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Jltdrßurfl, Sonnabend, 5. November 1881

XVI. ZahrgW

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux v. Th- Dietrich u- Co. in gaffet und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a-M.; Haasenstein u. Vogler in Frankfurt a. M., Berlin, Leipzig, Köln rc.; Rudolf Messe in Berlin, Frank­furt a. M. rc.

Odeilicssischc Jritinig.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte-, sowie d.Annoncen-Bureaux von ®. L. Daube u. C». in Irankfurta.M.-.JLgersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. Thiene- in Elberfeld; C. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageIllustrirteS SomttaaSblatt" durch die Ervedition (So&fcbe Buchdruckerei) bezogen SV. Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Psg. (excl. Bestellgebühr") - Jnsertw^ gesAt-n- Zeile 10 Pfg-

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von allen Post-Anstalten, auf dem Lande auch von den Landpostboten, entgegengenommen.

Deutsches Reich.

Berlin, 3. Nov. DiePr.-Korr." widmet ihre dies- wöchentliche N'ummer einer Besprechung der Wahlergebnisse und einer Erörterung der Klagen über diewüste" Wahl­bewegung. Der ersterwähnte Artikel gipfelt in dem Schlußsätze, daß, je zerfahrener im nächsten Reichstage die Parteien in bez -g auf alle positive Schöpfungen voraus­sichtlich sein werden, desto mehr werde man erkennen, daß eine wirkliche Förderung des Volkswohls nur im festen Anschlüsse an die Regierung möglich ist. Der zweite, auf die Form der Wahlbewegung bezügliche Artikel lautet: Man hört vielfach die Bemerkung, daß die Leidenschaften der Parteien, während der nunmehr zum größeren Teile abgeschlossenen Wahlbe­wegung in einer Weise zum Ausdruck gekommen seien, wie sie so heftig und bitter bei der Vorbereitung früherer Wahlen nicht beobachtet worden. Namentlich ist in den der Regierung feindlichen Blättern mit der Miene größter Un­schuld über diewüste Wahlagitation" geklagt und zugleich die Besorgnis ausgesprochen worden, daß derVolksmoral in Deutschland" daraus die größten Folgen erwachsen können. Es ist allerdings richtig, daß während der ver­flossenen Wahlkämpfe die Gegensätze der Parteien in heftigster Weise aufeinander platzten, und daß demgemäß Zeitungen und Redner, welche in der vordersten Reihe des Kampfes standen, sich häufig bedenklicher Ausdrücke be­dienten, um den Gegner aus dem Felde zu schlagen. Man kann dahingestellt sein lassen, ob sich diese Erscheinungen nicht regelmäßig bei allen Wahlen wiederholen und nur immer wieder vergessen werden; zweifellos aber ist, daß wenn diesmal eine Partei für die Schärfe und Bitterkeit der Wahlbewegung in Ausdrücken und Handlungen verant­wortlich gemacht werden kann, dies keine andere ist, als die Fortschrittspartei. Diese Partei, welche bis in die letzten Jahre immer mehr im Rückgänge begriffen war und es kaum noch zu einer nennenswerten Vertretung in den parlamentarischen Körperschaften bringen konnte, trat bei den Wahlen von vornherein als erobernde Partei auf und bediente sich zu diesem Zwecke der Mittel verzweifelten und maßlosesten Angriffs. Die Art und Weise ihrer Agitation im Lande war eine über alle Maßen rücksichtslos'.

