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Re 273.
JITarßtirq, Dienstag, 22. November 1881
xvi. Jahrgang
Anzeige» nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Ännonceii-Bureaux 0 Ib- Dietrich u. Co. in Dassel und Hannover; Tb. Dietrich in Frankfurt a.M ; äaafenttein u. Vogler in Frantfnrt a. Pi., Berlin, Leipzig- Köln rc.; Rudolf Messe Berlin, Frankfurt a. M. rc.
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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. BlatteS, sowie d.Annoncen-Bureaux von G 8. Daube u. Co. in Frankfu, t a. M.; Jligersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. Thienes in Elberfeld; C. Schlotte in Bremen.
Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllustrirteS Sonntagsblatt" durch die Expedition lK o ck'scke Buchdruckerei) bezogen 2*/t Mark, durch di- Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (cxcl. Bestellgebühr.) — Insertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pf»
Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.
Deutscher Reichstag.
(2. Plenarsitzung am 19. November.)
Das Haus ist ungewöhnlich stark besetzt, ebenso die Tribünen.
Am Tische des Bundes-Staatssekretär Dr. von Boetticher, Dr. v. Schelling; v. Kameke. Bevollmächtigte zum Bundesrat Ritter v. Lylander, v. Liebe, v. Nostiz- Wallwitz, Fabre du Faur rc.
Alterspräsident Graf Moltke eröffnet die Sitzung um 21i Uhr. Eine große Zahl von Abgeordneten sind in das Haus eingetreten und den Abteilungen zugelost worden.
Eingegangen ist eine Denkschrift über die Ausführung der Anleihe-Gesetze.
Die Abteilungen haben sich konstituiert und zu ihren Vorsitzenden bezw. deren Stellvertretern gewählt: I. Abt. v. Bennigsen, Freiherr v. Bodmanu; II. Abt. Dr. Lasker, v. Unruhc-Bomst; III. Abt. Freiherr v. Schorlemer-Alst, Dr. Stephani; IV. Abt. v. Seydewitz, Dr. v. Bunsen; V. Abt Ausfeld, Ackermann; VI. Abt. Dr. v. Schwarze, Graf Pros ma; VII. Abt. Dr. Windthorst, Loewe.
Dar. n tritt das Haus in die Tagesordnung ein, dieselbe besteht in der Wahl des Präsidiums und der Schriftführer.
Bei der Wahl des Präsidenten werden abgegeben 342 Stimmzettel, davon lauten auf v. Levetzow 193, auf Schenk v. Stauffcnberg 148, auf v. Seydewitz 1. Abgeordneter v. Levetzow ist mithin mit 21 Stimmen über die absolute Majorität gewählt.
Derselbe erklärt auf Befragen die Wahl anzunehmen und übernimmt den Vorsitz mit etwa folgenden Worten: M. H.: Die auf mich gefallene Wahl nehme ich an, die mir von der Majorität erwiesene Ehre habe ich nicht verdient und nicht erstrebt, ich habe aber die Meinung, daß es Pflicht ist, einen von berechtigter Seite geforderten Dienst für das Vawrland nie und nimmer zu versagen. (Beifall.) Lediglich deshalb bin ich hier und lediglich deshalb werde ich jene Höhe ersteigen. Ich verkenne nicht die außeordent- lichen Schwierigkeiten der Situation und ich befürchte, daß meine Fähigkeiten und meine geringe parlamentarische Hebung kaum ausreichen werden, diese Schwierigkeiten zu überwinden. Mein ernsthaftes Streben aber wird es sein, die Geschäfte des Hauses möglichst zu fördern, die Würde des Reichstags überall zu wahren und mich nur von sachlichen Rücksichten leiten zu lassen. (Beifall.) Ich verspreche auch vollste Unparteilichkeit und bitte auch namentlich die Herren, welche mir ihre Stimmen nicht gaben, um ihre Unterstützung und Nachsicht, nicht um meinetwillen, sondern um des Reichstags willen, der uns doch allen am Herzen liegen muß. (Beifall.) Wollen Sie, bitte, niemals an dem guten Willen bei mir zweifeln. Angesichts der Gesamtlage der Situation und in Anbetracht meiner Person wäre ich
fast versucht, zu sagen mit dem an fremde Gestade verschlagenen Odysseus: miioifioi, aber ich sage auch mit demselben Odysseus: netßriöo^ai xal t'clwztttt, ich werde versuchen und werde sehen! (Bravo!) Ehe wir nun in unseren Geschäften fortfahren, bitte ich Sie, unserem verehrten Alterspräsidenten den Dank darzubringen für die Leitung unserer Geschäfte, jenem hochberühmten Manne, der in den letzten Tagen in selbstloser Weise seine Kräfte in den Dienst des Reichstages gestellt hat; in derselben hervorragenden Weise wie sie jeder Zeit seine Thätigkeit ausgezeiä,net hat. Er hat uns dadurch hochgeehrt und bitte ich Sie, unfern Dank durch Erheben von den Sitzen auszudrücken. (Das Haus erhebt sich.)
