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Marburq, Mittwoch, 16. November 1881
XVI. -«HW«-
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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, lowie d.Ännoncen-Bureaux v. Tb- Dietrich u. Co. in Hassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a-M-; gaasenstein u. Vogler ir grantfurt a. M., Berlin, Leipzig. Köln rc.; Rudolf Messe in Berlin, Frankfurt a. M- rc-
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Zur Kanzlerkrisis.
Der Reichskanzler ist am Sonnabend Abend 6 Uhr in Berlin angekommcn. Wie die „Franks. Zig." berichtet, soll der Kanzler von Varzin aus ein motiviertes Entlassungsgesuch beim Kaiser eingereicht haben. Ob das der Fall ist, wissen wir nicht; aber man hält es ganz allgemein als unzweifelhaft, daß der Kanzler in feinem Amte bleibt. In einer Berliner Korrespondenz der „Wiener Presse" war behauptet worden, der Kanzler sei nicht blos durch den Ausfall der Wahlen, fondern durch den Widerspruch, welchen feine wirtschaftliche und soziale Reformpolitik seitens des Kronprinzen finde, zu den RücktrittS- gedanken bewogen worden. Aber schon vorgestern tourt e mitgeteilt, daß diese Behauptung, „den Boden unter den Füßen verliere." Die „Köln. Zig." verbreitet sogar das Gerücht, es bestehe zwischen dem Kaiser und dem Kanzler eine Meinungsverschiedenheit über die römische Frage; der Gedanke an die Wiederernennuug eines deutschen oder preußischen Gesandten beim Papste sei ohne die Genehmigung des Kaisers aufgctaucht, ter Kaiser sei aber damit nicht einverstanden, weil er befürchte, der Papst würde dann auf die Zulassung eines Nuntius in Berlin dringen, und diesem Gedanken sei der Kaiser entschieden abgeneigt. Gleichzeitig berichtet das Blatt, der Reichskanzler wünsche vom Kaiser freie Hand und ausgedehnte Vollmachten in bezug auf die Verhandlungen mit Rom und für die Erreichung dieses Zieles scheine er alle Hebel, auch die Aussicht auf ein Entlasiungsgesuch in Bewegung zu setzen. — Ein Berliner Bries der „Polit. Korresp." sieht die Sache anders an. Er meint, der Reichskanzler sei wohl im Hinblick auf die Notwendigkeit, mit dem Centrum Politik machen zu sollen, auf die Rücktrittsgedanken gekommen, weil er schon am 8. Mai v. I. im Reichstage die Befürchtung aussprach, sein Nachfolger werde durch die liberale Opposition dem Centrum in die Arme getrieben werden. Aber der offiziöse Korrespondent spricht die Ansicht aus, der Kaiser werde von dem Kanzler verlangen, „auch den Versuch des Zusammengehens mit dem Centrum in seine vor allem bewährte Hand zu nehmen." Windthorst habe einmal gesagt, nur der Kanzler vermöge den Kulturkampf durch einen wahren Frieden zu beendigen; Windthorst habe dadurch bewiesen, daß er einsehe, daß der Kulturkampf ein aus der Natur der Dinge hecvorgeheuder Gegensatz ist, den nur eine in diesen Dingen tief eindringrnde Meisterhand auf eine lange Dauer beendigen kann. Dann heißt es weiter:
„DaS aber muß mit allem Nachdruck wiederholt werden, daß dem Kanzler der Weg nicht verschlossen ist, nach ein ober zwei Jahren, «achtem „klarende Ereignisse" in Gestalt konkreter Gesetzvorlagen zu tage getreten sind, mit besserem Erfolge als jetzt an das Volk zu appellieren.
Das verschwundene Kind.
Roman von Ewald August K ö n ig.
(Fortsetzung.)
