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Marburg, Donnerstag, 17. November 1881.
Nr 26»,
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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen^Bureaux v. Th. Dietrich u. Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M; ^aasenstein u. Vogler in Frankfurt a. M., Berlin, Leipzig, Köln rc.; Rudolf Mosse in Berlin, Frank» furt a. M. ic.
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Die Entscheidung in Frankreich.
Gambetta ist endlich hinter den Kulissen hervorgetreten und hat sich an die Spitze des Ministeriums, also der Regierung gestellt. Der Präsident Grevy ist ja ein bloßer dekorativer Name; die Regierung von Frankreich liegt jetzt thatsächlich und offiziell in den Händen, welche sie zwar auch bisher schon, aber aus dem Verborgenen und ohne Verantwortung geleitet hatten, in den Händen GambettaS. Derselbe wird nun zu zeigen haben, was er als regierender Minister zu leisten vermag. Das „Journal officiel" veröffentlicht folgende Ministerliste:
Paris, 14. Nov. Gambetta Präsident und Minister des Auswärtigen mit Spuller als Unterstaatssekretär, Waldeck - Roussau Inneres, Bert Unterricht, Campenon Krieg, Allain Targö Finanzen, Raynal öffentliche Arbeiten, Cochöry Posten, Rouvier Handel, Kolonien und Handelsmarine, Cazot Justiz, Goujeard Kriegsmarine, Devos Landwirtschaft, Proust Künste und Gewerbe. Wie es heißt, wird das „Journal officicl" morgen die Konstituierung des neuen Ministeriums publizieren, Gambetta wird dasselbe dann deu- Parlament vorstellen. >
Gambetta hat sich für seine Person das politisch bedeutungsvollste Ministerium, nämlich das der auswärtigen Angelegenheiten, erwählt, mit der Präsidentschaft im Gesamtministerium. Die übrigen Mitglieder sind seine Kreaturen, so daß man wohl sagen kann: es ist ein einheitliches Ministerium, der Wille GambettaS ist der maßgebende und man darf gespannt sein, wohin der Diktator von TourS das französische Staatsschiff steuern wird. Zunächst wird er wohl alle Kräfte daran setzen, den tunesischen Krieg in irgend einer dem französischen Ehrgeiz schmeichelnden Weise zu beendigen, um sich im Vertrauen des Volkes zu befestigen. Dann wird er wahrscheinlich auf Allianzen ausgehen. Es sollte uns wundern, wenn es ihm nicht gelingen würde, die durch die ungarischen Taktlosigkeiten verletzten Italiener — seine ehemaligen Landsleute — wieder für Frankreich zu gewinnen. Das Weitere wollen wir abwarten. Ueber die Richtung, welche die neue Regierung im Innern einschlagen wird, flieht schon der eine Name Paul Bert Aufschluß, der zum Kultusminister ernannt worden ist. Paul Bert war es bekanntlich, der vor einiger Zeit das große Wort gelassen aussprach: „Die Gesellschaft rückt dem sittlichen Fortschritt in demselben Maße näher, als sie sich von der Religion entfernt." Gambetta beantwortete damals diesen Ausspruch tamit, daß er den Zuhörern nachher zurief: „Hatte ich nicht recht, als ich Ihnen ankündigte, daß wir uns als bessere Menschen fühlen würden, wenn wir Paul Bert gehört hätten?" DaS ist der Mann, welcher das Kultusministerium unter dem Beistände seines Freundes Gambetta leitet. Schöne Aussichten.
Von ähnlicher roter Farbe sind auch die übrigen Mitglieder des Ministeriums. Spuller ist intimer Freund
GambettaS. Die übrigen Personen sind sämtlich bisher noch unbekannt gewesen, zum teil sind sie noch sehr jugendlich, wie Waldeck-Rousseau, der erst 34 Jahre alt sein soll. Der Kriegsminister Campenon wurde 1870 in Metz gefangen genommen und in Aachen interniert; er war zuletzt Kommandant der 5. Infanteriedivision von Paris. Er ist 62 Jahre alt und gilt für energisch. Auch in Frankreich steht man dem neuen Ministerium noch wie einem großen Rätsel gegenüber, von dem man nur weiß, daß der Name GambettaS an der Spitze der Regierung sehr viel oder gar nichts bedeutet. Von Gambetta erwartet alles mehr als von einem gewöhnlichen, d. h. von einem solchen, Menschen, der es nicht so verstanden hat, sich in den Vordergrund zu drängen; entsprechen seine Leistungen nicht bald den großen Erwartungen, so wird er rasch von dem Schauplatz verschwinden. Gambetta braucht bald einen Erfolg — und den wird er sich, wie bereits angedeutet, sehr wahrscheinlich in Tunis oder in Italien zu holen suchen, wenn die Tunesier ihm nicht einen Strich durch die Rechnung machen. Die Weltgeschichte ist keine Freundin von Wiederholungen, sonst könnte man an Napoleon denken, der sich ebenfalls in Afrika die Stufen zu seiner'Herrschaft über Frankreich baute.