Darauf wird zur Wahl des ersten Vizepräsidenten geschritten.
Abgegebene gültige Stimmen: 334. Davon lauten 197 aui Freiherrn zu Franckcnstein, 136 auf v. Benda, 1 auf Dr. Hänel. Abg. Frhr. v. Franckenstein ist mithin gewählt und nimmt, indem er für das ihm geschenkte Vertrauen dankt, die Wahl an.
Bei der Wahl des zweiten Vizepräsidenten werden ab gegeben gültige Stimmen 309; davon lauten 157 auf Abg. v. Benda, 148 auf Dr. Hänel, 2 auf Ackermann, je eine auf Dr. Lasker und Frhrn. zu Franckenstein. Abg. v. Benda ist mithin gewählt, lehnt aber die Wahl ab, da er sich nicht in der Lage sieht, das Amt zu übernehmen.
Die Abstimmung über die Wahl des zweiten Vizepräsidenten wird infolge dessen wiederholt und crgiebt nunmehr 297 gültige Stimmzettel, von denen lauten 158 auf Ackermann, 138 auf Dr. Hänel; Ackermann ist mithin gewählt und nimmt die Wahl an, seinen Dank aussprechcnd.
Darauf werden auf Vorschlag des Abg. Dr. Windthorst per Acclamation zu Schriftführern gewählt die Abgg. Eysoldt, Hermes (Parchim), Woclfel, Dr. Porsch, Bernards, Richter (Meißen), Holtzmann, Graf Kleist-Schmenzin.
Zu Quästoren ernennt der Präsident die Abgg. Kochhann und Hoffmann.
Darauf setzt der Präsident die nächste Sitzung auf Donnerstag 12 Uhr an.
Tagesordnung: Erste Beratung deö ElatS.
Deutsches Reich.
Berlin, 19. Nov. Dem Etat des NeichSamts des Innern ist eine Denkschrift, betreffend die Errichtung eines deutschen VolkswirtschafiSratS beigegeben. Dieselbe lautet in ihren Schlußsätzen folgendermaßen: Bei der Errichtung deS deutschen Volkswirtschaftsrats handelt eS sich nicht um die Begründung einer neuen Institution politischen Charakters. Es bandelt sich auch namentlich nicht, wie geltend gemacht worden ist, darum, zwischen dem Bundesrat und dem Reichstag etwa eine neue Körperschaft ein»
zuschieben Dies kann schon um deswillen nicht in der Absicht liegen, weil politische Befugnisse für den VolkS- wirtschaftsrat in Anspruch genommen werden. Insbesondere kann der letztere nicht als gleichbedeutend mit der Sektion eines Sladtrates betrachtet werden. Für diese Analogie dürfte weder in seiner Zusammensetzung noch in den ihm zugedachtcn Aufgaben ein Anhalt zu finden sein. Diese Auffassung widerlegt sich vielmehr schon dadurch, daß dem Volkswirtschaftsrat keinerlei gesetzliche Mitwirkung bei dem Erlasse von Gesetzen oder Kaiserlichen Verordnungen eingeräumt werden soll. Die ganze Entwickelung der Institution zeigt, daß die Absicht, der Thätigkeit der parlamentarischen Körperschaften im Reich und in den E.nzelstaaten durch beit Volkswirtschaftsrat eine Coitcurrenz zu bereiten, vollständig ausgeschlossen ist. Der einzige politische Gesichtspunkt, welcher dabei in betracht kommen kann, ist der, daß es nicht angänglich erscheint, dem Reich eine Einrichtung vorzuenthalten, welche für Preußen, also für drei Fünfteile Deutschlands, besteht. Dor Volkswirt- schastsrat ist nur