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irr 261.

Marburg, Dienstag, 8. November 1881

xvi, ZahrgW

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Ännoncen-Bureaux

Th- Dietrich u. Co- in Mel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt« M.; -,aasenstein u. Vogler in »rantfurt a. M., Berlin, Leipzig- Köln rc-; Rudolf «iosse in Berlin, Frank­furt a. M. rc.

Olichkßschk Mm.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d- Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux von G 8. Daube u. Co. in Frankfurt a. M-; Jligersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. ThieneS in Elberfeld: C. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageJllustrirteS Donutaasblatt" durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 31/* Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 3 Mark 50 Pfg. (excl- Bestellgebühr.) Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Bfa

Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 85 Pfg. berechnet.

Deutsches Reich.

Berlin, 5. Nov. DerNeichSanzeiger" publiziert die Einberufung des Reichstags zum 17. November. An Se. Durchlaucht den Fürsten Bismarck hatte das hiesige konservative Zentral Komitee folgende Depesche abgehen lassen:Ew. Dniitlauchl beehrt sich das C. C. C ergebenst anzuzeigen, daß es angesichts des heute offiziell festgestclltm Wahlergebnisses für Berlin den festen Entschluß gefaßt hat, den Kampf gegen den Berliner Fortfchrittsring mit unge- schwächtcn Kräften fortzusetzen und sich bemühen wird, so viel an ihm liegt, zur Heilung des an unserem StaatS- leben fressenden chronischen Uebcls beizutragen.. Das C. C. C I. A.: Professor Brecher." Darauf ist folgende Antwort eingetroffen:Ich danke verbindlichst für Ihr Telegramm und werde für jede Unterstützung dankbar sein, die ich in dem Kampfe gegen rie meiner Ueberzeugung nach Kaiser und Reich gefährdenden Bestrebungen der Fortschrittspartei erhalte, v. Bismarck " Der bereits auf telegraphischem Wege auszüglich mitgetcilte Artikel derNat.-Z." lautet: Fürst Bismarck unterhält bekanntlich mit der Mehrzahl seiner pommerschen Nachbarn sehr freundliche persönliche Beziehungen, die in häufigem ungezwungenem Verkehr ihren äußeren Ausdruck finden. Fast täglich steht der Kanzler einen oder mehrere derselben als Gäste an seiner Tafel. In den letzten Tagen befand sich darunter ein jüdischer In­dustrieller, der mit dem Fürsten insofern in geschäftlicher Verbindung steht, als ein großes Fabriketablissemcnt des Herrn sich auf dem dem Kanzler gehörigen Grund und Boden befindet und seine Rohmaterialien aus den Barziner Wal­dungen entnimmt. Die genannte Persönlichkeit steht mit dem Fürsten seit einer lange Reihe von Jahren in ununter­brochenem, regelmäßigem Verkehr. Die diesmalige Begeg­nung gab dem Staatsmann auf eine zufällige Bemerkung feines Gastes Veranlassung, sich über seine Stellung zur Judenfrage zu äußern. Er sprach in eingehendster Weise darüber und ließ dabei starke Schlaglichter auf einzelne be­zeichnende Phasen der Bewegung fallen. Dann sagte er u. a auf die sich selbst gestellte Frage, ob er mit der anti­semitischen Bewegung einverstanden sei:Nichts kann un­richtiger sein. Ich mißbillige ganz entschieden diesen Kampf gegen die Juden, sei cs, daß er auf konfessioneller oder gar auf der Grundlage der Abstammung sich bewege. Mit gleichem Rechte könnte man eines TageS über Deutsche von polnischer oder französischer Abstammung herfallen wollen und sagendes seien keine Deutschen. Daß die Juden mit Vorliebe sich mit Handelsgeschäften befassen, nun daü ist Geschmackssache; durch ihre frühere Ausschließung von anderen Berufsarten mag das wohl begründet sein. Aber sicherlich berechtigt cs nicht, über ihre größere Wohlhaben­heit jene aufreizenden Aeußerungen zu thun, die ich durch­aus verwerflich finde, weil sie Neid und die Mißgunst

Besiegt!

