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9t r. 270.

lUnrfmrg, Freitag, 18. November 1881.

XVI. MlMi

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux v. Th. Dietrich u. Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Haasenstein u. Vogler in Frankfurt a.JJi., Berlin, Leipzig, Köln rc.; Rudolf Mosse in Berlin, Frank­furt a. M. rc.

mcheßsche ZeitW.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. BlatteS, sowie d.Annoncen-Bureaux von G 8. Daube u. Ce. in Frankfurt a. M-; JSgersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. Thienes in Elberfeld; C. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageJllustrlrteS SouutagSblatt" durch die Expedition (Ko ch'sche Buchdruckerei) bezogen 2*/4 Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr.) Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Psg. Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Psg. berechnet.

Wie erklärt sich das Resultat der Wahlen^

DieSchlcsi chc Ztg.'^ ein einsichtiges und gemäßigtes Aalt, beantwortet diese Frage folgendermaßen in einem Leitartikel dahin:Fragen wir, wie war es möglich, daß unser Volk in seiner Gesamtheit zu einem Votum gelangte, das nur im Sinne des Undanks, des Mißtrauens, der ent­schiedenen Gegnerschaft gegen unseren leitenden Staatsmann gedeutet werden kann, so drängt sich in erster Linie stets der Gedanke auf, daß ein Wahlrecht, welches der Stimme der besten Geister der Nation kein höheres Gewicht ver­leiht, als der eines stumpfsinnigen Proletariers, das den schlichten Mann nur zum Werkzeuge von Demagogen herab­würdigt, das Millionen von Existenzen denen ausliefert, die ihnen Kredit geben und ihre Arbeit um einen Hungcr- lohn abnehmen, daß ein solches Wahlrecht unmöglich jeder­zeit zum Ausdruck bringen kann, was sich im Herzen deö Volkes regt. Weit schwerer aber wiegt der Umstand, daß unmittelbar nach unseren glorreichen Kriegen ein fremder Geist die Oberhand gewann, ein Geist, der mit deutschem Wesen nichts gemein hat, für den der BegriffVaterland" identisch ist mit dem Geltungsbereich unseres Strafgesetz­buches und unseres Wechselrechts, für den jeder aus Polen oder Rußland cingewanderte Kaftanträger mit der Lösung eines um anderthalb Mark zu erstehenden Naturalisations­scheins zum vollberechtigten Erben aller der realen und idealen Güter wird, um welche unsere Väter und Urväter in tausend Schlachten gerungen haben, für den kein höheres Prinzip gilt als das der absoluten Gleichberechtigung aller ungeflügelten Zweifüßler, der uns mit einer sozialen und wirtschaftlichen Gesetzgebung beglückt hat, die eben so treff­lich für das Völkergemisch Kaliforniens paßt, als für das deutsche Volk mit seinen durch zwei Jahrtausende hindurch reichenden nationalen Ueberlieferungen und seiner christ­lichen Weltanschauung! Noch ist dieser Geist, der Geist deö manchesterlichen Liberalismus, lebendig, aber er fühlt den Boden unter sich wanken, er fühlt, duß die Ideen, mit denen Fürst Bismarck sich trägt, von dem Streben weiter Bevölkerungskreise nach einer neuen, auf dem echt germanischen Prinzip der korporativen Verbände fußenden sozialen Ordnung bedeutsam unterstützt werden uud seine Herrschaft mit dem Untergange bedrohen, und darum kämpft er unter Anrufung aller ihm dienstbare» Sonder­interessen mit aller Macht und allen Mitteln gegen den Kanzler an."

