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3Har6lirq, Sonnabend, 12. November 1881
xvi, Jahrgang
«»«eigen nimmt entgegen: ki- Expedition d. Blattes, ?-)ie d.Ännonccn-Bureaux 1 xh. Dietrich u. Co. in Gaffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a M ; Oaasenstein u. Vogler in i0nlfurt a. M., Berlin. Leipzig. Köln rc.; Rudolf Stoffe in Berlin, Frank- furt a. M. rc.
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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux von G L. Daube u. Co. in Frankfurt a. M.; Jägersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. Thienes in Elberfeld; C. Schlotte in Bremen-
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Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.
Wissenschaft und Politik.
Ein berühmter Mann der Wissenschaft, ein großer Gelehrter, ist in den letzten Tagen vielfach gefeiert worden, utlb da er zugleich in politischer Beziehung ein entschiedener Fortschrittsmann ist, so wurde die Gelegenheit von liberaler Seite geschickt benutzt, um diese ganz verschiedenen Eigenschaften zu vermischen und in dem Gelehrten zugleich den Fortschrittsmann zu preisen; den Freunden der Regierung aber, welche diese Vermischung nicht geschehen lassen wollten, wird vorgeworfen, daß sie große Geister, deren Wirken der Nation zur Ehre gereiche, aus politischen Gründen in den Augen der Welt herabzuwürdigen suchen.
Darum handelt cs sich jedoch in diesem und in ähnlichen Fällen gar nickt, vielmehr handelt es sich nur um die Frage, ob die unbestrittene Geöße auf einem bestimmten Gebiete auch entscheidendes Ansehen auf völlig anderen Gebieten verleibt, ob jemand, weil er z. B. die Eigenschaften des menschlichen Körpers genau kennt, deshalb auch ein großer Mann in Beurteilung der Staatöverfassungcn, der Beziehungen der Völker unter einander, der Wirkungen eines Zolltarifs und solcher rein politischer und wirtschaftlicher Fragen sein müsse.
Im allgemeinen glaubt man daö nicht, man nimmt vielmehr an, daß ein Gelehrter, je größer er in seinem Fach ist, desto weniger seinen Geist auf anderen Gebieten zersplittert, und besonders hält man große Gelehile nicht gerade für die besten Praktiker. Jeder Fabrikant, jeder Handwerker, jeder Bauer würde sich schönstens bedanken, wenn man ihnen anbötc, dieser oder jener Gelehrte solle die Leitung ihrer Fabrik, ihres Geschäfts, ihres Hofs übernehmen. So ist es auch ganz gewiß keine Herabwürdigung, wenn ein großer Gelehrter nicht ohne weiteres als Richter oder als Regierungsrat, als Truppenführer oder als Baumeister zugelassen wird.
Es ist an und für sich klar, daß das Wissen eines Naturforschers, so berühmt er als solcher sein mag, nichts mit der Kunst, Staaten zu regieren, zu thuu hat; gerade der jetzt gefeierte Mann hat aber überzeugend bewiesen, daß auch der schärfste, glänzendste Verstand doch eben nicht nach allen Richtungen gleichmäßig ausgebildet sein kann; denn, um nur dies zu erwähnen, von allen unglücklichen Prophezeiungen der liberalen Partei hat er in allen entscheidenden Windungen die allcrunglücklichsten geleistet, so daß ihm schon vor Jahren (er Rat erteilt werden mußte, lieber udt einer gewissen „vornehmen Vergessenheit" auf seine politische Vergangenheit zu blicken. .
Wenn dem Fachgelehrten vollends ein Staatsmann gcgenübersteht, welcher als ein Talent ersten Ranges gerade in der Politik von der ganzen gebildeten Welt anerkannt ist, wäre es widersinnig, wenn auch dieses besondere Talent sich vor dem Ansehen der Wissenschaft beugen sollte. Fürst
Das verschwundene Kind.
Roman von Ewald August König. (Fortsetzung.)
