3t t. 260.
Marburg, Sonntag, 6. November 1881.
xvi. Jahrgang
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Wochen - Ueberficht.
Die Wahlen sind vorüber, und vorläufig bietet nur noch der Ausfall der Stichwahlen ein besonderes Interesse. Nach diesen wird sich das Parteiverhältnis im neuen Reichstage auch erst definitiv feststellen lassen, uno wird man sich daher schon bis zur Beendigung derselben bezüglich endgültiger Nachrichten zu gedulden haben.
Dem iit der zweiten Hälfte dieses Monats zu eröffnenden Reichstage wird in seiner Herbstsesston nur die Vorlage über den Reichshaushalt zugehen.
Die letzten Nachrichten über das Befinden der Königin von Sachsen lauten beruhigender. Das Fieber hat nicht zugenommen, und scheint sich chaher die Hoffnung au" baldige Wiederherstellung der hohen Patientin zu bestätigen. , ,
Der Besuch des Königs und der Königin von Italien in Wien wird in der Presse noch vielfach gesprochen, und bemerkenswert erscheint in dieser Beziehung eine Korrespondenz der „N. Pr. Ztg." aus Prag, die sich über denselben wie folgt ausspricht: Der Besuch, welchen der König von Italien mit feiner Gemahlin dem Wiener Hof- gemacht haben, hat in den offiziellen Kreisen in Wien und Budapest begreiflicherweise große Befriedigung erzeugt und zur Hoffnung ermutigt, daß fortan zwischen beiden Staaten ein andauernd gutes und freundliches Verhältnis bestehen werde. Und wenn man auch in den nicht- offiziösen politischen Kreisen im Hinblick auf die schwankenden parlamentarischen Verhältnisse in Italien, sowie auf die Erfahrungen, welche Oesterreich auch nach dem Kaiscr- besuche in Venedig im Jahre 1875 machte, die Lage weniger optimistisch auffaßl und von dem solennen Königsbesuch- weder das Aushören der aggressiven Bestrebungen der Jrredentia, deren angebliche Selbstauslösung von der offiziösen Presse etwas voreilig notifiziert wurde, noch den Anschluß Italiens an den deutsch-österreichischen Friedensbund erwartet, so steht doch jedenfalls fest, daß die jüngste Monarchcnbcgegnung nicht nur ein herzliches Freundschaftsverhältnis zwischen beiden Höfen hergestellt hat, sondern auch ein rückhaltsloses Eintreten Italiens für die deutschösterreichischen Friedensbestrebungen bedeutet. Daraus dürfte
Besiegt!
Novelle von Leo Sonntag.
(Fortsetzung.)
Else ließ es sich nicht nehmen, das Zimmer für den Doktor selbst einzurichtcn, und nachdem es schon längst fertig war, fand sie immer noch Kleinigkeiten daran zu ändern, um cs wohnlicher zu machen. An dem großen Tage selbst, an dem Dr. Arnold erwartet wurde, schlüpfte sie noch einmal hinauf und stellte einen Strauß blühender Rosen auf seinen Tifch, damit da« Zimmer einen recht freundlichen Eindruck auf ihn mache.
Die Bahnstation war zu weit von dem Gute'entfernt, als daß die Damen den Erwarteten dort hätten abholen können, und so wurde ihm nur ein Wagen entgegengeschickt.
Doch schon lange, ehe eine Möglichkeit vorhanden war, daß derselbe zurück sein könne, saßen die Rätin und Else jede an einem Fenster, von dem man aus den Weg übersehen konnte, auf dem der Doktor kommen mußte.
Endlich, endlich sah Else eine Staubwolke, die einen herrannahenden Wagen verriet; deutlich und deutlicher sah man ihn kommen, ja es war der Wagen, den die Tante ausgeschickt. Jetzt bog er in die Allee ein, welche zum Hause führte. „Tante," rief das junge Mädchen, „Tante, er kommt!"
Und Beide eilten an die Hausthüre, um den Ankömmling zu empfangen.
„Gustav, lieber Gustav, wie froh bin ich, daß Du kommst," rief die alte Dame und auch er gab lebhaft seiner Freude Ausdruck, die Tante, die er so lange nicht gesehen, wieder begrüßen zu dürfen.
Und Else! Die arme Else, die sich so viel von seinem
sich aber auch für ein künftiges liberales Kabinet in Italien die Notwendigkeit wie die Kraft ergeben, neuen Agitationen der Jrredentia mit mehr Nachdruck entgegenzutreten und dieselben schon im Keime unschädlich zu machen. Der Besuch ist demnach jedenfalls als ein wichtiges und erfreuliches Ereignis für die internationalen Beziehungen der Monarchie und den allgemeinen Frieden aufzufassen. Bei dieser Sachlage kann es daher nur natürlich erscheinen, daß der Monarch in seiner Erwiderungsrede an die Delegationen der beiden RcichShälften die vortrefflichen Beziehungen der Monarchie zu allen Nachbarmächten betonte und dadurch zur Hoffnung berechtigte, daß das gute Einvernehmen der Mächte auch zur befriedigenden Lösung der noch schwebenden Fragen führen werde.
