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fllarÖUüQ, Freitag, 25. November 1881

XVI. IahWUg

Änreigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Amioncen-Bureaux L Th. Dietrich u- Co. in a'nffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; iiaasenstein u. Vogler in »rantfurt a. M., Berlin, Livzig, Köln rc.; Rudolf Mosse in Berlin, Frank- S furt a. M. rc.

GkchksMt jiitinig.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux von G L. Daube u. Co. in Frankfurt a. M.; Jägersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. ThieneS in Elberfeld: C. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllustrirteS Sonntagsblatt" Buchdruckerei) bezogen 2*/t Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 3 Mark 50 Pfg. (excl- Bestellgebühr.) — Jnsertionsgebühr für die Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 35 Pfg. berechnet.

durch die Expedition (Koch'sche gespaltene Zeile 10 Pfg.

WK- Für den Monat Dezember werden Be­stellungen auf die

Oberheffische Zeitung

und deren Gratisbeilage ■

Illustriertes Sonntagsblatt

von allen Post-Anstalten, auf dem Lande auch von den Landpostboten, entgegengenommen.

Fürst Bismarck und die innere Politik.

In liberalen Kreisen gilt es gleichsam als ein unbe­strettbarer Satz, daß Fürst Bismarck, wenn man auch zugeben wolle, daß er in auswärtiger Politik ausgezeichnet sei, doch von der inneren Politik nichts verstehe; er habe für dieselbe weder Vorbildung noch Beruf. Man hat hieran dm anscheinend wohlgemeinten Vorschlag geknüpft, er solle auch ferner an der Spitze der auswärtigen Politik bleiben, aber die inneren Angelegenheiten anderer „sachkundiger" Hand überlassen.

Jedes Blatt unserer neueren Geschichte aber zeugt dafür, daß das großartige Wirken des Reichskanzlers sich ebenso auf die inneren Verhältnisse des Vaterlandes, wie auf seine äußeren Angelegenheiten bezog, und daß er nimmer das für uns gewesen wäre, was er eben war, wenn er, wie behauptet wird, keinen Sinn, kein Verständnis für die innere Politik Preußens und Deutschlands gehabt hätte.

Nur um dem kurzen Gedächtnis unserer Politiker zu Hilfe zu kommen, soll hier ein flüchtiger Umriß seines Wirkens in den inneren Angelegenheiten gegeben werden.

Es darf in dieser Beziehung nicht die Lehrzeit über­gangen werden, in der er, noch außerhalb der Negierung stehend, vorzugsweise den inneren Lebensfragen des preu­ßischen Staates seine Beachtung widmete. Seine Dar­legungen über den „monarchischen Rechtöboten in Preußen", über den „christlichen Staat", wie über „die.Krone und das Steuerbewilligungsrecht" sind auch heute noch eine Fundgrube für alle diejenigen, welche in der monarchisch­konservativen Gesinnung die sicherste Grundlage gegen den Ansturm innerer Gefahren erblicken. Die Grundsätze, welche Herr von Bismarck hier als Parteiführer zur Geltung brachte, bilden die Wurziln seiner Kraft, die er in seinem späteren staatsmännischen Wirken offenbarte, und ohne welche weder sein Wirken verstanden werden kann, noch das hätte vollbracht werden können, was auch seine Gegner innerhalb und außerhalb Deutschlands bewundern.

Auch in seiner späteren Thätigkeit als Diplomat hatte Herr von Bismarck doch keineswegs allein die hohe aus­wärtige Politik im Auge. Ein bekannter fortschrittlicher Schriftsteller und Führer der Fortschrittspartei bezeugt ihm,

Das verschwundene Kind.

Roman von Ewald 3t u g u ft K ön ig.

(Fortsetzung.)