thätig bei der Vorbereitung von Vorlagen und faßt keine Beschlüsse mit irgend welcher verbindlichen Kraft. Das Votum der Majorität hat daher als solches kein politisches Gewicht, sondern lediglich informatorische Bedeutung. Die Thätigkeit des Volkswirischastsrats fällt sonach in ein ganz anderes Stadium und hat eine ganz andere Wirkung, als die des Reichstags, welcher als Faktor der Gesetzgebung über die ihm vorgelegten Gesetzesvorlagen mit verbindlicher Kraft beschließt. Der Schwerpunkt der neuen Institution liegt lediglich darin, daß jede Erfahrung und jedes Interesse zu-Worte kommen kann, und daß die verbündeten Regierungen dadurch in die Lage gesetzt werden, die Ansichten und Motive, welche in den beteiligten Kreisen in Geltung sind, kennen zu lernen. Die Entscheidung selbst steht aber lediglich bei den zur Mitwirkung bei der Gesetzgebung versassungsgemäß berufenen Organen deö Reiches, welche die vorgebrachten Gründe nach freiem Ermessen und unter Berücksichtigung der in frage kommenden politischen Gesichtspunkte zu würdigen haben. ES handelt sich sonach lediglich um eine sachverständige Begutachtung, und es ist wohl nur die Form derselben, welche zu dem Bedenken Anlaß geben konnte, als sollte eine neue politische Körperschaft, welche die Autorität des Reichstages schädigen könnte, ins Leben treten. Die Form ist es aber gerade, welche besonders zweckmäßig erscheint — und abgesehen von besonderen Fällen — namentlich auch zweckmäßiger, als die übliche Form der Enquölen, bei welchen die abzuhörenden Sachverständigen einzeln vernommen und zur Beantwortung bestimmter Fragen veranlaßt werden. Derartige Enqueten bieten kein in sich abgeschlossenes Gesamtbild der Verhandlungen und erschweren die Bildung eines richtigen Urteils, welches nur mühsam aus den einzeln abgegebenen und deshalb unübersichtlichen und häufig
Das verschwundene Kind.
Roman von Ewald August König.
(Fortsetzung.)
Da? Fenster liegt zu hoch vom Boden, als daß ein dreijähriges Kind den Sprung wagen würde, überdies würde das Kind nicht daran gedacht haben, das Fenster zu schließen."
„Außerdem wäre es auch längst zurückgekehrt," fügte Lorenz hinzu.
Hastmann n ckic, eS war ihm nicht möglich, ein Wort über d e Lippen zu bringen, er folgte den Beiden, die schon daö Zimmer verlassen hatten in den Garten.
„Sehen Sie dort!" sagte der Kommissär, auf den Loden unter dem Fenster des Schlafzimmers zeigend, „daS ist nicht die Spur eines Kindcrfüßchens."
Hartmann erschrak, er fühlte instinktiv, daß ihm jetzt die letzte Hoffnung geraubt wurde, der Glaube an die Unmöglichkeit eines Raubes.
Lorenz war näher hinzugetreten.
„Es ist die Spur eines nackten FnßeS," sagte er, indem er scharf umherspähte, „hier kann man deutlich die Eindrücke der Zehen erkennen."
Der Kommissar verfolgte die Spur, sie führte durch die ganze Länge des Blumengartens und verschwand spurlos hinter der Hecke des Letzteren.