Keine Anschuldigung gegen die Regierung und ihre Absichten wurde verschmäht, dieReaktion" wurde in den grellsten Farben gemalt, die Regierung und ihre Anhänger wurden fortwährend verdächtigt und insbesondere Fürst Bismarck alsDiktator" undAlleinherrscher" mit wahrem Haß verfolgt. Der Reichskanzler wurde in der unwürdigsten Weise beschimpft und Diejenigen, welche für seine Politik eintraten, mit Beinamen wieAbenteurer", Charlatanc", Heuchler" undBetrüger" belegt. Die Fortschrittspartei besorgte hierbei und das ist das Wichtigte, die Geschäfte aller liberalen Parteien, deren Leitung sie bald unwider­sprochen und ungehindert für sich in Anspruch nahm. Die sogenannten Gemäßigten unter den Liberalen thateu ihrerseits wenigstens nichts Positives, um sich dieser Vor­mundschaft zu entziehen ober auch nur die Art und Weise des Vorgehens der Fortschrittspartei zu mildern und zu mäßigen. Sie machten niemals den Versuch, die Stellung des gemäßigten Liberalismus mit Erfolg geltend zu machen und die Fortschrittspartei in ihre Schranken zurückzuweisen. Die Fortschrittspartei allein hat also dem Wahlkampf ihren Stempel aufgedrückt. Die Heftigkeit ihres Angriffs fand naturgemäß auf Seiten ihrer Gegner eine geziemende Er- widcrung. Es mag auch von dieser Seite in der Hitze des Gefechts manches Wort gefallen sein, welches in der Erregung seine Erklärung findet und in ruhigen Zeiten nicht aufrecht erhalten würde.Aber alles, was auf dieser Seite geschah, war nur eine, wenn auch kräftige, so doch berechtigte Abwehr der Formen, in welchen sich der Angriff der Fortschrittspartei bewegte." Wenn die Volksmoral aus diesen Kämfcn nichtgeschädigt" hervorgeht, wie fortschritt­liche Blätter dies besorgnisvoll andeuten, so ist dies jeden­falls kein Verdienst der Fortschrittspartei.Die Stärke des sittlichen Kerns des deutschen Stammes" hat sich in der That, wenn schädliche Elemente vorübergehend auf ihn Einfluß gewannen, bisher stets als gesund erwiesen und bewährt. Man darf das Vertrauen zu diesem Geiste hegen, daß derselbe nicht dauernd Gefallen findet an Ausschreitungen und gehässigen Uebcrtreibungen, sondern in dem Ebenmaß ruhiger Erwägungen und vernünftiger Gründe diejenige Richtschnur sucht, deren Leitung er unter regelmäßigen Ver­hältnissen am liebsten folgt. Darin liegt auch die begründete Hoffnung für die bessere Gestaltung der Zukunft.

Die Reichstagswahlen in Deutschland sind auch in der auswärtigen Presse zum Thema eingehender Erörte­rungen gemacht, und ist in denselben vor allem der Eifer bemerkenswert, mit welchem die liberale Presse Wiens, im Tone etwa desBörfen-Courier", ihrer Genugthuung über die vermeintliche Niederlage der Negierungspolitik und des Reichskanzlers Ausdruck giebt. Diesem Chorus hatte der Pester Lloyd" sich in einem Leitartikel würdig ange­schlossen, der ebenso von Unkenntniß deutscher Verhältnisse durchtränkt war, wie von einer geradezu fanatischen Partei­