Mit dieser Hoffnung im Herzen kehrte Hartmann in sein eigenes Bibliothekzimmer zurück. Er hatte früher hier manche schöne Stunde verbracht, aber eö in den letzten Wochen nur wenig betreten, weil ihn eben alles hier an eine glückliche Zeit erinnerte und diese Erinnerung ihm unter den obwaltenden Verhältnissen peinlich war.

Sein erster Blick fiel auf ein Stück Papier, welches auf dem roten Teppich in der Mitte des Zimmers lag, er hob cs auf, cS war eiu Brief, aber in demselben Format und mit demselben Siegel, wie der Brief, der die junge Frau getötet hatte. Das Fenster der Bibliothek war ge­öffnet, jedenfalls hatte man durch daffelbe den Brief ins Zimmer geworfen.

In fieberhafter Erregung erbrach Hartmann daS Siegel, er erkannte sofort die Handschrift wieder.

„Wenn der Vater des verschwundenen Kindes eine wichtige, ihm angenehme Botschaft empfangen will, so möge er sich in der kommenden Nacht allein bei den drei Eichen einstnden," las Hartmann. „Aber allein muß er kommen, wenn ein Zweiter ihn begleitet oder ein Hinterhalt gelegt wird, so wird der Bote sich nicht zeigen."

Das war eine seltsame und verdächtige Aufforderung. Die drei Eichen standen im Walde, der eine halbe Stunde entfernt war, ein einsamer, wenig benutzter Fuhrweg führte hin, der Ort war nicht minder einsam.

Und ganz allein sollte er kommen!

Je nun, diese Bedingung hatte ihre Berechtigung, die Räuber des KindcS wollten sich sicher stellen, man konnte ihnen das nicht verargen.

daß das Schreiben, welches er als Gesandter (1859) von St. Petersburg aus an den damaligen Minister des Aus­wärtigen richtete, die „trefflichste Kritik" der deutschen Ver­hältnisse enthalten habe.

Von des Königs Majestät an die Spitze des preußischen Ministeriums berufen, hatte er den Verfassungskonflikt durchzukämpfen und die Armeereorganisation aufrecht zu erhalten. Wer sich einen einigermaßen unbefangenen Blick bewahrt hat, wird seine Wirksamkeit während der Kon- fiiktszeit, namentlich seine Reden über Budgetrecht und Verfassung (Januar 1863), über len Verfassungskonflikt und den Geist der Verfassung (Januar 1865) als Zeichen seiner staatsmännischen Kunst unangefochten lassen müssen. Ist doch in der letztgedachten Rede mit großer Schärfe von ihm zuerst die Grundlage bezeichnet worden, auf welcher sich das verfassungsmäßige Leben entwickeln kann und welche später etwa zehn Jahne lang auch von den National­liberalen als richtig und berechtigt praktisch anerkannt wurde.

Als dann die deutsche Frage, die doch die Liberalen nicht für eine bloß auswärtige Frage erklären werden, zur Lösung drängte, suchte Graf Bismarck die deutschen Staaten vor allem für eine Bundesreform zu gewinnen, und für diese stellte er Grundsätze auf, welche allmählich der Eckstein der Neichsverfassung geworden sind und heute noch von fast allen Parteien hoch und heilig gehalten werden.

Die Herstellung des inneren Friedens war die Aufgabe, welche sich Graf Bismarck hierauf in einer Weise angelegen sein ließ, die ihn für alle Zeiten vor Verdächtigungen be­züglich seiner „reaktionären" Gesinnung schützen sollte.

Was an grundlegenden Einrichtungen seit dem Jahre 1866 geschaffen wurde, ist wesentlich das Verdienst des Kanzlers. Die Vereinigung der neuen Provinzen mit dem preußischen Staate, die Gründung des Norddeutschen Bundes, die Einigung Deutschlands auf zollpolitischem Gebiet, welche in dem Zollparlament einen glänzenden, die Zukunft vor­bereitenden Ausdruck fand, die Sorge für das freundschaft­liche und bundesfrerun liehe Einvernehmen der Regierungen, deren Selbständigkeit er „um keines Haares Breite" ge­schmälert wissen wollte, die Gründung deö Reichs, der Aus­bau der Verfassung: das alles sind Thaten auf dem Ge­biete brr inneren Politik, welche nur deshalb nicht mehr so gewürdigt werden, weil sie in den Besitz der Nation übergegangen sind und als natürlich und selbstverständlich empfunden werden.