Daß Gambetta Präsident des französischen Ministeriums wird, gilt nunmehr als sicher. Am Donnerstag fand die Wahl des Präsidiums in der französischen Deputiertenkammer statt, und mit großer Majorität wurde Brisson zum Präsidenten gewählt. Gambetta war selbst in der Kammer erschienen, um für Brisfon zu stimmen. — Aus Tunis liegen keine Nachrichten von Belang vor.
In England sind die Gerüchte über bevorstehende oder bereits vollzogene Minister-Peränderungen wieder verstummt und zwar infolge eines Telegramms, welches Mr, Gladstone an das „Central-Neuigkeits-Burean" richtete. Dieses Telegramm lautete:
„Es ist meiner öffentlichen Erklärung über diesen Gegenstand nichts von irgend einer Art hinzuzufügen."
In seiner am 7. v. M. in Leeds gehaltenen Rede hatte der Premier, wie man der „N- A. Z." schreibt, riesen Punkt, nämlich seinen eventuellen Rücktritt vom öffentlichen politischen Leben, mit Bezug auf sein vorgerücktes Alter, berührt. Die erste Andeutung in der Nachricht aus dem „Standard", nämlich, daß Mr. Gladstone beabsichtige, die von ihm gleichfalls bekleidete Stelle des Schatzkanzlers niederzulegen, wird jedoch nichtsdestoweniger als sehr wahrscheinlich und sogar bald bevorstehend angesehen und sollte er in dem Schatzkanzleramte durch Mr. Childer ersetzt werden, so verstehen sich weitere Veränderungen im Kabinet ganz von selbst.
Der „Polit. Korr." wird aus S k u t a r i in Albanien gemeldet, daß Derwisch Pascha schon in der nächsten Zeit nach Konstantinopel abgehen werde, daß er aber nach einigen Monaten wieder zurückzukehren hoffe. Einer der Unterbesehlshaber Derwisch Paschas, Ferik Nuri Pascha, ist in Djakowq gestorben und herrscht allgemein der Glaube, daß der Ferik durch Gift ums Leben gebracht worden sei. In Ipek ist vor kurzem der Vorstand der christlich-orthodoxen Gemeinde, namens Jesko, auf dem Marktplätze gerade als er in die Kirche treten wollte, an hellichtem Tage erschossen worden. Die Thäter, zwei Muhamedaner, sind in der ganzen Stadt bekannt, aber es ist nicht ge-
Besuche versprochen, blieb unbeachtet stehen. In ihrer Freude hatten die Beiden sie ganz vergessen.
„Aber jetzt komm herauf, Gustav, und sieh Dir Dein Zimmer an," bat die Rätin, nachdem ihre erste Aufregung sich gelegt, und der Neffe folgte ihr die Treppe hinauf. Auch Else folgte, do t, als die Beiden in das Zimmer traten, blieb er in der offenen Thüre stehen.
„Ach, wie hübsch ist eö hier, Tante, wie gemütlich hast Du cs mir gemacht, und sogar Blumen stehen da! Wie viel mußt Du an mich gedacht haben!"
„Ja, ich habe viel an Dich gedacht, lieber Gustav, aber die Blumen hat Else hingestellt. Else, wo bleibst Du denn?"
Zögernd kam das junge Mädchen näher.
„Komm Kind, komm, ich war so außer mir vor Freude, daß ich Dich ganz vergeffen hatte. Sieh Gustav, das ist Else, meine Pflegetochter!"
„Ah, mein Fräulein, es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen!"
Das war alles, was er ihr gesagt, dann hatte er sich wieder der Tante zugewandt uud mit ihr von alten Erinnerungen gesprochen. Else aber war unbeachtet aus dem Zimmer geschlüpft.
Welche Enttäuschung! Wie viel hatte sie sich von der Ankunft des Doktors versprochen, und nun diese gänzliche Nichtachtung! Nicht einmal für die Blumen hatte er ihr gedankt. War das nicht abscheulich.