lichkeit gegen den Reichskanzler, und in den Rahmen des sonst so besonnenen und ernsten Blatteö in bet That wenig paßte. Aus ben Betrachtungen der englischen Presse lassen wir nachstehenbe AuSlaffungen derTimes" folgen:Die vereinigte liberale Presse jubiliert, und ihre Kommentare mögen in den Worten eines ihrer Organe zusammengefaßt werden:Das deutsche Volk hat den Versuch eines einzigen Mannes, seinen eigenen Willen an Stelle dessen des Volkes zu setzen, auf das entschiedenste vereitelt." Es muß jedem kaltblütigen und unparteiischen Beobachter, welcher weiß, waö Fürst Bismarck in der Vergangenheit gethan hat, und willens ist, seinen zukünftigen Zielen eine wohlwollende Deutung beizulegen, einleuchten, daß dies die Sprache extravaganter Kritik, erzeugt durch die Aufregung eines augenscheinlichen Sieges nach einem verzweifelten Kampfe zu dessen Erringung ist, aber dies ist nichtsdestoweniger der grimmige, triumphierende Ton, welcher alle die ge­sprochenen und geschriebenen Auslastungen der Gegner des Kanzlers charakterisiert. Man kann nicht umhin, zu denken, daß viele derselben in irgend einer künftigen Zeit dazu kommen werden, sich dessen herzlich zu schämen, was sie jetzt über den Mann gesagt und geschrieben haben . . ." DerStandard" drückt die Meinung aus, daß trotz der ministeriellen Niederlage die Autorität deö Reichskanzlers in dem neuen Reichstage ganz eben so groß und wirkungs­voll sein werde, als dieselbe in dem alten gewesen. Der Fürst selber dürfte kaum zufrieden mit diesem Ergebnisse sein, aber es folge daraus nicht, daß seine Widersacher irgendwie mehr Ursache hätten, zufrieden zu fein. Der Fürst gebiete über keine Majorität, aber dies thue auch keine andere Partei. Nationalliberale und Ultramontane feien durch eine unheilbare Fehde von einander getrennt, und der Fürst, der leibenschaftslofeste aller Politiker, wenn es seinen Zwecken bient, wird aus ihren zornigen kleinen Leidenschaften Nutzen ziehen.Ohne Zweifel", schließt das konservative Organ,wird in England die Gelegenheit er­griffen werden, dem Fürsten eine Lektion über die Ver­kehrtheit seiner Wege zu lesen, und es wird ihm von den­jenigen, welche die Einsperrung Parnells und seiner Kolle­gen, sowie die Unterdrückung der Landliga entschuldigen, demonstriert werden,--daß Freiheit die einzige Schutzwehr von Nationen und die einzige Weisheit von Staatsmännern ist. Wir haben keinen Geschmack für diese schreienden Inkonsequenzen. Dem deutschen Volke sollte gestattet werden, Jeine Verfassung selber zu formen, mit seinen Staatsmännern selber zu verfahren und seine Angelegen­heiten selber zu handhaben, wie wir die unsrigen zu formen, zu behandeln und zu handhaben haben. Die Zeit ist vor­über für englische Politiker, den Pharisäer zu spielen und damit zu prahlen, daß wir nicht wie andere Menschen und andere Nationen sind. Wir büßen für die Thorheiten unserer Ideologen und Philantropen, und die Zeit ist

Besiegt!

Novelle von Leo Sonntag.

(Fortsetzung.)

Else eilte hinaus zu ihrer Tante.

Tante", tief sie,ich kann ihn nicht um Verzeihung bitten 1 Du weißt, ich bin hineingegangen, um eS zu chun; aber ich kann nicht, ich kann nicht; denn er be­handelt mich immer wie ein ungezogenes Kindl" Und schluchzend warf sie sich der Geheimrätin in die Arme.

Erschrocken sah diese auf das erregte Mädchen.

Was hat er Dir denn wieder gethan, mein Herz", sagte sie sanft.

Er hat mich beleidigt", entgegnete das Mädchen unter Thränen.

Die alte Dame zog ihre Pflegetochter zu sich auf die Bank.Kind", bat sie freundlich,erzähle mir ganz ge­nau, was zwischen Euch vorgefallen."

Gewiß Tante, Du sollst es erfahren. AIS ich hinein­kam, wandte er sich um und fragte mich, ob ich ihn um Entschuldigung bitten wolle! Denke nur, mich das zu fragen!"

Ja nun, wolltest Du denn das nicht, Elfe?"

Das junge Mädchen errötete.

Ja gewiß wollte ich das, Tantchen, aber, aber"

Aber, es beleidigte Fräulein Elfes Stolz, daß der Herr Doktor das vorausfetzte?" meinte die alte Dame lächelnd;nicht wahr, das war das ganze Verbrechen?"

Ich weiß nicht, was es ist! Er fah mich so spöttisch an und schien anzunehmen, eS verstände sich ganz von selbst, daß ich käme, mich zu entschuldigen, und das ärgerte mich, und da antwortete ich ihm, ich wolle mich gar nicht entschuldigen!"