Gewiß ist es richtig, daß vor allem dermanchesterliche Liberalismus", sich in den ihm heiligsten Interessen ernst­lich bedroht sehend, cs gewesen ist, der, indem er die ganze Macht seines materiellen Einflusses in die Waagschale warf es werden darüber haarsträubende Einzelheiten berichtet, damit eine Entscheidung herbeigeführt hat, die gegenüber den historischen Entwickelungen fast unbegreiflich

erscheint und auch vom Auslände bereits als etwas Unbe­greifliches bezeichnet worden ist. Aber auch ein anderes Moment ist, was der Sache der konservativen Partei schweren Schaden gethan haben dürfte. Schwere Fehler auf dieser Seite in der Organisation, in der Wahltaktik rc. sind nicht zu verkennen. Wir sind freilich nicht gewohnt und können es nie gewohnt werden, mit Mitteln zu kämpfen, wie sie der Liberalismus nicht verschmäht. Wurde doch z. B., um eins der stärksten Kunststückchen liberaler Wahl­agitation herauszugreifen, im zweiten mecklenburgischen Wahlkreise den Tagelöhnern auf dem Lande der alte Köder von 1818 wieder vorgeworfen, daß, wenn sie liberal wählten, der Gutsbesitzer gezwungen werden würde, ihnen statt jetzt einer Kuh zwei im Stalle zu halten. Solcher und ähnlicher Agitation gegenüber ist freilich die konserva­tive Partei machtlos, denn mit solchen Mitteln verschmäht sie zu siegen. Sehr beachtenswert erscheint daher die Frage, ob Wähler, die durch solche Vorspiegelungen beeinflußt werden können, reif sind für das allgemeine, direkte Wahl­recht und cs scheint uns, als ob der Liberalismus selbst, indem er solche Mittel anwendet, diese Frage verneint. Aber, wir dürfen auch den anderen Punkt nicht verkennen, den der Organisation. Vielfach haben sich gerade die ein­flußreichsten Elemente, wir meinen natürlich jenen berech­tigten Einfluß, der erlaubt ist, vom Wahlgetriebe fern ge­halten und geglaubt genug zu thun, ihre eigene Stimme abzugeben. Das genügt aber nicht. Einem Aufgebot der Sonderintercssen und der materiellen Machtmittel gegen­über, wie es uns von liberal - freihändlerischer Seite ent­gegengesetzt wurde, müssen diese besten konservativen Elemente direkt, aktiv, persönlich künftig sich der Organisation an­schließen und in die Agitation eingreifen. Wir wollen durchaus nicht undankbar verkennen, was in opferwilligster Weise dankenswert von vielen geleistet ist, aber ein Mehr kann und muß geschehen.

Es handelt sich also darum: will man der Wieder­holung solcher Wahlergebnisse vorbeugen, erstens jenes Hineinwerfen der Sondcrinteresfen dienenden, finanzielle Machtmittel aufbietenden, freihändlerisch-liberalen Agitation immer mehr als das zu entlarven, was es ist, und zweitens die Organisation da, wo sie noch nicht so funktioniert hat, wie es sein soll, zu stärken, die bisher noch fernstehen­den Elemente der Intelligenz mehr heranzuziehen, gemachte Fehler zu erkennen und zu vermeiden, und drittens eine tüchtige Lokalpresse zu schaffen, wo sie noch fehlt; mit ein paar noch so gut geschriebenen Wahl Flugblättern allein läßt sich der Einfluß der übermächtigen liberal - srethänd- lerischen Presse nicht paralisieren.

Der gegen die Einflüsse deö internationalen Manchester­tums gefeite Geist unserer deutschen Jugend und ein rich­tiges Erkennen und Verbessern der in Organisation und Agitation gemachten Fehler und gebliebenen Mängel, "nicht

aber erst dann, wenn wieder Wahlen vor der Thür sind, werden für die Zukunft bessere Resultate ergeben.

Deutsches Reich.