Sie hatten alles, was sie bedurften, sie waren reich und der Himmel hatte ihre Ehe mit einem herzigen Kinde gesegnet, aber glücklich waren sie doch nicht, denn das Gespenst des Todes wich ihnen nicht mehr von der Seite, es zwang sie, ihm ins düstere Auge zu schauen, cö träufelte Wermuth in jeden Freudenbecher, es verfolgte sie am Tage auf Schritt und Tritt und scheuchte sie in der Nacht aus dem Schlummer auf, daß sie erschreckt emporfuhren.
Auch jetzt sah Hartmann dieses Gespenst, während sein Blick voll Besorgnis und zärtlicher Liebe auf der jungen Frau ruhte und unwillkürlich hob ein schwerer Seufzer feine Brust.
„Wo wird er wieder sein?" erwiderte die Kranke mit unverkennbarer Gereiztheit. „Man kennt ja den Lebenswandel Deines liebenswürdigen Vetters."
„Vom Hörensagen, Marie I"
„Wenn man ihm ins Gesicht sieht, weiß man schon, welche Vergangenheit hinter ihm liegt. Nachdem er sein Vermögen vergeudet hat, kommt er zu uns, um hier ein bequemes Leben zu führen."
„Er ist mein einziger Verwandter." „Verpflichtet Dich das, ihn zu ernähren?" „Das gerade nicht, aber —" „Weshalb arbeitet er nicht?"
„Was soll er thun?" erwiderte Hartmann. „Er hat sich bemüht, eine Stelle zu erhalten, ich weiß, er ist ein tüchtiger Kaufmann —"
„Aber er arbeitet nicht gern," warf die junge Frau wieder ein.
Die günstigen Aussichten des Unternehmens würden dadurch nicht leiden, wenn inzwischen eine klerikal-liberale Koalition sich gebildet haben sollte. Lüder wird diese Eventualität durch die moralische Ermüdung unwahrscheinlich, welche, dem Artikel der „Post" zufolge, jetzt auf dem Kanzler teils infolge der Angriffe seiner Gegner, noch mehr aber infolge der weit verbreiteten Unfähigkeit auch patriotisch gesinnter Volkskreise lastet, die Gedanken des Kanzlers und die dringenden Forderungen des Augenblicks, an deren Erfüllung leicht die ganze Zukunft hängen kann, zu verstehen."
Die „Germania" bemerkt, nachdem sie darauf hingewiesen hat, welche Genugthuung eS dem Reichskanzler dem Ausfall der Wahlen gegenüber gewähren müsse, daß niemand seinen Rücktritt für möglich halte, mit bezug auf die Haltung der liberalen Opposition und jener Artikel der „Pol. Korresp." folgendes:
„. .. Wir stehen noch inmitten des Kulturkampfes, dessen oberster Befehlshaber er war; wir wissen, was der Kanzler gegen uns gethan hat und geschehen ließ, ja wir fühlen es täglich noch. Aber niemals haben wir in den Ruf: „Fort mit Bismarck" eingestimmt und thun es jetzt erst recht nicht. Nicht aus Furcht ober Eigennutz, benn wir haben Vertrauen im Ueberfluß zu unserer Sache, sondern einfach aus der klaren Erkenntnis, daß Fürst Bismarck jetzt mehr wie je der Mann der Situation ist, dessen starke Hand die Nation nicht entbehren kann. Aus dieser Erkenntnis folgt aber keineswegs, daß wir geneigt wären, die „Nolle der nationalliberalen Partei" zu übernehmen; aber es folgt daraus der Entschluß, daß wir den Rei' s kanzler in allen seinen Reformbestrebungen, welche nach unserer Ueberzeugung zum Heile der Nation gereichen, ehrlich unterstützen, ohne Hinterlist und Selbstsucht, aber auch ohne Aufgabe unserer vollen ungeschmälerten Selbständigkeit und Freiheit.