Novelle von Leo Sonntag.

(Fortsetzung.)

Aber Else war in ihrer siebzehnjährigen Würde zu tief gekränkt worden, um diese Entschuldigung ruhig htnzunehmen.

Ich müßte Sie um Verzeihung bitten, Herr Doktor, daß ich es gewagt, vor Ihnen Schumann zu spielen."

Im Gegenteil, Fräulein Else, Sie haben mir einen großen Genuß gewährt. Darf ich Sie bitten, mir einige Lieder zu begleiten?"

Ich würde das nicht wagen, Herr Doktor."

Ich bitte darum, Fräulein."

Es thut mir leid, Ihre Bitte abschlagen zu müssen."

Die Tante hatte versucht, sich ins Mittel zu legen, doch Else war standhast geblieben, und der Doktor, nicht an Widerspruch gewöhnt, war an seinen Platz zurückgekehrt und hatte sich bald wieder in eine Unterhaltung mit der alten Tante vertieft.

Er hatte wohl bemerkt, daß daS junge Mädchen er­wartet hatte, er werde mehr in sie dringen, doch das er­laubte ihm seine Würde nicht.

Am folgenden Tage hatte er sie jedoch wieder aufge­fordert, und wieder eine abschlägige Antwort erhalten.

Ich könnte es nicht wagen, Herr Doktor, Sie werden sich eine ältere Dame aussuchen muffen."

Ah, das war'sl Diejunge Dame" hatte sie beleidigt. Das war eine Entdeckung für den Doktor. Er hatte fast gefürchtet, sich hier auf dem Lande bei der alten Dame zu langweilen, aber jetzt konnte er sich ja amüsieren. Und er that es redlich. Bei jeder Gelegenheit behandelte er die arme Else als ein Kind, und diese haßte ihn daher bitter.

der Menge erregen. Ich werde niemals darauf eingehen, daß den Juden die ihnen verfassungsmäßig zustchenden Rechte in irgend einer Weise verkümmert weiden. Die geistige Organisation der Juden im allgemeinen macht sie zur Kritik geneigt und so findet man sie wohl vorzugs­weise in der Opposition, aber ich mache keinen Unterschied zwischen christlichen und jüdischen Gegnern meiner Wirt­schaftspolitik, die ich nach meiner Ueberzeugung als ersprieß­lich für das Land verfechte. Wenn ich zustimmende Adressen und Telegramme beantwortet habe, so erfüllte ich damit eine Pflicht der Höflichkeit, wie ich dies schon Richter er­widerte ; ich würde mit Vergnügen ebenso höfliche Antworten aus Zustimmungsantworte ter Fortschrittspartei gegeben haben, ich habe nur keine erhalten." Auf die Frage des Gastes, ob er von einem Teile dieser A-ußerungen öffent­lichen Gebrauch, selbst durch die Presse, machen dürfe, ant­wortete der Kanzler unbedingt zustimmend. Die hieran geknüpften Kritiken desBerl. Tageb^." und desBörsen- Cour." sind aber mehr als lächerlich. Zu den Stichwahlen schreibt diePost":Das ausschließliche Bestreben, Konser­vative oder gemäßigt Liberale zu verdrängen, macht sich mit einer beinahe brutalen Verachtung aller nationalen Ge­sichtspunkte bei den Stichwahlen geltend. Die Stärkung, welche daö Zentrum dabei erfährt, verschlägt nichts, dagegen würde man einen Sieg des berüchtigten VolksparteilerS Karl Mayer, franzosensreundlichen Angedenkens, über einen so überaus gemäßigten und nationalen Mann, wie den Fürsten Hohenlohe - Langenburg, im radikalen Lager mit Freuden begrüßen. Uns kann demnach das unverhüllte Hervortreten einer gänzlichen Abwesenheit deutsch-nationaler Gesinnung bei dem radikalen Liberalismus nur erwünscht sein. In der Gegenwart wird die Scheidelinie zwischen ihm und dem gemäßigten Liberalismus dadurch wesentlich ver­tieft, die Gefahr der Bildung einer alle Liberale umfassen­den Oppositionspartei erheblich vermindert. Für die Zu­kunft aber ersteht die Aussicht, daß mit der Wiedererstarkung deutsch - nationaler Gesinnung der radikale Liberalismus, welcher diese jetzt so offen verleugnet, mit den übrigen par- tikularistischen Elementen mehr und mehr von der Bildfläche verschwinden wird." DieNordd. Allgem. Ztg." schreibt: Fortschrittler und die verwandten Liberalen behaupten, daß sie bei den Wahlen einen politischen Sieg erfochten und die antilibcralen Bestrebungen zurückgewiesen worden seien. Um einen politischen Sieg zu erringen, müßten politische Streit­fragen vo liegen und auf die Entscheidung des Reichstages harren. Tie dem Reichstag vorzulegenden Entwürfe sind rein wirtschaftlicher Natur, deshalb folgt aus einer etwaigen Giuppierung politischer Parteien im Reichstage noch nichts, worauf zu schließen wäre, wie sich die Mitglieder bei der Entscheidung thatsächlich vorliegender wirtschaftlicher Fragen gruppieren werden. Die gewählten Abgeordneten nach politischen Gruppen einteilen und darnach das numerische