Berlin, 16. Nov. Nach eingegangener Allerhöchster Bestimmung vom 14. Nov. wird der Kaiser den Reichstag morgen Nachmittag um l1/» Uhr persönlich eröffnen. Der Kronprinz machte dem Fürsten Bismarck gestern einen längeren Besuch. DieNordd. Allg. Ztg." hört: Der Reichskanzler reichte bei dem Kaiser weder schriftlich, noch mündlich ein Entlassungsgesuch ein, sondern erbat sich nur die Ermächtigung, mit beiden Seiten der voraussichtlichen katholisch-liberalen Reichstagsmajorität darüber zu unter­handeln, ob und unter welchen Bedingungen sie, vereint oder getrennt, bereit sein werden, die Leitung der Reichs- regiernug in die Hand zu nehmen. Der Reichskanzler glaube, die Entscheidung hierüber herbeiführen zu müssen, bevor er sich entschließe, sein Amt angesichts einer Majorität weiter zu führen, deren Opposition sich wesentlich im Kampfe gegen seine Person konzentriere. Der Kanzler wünsche die Verantwortung für eine von unerwünschten Krisen mög­licherweise nicht freizuhaltende Minoritätsregierung nicht zu übernehmen, wenn die Gesamtheit oder eine Fraktion der Majorität bereit sei, das Staatsschiff aus sicheren Bahnen weiter zu führen. Die Entscheidung des Kaisers sei nach der Konstituierung des Reichstags zu erwarten. In der unter dem Vorsitze des Staatsministers von Boetticher am 15. d. M. abgehaltenen Plenirsitzung des Bundesrats wurden zunächst zwei Vorlage» betreffend die Verlängerung der Befugnis der Notenausgabe der Danziger Privat-Aktien- bank und betreffend die Ausführungsbestimmungen zum Gesetz über die Abwehr und Unterdrückung der Viehseuchen dem Ausschüsse für Handel und Verkehr überwiesen. So­dann erteilte die Versammlung auf Antrag des AuSschuffeS für Justizwesen die Ermächtigung zur strafrechtlichen Ver­folgung wegen einer Beleidigung des Bundesrats. Hier- nächst wurden die Beratungen über die Etats fortgesetzt und zum Abschlüsse gebracht. Auf die Berichte der Aus­schüsse wurden die Entwürfe der Spezialetats für 1882/83 der Marineverwaltung, der Reichseisenbahnen, des aus­wärtigen Amts, des Reichsamts des Innern, des Reichs­schatzamts und der Reichsschuld, sowie endlich der Entwurf des Reichshaushalts-HauptctatS mit nicht wesentlichen Ab­änderungen genehmigt. Auch die Entwürfe eines Gesetzes betr. die Feststellung des Reichshaushaltsetat für 1882/83 und eines Anleihegesetzes fanden die Zustimmung der Ver­sammlung. Schließlich wurden die Kommissarien für die Beratung der letzteren Gesetze im Reichstage gewählt. Gegenüber dem Rücktritt des Grafen Saint-Vallier schreibt dieNationalzeitung":Der in Paris viel ventilierten Frage des Gehens oder Verbleibens des Herrn v. Saint

Das verschwundene Kind.

Roman von Ewald August König.

(Fortsetzung.)

Dein Kind bleibt Dir ja," warf Lorenz ein.

Meine Anna, ja! Auf sie werde ich die ganze Fülle -meiner Liebe übertragen, aber ersetzen kann sie mir den Verlust nicht."

Danke dem Himmel, daß Anna ein kräftiges, gesundes Kind ist."

Hartmann nickte zustimmend.

Gott sei Dank, daß sie es ist," entgegnete er,diesen zweiten Verlust würde ich nicht überleben."

Das ist ja auch nicht zu befürchten," sagte Lorenz.

Uebrigens war es eine sehr erwünschte Maßregel, das Kind aus dem Schlafzimmer Deiner Frau zu entfernen. Eine gesnde Luft kann dort nicht herrschen."

Nein, der Arzt riet ja auch dazu, so ungern auch meine Frau in diese Trennung von dem geliebten Wesen einwilligte."

Nun schläft nebenan?"