Der Kanzler hat bisher die Unterstützung des Zentrums verschmäht bis auf die Ausnahme im Jahre 1879. Im folgenden Jahre sagte et sich förmlich wieder vom Zentrum los; aber unsere Freunde im Parlamente haben daraus keineswegs Anlaß zu irgend welcher Annäherung an die systematische Opposition genommen. Sie sind ihrem alten Systeme der objektiven, rein sachlichen Prüfung damals treu geblieben und werben eS jetzt um so lieber thun, wenn ber Kanzler ihnen endlich die Rücksichten zollt, welche sie verdienen. Wenn wir in ber vorigen Runbschau ausführten, daß weder von Dienstbarkeit noch Vertraulichkeit, fondern nur von freier Mitarbeit die Rede fein könnte, fo entspricht das durchaus den Auffassungen der Gegenseite. In der neuesten „Polit. Korresp." wirb „mit allem Nachbruck wiederholt, daß dem Kanzler ber Weg nicht verschlossen ist, nach ein oder zwei Jabren, nachbem „kläreube Ereignisse" in Gestalt konkreter Gesetzvorlagen zu tage getreten sind,
„O gewiß, wenn er nur eine Stelle sänbc."
„Wer sich nach seiner Vergangenheit erkunbigt, wirb ihm gewiß kein Vertrauen schenken. Mir gefällt er nicht, Theodor —*
„Er ist doch gegen Dich sehr liebenswürdig."
„Eben bas gefällt mir nicht."
Hartmann schüttelte den Kopf unb trat vom Fenster zurück, um langsam auf betn weichen Teppich das Zimmer zu burchmesfen.
„Sein Vater war der Bruder meines Vaters," tagte er, ich konnte und durfte ihm nicht die Thüre zeigen, da er zu mir kam."
„Weshalb nicht? Der Verschwender —"
„Mein liebes Kind, dieser Vorwurf trifft ihn nicht, er ist betrogen worben und das kann Jedem paffieren."
„Du nimmst ihn in Schutz," sagte die Kranke mit wachsender Gereiztheit, „ich finde nichts, was zu seiner Entschuldigung dienen könnte."
„Weshalb streiten wir unS darüber, Marie," sagte der Gatte in beruhigendem Tone. „Lorenz fühlt selbst das Drückende seiner gegenwärtigen Lage, er wnd unermüdlich sorgen, eine Aenderuiig herbeizusühren. Und bis ihm dies gelungen ist, müssen wir uns seiner annehmen, er ist nun einmal mein Verwandter und wenn ich ihm die Thüre zeige, bann —"
„Er hätte gar nicht kommen bürfen."
„Du bist zu heftig, mein Kinb!"
„Weil ich bie Ahnung nicht zurückoräugen kann, daß mit ihm bas Unglück in unser Haus gekommen ist."
Hartmann sah ganz betroffen die junge grau an, bie rothen Flecken auf ihren Wangen waren noch buntler geworben.
mit besserem Erfolg als jetzt an bas Volk zu appellieren." Der „sehr beachtenswerte Gewährsmann" fügt sogar hinzu, baß es für biefe Spekulation ganz günstig wäre, wenn sich inzwischen eine klerikal - liberale Koalition bilbete; aber bei bet moralischen Ermüdung des Kanzlers sei das unwahrscheinlich. Verstehen wir diese dunkle Rebe recht, so wirb bedauert, daß ber Kanzler nicht zugleich gegen die Liberalen und das Zentrum den Kampf aufnehmen könne. Wir trauen ihm dieses Bedauern zu: denn wenn er die Hand des Zentrums ergreift, fo gehorcht er zunächst der Not, nicht dem eigenen Triebe. Deshalb wird er auch die erste beste Gelegenheit benutzen wollen, um sich von der Rücksichtnahme auf das Zentrum wieder frei zu machen. Das steht längst in unserem politischen Kalkül, hindert uns aber gar nicht, zur Ueberwinbung ber augenblicklichen Schwierigkeiten bas Unsrige redlich beizutragen. Das Weitere wird sich finden."
Deutsches Reich.