Aber Else, war das Recht? Hattest Du eS mir nicht versprochen?"

«Ja, Tantchen, aber ich konnte wirklich nicht. Wenn ich mit dem besten Vorsatz in seine Nähe komme, bann hat er stets das Talent, mich denselben bereuen zu machen, ehe ich ihn ausgeführt Ich weiß wirklich selbst nicht, was es ist, aber ich glaube, ich habe noch nie einen Menschen so gehaßt, wie ihn!

O Else!"

Spricht Fräulein Else von mir?" fragte da plötzlich eine tiefe Männerstimme hinter den beiden Damen, die so in ihre Unterhaltung vertieft gewesen, daß sie die Schritte des herannahenden Doktors nicht gehört.Verzeihen die Damen, aber das Fräulein sprach so laut, daß ich nicht umhin konnte, seine letzten Worte zu hören. Ich fürchte, ich bin der Unglückliche, dem sie galten!"

Ach Gustav, binde doch nicht schon wieder mit dem Mädchen an", begann die alte Dame beschwichtigend! doch Else, die im ersten Augenblick der Ueberraschung betreten gewesen, raffte sich jetzt auf, und dem Doktor voll in's Gesicht sehend, sprach sie:

»Ja, Herr Doktor, Sie vermuten recht, meine Worte galten Ihnen!"

Und ohne eine Antwort abzuwarten, wandte sie sich ab und ging in daS HauS.

Fast bewundernd blickte ihr der junge Mann nach.

Stolz ist sie, die kleine Person", meinte er,das ge­fällt mir eigentlich von ihr; aber sie ist doch zu ungezogen gegen mich, als daß ich es ihr so leicht hingehen lassen sollte. Geh nur Tante", fuhr er fort,ich sehe ja doch, es zuckt Dir in allen Gliedern, Deinem Liebling nachzu- eilen und das arme Kind zu trösten. Geh nur, ich habe

einen AuSgang und komme erst zum Abendessen wieder, Du hast also Zelt genug, Else zu verwöhnen, ohne von mir gestört zu werden."

Die alte Dame aber, die ihren kaum gefaßten heroischen Entschluß, Else von jetzt an strenge zu halten, doch nicht so schnell wieder untreu werden wollte, blieb in der Laube sitzen und strickte mit großer Selbstüberwindung, und als der Doktor sich am Gartenthor noch einmal umwandte, sah er zu seinem großen Erstaunen, daß die Tante noch nicht feinem Rate gefolgt und zu dem Liebling geeilt war.

Und waS that Elfe unterbeffen ? Sie war In ihr Zim­mer gegangen und hatte versucht, sich mit gleichgültigen Dingen zu beschäftigen, aber immer tauchte das Bild des Doktors vor ihr auf, eS ließ ihr keine Ruhe. Immer sah sie das spöttische Lächeln, daS sie so verletzte, immer hörte sie seinen hofmeisternden Ton. Ja, sie haßte ihn, diesen Doktor Arnold, sie haßte ihn von ganzer Seele. Aber war es immer so gewesen? Sie kannte ihn erst seit wenigen Wochen. Der junge Mann, der Lieblingsneffe ihrer Pflege­mutter war Lehrer in einer benachbarten Stadt. Von dort aus war er, den Bitten seiner Tante folgend, auf deren Gut gekommen, um bei ihr seine Sommerferien zu ver­bringen. Else hatte schon Wochen vor seiner Ankunft von nichts reoen hören, als von dem schönen liebenswürdigen Neffen, auf dessen Gelehrsamkeit und Doktortitel die gute alte Dame nicht wenig stolz war. DaS junge Mädchen, daS in der ländlichen Einsamkeit wenig Gelegenheit hatte, Herren - Bekanntschaften zu machen, war natür­lich sehr gespannt auf den Besuch deS vielgeprlesmen Doktors.

(Fortsetzung folgt)