Von Fürst Bismarck ging zugleich der erste Anstoß zur Finanz- und Steuerreform und zur Verstaatlichung der Eisenbahnen aus, Reformen, welche auf die innere Er­starkung und Befestigung des Reichs hinzielen und deren Notwendigkeit von den bekanntesten Vertretern der liberalen Partei anerkannt wurde. In der Rede, mit welcher der Kanzler den ersten Versuch zur Steuerreform einleitete (November 1875), stellte er die Grundzüge derselben fest,

Und aus dem Briefe ging mit ziemlicher Sicherheit hevor, daß das Kind noch lebte.

Hartmann war nach kurzem Bedenken entschlossen, der Aufforderung Folge zu leisten, selbst in dem Falle, daß Vetter Lorenz ihm abriet.

Er mußte das ja thun, selbst wenn es eine Falle war, die ihn verderben sollte; unterließ er es, so machte er sich später die bittersten Selbstvorwürfe.

Vetter Lorenz konnte sein Veto gegen diesen Entschluß nicht einlegen, denn er kehrte im Laufe des Tages nicht heim, wie er das vorausgesehen hatte.

So ungern auch der junge Mann an diesem Tage das Haus verließ, blieb er doch dem einmal gefaßten Entschluß treu; bald nach neun Uhr trat er den Weg zu den drei Eichen an.

Lorenz kehrte spät heim, es war beinahe elf Uhr; seine erste Frage galt dem Hausherrn und der alte Diener, der Gärtner, Portier und Kutscher in einer Person war, erkannte sofort, daß Vetter Lorenz in Aufregung war.

Dem Dienstpersonal hatte Hartmann nicht gesagt, wo­hin er gehen wollte, einzig und allein deshalb nicht, weil er fürchtete, Lorenz könne ihm folgen und infolge dessen konnte der Diener die Krage nicht beantworten.

„Fatal, fatal!" sagte Lorenz ärgerlich. „Ich bin dem Kerl auf der Spur, das Kind lebt noch, aber der Bursche will nur mit dem Vater Anna'S unterhandeln."

„Anna lebt noch?" fragte der Diener bestürzt und zu­gleich erfreut.

„Ja, ja, aber noch in dieser Nacht muß eine Summe gezahlt werden", erwiderte Lorenz hastig, „länger will der Bursche nicht hier bleiben."

„Sie hätten ihn festhalten sollen I"

und hierauf bauen auch heute noch alle der Regierung nicht grundsätzlich feindlichen Parteien weiter. Die Aus­bildung des Systems der indirekten Steuern unter ent­sprechender, von den Bedürfnissen des Staats abhängiger Verminderung der direkten Abgaben ist sowohl in die Pro­gramme der konservativen, wie der nationalliberalen und ultramontanen Partei übergegangen. Die Eisenbahnpvlitik ist durch des Kanzlers Anregung eine fest abgeschlossene und zielbewußte geworden und wird kaum je wieder ver­lassen werden können, ohne die Interessen des Staates und des deutschen Verkehrswesens zu beeinträchtigen.

Aus dieser inneren Gesamtpolitik hat der Führer der Nationalliberalen, der auch heute noch an ihrer Spitze steht, wiederholt Veranlassung genommen, öffentlich dem Kanzler das Vertrauen deö deutschen Volkes und der Volks- Vertretung zu bekunden. Von der Fortschrittspartei, welche von der inneren Politik des Kanzlers niemals etwas ge­halten hat, sagte Herr v. Bennigsen mit treffenden Worten, die auch heute noch allgemeine Beherzigung finden sollten:

„Sie haben die Politik des Kanzlers mißbilligt vom ersten Augenblicke an, sie haben Alles gethan, waö in ihren Kräften lag, das Zustandekommen des Norddeutschen Bun­des, des Deutschen Reichs zu hindern; sie werden auch nicht aufhören, diese Politik auch später zu hindern."