Und dennoch interessierte ihn der kleine Trotzkopf, und immer und immer wieder suchte er sie zu bewegen, mit ihm zu musizieren, doch stets umsonst.

Und heute hatte sie ihm wirklich Bewunderung einge­flößt, als sie ihm so ruhig ins Gesicht sagte, daß sie ihn hasse. Es war ihm ja gleichgültig, welche Gefühle sie für ihn hegte, ja gewiß, es war ihm gleichgültig. Aber merk­würdig, während seines ganzen Spaziergangs verfolgten ihn die blitzenden Augen und immer wieder hörte er die Worte in seinem Ohr:Ja, Herr Doktor, ich hasse Siel"

Bei seiner Rückkehr fand er die Damen schon am Theetisch seiner harrend.

Gustav, hier ist ein Brief für Dich," rief ihm die Tante entgegen.

Der Doktor nahm ihn.Ah, aus der Residenz, den habe ich schon lange erwartet." Rasch erbrach er daS Schreiben und las einige Zeilen.Wirklich," rief er aus, das ist über meine Erwartung. Ich bewarb mich um eine Stelle in der Hauptstadt, und nun wird mir eine solche am Gymnasium angeboten I"

Und Du nimmst sie an!"

Gewiß Tante!"

So weit fort!"

Aber es war nicht die Rätin, die die letzten Worte gesprochen. Erstaunt blickte sie auf Else, die tief errötend sich auf ihre Arbeit beugte. WaS hatte ste nur gedacht, sich diese Worte entschlüpfen zu lassen.

Der Doktor war aufgesprungen.

Else, was liegt Ihnen daran, ob eS weit fort ist, Sie hasseu mich ja!"

Sie blickte au's ste wollte e« bestätigen, aber die Stimme versagte ihr.

Stärkenverhältnis bei den Abstimmungen der nächsten Session berechnen wollen, sei daher müßige Spielerei. Es heißt daß Fürst Bismarck mit Beginn der Reichstagssesston hier­herkommt.

Dresden, 5. Nov. Auf der Tagesordnung der heuti­gen Sitzung der zweiten Kammer steht die Interpellation des Abgeordneten Bebel, betreffend den Belagerungszustand in Leipzig. Nach Begründung der Interpellation durch den Abg. Bebel betonte der Minister des Innern: Dem Abg. Bcbel, dessen Wahl bezüglich ihrer Gültigkeit noch zweifelhaft sei, geziemte mehr Mäßigung. Die Regierung schulde nur dem Reichstage Rechenschaft. Die sächsische Regierung müsse daran erinnern, daß die Sozialdemokratie den Umsturz der Krone, die Verwandlung deö individuellen in kommunales Eigentum, den Zusammenbruch der Religion bezwecke und hierzu nach ihrem eigenen Manifeste keine Mittel scheue. Die Regierung müsse diese revolutionäre Partei bekämpfen. Der Minister motivierte hiernach aus­führlich die über Leipzig verhängte Maßregel, durch welche der öffentlichen Verhöhnung der Autorität ein erfreuliches Ende bereitet worden sei. Die Verantwortung für die Nach­teile der Maßregel falle auf die trotz aller Warnungen weiter thätig gewesenen Agitatoren zurück.