Die Personen des neuen Ministeriums müffen sich von der „Frz. Korr." folgende, meist abfällige, Beurteilung gefallen lasten. Ueber die persönlichen Antecedentien der neuen Minister läßt sich nur wenig beibringen. Paul Bert, Allain Targv, Proust und Rouvier sind, wie Spuller, als intime Mitarbeiter Gambetta's in der Kammer und mit Ausnahme Rouviers auch in der „Räpublique franyaise" bekannt. Paul Bert, die bete noire der Klerikalen, hat in einer vor einigen Wochen im Wintercirkus gehaltenen Rede erkennen lassen, wessen sich nicht blos der Katholi- eismus, sondern jeder positive Glaube, zu ihm zu versehen hat, er wird, wenn anders er seinen Worten treu bleibt, den Unterricht nicht verweltlichen, sondern den Atheismus der Jugend als Staatsreligion einimpfen, ein Experiment, welches jedenfalls interestant mit anzusehen sein wird. Allain Targö, ein Schwiegersohn des berühmten Akademikers Villemain, hat seine Laufbahn, was ihm von den intransigenten Blättern noch heute als ein unsühnbares Verbrechen vorgerückt wird, im Dienste des zweiten Kaiserreichs als Staotsanwaltsgehülfe begonnen; er wandte sich aber bald der Opposition zu, schrieb unverdauliche Artikel über nationalökonomische Fragen, wurde nach dem 4. September Präfekt in Angers und gelangte erst vor vier Jahren in die Kammer, wo er sich auf den Fachmann in Eisenbahnfragen spielte. Er ist einer der Doktrinäre der opportunistischen Partei, als Privatcharakter geachtet und von entgegenkommenden Manieren. A. Proust, der Elegant des Gambetta'schen Kreises, bestimmte sich zuerst für die auswärtige Politik, die er in der „Röpublique franyaise"
unter der diretten Eingebung seines Gönners zu behandeln hatte; im Februar d. I. machte er aber mit einer Rede, die er über die griechische Frage hielt, so heilloses Fiasko, daß ihm Gambetta selbst riet, sein Steckenpferd zu wechseln; er verlegte sich auf die schönste und ist heute — Kunstminister ; ce n’est pas plus diffcile que $a. Gröbere Mißgriffe, als sein Vorgänger Turquet, wird er allerdings nicht begehen können. Rouvier, ein Autodidakt und noch im Jahre 1870 einfacher Buchhalter in einem Marseiller Geschäfte, von Henri Brisson, wie neulich erwähnt, wegen seiner häuslichen Verhältnisse perhorresziert, ist enragierter Freihändler; seine Ernennung wird in England mit hoher Befriedigung ausgenommen werden und ist vielleicht als ein Symptom für die auswärtige Politik Gambetta's anzusehen. Waldeck-Rousseau, 34 Jahre alt, ist der Sohn eines 48er Republikaners und Advokat in Rennes. Eine Rede in der Debatte über die Form des Richterstandes bildet sein ganzes parlamentarisches Gepäck. Gambetta muß ihn jedenfalls bester kennen, wenn er ihm sogleich das wichtige Portefeuille des Innern anvertraute. Für das Marineministerium hat man keinen Admiral finden können und mit dem pensionierten Linienschiffskapitän und Staatsrat Gonzeard, der übrigens erst 52 Jahre alt ist, vorlieb nehmen müffen; derselben hat im letzten Kriege eine Division der Loirearmee befehligt und sich in den Gefechten bei Le Mans, namentlich auf dem Plateau von Anvours hervorgethan. Cazot und Cochery sind aus dem vorigen Ministerium übernommen, Devss und Raynal aus einigen Kammerdebatten, Devss insbesondere als der obligate Interpellant, so eö galt, einem Angriffe der Opposition zuvorzukommen, bekannt.
Das neue Kabinet zählt zwei Portefeuille mehr als das vorige, nämlich ein selbstständiges Ministerium für Schöne Künste und Kunstindustrie; Handel und Ackerbau sind zerlegt und dem letzteren Restort die dem Marine- Ministerium abgezweigten Kolonieen zugeteilt worden. Die Kulte verbleiben bei dem Ministerium des Innern. Ueber einige Unterstaatssekretariate ist noch nicht definitiv verfügt.
Deutsches Reich.
** Berlin, 15. Nov. Der Bundesrat hält heute wieder im Reichskanzleramt eine Sitzung ab. Auf der Tagesordnung stehen zunächst drei Vorlagen, nämlich die beiden gestern erwähnten in betreff der Verlängerung zur Notenausgabe der Danziger Privat-Aktienbank und bezüglich der Ausführungsbestimmungen zum Viehseuchengesetz, welche voraussichtlich dem Ausschuß für Handel und Verkehr überwiesen werden, und der Entwurf des Reichshaushaltsgesetzes für 1882/83, welcher bereits dem RechnungsauSschuffe überwiesen worden, welcher nach der Tagesordnung auch heute schon über denselben berichten wird. Diesem Berichte
Das verschwundene Kind.
Roman von Ewald August König.
(Fortsetzung.)
Hartmann hatte diese Blicke noch nicht bemerkt, er beobachtete nicht so scharf wie die Kranke.