Und weiter versicherte der liberale Wortführer:

„Diese Politik ist zugleich weitgehend und fest, würdig und national, und sie wird der Zustimmung der Mehr­heit dieses Reichstags und der deutschen Nation für alle Zukunft sicher fein."

Und einige Jahre später gab der Redner dem Ver­trauen deö Volkes für den Kanzler in folgenden Worten Ausdruck:

„Vergleicht man das Resnltat dieser zehnjährigen Ge­setzgebung mit den Verfassungszustäuden in Deutschland, mit den Einrichtungen, der Zerfahrenheit und Uneinigkeit nicht bloö in politischen Dingen, nein, mit dem Mangel an Uebereinstimmung auf allen Gebieten der Gesetzgebung, dann sind die Fortschritte, die in weniger als einem halben Menschenalter auf diesem Gebiete unter der Herrschaft der jetzigen Verfassung gemacht worden sind, so ungeheuer, daß ich jedes Mitglied der Versammlung auffordere, mir eine Zeit ähnlichen Umfanges aus der Geschichte irgend eines Volkes, geschweige denn des deutschen, zu nennen, in dem so Großes auf so weiten Gebieten erreicht worden ist." ... Und auf die Wirtschafts- und Finanzreform anspielend, fuhr er fort: „Wir wollen hoffen, daß der Reichskanzler, wenn er von seinem Urlaube zurückkehrt, mit uns weiter zusammenarbeiten wird an der Entwickelung des Deutschen Reichs und seiner Zustände auf der einmal gewonnenen verfassungsmäßigen Grundlage."

Fürst Bismarck hat nach all diesen Thaten und Aner­kenntnissen nicht die Hände in den Schooß gelegt, er hat

„Meinst Du? Der Kerl hielt mir ein Pistol ans die Brust und ich hatte keine Waffe. Ich hab' nicht gern die Kugel im Leibe und er hätte ohne Bedenken abgefeuert, wenn ich nur eine verdächtige Bewegung gemacht. Geh', hol' mit ein Glas Wein, Herr Hartmann wird wohl bald kommen."

Vetter Lorenz leerte in der Aufregung eine ganze Flasche — Hartmann kam nicht.

Von den Dienstboten hatte keiner eine Ahnung davon, wohin der Herr so spät gegangen sein könne, vielleicht hatte ihn die Unrnhe, die Sehnsucht, Gewißheit zu erhalten, hinausgetrieben.

Lorenz konnte seine Geduld kaum noch bezwingen. ES handle sich um die Rettung des Kindes, sagte er, mit ihm wolle der Zigeuner nicht unterhandeln und nach Ablauf dieser Nacht sei eS zu spät.

Den Vorschlag deö Dieners, man solle der Polizei Anzeige machen und den Zigeuner verhaften lasten, wieS Lorenz als unausführbar zurück.

Werde dem Boten ein Haar gekrümmt, so sei das Leben des Kindes verloren, erwiderte er, man müsse mit diesen verzweifelten Burschen zart umgehen, so lange man in ihrer Gewalt sei.

Mitternacht war längst vorüber und Hartmann noch immer nicht heimgekehrt. Jetzt verlor Lorenz die Geduld, er forderte den Diener auf, sich zu bewaffnen und verließ mit ihm die Villa, um den Vetter zu suchen.

4. Kapitel.

Die Nachforschungen, welche die ganze Nacht gewährt hatten, waren ohne Erfolg gewesen, — spät am anderen Morgen kehrten Lorenz und der Diener erschöpft und er­mattet zurück. (Fortsetzung folgt.)