' Der braune Mann schlug vor dem zürnenden Blick der Frau die Augen nicht nieder, er begegnete diesem Blick mit entschlossener Ruhe.
„Wir lassen ihn verschwinden", erwiderte er, „Niemand soll erforschen können, wo er geblieben ist."
Die Alte blickte eine Weile sinnend vor sich hin.
„Warte bis wir Gewißheit haben", sagte sie, „nicht eher darf man richten, biö die Schuld ihm vollständig bewiesen ist."
„Ist sie hier nicht bewiesen?"
„Noch nicht. Denn freiwillig ist er zurückgekchrt, die Liebe führte ihn zurück, und der Liebe darf man stets vertrauen."
„Ja, wenn er ein Sohn unseres Stammes wäre!
„Die Liebe hat Gewalt über Jeden, Perez, vertrauen wir ihr l" , Ä ,
Der braune Mann schüttelte wieder unwillig den Kopf, aber die Alte achtete nicht darauf, sie schritt an ihm vorbei und stand bald darauf am Waldessaume an demselben Eingang, durch den die Bande in den Wald hineingezogen war. . ,
Auf dem Stumpf einer abgehauencn Eiche saß ein schlankes Mädchen, jung und schön, mit feurigen, blitzenden Augen, die jetzt weit in die Ferne hinausschauten in den strömenden Regen, der erquickende Kühle brachte. Gleich einer Träumenden saß sie da, zusammengekauert, die Hände in den Schoß gehalten, und so sehr war sie in Brüten versunken, daß sie das Kommen der alten Frau nicht einmal bemerkte.
Bismarck ist doch seinerseits auch eine Autorität vor Europa und es gicbt an der Berliner Hochschule keinen einzigen Professor, dessen Name und Ruhm dem seinigen in der Politik auch nur gleichstände.
Wenn die Männer der Wissenschaft dem Parteigetriebe und seinen Folgen verfallen, so liegt die Schuld wohl daran, daß sie an dem politischen Kampfe einen Anteil nehmen, der mit ihrer Stellung in der wissenschaftlichen Welt nichts gemein hat. Finden sie sich als Staatsbürger veranlaßt, gegen die Regierung nicht bloß zu stimmen, sondern zu wühlen, so kann doch ihre Berühmtheit in der Wissenschaft kein Vorrecht in der Politik für sie schaffen. Vollends handelt es sich nicht um den Kampf der Finsternis gegen das Licht, vielmehr weiß Europa, daß Preußen-Deutschland auch ferner eine Stätte des freien Geistes und der freien Forschung in allen Richtungen, eine Stätte echt wissenschaftlichen Treibens bleiben wird, wenn auch die Männer der Wissenschaft in der Politik den Gesetzen des politischen Lebens unterliegen. (Prov.-Korr.)
Deutsches Reich.
Berlin, 10. Nov. In den Erörterungen der Presse über den Artikel der „Post", in welchem von der Absicht des Kanzlers, auö seiner Stellung zu scheiden, Mitteilung gemacht wurde, fallt vor allem eine Auslassung der „Köln. Zeitung" durch eine — wir möchten sagen — Rohheit des Ausdrucks auf. Die „Köln. Ztg." sagt nämlich und die „Tribüne" druckt es ihr eilfertig nach: „Wenn das Centrum mächtig und übermütig geworden ist, so ist Fürst Bismarck und sein kurzsichtiger Anhang daran schuld. Fortschritt und Centrum sind nicht verbündet, und wenn Bismarck will, kann er alsbald das Centrum wieder lahm legen. Er bleibe auf seinem Posten, von welchem ihn niemand außer dem Centrum verdrängen will, kehre aber in der inneren Politik unumwunden zu den Grundsätzen zurück, die er bis 1877 verfolgte. Denn das gesteht der obige Artikel (der „Post") selbst ein, vom Jahre 1877 befehdete Bismarck die Fortschrittspartei nicht nur, sondern den Liberalismus überhaupt. Und davon haben wir j'tzt die Folgen: Koalitionen der Konservativen und des Centruins mit den Sozialdemokraten, wo cs gilt, den Liberalismus zu verdrängen; nirgend aber eine regierungsfähige Partei. Das aber sagen wir mit gutem Vorbehalt schon heute: ein Anhänger des Centrums wird Preußens und Deutschlands Geschicke nicht leiten und nicht leiten können, selbst wenn Fürst Bismarck ihn unterstützen würde. Diese Drohung läßt uns kalt. Wenn Biömarck seinen Herrn um Entlassung aus seinen Aemtern bitten sollte, so wird hoffentlich die Antwort sein wie früher: Niemals — was die Leitung der Geschicke Deutschlands betrifft. Die innere soziale Politik aber möge in Gottes Namen minder hastiger sachkundigerer
„Constanze I" rief die Alle.