Beim Abendessen hatte sie ihn wieder getroffen, und auch da hatte er sich fast ausschließlich mit der Tante unterhalten und fast nie das Wort an Else gerichtet. Um so mehr Gelegenheit hatte diese, ihn zu beobachten. Er war ein schöner Mann, das konnte sie sich trotz ihres Aergers
lungen, ihrer habhaft zu werden. Die Vorstellungen, die die Angehörigen der orthodoxen Gemeinde bei dem Mu- teffarif Ali Pascha wegen der Bestrafung der Schuldigen machten, beantwortete diefer mit der Bemerkung, daß die Schuldigen nicht zu fangen seien, daß also in Dieser Sache nichts weiter zu thun sei. *
Bekanntlich wurde vor einiger Zeit aus Amerika gemeldet, daß die deutsche Regierung den sogen. Bancroft- Vertrag mit den Vereinigten Staaten betreffs der naturalisierten Bürger deutscher Abkunft abgeändert zu haben wünsche, und daß Baron Schlözer die Vorschläge dazu mitbringe. Nach der „Newyorker Handelszeitung" handelt es sich jedoch nur um eine Ausdehnung dcö mit dem ehe- maligen norddeutschen Bund geschlossenen Vertrages auf das Gebiet des deutschen Reiches und um eine klarere Fassung einzelner Paragraphen, die in Deutschland anders ausgelegt wurden, als in Amerika, damit auf die in letzter Zeit sehr häufig gewordenen Reklamationen von deutschamerikanischen Bürgern, die besuchsweise nach dem alten Vaterlande zurückkehrten, schnell und sicher entschieden werden könne.
Deutsches Reich.
** Berlin, 4. November. Sämmtliche Angaben über den Termin der Berufung des Reichstags beruhen auf Kombination. Es entspricht allerdings der Lage der Geschäfte, daß die Berufung um den 20. November stattfinden wird. Ein späterer Termin würde mit Rücksicht auf die Aufgaben, welche dem Reichstage vor Weihnachten zufallen, nicht erwünscht sein. Die Feststellung mehrerer Stichwahlstermine in den Provinzen gestattet dagegen nicht die Annahme, daß die Einberufung zu einem früheren Datum erfolgen wird. — Was die Stellung der Parteien bei den Stichwahlen betrifft, so ist schon bei den Wahlen selber zu bemerken gewesen, daß die von den Zentralkomitees ausgegebene Parole keineswegs maßgebend gewesen ist, daß vielmehr die lokalen Verhältnisse und Strömungen fast überall den Ausschlag gegeben haben. So ist auch anzunehmen, daß bei den Stichwahlen von einem bestimmten Verhältnis dieser oder jener Partei zu den Sozialdemokraten nicht die Rede sein wird. — Die liberale Presse will den jüngsten Leitartikel der „Prov.-Korresp." insofern mißverstehen, als sie den Satz: „alle weitergehenden Absichten der Negierung sind daher vorläufig gescheitert" aus dem Zusammenhang reißt und damit die Absichten des Reichskanzlers als in Folge der Wahlen aufgegeben darstellt. Offenbar widerspricht das dem ganzen Inhalt des Artikels und namentlich dem Schluß desselben. Die liberale Presse mag sich nur an das Wort „vorläufig" halten, welches den ganzen Satz erläutert und zwar dahin, daß die Absichten der Regierung in der allernächsten Zeit vor Ergreifung neuer Mittel sich nicht verwirklichen lassen.
nicht verhehlen, und wie ernst und männlich sah er aus. Und wie liebenswürdig wußte er Joie alte Dame zu unterhalten, wie verstand er es, auf ihre Schwächen einzugehen! Fast fühlte sich Else wieder mit ihm sausgesöhnt — da geschah das Schrecklichste, das ihm ihren unauslöschlichen Haß zuzog.
„Nicht wahr, Du singst, Gustav ?" hatte die Rätin nach dem Essen gefragt.
„Ja Tante, aber ich spicle nicht, und Du auch nicht, soviel ich weiß, wer soll mich also begleiten?"
„Nun, Else natürlich."
»Else?
„Ja Tante, ich singe fast nur Schubert und Schumann, und die Begleitungen dazu sind doch wohl zu schwer, daß eine so junge Dame sie abspielen könnte."
Welche verächtliche Betonung hatte er auf „junge Dame" gelegt, es klang fast, als habe er lieber Kind gesagt. Else war tief gekränkt, so tief, daß sie ihn nicht einmal einer Antwort würdigte.
„Gehe hin, Else," wandte sich dann die Rätin vermittelnd zu ihr, „zeige dem Herrn Doktor, daß Du spielen kannst."
Und das junge Mädchen spielte, spielte hinreißend schön, denn sie hatte eine außerordentliche Begabung für Klavier.
Bei den ersten Klängen wandte er sich nach ihr um. Das war ja Schumann, den das Kind dort so gewandt und so seelenvoll spielte, und es war keine leichte Komposition.
Erst erstaunt, dann begeistert horchte er auf. Und als die letzten Töne verhallt, trat er zu ihr und sprach:
„Fräulein, ich bitte um Verzeihung, ich ahnte nicht, daß Sie ein solches Talent besäßen." (Forts, folgt.)