„Es kann nicht anders sein," versetzte er, „das Kind ist geraubt worden."
„Wenn sie dies mit Zuversicht glauben dann behaupte ich, daß die Zigeunerbande es geraubt hat, die vorgestern in der Stadt gesehen wurde," sagte Vetter Lorenz. „Was halten Sie davon, Herr Kommissar?,
»Daß Ihre Vermutung richtig ist," erwiederte der Kom- miffar hastig.
„Nur diese Bande kann den Raub ausgeführt haben."
„So soll Alles aufgeboten werden, sie zu verfolgen," sagte Hartmann in fieberhafter Erregung. „Was es auch immerhin kosten mag, Herr Kommissar, sehen Sie ja nicht aus dikstn Punkt, ich zahle 500 Thlr. Piämie sofort Dem- jenigen, der mir mein Kind wiederbringt.
„Ich würde die Prämie verdoppeln, wenn die Verhältnisse es mir gestatteten," fügte Lorenz hinzu. „Das Kind muß wicdergefunden werden, die Bande kann noch nicht weit entfernt fein."
Der Kommissar versprach, fein Möglichstes zu thun, die höhe Prämie reizte auch ihn, es war ja möglich, daß er sie selbst verdienen konnte.
Unglaublich aber schien es ihm, daß die Zigeuner diesen Raub allein ausgeführt haben sollten, er hegte die Ueber- zeugung, daß die Wärterin von ihnen bestochen war und trotz des guten Zeugnisses, welches Hartmann derselben gab, trotz der Bürgschaft, die Lorenz für sie leistete, mußte die alte Frau ihm in Untersuchungshaft folgen.
Auf die Kranke machte die Entdeckung des Kommissars einen furchtbaren Eindruck; ihr einziges Kind in der Gewalt einer Zigeunerbande zu wissen, war ihr entsetzlich, und was ihr Gatte auch jetzt zu ihrer Beruhigung sagen mochte, sie fand keinen Trost, keine Ruhe, sie mach c sich mehr und mehr mit dem Gedanken vertraut, ihr Kind für immer verloren zu haben.
3. Kapitel.
Was nur geschehe« konnte, um die Zigeunerbande zu der-
folgen, das geschah, aber ganz ohne dm gewünschte« Erfolg.
Allerdings fand die Polizei de« Lagerplatz, auf welchem die Bande in jener Nacht übernachtet hatte, aber von ihm führte keine Spur weiter.
An verschiedene« Orten war die Bande gesehen worden. Und doch hätte ein solches Kind durch seine äußere Erscheinung ausfallen müssen.
Ueberall wurden Bekanntmachungen erlassen, in allen Zeitungen die auf 1000 Thlr. erhöhte Prämie anSgeboten, überall beeiferten die Polizeibeamten sich, auf die Bande zu fahnden, aber es schien fast, als sei die ganze Bande ebenso spurlos wie das Kino verschwunden.
Hie und da tauchten einzelne kleine Banden auf, aber keine von diesen führte ein kleines Kind bei sich, welches nur im Entferntesten der Beschreibung entsprach.
Es wurde darauf aufmerksam gemacht, daß die Zigeuner Haare und Haut des Kindes gefärbt und das Kind selbst in Lumpen gekleidet habe» könnten, eS wurde die Notwendigkeit betont, olle Zigeunerbanden einzusperrcn und so lange gefangen zu halten, bis das verschwundene Kind wieder aufgefunden fei, aber alle diese Maßregeln blieben ohne Resultat.
Von einzelnen Personen lief sogar die Nachricht ein, das Kind fei in Begleitung einer alten Zigeunermutter oder einiger Männer gesehen worden, aber diese Leute hatten nicht den Mut gehabt, es seinen Wächter« zu entreiße« und die Letzteren war « zu schlau gewesen, um sich überlisten zu lafien.
Es war ein ganz unerhörtes Ereignis und man mußte es seltsam und auffallend finden, daß eine ans sechzig Köpfen bestehende Bande so plötzlich und spurlos verschwinde« konnte. (Fortsetzung folgt.)