„Du bleibst lange, Lorenz, wir fürchteten schon, daß Dir ein Unglück zugestoßen sein könne."
„Ich war in der Stadt", erwiderte Lorenz, „man hatte mir eine Stelle angeboten."
„Wirst Du sie erhalten?"
„Vielleicht."
„Es wäre ein Segen für Sie", sagte die junge Frau, „diese Unthätigkeit muß Ihnen schrecklich sein."
In dem Blick, den Hartmann feiner Frau zuwarf, spiegelte sich ein leisee Vorwurf.
„Lorenz wünscht ja nichts sehnlicher als Beschäftigung", versetzte er. „Aber es hält manchmal schwer, passende lohnende Arbeit zu finden."
Die Unterhaltung stockte, die junge Frau fühlte, daß sie nicht weiter gehen durfte, wenn sie nicht den Gast ihres Mannes beleidigen wollte und Lorenz mochte eö auch nicht zu einem heftigen Wortwechfel kommen lassen.
Hartmann brach endlich wieder daS Schweigen, aber die Unterhaltung berührte jetzt gleichgültige Dinge, das Wetter und die Politik Die Kranke nahm keinen Unteil daran.
Eine halbe Stunde später gingen die Herren in'S Speisezimmer, die junge Frau zog sich in ihr Schlafgemach zurück.
„Wir wollen offen mit einander reden, Theodor", nahm Lorery das Wort, als er stch mit feinem Vetter allein sah,
„ich habe das längst gewollt, aber bis heute fand ich keine Gelegenheit dazu."
Theodor füllte die Gläser wieder und bot seinem Vetter eine Cigarre an.
„Was hast Du auf dem Herzen?" fragte er scherzend.
„Du weißt eö selbst. Ich bin in Deinem Hause nur ein geduldeter Gast, muß mich das nicht drücken?"
Hartmann blickte befremdet auf.
„Ich meine, Du müßtest doch selber wissen, daß Du ein gern gesehener Gast bist. Oder kannst Du Dich über mich beklagen?"
„Ueber Dich nicht, Theodor. Aber Du wirst nicht leugnen können, daß Deine Frau —"
„Meine Frau ist krank, lieber Lorenz I Deshalb mußt Du sie schon entschuldigen, Kranke sind immer gereizt und erregt."
„Gewiß, ich gebe das Alles zu", erwiderte Lorenz, indem er die Asche von seiner Cigarre streifte, „ich nehme auf diesen gereizten Zustand Rücksicht, aber Du mußt einsehen, daß die Ueberzeugung, Deiner Frau nicht angenehm zu sein, mir drückend sein muß. Es ist mein sehnlichster Wunsch, aus Deine Güte verzichten zu dürfen, ich kann es leider nicht eher, bis ich ein Unterkommen gefunden habe."
Hartmann zuckte die Achseln.
„Ich wiederhole Dir, Du mußt Geduld haben und auf die Verhältnisse Rücksicht nehmen," sagte er, „ich muß ja auch den Launen meiner Frau nachgehen, ich leide ja auch unter ihrer Gereiztheit."
„Ja, das ist etwas anderes!"
„Durchaus nicht, Lorenz, ich habe auch nicht, was ich will, ich muß auch auf manches verzichten. Mir wird jede Freude vergällt und doch mag ich nicht an eine Aen- derung dieser Verhältniste denken."
Die Stirn des jungen Mannes hatte sich in Falten gelegt, sein Blick war trüb und sorgenvoll.
„Du mußt Dich darauf vorbereiten," erwiederte Lorenz. „Jeden Tag kann es mit ihr zu Ende gehen, und der Aerger über mich beschleunigt das Ende."
„Der Aerger über Dich? Ich gebe Dir mein Wort darauf, daß diese Vermutung jeder Begründung entbehrt; Du stehst zu schwarz; wenn Marie Dir auch einmal ein schiefes Wort sagt, so mußt Du das nicht gleich so scharf auffasten."
„War's nicht heut Abend wieder so? Lag nicht in der Bemerkung, die sie mir machte, ihre ganze Abneigung? Konnte sie mir deutlicher sagen, daß eö ihr außerordentlich angenehm sein werde, wenn ich bald ein Unterkommen fände? Wenn ich auch auf ihre Gereiztheit Rücksicht nehme, so —"
„Sprechen wir nicht weiter darüber," fiel Hartmann seinem Vetter in die Rede, „Du bleibst bei mir, bis Du etwas passendes gefunden hast. Und darin überelle Dich nicht, wenn's auch ein Jahr dauert! Wir haben ja alle nicht, was wir wünschen, jeder trägt seine Last, sie ruht auch auf mir mit Centnerschwere."
„Du bist reich, Du kannst das Leben genießen, wie es sich Dir bietet —"
„Und glaubst Du, es fei ein ungetrübter Genuß, wenn man täglich dem Tod ins Auge schaut ? Wenn ich Marie nicht so innig liebte, so würde ich vielleicht mit leichterem Herzen an den Verlust denken, mich mit der allgemeinen leeren Redensart trösten, daß man ihr die Erlösung von ihren Leiden wünschen müste."
(Fortsetzung folgt.)