»* Berlin, 14. November. Die Nachrichten über die Jagd in Springe lasten den Zweifel aufkommen, ob ber Kronprinz bie Depesche über bas Befinden des Groß- herzogs von Baben vor ber Jagb ober währenb betreiben bekommen hat. Wie ich höre, hatte die Jagb bereits begonnen, unb baß bet Kronprinz biefelbe sofort verließ unb einen Extrazug bestellte. Die Jagbgesellschast nahm nur noch rasch ein Mahl ein unb benutzte dann den Extrazug, um sich mit demselben nach Lehrte zu begeben, von wo ber Kronprinz nach Baden - Baden abreiste, während die Gäste nach Hannover und Berlin zurückkehrten. — Der Finanzministet hat die Provinzial-Steuer-Direktoren darauf aufmerksam gemacht, daß seit ber Geltung des Reichsstempelgesetzes vom 1. Juli b. I. Verträge über die Lieferung von Waren, welche zum Gebrauche als gewerbliche Betriebsmaterialien bestimmt sind, einem preußischen Lanbes- stempel, als Lieferungsverträge, ober als Kauf- u. f. w. Verträge im sog. kaufmännischen Verkehr, nicht mehr unterliegen, baß bann vielmehr nur noch bie Reichsstempelabgabe nach Nr. II des Tarifs zu bem genannten Gesetze erhoben werben kann. Für bie frühere Zeit ist an den seitens ber Steuerwaltung für bie Besteuerung derartiger Verträge angenommenen Grundsätzen festzuhalten. Diejenigen RechtS- gefchäfte, welche etwa sonst noch In der Urkunde enthalten sein mögen, bleiben dem besonderen Stempel nach Nr. I ber allgemeinen Vorschriften beim Gebrauche beS Tarifs zu bem Stempelgesetz vom 7. März 1822 unterworfen. — Die Stichwahlen in Berlin haben nach Analogie bet bekannten Breslauer Vorgänge zu vielfachen Angriffen gegen die Konfervativen Anlaß gegeben. ES wird aber in den Stimmen; chleu vor allem bie Bestätigung ber Ansicht zu finben fein, daß unter denen, welche im ersten Wahlgange
„Wie kommst Du nut darauf," fragte er.
„CS ist eine Ahnung I"
„Ahnungen haben keine Berechtigung."
Die Kranke zuckte die Achfeln.
„Ich glaube an Ahnungen," sagte sie, „schon oft habe ich gefunden, daß sie cingetroffen sind. Unb wenn ich Deinem Vetter ins Gesicht sehe, bann lese ich in feinen Augen gar vieles, was mir ernste Besorgnisse einflößen muß. Ist feine Vergangenheit vielleicht eine Bürgschaft für seinen ehrenhaften Charakter? Wissen wir benn nicht, daß er sein ganzes schönes Vermögen seinen Leidenschaften geopfert hat und daß et noch immer der Sklave dieser Leidenschaften ist?"
Hartmann schüttelte mit zweifelnder Miene das Haupt.
„Es mag allerdings eine stürmische Vergangenheit hinter ihm liegen," entgegnete er, „aber er hat den Leichtsinn bereut, und man darf ihm nun bie Sünden nicht mehr votwerfen. Kannst Du ihm einen Vorwurf machen, seitdem et bei uns ist? Ist er nicht Dir gegenüber aufmerksam unb lieber.Swütbig, hast Du irgenb welche Ursache, Dich über ihn zu beklagen?"
Wieder wollte die junge Fran eine heftige Antwort geben, aber ber Eintritt des Manne-, von welchem die Rede war, hinderte sie daran.
So ganz Unrecht konnte man ihr nicht geben, wenn sie diesem Manne nicht traute, benn trotz bet höflichen Artigkeit, mit bet et sie begrüßte, traf sie aus seinen Augen ein lobernber Blick, ein Blick, ber Tücke unb Arglist verriet.
(Fortsetzung folgt.)