Das Mädchen blickte auf, ein schmerzlicher Zug umspielte seine Lippen.
„Waö willst Du?" fragte sie mit eintöniger Stimme. „Hat er uns wieder betrogen? Er kommt nicht?"
„Geduld, bis daö Unwetter ausgetobt hat."
„Sind wir nicht auch in dem Unwetter marschiert?" fiel das Mädchen ihr gereizt ins Wort. „Hat er damals, als er sich in mein Herz hineinschlich, Sturm und Wetter gefürchtet? Weshalb kommt er nicht?"
Die alle Frau verschränkte die dürren Arme vor der Brust und blickte nun auch spähend in die Ferne.
„Wcnn's ihm nicht Ernst gewesen wäre, würde er mich nicht ausgesucht haben", sagte sie, „er thats freiwillig."
„Meinetwegen. Weshalb kam er nicht zu mir? Weshalb —"
„Laß das, Constanze", wehrte die Alte ab, „wer kann dem Menschen in's Herz schauen? Nur er allein kann Deine Fragen beantworten, er wird'S thun, wenn er Dich ehrlich liebt. Das Menschenherz hat seine Geheimnisse wie der Sternenhimmel, wir schauen hinein und können sie doch nicht ergründen. Ist nicht die Liebe ein wunderbares Geheimnis?"
„Ein Geheimnis, welches schmerzt und beglückt, welches Himmelsseligkeit und Verzweiflung im Gefolge hat", sagte Constanze leise, mit bebender Stimme. „Ach, wie unsäglich glücklich war ich in seinen Armen und wie elend wurde ich, als er mich verließ!"
„Er kehrt zurück."
„Darf ich ihm noch vertrauen?"
„Liebe muß vertrauen."
„Du sprichst für ihn? Du willst ihn verteidigen."
gesehen?
(Fortsetzung folgt.)
