Sic wissen also noch nichts?"
Lorenz zuckte die Achseln, er wußte nicht, was er auf diese, ihm unverständliche und zugleich ihn beunruhigende Nachricht gxllworten sollte.
„Ein Bauer hat uns soeben die Nachricht gebracht," fuhr der Beamte fort, „draußen im Walde bei den drei Eichen liege eine Leiche —*
„Hartmann!" rief Lorenz bestürzt.
„Ah — Sie wissen eö ja doch!
„Nein, nein, aber ich vermisse ihn seit gestern Abend, wir haben ihn die ganze Nacht gesucht, ein Diener und ich. Wir konnten nicht begreifen, weshalb er das Hauö verlassen hatte, wir wußten auch nicht, wo wir ihn suchen sollten."
„Bei den drei Eichen liegt er," sagte der Kommiflar, wir sind eben im Begriffe, hinauszufahren, um ric Leiche zu rekogiwscieren und den Thatbestanv festzustellen, da ist es mir lieb, daß Sie rnitsahrcn —"
„Zu welchem Zweck?" fiel Loreuz ihm hastig in'ö Wort.
„Um festzustellen, ob es wirklich die Leiche Ihres V tters ist."
Lorenz zögerte einen Augenblick, dann aber erklärte er sich bereit, die Beamten zu begleiten und nach einer Viertelstunde snhren sie ab, der Untersuchungsrichter, der Gerichtsarzt, der Polizeikommissar mit zwei Unterbeamten, ein Sekretär und Vetter Lorenz.
Schon auf dem Wege znm Walde richtete ter Unter; suchuugsrichttr mehrere Fragen an Lorenz, auf die der Letztere keine genügenden Antworten zu geben vermochte.
Er wußte ja nicht, weshalb Hartmann so spät in der
Nacht das Haus verlassen hake, was ihn veranlaßt, in den Wala zu gehen und ob hier ein Mord oder eine Selbst- rntlribung vorlag.
Beides war ja möglich und nun konnte diese Frage erst dann mit Sicherheit beantworten, wenn man die Leiche sah.
Lorenz berichtete nun den rätselhaften Vorfall mit dem Bri fe und fügte seine Begegnung mit dem Zigeuner hinzu; seine Mitteilungen weckten den Verdacht, daß der Zigeuner den jungen Mann ermordet habe, ein Verdacht, deflen Wahrscheinlichkeit sehr nahe lag.
Der Schauplatz der blutigen That war bald erreicht, die Beamtin stiegen aus.
Ein Bauer stand als Wache bei der Leiche, die Letztere lag mit dem Gesicht auf dem Boden.
Tntz. cm der Boden sehr weich war, fand man weder neben noch vor der Leiche Fußspuren, nur hinter ihr warm solche Spuren sichtbar, die aber, da sie von Hartmann selbst herrührten keine Bedeutung batten.
Ebenso fatit m n keine Spuren eines Kampfes und an dem Anzüge der Leiche nicht die mindeste Unordnung.
Alo man sic aufhob fand man den Boden unter ihr mit Blut getränkt, eine Kugel, die ins Herz gedmngen war, hatte den jungen Mann augenblicklich getötet.
Die Frage, ob ein Mord oder eine Selbstentleibung vorliege, wurde abermals aufgeworfen, der Arzt verneinte die Möglichkeit eines Selbstmordes.
Die Kugel müsse allerdings aus geringer Entfernung gekommen sein, sagte er, aber die Waffe sei dem Ermordeten doch nicht so nahe gewesen, daß der Schuß den Rock desselben versenkt habe, was bei einem Selbstmord sicher der Fall gewesm wäre. (Fortsetzung folgt)