Oldenburg, 4. Nov. Gestern Nachmittag wurde der Landtag des Großherzogtums durch Herrn Minister Ruhstrat eröffnet. In seiner Ansprache erwähnte der Herr Minister nach der Begrüßung der Versammlung zunächst des trau­rigen Ereignisses des Dahinscheidens Sr. kaiserl. Hoheit des Herzogs Constantin Friedrich Peter von Oldenburg und des erfreulichen Ereignisses der glücklichen Entbindung Ihrer königl. Hoheit der Frau Erbgroßherzogiu von einer Prinzessin. Auf bif Vorlagen übergehend, bemerkte der Herr Minister u. a., daß die Voranschläge für die nächste Finanzperiode im allgemeinen nicht ungünstig abschließen. In den landwirtschaftlichen Kreisen des Herzogtums hat sich daS Bedürfnis einer durchgreifenden Verbesserung des landwirtschaftlichen Kreditwesens insbesondere mit Beziehung auf die Kreditverhältnisse des kleineren Grundbesitzes leb­haft geltend gemacht. Aus den dadurch veranlaßten Er­wägungen ist der Plan der Errichtung einer Bodenkredit­anstalt hervorgegangen, welcher dem Landtage vorgelegt werden und dessen Verwirklichung den für daS Herzogtum so wichtigen Interessen der Landwirtschaft und der Landes­kultur zum Segen gereichen und namentlich auch eine wirt­schaftliche Verbesserung der Lage der kleineren Grundbesitzer anbahnen wird. Für den Ausbau deö Eisenbahnnetzes des Herzogtums haben nach schlüssiger Feststellung deS Aufwan­des die bisher bewilligten Mittel nicht vollständig ausgereicht. Der Grund der Ueberschreitungen liegt im wesentlichen in Verhältnissen, welche bei der im Jahre 1875 beantragten Nachbcwilligung noch nicht mit Sicherheit übersehen werden konnten, insbesondere in dem unverhältnismäßig angewach«

Else", fuhr er fort,wiederholen Sie es, daß Sie mich hassen, wiederholen Sie, ich will es hören!"

Er war ganz nahe an ste herangetreten und sah sie fast herausfordernd an. Da regte sich der alte Trotz in dem jungen Mädchen.

Sie wollen e8 hören l Gut, Herr Doktor! Sie sollen cS hören! Ich hasse Ste!"

Ah! Weshalb bedauern Sie es dann, daß ich so weit fort will?"

Bedauern? Ich freue mich ja darüber, freue mich von ganzem Herzen, daß Sie in die Residenz gehen. Denn von dort werden Sie wohl nicht so bald zu den Ferien hierher zurückkommen."

So, so! Also Freude sollte daß ausdrücken? Nun, eS klang fast wie Bedauern; doch man kann sich ja irren. Es thut mir nur leid, Fräulein Else, daß ich Ihnen die Freude verderben muß. Die Stelle ist nicht augenblicklich, sondern nach den Herbstserien anzutreten und da mir hier so gut gefallen hat, so möchte ich doch wohl, wenn die Tante erlaubt, diese vierzehn Tage wieder hier zu­bringen, namentlich auß dem von Ihnen angeführten Grunde: da ich ja später wohl nicht so bald hierher zurückkommen werde. Darf ich Tante?"

Ob Du darfst? lieber Gustav, Du weißt, daß mir stets die größte Freude ist, Dich hier zu haben. Wenn Du Dich nur nicht immer mit Else zanken wolltest! Ich begreife nicht, waß Ihr nur immer mit einander habt."

Du hast es ja gehört, Tante. Fräulein Else thut mir die Ehre an, mich zu hassen."

(Schluß folgt.)