Und die Wärterin schläft bet ihm "

Also könnt ihr ganz unbesorgt sein."

Aber ist schon spät, wir wollen zu Bett gehen, Theodor."

Hartmann fand gegen diesen Vorschlag nichts emzu- wendcn, und bald darauf brannte nur noch die kleine Lampe der Kranken in der eleganten Villa.

Die junge Frau kam anderen Tages nicht mehr auf die Abneigung gegen den Vetter ihres Mannes zurück. Sie hatte heute einen guten Tag, der Husten quälte sie weniger und der Atem war freier, sie konnte heute sogar scherzen und lachen.

Zudem schien Lorenz auch alles aufbieten zu wollen, um ihre Gunst zu erringen, er spielte mit dem reizenden Kinde, welches kaum drei Sommer zählte, er ging mit ihm spazieren und ließ sich im Hause selbst so wenig wie möglich blicken.

Hartmann leistete seiner Frau Gesellschaft, ihre Heiter­keit entzückte ihn.

Am Abende dieses Tages beschäftigte Onkel Lorenz sich nur mit dem Kinde, bis eS zu Bett gebracht wurde, er hatte das Mädchen so sehr lieb, und gerade diese Liebe, die er bei jeder Gelegenheit zeigte, söhnte die Mutter Anna'S oft mit ihm aus.

Und als das Kind im Bett lag, holte Onkel Lorenz eigenhändig eine Flasche Rothwein aus dem Keller, die er der Wärterin mit dem Bemerken gab, ein GlaS Wein werde ihr auch gut thun und sie verdiene durch ihre ge- wissenhafte Pflichttreue, daß man ihr diese kleine Aufmerk­samkeit erzeige.

Aber eS werde ratsam sein, daß sie der Mutter Anna'S dies verschweige, fügte er in scherzendem Tone hinzu, die junge Frau sei so reizbar und habe dabei ihre besonderen Ansichten.

Natürlich war die Wärterin, die ein GlaS Wein liebte, damit einverstanden, und Onkel Lorenz hatte bei ihr jetzt einen gewaltigen Stein im Brett.

Der Tag, der diesem Abend folgte, war kaum ange­brochen, als ein gellender Schrei alle Bewohner deö Land­hauses aus dem Schlafe weckte.

Es war ein Schrei der Verzweiflung und Todesangst, der aus dem Schlafzimmer des Kindes kam.

Händeringend stand die junge Frau vor dem Bettchen Annas, indes die Wärterin, die eben au» dem Schlaf

emporgefahren war, sie stumm und starr vor Schrecken anglotztc.

Das Bettchen war leer das Kind verschwunden.

Bleich und verstört trat Hartmann ins Zimmer, draußen auf dem Gange ließen sich schon Schritte vernehmen, das ganze Dienstpersonal mit dem Onkel Lorenz an der Spitze, eilte herbei, um sich nach der Ursache des Hilferufs zu erkundigen.

Wo ist das Kind ?" fragte die junge Frau, am ganzm Leibe zitternd vor Aufregung.Von Ihnen fordere ich es wo ist Anna?

Anna ist fort?" rief Hartmann bestürzt.

Verschwunden."

Unmöglich."

Sieh' selbst," sagte die Mutter, auf das leere Bett­chen zeigend.

Aber das ist wirklich unmöglich," erwiederte die Wär­terin.Gestern Abend schlief eS so ruhig"

ES wird aufgestanden und hinauSgegangen sein," sagte Hartmann.

HinauSgegangen?" rief die junge Frau mit wachsen­der Erregung.Die Thüre ist ja von innen stets ver- schloffen."

Dann kann'S auch nicht verschwunden sein, eS ist entweder in diesem oder in unserem Zimmer," erwiedette Hartmann.

ES war freilich nur eine schwache Hoffnung, aber die Kranke klammerte sich an sie, es war ja der letzte Stroh- halm, nach dem sie faßte.

(Fortsetzung folgt.)