Hand anvertraut werden; das Reich braucht endlich auch im Innern Ruhe." Die Sprache fast aller anderen Blätter im deutschen Reiche giebt beredtes Zeugnis dafür, daß die „Köln. Ztg." mit ihren anmaßenden Auslassungen sich nur selbst prostituiert, aber nicht dem Empfinden des deutschen Volkes Ausdruck giebt. Eine schlagende Zurückweisung erfährt das Blatt übrigens im „Düsseld. Anz.", welcher die Aeußernngen der „Köln. Ztg." mit folgenden Bemerkungen wiedergiebt: „Angesichts der dem Vaterlande durch den Rücktritt des Kanzlers drohenden Gefahr fällt es uns schwer, diese Auslassungen mit der nötigen Ruhe zu beantworten. Neues enthalten sie nicht. Sie sind nur charakteristisch für die „Köln. Ztg." und Konsorten, also für jene, die es verschuldeten, daß wir heute mit dem Centrum und dem Fortschritt so sehr zu rechnen haben, die aber trotz alledem den empörend traurigen Mut besitzen, den großen Staatsmann täglich als einen „Schwindler" zu beschimpfen, der es auf „Täuschungen" abgesehen und nebenbei die Nation an Rom verraten habe. Das wahre Gesicht der philisterhaften „Köln. Ztg." kommt in der Beschimpfung des Kanzlers zutage. Alle Lobhudeleien wegen seiner auswärtigen Politik ist Heuchelei. Denn mehr noch als Centrum hat die „Köln. Ztg." die auswärtige Politik Bismarcks bekämpft. Mit der dänischen Frage begann dieser Kampf und nahm während des orientalischen Krieges einen furienhasten Charakter an. Die „Köln. Ztg." wußte stets alles besser als Bismarck. Während er deutsche Politik trieb, nahm sich daö Weltblatt entweder der Dänen, der Franzosen, der Türken, immer aber der Engländer an. Die „Köln. Ztg." verlangt „Ruhe im Innern". Man könnte sagen, daran erkennt man den Standpunkt der satten Philister. Doch ist die Sache zu ernst, um zu scherzen. Wir werfen deshalb die Frage auf: Wer hat in den letzten Jahren die Unruhe gemacht ? Waren es nicht die Herren Lasker, Richter und Bamberger? Nachdem diese Leute im Verein mit Delbrück und Camphausen das Land an den Abgrund der Verarmung und der sozialdemokratischen Gefahr gebracht halt'«, verlangte das deutsche Volk, wie der alte Fortschrittsmann Berger richtig bemerkte, nach einer gründlichen Wirtschaftsreform. Nur circa 80 Abgeordnete der Manchesterpartei waren gegen die Zollreform. Und nun wagt eö die „Köln. Ztg." zu behaupten, Bismarck habe das Vertrauen der Nation verloren, seitdem et das gethan, was das Volk heftig verlangte! Er müsse wieder zu den alten Grundsätzen vor 1877 zurückkehren und den sachkundigen Händen eines Delbrück und Camphausen, sowie des Münzgenies Bamberger Alles überlassen. Nein, nicht diese Leute würoen dauernd das Heft in den Händen bebalten, sondern cs würde dem — Centrum zufallen ; dieses weiß, was es will. Die wahrhaft lächerlichen Nedensaricn bet „Köln. Ztg." ändern an solchen Entwickelungen gar nichts; nur das Wort des Monarchen
„Ja, Constanze. Ich will an ihn glauben, so lange ich es vermag."
„Und wenn Du es nicht mehr kannst?"
„So trifft mein Dolch fein falsches Herz! Ich bin alt geworden sechszig Iahte und es wat ein mühevolles Leben; arm an Freuden und reich an bitteren Erfahrungen und Enttäuschungen; aber den Glauben an die Menschen hat mir nichts rauben können, ich halle fest an ihm, fo lange ich lebe."
„So kann man auch festhällen an der Lüge," sagte daö Mädchen, die Oberlippe trotzig aufwerfend. „Schau dort hin, ist et'ö?"
Sie deutete mit der rechten Hand in die Ferne, die scharfen Augen der alten Frau folgten der Richtung.
„Er ist es," erwiderte sie, „eö ist fein Gang und seine Haltung."
Das Mädchen nickte, eö hatte auch jetzt den Näherkommenden erkannt.
Der Letztere war noch ein junger Mann, schlank gewachsen, kräftig gebaut, mit intelligenten Gesichtszügen, dessen äußere Erscheinung bei oberflächlicher Betrachtung einen gewinnenden Eindruck machte.
Aber wenn man ihn näher und scharfer ansah, fand man in seinen Hügen etwas, das unwillkürlich zurückstieß und vor diesem Manne warnte. Dieses Etwas deutete nicht nur auf eine stürmische Vergangenheit, sondern auch auf einen tückischen Charakter. Hatte die Alte trotz ihrer Erfahrungen diesen Zug nicht bemerkt? Hatte sie mit ihren scharfen, klugen Augen ihm noch nicht ins Antlitz